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„Wir sind Know-how-Träger für eine saubere Umwelt in China“

EEW-Chef Bernard M. Kemper über das Umweltbewusstsein der Deutschen, die viel beachtete Übernahme im vergangenen Jahr und das „Glückauf“ als Erinnerung an eine 140-Jährige Geschichte.

EEW-Chef Bernard M. Kemper. Foto: Holger Isermann

Helmstedts Superlative liegen vor allem in der Vergangenheit: Die Academia Julia als einst drittgrößte Bildungsanstalt des deutschen Sprachraums oder der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn als bedeutendstes Nadelöhr im Eisernen Vorhang gehören dazu. Im Februar letzten Jahres ist die kleine Stadt mit der großen Geschichte wieder als Primus aufgefallen – der Grund: Die bis dato größte chinesische Übernahme in Deutschland. 1,4 Milliarden Euro war der Holding Beijing Enterprises der Müllverbrennungsspezialist EEW wert. Mit seinen 18 Anlagen verbrennt das Unternehmen pro Jahr 4,7 Millionen Tonnen Müll und erzeugt Strom für rund 700.000 Haushalte. An der Spitze des deutschen Marktführers mit internationalen Ambitionen steht seit Juli 2014 Bernard M. Kemper. Der in Südafrika geborene Manager hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bonn die Geburtsstunde deutscher Umweltpolitik erlebt und seine Expertise anschließend unternehmensseitig eingebracht. Standort38 traf Kemper zu einem seiner seltenen Interviews in der Firmenzentrale in Helmstedt…


Im Sommer 2016 wurde die letzte Tonne Kohle im Helmstedter Revier gefördert. Spielt diese Tagebautradition bei EEW überhaupt noch eine Rolle?

Für die EEW hat der Tagebau heute keine nennenswerte Bedeutung mehr. Wir sehen natürlich unser landschaftliches Umfeld und die Mitarbeiter, die das Revier geprägt hat. Das schönste Beispiel für mich ist, dass die Auszubildenden auf dem Hof immer noch mit „Glückauf“ grüßen.

Die Historie ist also noch Teil der Unternehmenskultur?

Ja, sie schwingt nach. Man kann und will eine 140-jährige Geschichte auch nicht einfach abstreifen. Dieser Standort ist unmittelbar mit dem Tagebau und dem Kraftwerk Buschhaus verwoben. Das Unternehmen lässt sich nicht verstehen ohne die Braunschweigischen-Kohlen-Bergwerke (BKB). Die BKB sind für mehr als 100 Jahre die Keimzelle von EEW gewesen…

… und haben nicht nur Braunkohle gefördert, sondern daraus auch Energie gewonnen …

In der Tat. Daraus ist die Idee entstanden, auch andere Energieträger verbrennen zu können, beispielsweise Abfall. Zum damaligen Zeitpunkt war dies sehr fortschrittlich und man hat den Geschäftszweig daraus entwickelt, der uns heute ausmacht.

Warum hat ein international agierender Konzern mit chinesischem Gesellschafter seine Firmenzentrale immer noch in Helmstedt? Gibt es dafür rationale Gründe?

Wir brauchen die Erfahrung und Expertise unserer Mitarbeiter. Hier aus Helmstedt betreuen wir mit circa 200 Mitarbeitern den gesamten Finanz-, Vertriebs- und den technischen Bereich des Unternehmens und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es in Frankfurt oder Berlin kompetentere Mitarbeiter gibt.

Wie würden Sie den Wirtschaftsstandort Helmstedt beschreiben?

Wir würden uns manchmal etwas mehr Leben hier wünschen. Viele unserer Kollegen – gerade in Leitungspositionen – kommen von außerhalb. Wir bekommen in der Regel auch keine Bewerbungen aus dem unmittelbaren Umfeld und es wäre schön, wenn wir Helmstedt den potenziellen Mitarbeitern als modern und attraktiv präsentieren könnten.

Da schwingt ein „aber“ mit, oder?

Ich glaube, es gibt durchaus noch etwas Luft nach oben. Das fängt schon mit dem Stau auf der Autobahn an. Viele Kollegen halten die Infrastruktur für verbesserungsfähig. Ein erster richtiger Ansatz ist sicher die Weddeler Schleife. Damit bestünde künftig eine Schienenverbindung von Helmstedt nach Wolfsburg. Sie würde nicht nur die Anbindung nach Berlin verbessern, sondern den Standort Buschhaus – insbesondere den Güterverkehr – an das Schienennetz nach Wolfsburg anbinden. Gerade letzteres geht Hand in Hand mit der Weiterentwicklung des Standortes Kraftwerk Buschhaus, an dem federführend der Landkreis Helmstedt in Zusammenarbeit mit den Revierkommunen, dem Helmstedter Revier und EEW arbeitet.

Wie häufig sagen Ihnen Bewerber ab, weil sie sich ein Leben in Helmstedt nicht vorstellen können?

Das bekommen wir schon manchmal zu hören. Insofern könnte man gerade für Fach- und Führungskräfte durchaus von einem Standort-Nachteil sprechen. Viele von diesen pendeln und sind nur unterhalb der Woche hier. Das ist überhaupt nicht unüblich.

Ist EEW ein Leuchtturm in einer relativ strukturschwachen Umgebung?

Es gibt noch einige andere große Arbeitgeber, gerade im karikativen Bereich, aber bei den klassischen Wirtschaftsunternehmen gehören wir sicherlich zu den Großen in und um Helmstedt …

… und in der gesamten Branche? Wie würden Sie diese beschreiben und welche Stellung hat EEW?

Es gibt zwei große Bereiche: die kommunalen Kollegen, die ihre Entsorgung sozusagen Inhouse regeln. Ein Beispiel ist Bayern, dort gibt es 18 kommunale und nur eine private Anlage. Auf der anderen Seite stehen die Privatunternehmen. Hier sind wir klarer Marktführer in Deutschland.

Was heißt das in Zahlen?

EEW verbrennt fast 4,7 Millionen Tonnen Abfall in 16 Anlagen auf dem Bundesgebiet und zwei weiteren in Luxemburg und den Niederlanden.
Welche Zahl würden Sie sich wünschen, wenn Sie könnten? Wir sind mit dem deutschen Marktanteil sehr zufrieden (lacht). Auf der anderen Seite gibt es natürlich noch Regionen – zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, wo wir uns gern verstärken würden.

Wie bewerten Sie die Arbeit der kommunalen Akteure?

Sie machen das auf ihre Art und Weise ganz gut. Wir würden es anders und effizienter gestalten, aber man muss verstehen, dass Kommunen einen anderen Ansatz verfolgen, wenn sie Abfallverbrennungsanlagen bauen und betreiben. Sie stehen im Gegensatz zu uns außerdem in der Regel nicht im Wettbewerb.

Die Abfallverbrennungswirtschaft gilt als stark überwachte Branche. Wie bewerten Sie die Grenzwerte und Vorgaben durch den Gesetzgeber?

Absolut positiv. Wir gehen damit sehr transparent um und freuen uns darüber, dass wir an allen EEW-Standorten überhaupt keine Probleme mit den Nachbarn haben. Die Bevölkerung kennt die hohen Umweltstandards. Das hilft uns und erzeugt Akzeptanz für unser Unternehmen.

Würden Sie selbst neben eine Ihrer Anlagen ziehen?

Ich hätte damit überhaupt kein Problem. Wir alle würden in der unmittelbaren Nähe zu einer unserer Anlagen leben. Die Luft, die diese ausstoßen ist zum Beispiel besser als die Umgebungsluft in manchen Innenstadtlagen.  

Gibt es noch Raum für schwarze Schafe in der Branche?

Nein, für Deutschland würde ich das kategorisch ausschließen. Wir werden permanent vom Gewerbeaufsichtsamt überwacht. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Über den Sperrmüll entledigen sich die Menschen manchmal ihrer alten Quecksilberthermometer. Wenn davon eins den Weg in unsere Anlage findet, sehen wir dies sofort in unseren Emissionen und können das Quecksilber eliminieren.

Warum gibt es dann in Ostfriesland gerade eine Debatte um erhöhte Quecksilberkonzentrationen in der Luft – die man durch Ihre Anlage in den Niederlanden erwartet?

Für uns sind das politisch motivierte Debatten, die uns in erster Linie schaden sollen. Um die von uns emittierten Quecksilberwerte machen wir kein Geheimnis. Diese liegen deutlich unter den vorgegebenen Grenzwerten. Pro Jahr dürften wir mit der genannten Anlage etwas mehr als 40 Kilogramm ausstoßen. Tatsächlich liegt der Wert am Rande der Nachweisbarkeit, wir können nicht einmal seriös sagen, dass es wirklich 74 Gramm jährlich sind.  

 

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„Wir sind Know-how-Träger für eine saubere Umwelt in China“ - EEW-Chef Bernard M. Kemper über das Umweltbewusstsein der Deutschen, die viel beachtete Übernahme im vergangenen Jahr und das „Glückauf“ als Erinnerung an eine 140-Jährige Geschichte. (2/4)

Schlagwörter
EEW-Chef Bernard M. Kemper, Umweltbewusstsein, Übernahme, 140-Jährige Geschichte


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