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„Es geht um Macht und Geld“

Dr. Elke Holst vom DIW Berlin über männliche Monokulturen in Vorständen, tradierte Gender Substructures und das Weiten des Flaschenhalses

Dr. Elke Holst ist Forschungsdirektorin für Gender Studies am DIW in Berlin und forscht vor allem zu Frauen in Führungspositionen, Gender (Pay) Gaps, Arbeitszeit und Remittances. Foto: DIW

Frau Dr. Holst, kann eine Volkswirtschaft es sich eigentlich leisten, dauerhaft einen Großteil seiner Fach- und Führungskräfte zu benachteiligen?
Sicherlich nicht, denn mittlerweile dürfte klar geworden sein, wie hoch der Beitrag von hochqualifizierten Frauen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sein kann. Zudem sind Frauen auch wichtige Konsumentinnen. Studien zeigen, dass Unternehmen mit starkem Konsumentenbezug deutlich gender-sensibler etwa in ihren Geschäftsberichten auftreten als Unternehmen, die nicht direkt mit Endkunden zu tun haben und historisch männerdominierte Industrien sind. Doch auch dort zeigen sich Veränderungen, wenn Wettbewerbsvorteile etwa durch geschlechtsspezifisches Wissen bei der Produktgestaltung genutzt werden.

Warum fällt es uns dann so schwer bei dem Thema voranzukommen?
Es geht in Führungspositionen auch um Macht und Geld. Wer gibt das schon selbst gern auf …

Das heißt, die größten Bremser sind Männer in Führungspositionen, die Angst um ihren Einfluss haben?
Dass vor allem Männer in den höchsten Funktionen sitzen und etwas zu verlieren haben, lässt sich historisch erklären. Wir haben lange Zeit eine tradierte Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau im Haushalt. Frauen haben ihren Männern den Rücken freigehalten, damit diese ein größtmögliches Einkommen für die Familie erwirtschaften konnten. Mittlerweile sind Frauen hervorragend ausgebildet, aber die alten Stereotype und Klischees wirken immer noch auf den Alltag ihre Karrieren ein.

Ist die Angst der Männer denn gerechtfertigt?
Wenn Männer früher von 100 Top-Jobs 95 bekommen haben und sich diese Zahl auf 90 oder gar 60 reduziert, haben sie natürlich eine geringere Aufstiegswahrscheinlichkeit. Ihre Mehrheit ist davon allerdings nicht gefährdet.

Wie sieht die Situation denn in anderen Ländern aus?
In europäischen Vergleichsstudien liegen wir bei den höchsten Entscheidungspositionen in den großen börsennotierten Unternehmen im Mittelfeld. Das liegt aber vor allem daran, dass wir ein dualistisches System der Unternehmensführung haben und die Zusammensetzung der Aufsichtsräte in die Studien einfließt. Hier sind Frauen traditionell stärker vertreten – aufgrund der bestehenden Mitbestimmungsregelungen: Arbeitnehmervertretungen entsenden bislang mehr Frauen in die Aufsichtsräte als die Kapitalseite. Insofern hinkt der Vergleich mit anderen Ländern, in denen ein monistisches System herrscht, etwas. Beim Anteil von Frauen in Führungspositionen insgesamt liegen wir im unteren Mittelfeld – auf gleichem Niveau übrigens wie Griechenland und Österreich. Angeführt wird das EU28 Länder-Ranking von Lettland, Ungarn, Litauen, bei den westlichen Ländern liegen Schweden, Frankreich und das Vereinigte Königreich vorn.   

Wer sind die europäischen Vorreiter in Sachen Gleichstellung?
Norwegen, Island und Frankreich haben viel in Spitzenpositionen mit der Einführung einer Quote erreicht, Finnland ist auch ohne gut weit gekommen.

Die erst im Frühjahr gesetzlich festgelegte Frauenquote von 30 Prozent gilt lediglich für die Aufsichtsräte. Für das Alltagsgeschäft sind die Vorstände aber weitaus entscheidender…
Die SPD wollte die Vorstände in die Quotenregelung einbeziehen, aber dafür gab es keine Mehrheit bei den Koalitionsverhandlungen. Die Vorstände und die beiden darunter liegenden Führungsebenen sind zwar Teil des Gesetzes, aber es gibt keine festen Vorgaben und Strafen bei Nichteinhaltung selbst gesetzter Zielvorgaben. Den Unternehmen droht maximal ein Imageschaden…

…der in Zeiten eines Fach- und Führungskräftemangels aber erhebliche Folgen für den Recruiting-Erfolg haben könnte, oder?
Sicher! Wenn in der Führungsetage eines Unternehmens ausschließlich Männer arbeiten, ist das für junge Frauen nicht gerade motivierend und zeigt zudem, dass man sich neuen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt noch nicht gestellt hat. Auch junge Männer erwarten heute mehr Zeitsouveränität und da treffen sich die Interessen beider Geschlechter.

Könnte in der Tatsache, dass die Wünsche und Anforderungen von Frauen und Männern sich zunehmend angleichen, eine der größten Chancen für die Gleichstellung liegen?
Absolut. Es wird immer Männer geben, die in tradierten Familienmodellen leben, aber der Kreis wird jedes Jahr kleiner. Unter anderem, weil die Frauen immer mehr Augenhöhe von ihren Männern einfordern und ihre Opportunitätskosten steigen, wenn sie ihre Chancen nicht verwirklichen, nicht oder nur in geringem Umfang erwerbstätig sind.

Wächst die Ungleichbehandlung möglichweise mit einer neuen Generation aus unserer Gesellschaft heraus?
Ein Stück weit sicher. Im Osten Deutschlands arbeiten zum Beispiel viel mehr Frauen in Führungspositionen als im Westen – einfach, weil es völlig normal war, als Mutter erwerbstätig zu sein. Aber insgesamt geht es einfach langsam voran, denn das Thema ist sehr komplex. Nehmen Sie beispielsweise den Gender Pay Gap. Nach einer Geburt eines Kindes geht oft schon deshalb der Mann weiter arbeiten, weil er besser verdient …

 

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„Es geht um Macht und Geld“ - Dr. Elke Holst vom DIW Berlin über männliche Monokulturen in Vorständen, tradierte Gender Substructures und das Weiten des Flaschenhalses (2/2)

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Dr. Elke Holst, DIW Berlin, Gender Studies


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