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Forschungsserie: „Wir sind nicht von VW abhängig!“

Prof. Dr.-Ing. Achim Schmiemann im Interview

Prof. Dr.-Ing. Achim Schmiemann promovierte in Kassel im Bereich Kunststofftechnik, bevor er nach einer Zwischenstation bei der Bayer AG 1994 ans IFR nach Wolfsburg kam, das er heute leitet. (Foto: Daniel Götjen)

Mit jährlich rund 100.000 Euro an Drittmitteln pro Professor zählt die Fakultät Fahrzeugtechnik der Ostfalia zu den forschungsstärksten des Landes. Am Institut für Recycling steuert vor allem Volkswagen große Teile der Forschungsgelder bei – doch abhängig vom Weltkonzern fühlt sich Prof. Dr.-Ing. Achim Schmiemann, Leiter des Instituts, nicht. Ein Interview über Recycling, Nachhaltigkeit und Bildung:


Prof. Schmiemann, nach Ihrer Ausbildung und Promotion kamen Sie als einer der ersten Forscher im Recycling-Bereich zur Bayer AG. Haben Sie dort Pionierarbeit geleistet?

Auf jeden Fall. Da das Unternehmen technische Kunststoffe produziert, war ich automatisch auch für das Recycling von technischen Produkten zuständig – von Computergehäusen, über Automobilteile bis hin zu CDs. Damals hatte ich auch schon Kontakt zu Volkswagen.

Was hat Sie danach zurück an die Hochschule geführt?

Anfang der 1990er hatte ein Kollege aus Wolfenbüttel erstmals die Idee, das Thema Recycling als Studiengang anzubieten. Ich habe mich dann beworben und bin 1994 hierher berufen worden. Ich habe über die ersten Studenten noch einen Zeitschriftenartikel mit dem Titel „Diplomierte Müllmänner“ (lacht). Wir haben den Studiengang dann in Wolfsburg etabliert – und wollten damit, im Hinblick auf die Autoindustrie, auch junge Unternehmen anziehen. Leider haben sich um die Jahrtausendwende weniger Studenten immatrikuliert, als notwendig gewesen wäre. Und somit haben wir leider den eigenständigen Studiengang Recycling, der einmalig in Deutschland war, verloren. Heute bauen wir unsere Vorlesungen aber in die Studiengänge der Fahrzeugtechnik mit ein und haben auch den Institutsnamen beibehalten, weil wir mehr als je zu vor angefragt werden, ob wir Hilfestellung in Praxis und Forschung geben können. Wir sind da sehr weit oben – in Deutschland gibt es kein zweites Institut für Recycling mehr. So haben wir sehr interessante Projekte akquiriert, zum Beispiel das Recycling von Windschutzscheiben.

Haben sich Ihre Forschungsschwerpunkte im Laufe der Zeit verändert?

Die Fragestellungen im Bereich Recycling sind gleich geblieben. Wir untersuchen Produkte von Herstellern auf ihre Wiederverwertbarkeit. Dazu kommt die Kunststofftechnik, die wir als zweites Standbein für das Institut aufgebaut haben. Daraus ergibt sich wiederum das Recycling dieser Stoffe: Was passiert wirklich, wenn Kunststoffe immer wieder durch die Schmelze laufen? Das hat eine hohe praktische Relevanz. In einigen Produktionen fallen 40-50 % des Materials als Produktionsabfall an, das ist eine ganze Menge. Wir haben einen sehr guten Maschinenpark, da können wir uns zusammen mit Volkswagen und anderen Zulieferanten ganz der Kunststofftechnik widmen. Da sind wir auf Augenhöhe mit vielen renommierten kunststofftechnischen Instituten.

Können Sie auch auf dem internationalen Markt mithalten?

Ja, denn wir stellen sehr leichte Produkte im Spritzgussverfahren her. Die sind aufgebaut wie ein Surfboard: innen aufgeschäumt, aber mit einer festen Ummantelung. Biegefest, aber leicht – daran forschen unglaubliche viele internationale Institute, um so etwas in Autos und andere Produkte hineinzubringen. VW hat da schon erste Bauteile, die derzeit bis zu 20 % weniger Gewicht haben.

Beim Thema Recycling schwingen immer Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit mit. Spielt die Verantwortung für unsere Umwelt bei Ihrer Forschung eine Rolle?

Ich halte das für extrem wichtig. Wir haben dazu auch Vorlesungen, die Studenten sind davon begeistert. Leider sieht das in der Praxis oft anders aus: Kosten, Design und Funktionalität haben in der Produktion klaren Vorrang. Recyclingfähigkeit kommt leider häufig ganz zum Schluss.

Wie stark fühlen Sie sich mit der Region verbunden?

Wir sind eng mit VW und den Zulieferern im Raum Wolfsburg, Braunschweig und Peine vernetzt, insbesondere mit den Abteilungen, die sich mit Kunststoffen beschäftigen. Zudem veranstalten wir regelmäßig Tagungen im Bereich Werkstoffinnovationen, an denen sich viele regionale Unternehmen beteiligen.

Ist Ihr Institut von der Automobilindustrie abhängig?

Wir sind nicht von VW abhängig. Wir könnten auch ohne den Konzern klarkommen. Aber die Verbindung liegt natürlich nahe, gerade auch in Bezug auf die Möglichkeiten für unsere Studierenden. Angebote zur Zusammenarbeit gibt es von beiden Seiten.

Welche weiteren Partner gibt es?

Wir versuchen, unser Online-Netzwerk für Werkstoffinnovationen weiter auszubauen und darüber den Kontakt zu Hochschulen mit ähnlichen Schwerpunkten zu pflegen. Wir sind auch im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik involviert und eng verbunden mit dem Institut des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Auch mit Instituten der TU stehen wir in Kontakt.

Sehen Sie die TU Braunschweig als Konkurrenz an?

Nein, im Gegenteil. Wir ergänzen uns. Viele Ostfalia-Absolventen machen dort ihren Master.

Fachhochschulen stehen besonders für eine praxisnahe Ausbildung ihrer Studierenden. Hat die Ostfalia ihr Potenzial in Sachen Praxisnähe und Zusammenarbeit mit der Wirtschaft schon ausgereizt?

Unser Modell ist sehr ausgereift. Wir haben zwei Praxisphasen, die Verzahnung mit der Industrie ist außerdem sehr eng. Alle Professoren kommen aus der Industrie und bringen von dort viel Know-how mit. Wir integrieren die Praxisanwendungen ab dem ersten Semester – das ist eines unserer Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmale.

Doris Masurek von der Oskar Kämmer Schule sagte im Standort38-Interview kürzlich: „Unser Rohstoff ist Bildung.“ Wie wichtig sind Bildungsinvestitionen für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Da bin ich vollkommen ihrer Meinung. Bildung ist die einzige Ressource, die wir haben. Das war für mich auch ein Grund, von der Wirtschaft zurück an die Hochschule zu gehen.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich und Ihrem Institut für die Zukunft?

Durch den Regierungswechsel haben die Drittmittel einen Dämpfer bekommen. Ich hoffe, dass sie in Zukunft wieder reichlich fließen. Außerdem wünsche ich mir großen Erfolg mit dem neuen Studiengang „Material und Design“. Da sollen auch Recycling-Bausteine integriert werden. Wir wollen damit besonders junge Frauen ansprechen, um den weiblichen Anteil in unserem Bereich zu stärken.

Schlagwörter
Prof. Dr.-Ing. Achim Schmiemann, Institut für Recycling, IFR, Ostfalia, Nachhaltigkeit


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