Städteplanung 2.0

Das Institute for Sustainable Urbanism an der TU Braunschweig

Das Institut arbeitet unter anderem in Georgien daran, wie man Stadtentwicklung gestalten kann, ohne die ansässige Bevölkerung zu verdrängen. Foto: Privat

Rund 75 Prozent der deutschen Bevölkerung leben derzeit in Städten, weltweit sind es etwa 50 Prozent – Tendenz steigend. Während ländliche Regionen auszusterben drohen, wird es in den Städten eng. Mit der Frage, wie diesen Trends nachgekommen werden kann, beschäftigt man sich am Institute for Sustainable Urbanism an der
TU Braunschweig. Im Fokus steht dabei nicht allein die gestalterische Perspektive, sondern vielmehr die nachhaltige Entwicklung qualitativer Lebensräume.

Im Jahr 2012 übernimmt Vanessa Carlow die Leitung des Instituts und richtet es inhaltlich neu aus. Seitdem wird am ISU methodisch stark interdisziplinär gearbeitet. Die Kooperation mit benachbarten Disziplinen ermöglicht auch den Forschungsschwerpunkt „Stadt der Zukunft“, welcher seit zwei Jahren fest an der TU Braunschweig verankert ist. Gemeinsam mit Boris Schröder-Esselbach ist Carlow Co-Sprecherin des Schwerpunkts. „Alle sechs Fakultäten der TU Braunschweig beteiligen sich daran“, erklärt sie: „Diese starke interdisziplinäre Ausrichtung des Schwerpunktes ist ein Alleinstellungsmerkmal für eine deutsche Universität.“ In diesem Rahmen entsteht auch das Projekt METAPOLIS, dass die Erforschung von Stadt-Land-Beziehungen stark vorantreibt. Neben Instituten der TU Braunschweig und der
Leibniz Universität Hannover kooperieren fünfzehn Städte und Gemeinden, zwei Regionalverbände sowie die Bundesstiftung Baukultur und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen in dem Projekt. Auch Braunschweig, Wolfenbüttel, Vechelde und eine Gemeinde im Harz sind beteiligt.

„In der Gemeinde Vechelde schauen wir uns prototypisch eines der sich in Entwicklung befindlichen Einfamilienhaussiedlungen an und untersuchen, wie solche Gebiete mit einfachen Mitteln viel nachhaltiger entwickelt werden könnten. Denn an der Nachhaltigkeit von vielen neu ausgewiesenen Wohngebieten bestehen aufgrund des hohen Flächenverbrauchs, Monofunktionalität oder auch erhöhter Mobilitätsaufwände Zweifel“, erklärt Carlow. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt befasst sich mit dem Bereich Rapid Urbanization, der schnell wachsende Städte und Stadtregionen in Asien und Lateinamerika untersucht. Zukünftig werden hier auch Projekte in Afrika angestrebt. Zudem arbeitet das Institut in Young Democracies, mit Städten im Baltikum und in Georgien. „Dort denken wir mit lokalen Expertinnen und Experten über Fragen, wie Partizipation und Teilhabe nach, beispielsweise wie man Stadtentwicklung gestalten kann, ohne die ansässige Bevölkerung zu verdrängen“, resümiert Carlow. Gemeinsam mit der Architektin sind fünfzehn weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Institut tätig. Gefördert wird das Institut fast vollständig aus öffentlichen Mitteln, deshalb ist es Carlow umso wichtiger, dass all ihre Forschungsergebnisse wieder in den öffentlichen Sektor zurückfließen: „Wir wollen das generierte Wissen im Sinne eines Transfers auch wieder zur Verfügung stellen. Beispielsweise in Kooperationen mit Städten und Gemeinden, oder indem wir neue Lehr- und Lernformate entwickeln, wie die MOOC Plattform.“

Rund 250 Studierende besuchen die Lehrveranstaltungen des Instituts. Über die Plattform sollen in Zukunft auch Interessierte von außerhalb Lectures anschauen können. Neben ihrer Professur ist Carlow nach wie vor in der Praxis tätig und betreibt das Architektenbüro COBE Berlin. „Das ist für mich wichtig, um einen Fuß in der nichtuniversitären Praxis zu haben. Das ist zum einen für die Lehre wichtig, aber auch um zu wissen, was da draußen vor sich geht“. Braunschweig kann sie gegenüber Berlin dabei durchaus etwas abgewinnen: „Was ich an Braunschweig sehr zu schätzen weiß, ist der kollegiale, auch hemdsärmelig pragmatische niedersächsische Umgang miteinander. Das genieße ich sehr. Man begegnet sich auf kurzen Wegen, kooperiert gerne miteinander und ist aneinander interessiert. Dadurch ist ein Forschungsschwerpunkt wie Stadt der Zukunft überhaupt erst möglich.“ Dass die Planung nachhaltiger Lebensräumen, auch zukünftig weiter an Bedeutung gewinnt, kann Carlow bereits jetzt prognostizieren: „Wir haben so viel Arbeit, es gibt so viele Themen, so viele Fragestellungen, so viele Städte, so viele Menschen, dass uns auf absehbare Zeit die Arbeit nicht ausgehen wird.“

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