„Europa schaut wieder nur zu“

Prof. Dr. Ulrich Walter hat die Erde von oben gesehen. Wie das sein Leben und Denken verändert hat, warum wir Deutschen skeptisch in die Zukunft blicken und wie Elon Musk und Co. den Weltraum in einen New Space verwandeln, verrät der frühere Astronaut im Interview.

Prof. Dr. Ulrich Walter. Foto: Philipp Otte/WeltN24 GmbH


Herr Walter, was können die Besucher der DITEC-Messe von Ihnen und Ihrem Ausflug ins Weltall lernen?

Ich werde über die Zukunft sprechen. Welche Fehler Menschen, insbesondere Unternehmen bisher machen und wie wir alternativ damit umgehen könnten. Da kommt auch die Raumfahrt ins Spiel, von der wir viel lernen können.


Haben Sie ein Beispiel?

80 Prozent aller Zukunftsprognosen, selbst die der Futurologen, sind falsch, weil wir von Natur aus linear denken. Wir extrapolieren also lediglich die Vergangenheit in die Zukunft und das ist grundlegend falsch. Wir müssen unsere Welt als chaotisches System verstehen, das ebenfalls Regeln, aber eben ganz anderen, unterworfen ist. Dann versteht man das Aufkommen disruptiver Innovationen besser, die immer wieder den Markt durcheinanderwirbeln.


Kann man innovativ denken lernen?

Es gibt Strategien. Ich zeige zum Beispiel die bewährte morphologische Methode, die hilft, neue Lösungen jenseits des eigenen Denkhorizonts zu finden.


Wir sind Weltmeister im  Weiterentwickeln, aber schlecht bei Innovationen. Warum?

Wir Europäer sind schon immer stärker mit der Vergangenheit verbandelt und sorgen uns wegen der Ungewissheit vor der Zukunft. Wir verstehen sie nicht als mögliche Chance. Auch die Medien schüren dieses Denken. Da sind Inder und Chinesen, ja selbst die Amerikaner, ganz anders. Die sagen „in der Zukunft wird alles besser“ und sind neuen Dingen gegenüber offen.


Inwiefern?

Am 6. Februar ist Elon Musk mit seiner „Falcon Heavy“, der heutzutage größten Rakete erstmals in den Weltraum geflogen. Doch dieses Ereignis, ein großes Thema in US- Medien, wurde in keiner einzigen überregionalen deutschen Zeitung angekündigt. Ich habe dann einen mir bekannten Redakteur der Süddeutschen Zeitung angerufen und nachgefragt, warum das so sei. Und der sagte, sie hätten in einer Redaktionssitzung darüber zwar diskutiert, fanden das aber nicht berichtenswert. Stattdessen wird lieber über Theater und Oper berichtet. Kein Wunder, dass die Jugend solche Medien nicht mehr anklickt.


Der Wettlauf ins All, die Mondlandung – all das ist schon einige Jahre her. Hat die Faszination für das Weltall nachgelassen?

Bei jungen Menschen nicht, das sehe ich bei Vorträgen in Schulen und bei meinen Studenten. Das Problem ist eher unsere alternde Gesellschaft. Je älter Menschen werden, desto mehr Angst haben sie vor der Zukunft. Sie schauen dann lieber zurück in die Vergangenheit.


Was halten Sie denn von Elon Musk und seinen Visionen für den Weltraum?

Da ist ein Mann, dessen Ziel es ist, die Raumfahrt umzukrempeln und die Menschen auf den Mars zu bringen. Damit will er in die Geschichte eingehen. Ich kann Ihnen sagen, das wird er schaffen. Musk investiert pro Jahr eine Milliarde Dollar in diese Vision. Amazon-Chef Jeff Bezos macht ähnliche Dinge, der britische Unternehmer Richard Branson unternimmt suborbitale Flüge ins All. Man spricht bei diesem neuen Aufbruch ins All international von New Space und wir in Deutschland bekommen von dieser Entwicklung dank Nadelöhr Medien nichts wirklich mit.


Welche Rolle spielt dabei die Politik?

Schauen Sie, das ist der nächste Punkt. Die USA haben bereits vor über zehn Jahren Gesetze erlassen, damit man von Amerika aus privatwirtschaftlich in den Weltraum starten kann. Deutschland hat noch nicht einmal über ein solches Gesetz nachgedacht. Ich habe mit einem US-amerikanischen Investor gesprochen, der für wissenschaftliche Zwecke von Europa aus Parabelflüge ins Weltall starten wollte. Er hatte den Plan, in den alten Militärflugplatz in Nordholz bei Cuxhafen zu investieren. Als er aber hörte, dass in Deutschland Flüge ins All per Gesetz noch nicht möglich sind, hat er sofort die Finger davon gelassen. Langfristig ist das der Tod der deutschen Raumfahrt-Industrie.


Wann wird es die ersten privaten Charterflüge ins All geben?

Bei Branson kostet ein Flug zurzeit 250.000 Dollar. Das können Sie heute schon buchen, aber er hat technische Probleme. Vor einiger Zeit kam bei einem seiner Testflüge ein Pilot zu Tode, was den Start seiner kommerziellen Flüge verschob. Elon Musk sagt, ich werde mit meiner Falcon Heavy auch zum Mond fliegen, und hat zwei bezahlende Interessenten gefunden. In dem Augenblick, wo er das zum ersten Mal macht und es funktioniert, wird das Geschäft boomen. Und: Europa schaut wieder nur zu.


Wie hat der Raumflug Sie und Ihr Leben verändert?

Jeder, der einmal so einen Flug gemacht hat, ist hinterher ein anderer Mensch. Man nennt das den Overview-Effekt. Wenn Sie unsere Erde von oben sehen, ist das so ähnlich, wie nach Jahren wieder in Ihre Heimatstadt zu kommen. Dann sagen sie „Oh mein Gott, ist die klein“.


Relativiert so eine Erfahrung die Bedeutung von uns Menschen?

Ja! Die Wichtigkeit des Individuums ist im Augenblick das beherrschende Thema in unserer westlichen Welt. Aber wir stehen eigentlich überhaupt nicht im Mittelpunkt. Wenn irgendwann ein Asteroid auf die Erde einschlägt, sind wir Geschichte – so etwas gab es bereits mehrmals und es wird wieder passieren. Es gibt keinen lieben Gott, der das abwenden wird …


… trotzdem bezeichnen Sie sich als Christ?

Ich bin überzeugter Christ, obwohl nicht gläubig – nur überzeugt davon, dass gemeinsame christliche Werte sehr wichtig für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sind. Religion gibt uns ein Regelwerk an die Hand, Werte wie die 10 Gebote.


Kann man das Aha-Erlebnis des Blicks auf die Erde vermitteln oder muss man selbst im All gewesen sein?

Wenn ich darüber erzähle, beeindruckt es die Leute. Das Problem ist nur, dass am nächsten Tag wieder alles weg ist. Aber, wenn Sie so etwas einmal selbst erlebt haben, verändert es langfristig Ihr Denken und das ist das Entscheidende. Ich sag immer, es macht einen Riesenunterschied, ob Sie im Fernsehen einen Unfalltoten sehen, oder live auf der Autobahn erleben, wie einem Menschen das Gehirn aus dem Kopf quillt.


Wie sehr nervt es Sie, die Rolle des Astronauten nicht mehr los zu werden?

Die Leute sehen das schon differenziert, sagen „da ist ein Astronaut und der ist jetzt aber Professor“. Ich war außerdem fünf Jahre in der Entwicklung bei IBM und betrachte die Dinge aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Aber klar, meine Geschichte als Astronaut spielt eine nicht unwesentliche Rolle, sie erzeugt Glaubwürdigkeit. Umgekehrt empfinde ich das als Herausforderung, auch immer glaubwürdig zu sein.


Was waren die schönsten und die schlimmsten Erfahrungen im All?

Am beeindruckendsten war es, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die einfach alles geben, damit die Mission ein Erfolg wird. Wir wussten, dass die Gefahr groß war. In 1 von 100 Flügen gibt es Tote. Aber da war so viel Leidenschaft im Team, das führt zu Höchstleistungen. Das habe ich so nie wieder erlebt.


Auch nicht in Ansätzen?

Bei Künstlern oder Musikern vielleicht. Und bei einigen Start-Ups. Aber das ist sehr selten.


Sie sagen, wir sind nicht allein im Universum. Wann wird dieser Satz wirklich verifiziert sein?

Niemals. Durch die Unendlichkeit des Universums ist es logisch herleitbar, dass es Leben da draußen gibt. Aber der Bereich, in dem wir überhaupt Signale empfangen können, ist sehr klein. Deshalb wird es keinen Kontakt mit Außerirdischen geben, obwohl sie irgendwo da draußen sind.

Prof. Dr. Ulrich Walter spricht am 11. April von 14:30 bis 16:30 Uhr auf der DITEC-Messe in der Volkswagen-Halle. Der frühere Astronaut war fünf Jahre Program Manager im IBM-Entwicklungslabor in Böblingen und leitet seit 2003 den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der TU München. Walter hat mehr als sechzig Schriften zum Thema Weltraum und Raumfahrt veröffentlicht und ist mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland und der Goldenen Wernher-von-Braun-Medaille.

Autor: Holger Iserman

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