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„Das ist unsere Stadt“

Julien Mounier ist vor fünf Jahren in den Vorstand von BS Energy gerückt. Seit April ist er dessen Vorsitzender

Julien Mounier ist vor fünf Jahren in den Vorstand von BS Energy gerückt. Foto: Holger Isermann

Auf dem Dach der BS Energy-Zentrale in der Taubenstraße ist es stürmisch. Das passt zur Gegenwart der Energiewirtschaft: Atomausstieg, Klimaschutzplan und technologischer Fortschritt zwingen die Branche zum Umbruch. In Braunschweig steht Julien Mounier an der Spitze des Wandels. Der 39-Jährige hat erst am 1. April dieses Jahres den Vorstandsvorsitz bei BS Energy übernommen und musste schon wenige Wochen später mit 10,3 Millionen Euro den niedrigsten Gewinn in der Unternehmensgeschichte vermelden. Vor allem die Beteiligung am Steinkohle-Kraftwerk Mehrum drückte auf das Jahresergebnis von 2016. Denn die Strompreise an der Börse sind im Keller. Ein weiteres Großprojekt neben der Modernisierung der Erzeugungsstrategie ist die Neuausschreibung der Konzessionsverträge für die Energienetze in Braunschweig. Warum Mounier sein Unternehmen für diese Herausforderungen gut gewappnet sieht, verriet er beim Standort38-Titelinterview ...


Herr Mounier, herzlichen Glückwunsch zur neuen Position als Vorstandsvorsitzender. Stehen Ihnen turbulente Jahre oder eher eine ruhige Zeit bevor?

Eine ruhige Zeit wird es nicht werden. Wir haben einige extrem große und wichtige Projekte vor uns. Ich glaube, wenn man mal so zurückblickt, sind das wahrscheinlich die wichtigsten fünf Jahre seit Langem.

Was sind die größten Herausforderungen?

Zum einen der Energiemarkt, der im Wandel und unsicher ist. Die zweite Herausforderung sind unsere Konzessionsverträge mit der Stadt Braunschweig, die jetzt in die Ausschreibung gehen. Und ein dritter Baustein ist unsere Erzeugungsstrategie, die modernisiert werden muss.

Wie sieht der Energiemarkt aktuell aus?

Er ist paralysiert. Und zwar, weil man sich in Deutschland vor einigen Jahren für eine beschleunigte Energiewende entschieden hat. Das bedeutet, dass grüne Energiequellen gefördert werden. Das Problem dabei ist, dass man keine Entscheidung getroffen hat, wie mit den anderen Energieträgern umgegangen werden soll. Der Kohleausstieg ist nicht beschlossen.

Die Situation führt zu einer Überkapazität…

… genau. Wir haben zu viel Energie. In der Folge fallen die Strompreise und es entsteht die Gefahr, dass die Wirtschaftlichkeit aller – auch moderner – Erzeugungsanlagen verloren geht. Insbesondere Kohle- und Gaskraftwerke sind nicht mehr geschäftsfähig und machen Verluste. Aber konventionelle Anlagen werden noch benötigt, um die Netze stabil zu halten.

Was schlagen Sie vor?

Wenn man A entscheidet, muss man B auch entscheiden. Wer grüne Energien fördert, muss auch weitergehen und sich zumindest gegen die Steinkohle entscheiden und letztendlich Anlagen stilllegen.

Wie stark greift die Politik in den Energiemarkt ein?

Das ist extrem, wir haben keine Investitionssicherheit. Wenn Sie vor zehn Jahren in Biomasseanlagen investiert haben, ist das Geschäft spätestens mit dem letzten EEG-Gesetz kaputt gemacht worden. Das heißt, Ihre Unternehmensstrategien, die Sie aufgebaut haben, werden plötzlich zunichte gemacht.

Betrifft Sie das konkret?

Die Biomasseförderung nicht speziell, aber wir müssen in den nächsten Jahren wichtige Entscheidungen für die Erneuerung von Anlagen treffen. Ich fühle mich manchmal wie vor einer Kristallkugel. Niemand weiß, was die Politik tun wird und der politische Kurs hat enormen Einfluss auf die unternehmerischen Investitionen. Der ändert sich alle zwei Jahre, aber Investitionen machen Sie für 40 Jahre oder länger.

Wenn Sie die Energiewirtschaft und ihre Akteure beschreiben müssten – wie sieht die Branche aus?

Das deutsche Geschäft ist kompliziert (lacht). Es gibt kein anderes Land, in dem Sie rund 1.300 Netzbetreiber und über 1.000 Energieversorger haben. Alles ist dezentralisiert und schwierig zu bewegen. Das heißt, Veränderungen lassen sich nur durch Verbände anstoßen. Die müssen sie überzeugen.

Wie geht es den deutschen Energieriesen?

E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sind die mit Abstand größten Energieerzeuger in Deutschland und leiden gerade extrem unter dem Preisverfall. Sie sind sehr mit der Umstrukturierung beschäftigt und bewegen sich derzeit in Verlustzonen.
Die Energieriesen stehen in der Kritik, weil sie mit der Atomenergie viel Geld verdient haben und jetzt die Gesellschaft das Risiko für die Technologie tragen muss.

Wie bewerten Sie diesen Vorwurf?

Meine Position ist, dass das Verursacherprinzip gelten sollte. Das heißt, dass die genannten Konzerne auch für die Entsorgung aufkommen müssten.

Passiert das denn?

Bedingt, aber man muss bei dem Thema auch immer ein bisschen aufpassen. Es gibt hier viel Ideologie. Wichtig ist, dass die Kosten vernünftig abgeschätzt werden und am Ende die Unternehmen, die verantwortlich sind, auch die Zeche zahlen.

Sehen die Deutschen die Atomenergie zu kritisch? In Ihrem Geburtsland geht man ja durchaus anders mit dem Thema um …

Frankreich hat sich jüngst auch entschieden, weniger auf die Atomenergie zu setzen, aber die Strategie ist eine ganz andere. Denn es ist klar, dass man den Anteil nicht innerhalb weniger Jahre von 70 auf null Prozent reduzieren kann. Genauso wenig übrigens, wie das Deutschland bei der Stein- oder Braunkohle gelingen wird. Ich glaube, dass Europa eine einheitliche Strategie für die Energie braucht und der Abschied von Kohle und Atomenergie ein Teil davon sein sollte.

Welche Chancen und Herausforderungen birgt die Anzahl der vielen Akteure auf dem deutschen Energiemarkt?

Ein Vorteil ist, dass Sie sehr lokal agieren und Entscheidungen treffen können. Das ist gut für die Stadt und für die Region, macht aber andere Prozesse schwierig. Wenn Sie einen neuen Standard einführen wollen, wird es wirklich aufwändig. Wenn ein Kunde seinen Energieversorger wechselt, merkt er gar nicht, was alles hinter den Kulissen passiert. In Deutschlands Energiebranche gibt es einen riesigen Kommunikations- aufwand.

 

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„Das ist unsere Stadt“ - Julien Mounier ist vor fünf Jahren in den Vorstand von BS Energy gerückt. Seit April ist er dessen Vorsitzender (2/4)

 

Schlagwörter
Julien Mounier, Vorstand, BS Energy, Vorsitzender, Interview


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