Mit Cloud und Kanon

Lernen im digitalen Zeitalter: Das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung

Prof. Dr. Eckhardt Fuchs leitet das GEI seit Oktober 2015. Foto: Merle Janßen

Prof. Dr. Eckhardt Fuchs leitet das GEI seit Oktober 2015. Foto: Merle Janßen

Zwischen den Deckeln eines Schulbuchs steckt mehr als universelles Wissen. Es enthält Werte, Normen und nationale Narrative – und muss gleichzeitig flexibel auf eine Gesellschaft reagieren, die sich in Zeiten von Digitalisierung, Migration und Inklusion laufend umstrukturiert. Am Braunschweiger Georg-Eckert-Institut (GEI) hat man sich seit der Gründung im Jahr 1951 der internationalen Erforschung des Schulbuchs verschrieben. Mit Direktor Prof. Dr. Eckhardt Fuchs sprachen wir über die größten Herausforderungen heutiger Lehrmittel und ihre Auswirkungen auf ein Institut, das sich mehr als je zuvor im Wandel befindet.

Die Zeiten, als Namensgeber Georg Eckert in seinem Arbeitszimmer die ersten Schulbücher ins Regal sortierte, sind längst vorbei. Sein Gedanke, schulische Bildung auf nationaler und internationaler Ebene zu fördern, blieb. Das Forschungsinteresse des Instituts richtet sich heute sowohl auf Inhalte als auch auf das Schulbuch als Medium und die Frage, wie Lernprozesse vor dem Hintergrund des digitalen Wandels aussehen. „Ein gutes Schulbuch“, erklärt Direktor Fuchs, „zeichnet sich durch die Vermittlung korrekten Wissens und die Abbildung realistischer Gesellschaftsbilder aus.“ Gleichzeitig sollte es eng mit der Lebenswelt der Schüler verknüpft sein. Angesichts von Integration und zunehmender Diversität müsse man sich insbesondere der Aufgabe annehmen, wie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zukünftig in den Geschichtsunterricht eingebunden werden sollen. Selbiges gelte für die Inklusion, so Fuchs. Deutschland hinke im internationalen Vergleich hinterher: „Menschen mit Behinderungen werden überwiegend immer noch in exklusiven Sonderschulen ausgebildet.“

Von Fake News zur validen Wissenswolke

Vor große Herausforderungen stelle zudem der digitale Wandel. Wie wirkt er sich auf die Forschung aus und was passiert mit analogen Schulbüchern im Zeitalter medialer Autodidakten? Fuchs: „Zwischen Masseninformationen und Fake News besteht die Schwierigkeit darin, an valides Wissen heranzukommen. Der Übergang zum digitalen Schulbuch ist eine logische Konsequenz technologischer Entwicklung, aber es wird die Notwendigkeit eines Mediums, in dem Wissen didaktisch korrekt aufgearbeitet wird, nicht ablösen.“ Auch sei die infrastrukturelle Problematik noch lange nicht gelöst – an vielen Schulen mangle es an Grundvoraussetzungen, wie digitalen Endgeräten, WLAN und qualifizierten Lehrkräften, die gezielt Kompetenzen vermitteln. „Deutschland gehört hier sicherlich nicht zu den Spitzenreitern“, erklärt Fuchs, „aber die digitalen Bildungsoffensiven in Niedersachsen werden kommen und sie werden die Unterrichtskultur verändern.“ Dieser Prozess habe allerdings gerade erst begonnen. Auch wenn sich Cloud-Lösungen auf lange Sicht durchsetzen werden, sei zunächst die sinnvolle Verknüpfung digitaler und analoger Lehrmaterialien wichtig.

Umstrittene Bauarbeiten beginnen

Nicht nur in digitaler Beziehung ist vieles in Bewegung am Georg-Eckert-Institut – auch das große Bauvorhaben der Einrichtung nimmt Fahrt auf. Nach jahrelanger Planung und etlichen lokalen Debatten starten jetzt die Arbeiten am neuen Bibliotheksgebäude, das entlang der Freisestraße entstehen soll. Das neue Gebäude werde dringend benötigt, sagt Fuchs; die aktuelle Bibliothek in der Villa von Bülow bietet Zugang zu über 254.000 Print- und Online-Medien – entspräche aber nicht den Anforderungen einer modernen Bibliothek. Außerdem sollen dann die rund 120 Mitarbeiter zentral an einem Ort arbeiten können; bis Ende 2019 werden sie im angrenzenden Gebäudetrakt, dem ehemaligen Schwesternwohnheim des Klinikums, ihre neuen Büros beziehen – jedenfalls, sofern der Zeitplan eingehalten werden kann.

Digitalisierte Zukunft

Insgesamt 13 Millionen Euro wird das Bauvorhaben kosten. Darin eingerechnet sind auch die Investitionen für die Einrichtung eines Digital Labs, das interne und externe Wissenschaftler bei der Erforschung innovativer Bildungsmedien unterstützen soll. „Wir können Schulklassen zu uns einladen und sie während des Unterrichts begleiten. Außerdem werden Schulungen für Lehrer und Schulbuchautoren stattfinden – dieses Angebot ist in dieser Form einmalig.“ Trotz aller Herausforderungen schaut Fuchs zuversichtlich in die Zukunft: „Mit dem Neubau werden weitere Anpassungsprozesse stattfinden, um unsere Forschungsinfrastrukturen stringenter zu machen. Es wird ein großes Projekt mit regionalen wissenschaftlichen Institutionen geben, in dem wir uns mit digitaler Partizipation beschäftigen. Wir werden uns verstärkt mit dem technologischen Wandel auseinandersetzen müssen, aber unsere Wichtigkeit wird bleiben!“

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