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„Ein peinliches Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland“

Robert Franken war Vorstand der Familien-Community urbia.de und CEO von Chefkoch.de

Robert Franken. Foto: Holger Isermann

Robert Franken. Foto: Holger Isermann

Robert Franken war Vorstand der Familien-Community urbia.de und CEO von Chefkoch.de. Heute unterstützt er als Berater Unternehmen beim digitalen Wandel und hält Vorträge zu Digital Leadership, Diversity und New Work. So auch jüngst beim Netzwerktreffen von Nordzucker, Panda und dem Bundesverband der Personalmanager in Braunschweig. Wie er zum Feministen wurde, warum etablierte Organisationsformen auch Männer ausschließen und was Mitarbeiter wirklich motiviert …

Herr Franken, Ihr Vortrag in Braunschweig kam offensichtlich gut an: genial, sehr unterhaltsam, das eigentliche Highlight der Veranstaltung waren Rückmeldungen. Wie fanden Sie sich selbst?

Ich glaube, ich habe ausreichend positive Energie ausgestrahlt, um dort Dinge zu adressieren und in den Austausch zu gehen. Ich habe das Publikum als extrem wach und interessiert wahrgenommen.

Was glauben Sie, hat die Zuhörer mehr überzeugt – Sie als Typ oder Inhalt und Botschaft?

Wahrscheinlich die Kombination aus einem Menschen, der aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Rollen Erfahrungen gemacht hat mit diesen drängenden Themen. Natürlich ist es ein gewisses Privileg, dass man als Mann zu bestimmten Dingen stärker Gehör findet als etwa eine Frau, die solche Dinge seit Jahrzehnten predigt. Diese Privilegiertheit versuche ich einzusetzen und gleichzeitig zu kritisieren.

Das heißt, als Mann hat man es beim Thema Gleichstellung einfacher?

Das kommt immer ein bisschen auf den Kontext an. Einerseits läuft man natürlich Gefahr, „Preaching to the choir“ zu machen, also in Umgebungen zu sprechen, die einem tendenziell eher zustimmen. Ich kenne aber auch die Kehrseite, sehr männlich geprägte Kontexte, die sehr viel Widerstand und Reaktanz zeigen.

Was war Ihre Botschaft in Braunschweig?

Dass wir weniger versuchen sollten, Frauen über klassische Förderungs-, Coaching- und Mentoringmaßnahmen dem bestehenden System anzupassen, sondern eher den Blick kritisch auf die Organisationen selbst zu richten. Unter dem Anpassungsdruck leiden übrigens nicht nur Frauen, sondern selbstverständlich auch Männer.

Ein Beispiel wäre toll …

Nehmen wir die Durchsetzungsfähigkeit als Attribut, das ja vielen Führungskräften abverlangt wird. Es wird bei uns vor allem in der männlich-extrovertierten Ausprägung gefordert, und damit haben es nicht nur Frauen schwer, sondern auch z. B. eher introvertierte Männer. Wenn wir stattdessen zusehen würden, dass unsere Organisationen Vielfalt nutzen, statt sie einzuschränken, würde am Ende das System gewinnen und nicht nur das Individuum.

Wie viel Potenzial verschenkt die deutsche Wirtschaft aktuell, weil sie Menschen ausgrenzt, die nicht in das etablierte Beuteschema passen?

Das ist schwer zu quantifizieren. In Deutschland geht es auch um eine qualitative Komponente. Wir werden die zukünftigen Herausforderungen nur bewältigen können, wenn wir unterschiedliche Perspektiven zulassen und einbeziehen. Vielfalt ist für mich eine Art Bewältigungsstrategie für all das, was mit der Digitalisierung auf uns zukommt. Weil wir heute nicht antizipieren können, was in fünf bis zehn Jahren ist. Gleichzeitig sollten wir uns verstärkt die Frage stellen, wie wir zukünftig gemeinsam leben und arbeiten wollen.

Sie fordern nicht weniger als „Change in Paradise“. Geht es der deutschen Wirtschaft einfach zu gut für Veränderungen?

Da ist sicher etwas dran. Ich habe es selbst erlebt, dass man sich dann am stärksten verändern kann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Wir haben überhaupt noch nicht verstanden, dass Vielfalt ein Pflicht- und kein Kann-Thema ist. Das ist ein wenig wie bei der Nachhaltigkeit. Es ist einfach noch nicht spürbar genug, was wir mit unserem Planeten veranstalten.
Wird sich das ändern? Absolut. Ich bin der festen Überzeugung, dass irgendwann alle Unternehmen nicht nur nachhaltig arbeiten, sondern unter diesem Nachhaltigkeitsaspekt auch die Themen Gender und Diversity verhandelt werden.

Wie kamen die Themen eigentlich auf Ihre persönliche Agenda? Sie selbst stammen ja aus der relativ männlich dominierten Digital- und Start-Up-Ecke …

Ich bin sehr stark durch die Plattform urbia. de sozialisiert worden, bei der ich zehn Jahre lang gearbeitet habe. Das ist eine extrem große und lebhafte Community für Eltern, Mütter, Väter und Familien mit dem Schwerpunkt Kinderwunsch, Schwangerschaft und Baby gewesen. Über sehr persönliche Geschichten habe ich viel darüber gelernt, wo es wirklich hakt, und war gleichzeitig als Geschäftsführer für ein Team verantwortlich, das zu großen Teilen aus teilzeitarbeitenden Müttern bestand.

Was waren Ihre Erfahrungen mit diesem Umfeld?

Ich habe gemerkt, dass diese Frauen die tollsten Mitarbeiterinnen sind, die man sich wünschen kann, wenn man ihnen Loyalität entgegenbringt und dafür sorgt, dass die Arbeit zum jeweiligen Lebensentwurf passt. Das lässt sich auch auf Männer und Menschen ausweiten, die keine Kinder haben. Wenn jemand zu mir kommt und sagt, dass er Mittwochnachmittag nicht mehr arbeiten kann, weil er z. B. einen Gitarrenkurs belegt, muss das legitim sein.

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