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„Wir sind autarker als öffentliche Krankenhäuser“

Vor drei Jahren übernahm Christine Decker die Geschäftsführung des Helios Klinikum Salzgitter

Christine Decker, Geschäftsführung des Helios Klinikum Salzgitter. Foto: Holger Isermann

Vor drei Jahren übernahm Christine Decker die Geschäftsführung des Helios Klinikum Salzgitter. Jetzt verabschiedet die werdende Mutter sich erst einmal in die Elternzeit. Vorher sprachen wir mit der 33-Jährigen über die medizinische Zweiklassengesellschaft, Multi-Kulti in Salzgitter und ihre Erfahrungen als junge Führungskraft in der Männerdomäne Krankenhaus.

Einer der wichtigsten Orte in Salzgitter liegt in der Kattowitzer Straße 191. Zumindest für all jene, die hier arbeiten, krank sind oder sich verletzt haben. Hier befindet sich das Helios Klinikum Salzgitter, das jährlich rund 17.000 stationäre und 25.000 ambulante Patienten medizinisch versorgt. Chefin über dieses große Gesundheitsreich mit 340 Betten und zwölf Fachbereichen ist Christine Decker. Sie hat in der Helios Kliniken GmbH, Europas führenden privaten Krankenhausbetreiber mit mehr als 100.000 Mitarbeitern, Karriere gemacht.

In Deutschland betreibt Helios unter anderem 112 Akut- und Rehabilitationskliniken und bietet Qualitätsmedizin innerhalb des gesamten Versorgungsspektrums. Die Klinikgruppe erwirtschaftete in Deutschland im Jahr 2016 einen Umsatz von rund 5,8 Milliarden Euro. Beeindruckende Zahlen, die auch im Arbeitsalltag von Christine Decker eine zentrale Rolle spielen. Mit Arzt- und Krankenhausserien wie „Dr. House“, „Grey's Anatomy“ oder „In aller Freundschaft“ hat dieser aber nur wenig zu tun, wie sie im ausführlichen Interview verriet.


Frau Decker, wie geht es den Menschen in der Region 38?

Ich komme aus dem Krankenhaus, da sieht man ja vor allem die kranken Menschen – also müsste man meinen, relativ schlecht. Prinzipiell sind wir ein sehr starker Standort, eine starke Region. Von daher habe ich die Einschätzung, wenn ich mal jenseits des Krankenhauses blicken darf, dass es den Menschen tatsächlich gut geht.

Wie gesund sind wir im deutschlandweiten Vergleich?

Mein Eindruck aus den letzten drei Jahren ist, dass wir im Großen und Ganzen nicht weiter auffällig sind. Aber es gibt Ausnahmen: Wir haben zum Beispiel ein deutlich höheres Aufkommen von MRSA-Patienten als im Bundesgebiet.  

Multiresistente Keime…

…genau. Es wirken zwar noch Antibiotika, aber sie müssen dann bestimmte Antibiotika einsetzen, die dann auch wieder andere Nebenwirkungen haben können. Es wird immer propagiert, dass man MRSA im Krankenhaus bekommt. Doch der Großteil unserer Patienten bringt den Erreger selbst mit. Das liegt daran, dass bestimmte Risikogruppen häufiger vertreten sind als in anderen Gebieten.

Wie gut ist die stationäre Gesundheitsversorgung in der Region 38?

Sie ist im ganzen Bundesgebiet sehr gut. In der Regel müssen die Patienten nicht mehr als 15 Minuten fahren, um in ein Krankenhaus zu kommen. Ich glaube, das istbeispiellos in der Welt. Wenn Sie von hier losfahren und nicht ins Lebenstedter Krankenhaus wollen, können Sie nach Salzgitter-Bad, Sie können nach Wolfenbüttel, Sie haben in Braunschweig eine große Auswahl – oder können nach Hildesheim. Wir sind sehr gut aufgestellt, aber auch mitten im Umbruch...

… welche Auswirkung hat die Schließung des St. Vinzenz Krankenhauses?

Sie hat für Unruhe gesorgt und die Versorgung muss in manchen Bereichen neu strukturiert werden. Zum Beispiel die ganzen Lungenerkrankungen, (Pneumonien, Bronchitis). Das Städtische Klinikum Braunschweig hat hier nun einen erweiterten Versorgungsauftrag.

Gibt es Länder, in denen die Versorgung noch besser ist?

Wenn Sie die Anzahl der Betten pro tausend Einwohner nehmen, sind wir unter den Top 5. Da sind wir auf einem ganz anderen Level, als andere Länder. Die Diskussion in Deutschland geht ja auch in eine andere Richtung. Vor Weihnachten hat eine Studie die Idee proklamiert, die vorhandenen 1.800 Krankenhäuser in Deutschland abzubauen – zugunsten von 300 bis 330 Großkrankenhäusern. Diskutiert wird also eine Konsolidierung und Zentrumsbildung in der Gesundheitsversorgung.  

Was halten Sie von der Idee?

Ich finde sie sehr spannend. Neben der Grund- und Regelversorgung, die auch kleinere Häuser gut abdecken, gibt es auch immer mehr Fachdisziplinen und Spezialisierungen, die regelmäßige Eingriffe und eine besondere Ausstattung erfordern. Von daher kann eine Zentrumsbildung schon ein Qualitätsgewinn sein. Darunter darf die flächendeckende Versorgung aber nicht leiden.

Die Quantität passt. Aber was ist, wenn es wirklich ernst wird? Muss man dann aus Salzgitter immer noch nach Hannover oder nach Berlin fahren oder ist man auch in näherer Umgebung gut versorgt?

Die großen Zentren haben natürlich Spezialisierungen, die wir nicht abdecken. Wir sind Grund- und Regelversorger. Wir können zum Beispiel einen gewissen Grad an Schlaganfallversorgung abbilden, aber wir verlegen nach Braunschweig oder Hannover, wenn wir an Grenzen stoßen. Dasselbe Thema haben wir zum Beispiel bei sogenannten Level-1-Kindern. Ganz kleine Frühchen behandeln wir hier am Helios Klinikum Salzgitter nicht.

Was sind die häufigsten Erkrankungen, die sie behandeln?

Die häufigste DRG ist eine sehr schöne: P67D – der gesunde Einling (lacht).

Wie viele Geburten begleitet das Klinikum durchschnittlich?

Im letzten Jahr konnten wir einen Geburtenrekord seit zehn Jahren verzeichnen, es waren insgesamt 750. Wir sind von 634 gekommen, also ein Anstieg von knapp 19 Prozent. Deutschland hat insgesamt 2016 einen Geburtenboom erlebt.

Ernährung, Übergewicht, Bluthochdruck und das Rauchen gelten immer noch als wichtigste Risikofaktoren für die vorzeitige Sterblichkeit in Deutschland. Haben die meisten Ihrer Patienten Probleme damit?

Ja.

Heißt das nicht auch, dass viele Krankheitsbilder hausgemacht sind?

Man hat sicherlich eine genetische Veranlagung bei bestimmten Krankheiten, aber natürlich kann man durch eine gesunde Lebensweise das ein oder andere Risiko minimieren. Sie können zum Beispiel Ihr biologisches Alter durch Sport beeinflussen.

Wird genug für das Thema Vorsorge gemacht?

Es gibt ein sehr breites Angebot. Die Frage ist, ob es immer genutzt wird. Sie kennen vielleicht die Bonushefte für den Zahnarzt. Ob das genug Ansporn ist? Ich glaube auch, dass viele Menschen überhaupt nicht wissen, welche Vorsorgeuntersuchungen es gibt. Da müsste aus meiner Sicht noch eine Menge an Aufklärungsarbeit passieren. Zu uns kommen Patienten ja meistens mit einem höheren Durchschnittsalter und wenn sie anfangen, mit einem 60-jährigen Patienten zu diskutieren, dass Rauchen jetzt vielleicht doch aufzugeben oder das Glas Rotwein am Abend wegzulassen, ist das oftmals ein später Zeitpunkt.

 

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„Wir sind autarker als öffentliche Krankenhäuser“ - Vor drei Jahren übernahm Christine Decker die Geschäftsführung des Helios Klinikum Salzgitter (2/4)

Schlagwörter
Christine Decker, Geschäftsführung, Helios Klinikum Salzgitter


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