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Kleider machen Leute?!

New Work – eine Kolumne von Nadine Nobile & Sven Franke

Nadine Nobile & Sven Franke. Foto: Holger Isermann

Vor einigen Wochen moderierten wir eine besondere Führungskräfte-Klausur. Die Top-Entscheider einer Firma hatten sich vorgenommen, einen halben Tag über Führungsthemen zu diskutieren. Weg von den Kennzahlen, hin zur Reflexion über die eigene Arbeit. „Okay, ein halber Tag ist sportlich“, dachten wir uns, und dennoch – besser ein halber Tag als keiner.

Es ist ein traditionsbewusstes Unternehmen, das uns da angeheuert hatte. Ein Unternehmen mit hoher Mitarbeitertreue. Die Betriebszugehörigkeit liegt im Schnitt bei mehr als 20 Jahren, auch unter den Führungskräften. Leistungsdenken und hierarchische Strukturen prägen das Handeln. Der obere Führungskreis ist in reiner Männerhand. Und so überraschte uns weder, dass alle Teilnehmer in Anzug und Krawatte erschienen, noch, dass sich viele Führungskräfte untereinander siezten, und das trotz jahrzehntelanger Zusammenarbeit. Die sollte sich allerdings ändern. Der Vorstand hatte im Vorgespräch betont: „Wir können nicht ewig so weitermachen, sonst überholt uns irgendwann der Markt.“

Es war ein diskussionsreicher Nachmittag mit vielen intensiven Gesprächen, manche in konstruktiver Atmosphäre – andere mit hitzigen Disputen und gegenseitigen Anfeindungen. Auffällig war, dass es vielen Führungskräften schwerfiel, über ihre eigene Arbeit zu sprechen. Sie schienen regelrecht blockiert und verloren sich immer wieder in Konjunktiven und Verallgemeinerungen. „Wir müssten mal … , Man sollte … !“ Andere sagten sogar kaum ein Wort. Eine ernsthafte Schwere machte sich breit. Trotz allem beschloss die Gruppe zumindest eine Neuerung: Den regelmäßigen Austausch über die eigene Führungsarbeit.

Wären wir direkt nach der Klausur gefahren, hätten wir wenig Hoffnung gehabt, dass sich in der Organisation in den kommenden Monaten etwas bewegt. Doch nach dem Workshop verwandelte sich die verstockte Truppe schlagartig in einen aufgeweckten Haufen. Wo zuvor noch Zurückhaltung und Zynismus spürbar waren, entstanden plötzlich aufgeweckte, amüsante und auch inspirierende Unterhaltungen.

Wie kam es dazu?

Während wir nach dem Workshop noch kurz einige Flipcharts abfotografierten, hatten sich die Teilnehmer in kürzester Zeit fürs Abendessen umgezogen. Da standen sie nun: Kapuzenpulli, Shirt, Jeans und Turnschuhe. Die gerade noch steifen Anzugträger wirkten wie verwandelt – regelrecht befreit. Wir blickten sie entgeistert an, doch wich diese Überraschung der Vorfreude darauf, nun die Menschen hinter den Anzügen kennenzulernen. Ihre Geschichten erzählten von spannenden Ereignissen, lustigen Begebenheiten und mutigen Vorhaben. Wo so viel Leben ist, ist auch Veränderung möglich. Was es braucht ist ein Raum, in dem sich Menschen zeigen können, mit ihren Emotionen, Gedanken und Ideen.

Die nächste Klausur findet übrigens ohne Anzug und Krawatte statt.

 

Sven Franke führt seit Jahren Prozesse der Mitarbeiterbeteiligung in Unternehmen ein. 2013 hat der Change Manager und Gründer das Projekt „AUGENHÖHE“ mitinitiiert. Er ist außerdem als Dozent an der TU Berlin tätig.

Nadine Nobile ist Gründerin von CO:X. Sie unterstützt Unternehmen als Prozessbegleiterin organisationaler Veränderungsprozesse.

Schlagwörter
Nadine Nobile, Sven Franke, Kolumne, New Work


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