„Öffentliche Räume und Infrastrukturen sind Nukleus unserer Gesellschaft“

Prof. Dr. Vanessa M. Carlow, Leiterin des Institute for Sustainable Urbanism an der TU Braunschweig, im Interview

Prof. Dr. Vanessa M. Carlow, Leiterin des Institute for Sustainable Urbanism an der TU Braunschweig. Foto: ISU


Frau Dr. Carlow, hört man Sustainable Urbanism, denkt man schnell an Utopien aus futuristischen Städten mit Photosynthese-Türmen. Sprechen wir hier von nachhaltigem Städtebau?

Der klassische Städtebau ist doch eher einer, der sich sehr stark an Formen abhandelt. „Urbanism“ umfasst nicht nur die gebaute Stadt oder das Bauen und Entwickeln von Stadt, sondern auch alle Prozesse, die einer Stadt inhärent sind. Das Ziel ist eine Neugestaltung von Stadt, damit Menschen fast intuitiv ein nachhaltigeres Leben führen können. Dafür müssen wir allerdings über die eigentliche Gestaltung hinaus verstehen, wie Menschen Städte und Stadtregionen nutzen. Stadt und Architektur im 21. Jahrhundert können nicht mehr jenseits politischer, sozialer, ökonomischer Prozesse verstanden werden.


Worum geht es in dem universitären Forschungsschwerpunkt „Stadt der Zukunft“?

Stadt ist ein Thema, das alle angeht. Die meisten Menschen leben in Städten oder Stadtregionen, benutzen Städte, Stadtregionen und deren Produkte. Gemeinsam überlegen wir, wie die Stadt der Zukunft eine lebenswerte Stadt für Alle sein kann.


In diesem Rahmen ist auch das Projekt METAPOLIS entstanden. Worum geht es dort genau?

Wir untersuchen zunächst, wie sich Siedlungen im Stadt-Land-Kontext Niedersachsens entwickeln und wie sie, beispielsweise durch den Austausch von Stoffen, Gütern, Informationen und Menschen, zusammenhängen. Mit diesem Wissen werden dann Werkzeuge, Strategien und Lösungen für nachhaltige regionale Entwicklung erarbeitet. Gerade für ein Land wie Niedersachen, das sehr stark durch Landwirtschaft geprägt ist, große Städte, aber auch viele kleine Dörfer hat, ist das Projekt sehr spannend.


Was war der Antrieb für dieses Projekt?

2012 haben wir uns als junges Institut weltweit in einem offenen Aufruf mit dem Motto „Lust auf mehr Stadt, aber keine Ideen? Wir können helfen!„ vorgestellt. Die meisten Antworten bekamen wir aus Niedersachsen, vornehmlich von Klein- und Mittelstädten, Dörfern und Gemeinden im ländlichen Raum. Gleichzeitig zeigt die demografische Fortschreibung für das Land Niedersachsen stark stagnierende, aber auch stark prosperierende Gemeinden auf, die teilweise in großer räumlicher Nähe liegen – Indikatoren für eine nicht-nachhaltige Entwicklung.


Welche Auswirkungen dieses Wandels sind in der Region 38 sichtbar?

Im Harz schrumpfen die Gemeinden massiv, während Braunschweig und das Umland boomen. Die Folgen sind erhöhter Flächenkonsum, soziales Ungleichgewicht, mangelnde Versorgung im ländlichen Raum mit bestimmten Gütern und Dienstleistungen und auf der anderen Seite eine massive Ausweisung von Bauland, Suburbanisierung in den prosperierenden städtischen Regionen. Das ist eine unbalancierte Entwicklung.


Was kann ich als Individuum für die nachhaltige Entwicklung meiner Stadt tun?

Wir können natürlich alle zu Fuß gehen, öfter Radfahren, Wasser sparen, mehr lokale Lebensmittel zu uns nehmen, weniger Quadratmeter und Energie verbrauchen. Die größere Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung sehe ich jedoch bei Politik und Verwaltungen, in Städten und Unternehmen. Städte sollten so geplant und gebaut sein, dass es den Bewohnerinnen und Bewohnern leichter fällt, nachhaltig zu leben und das liegt nicht in der Macht des Individuums.


Privatisierung von öffentlichem Raum – Segen oder Fluch für nachhaltige Stadtentwicklung?

Fluch, denn die öffentliche Hand verliert dadurch die Kontrolle über die Gestaltung der öffentlichen Räume. Öffentliche Räume und Infrastrukturen sind Nukleus unserer Gesellschaft. Dort begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, sexueller Orientierung, Bildung und unterschiedlichsten Einkommens. Für unsere Demokratie und die Kultur unseres Zusammenlebens ist es wichtig, dass diese Orte das Alltagsleben der Menschen prägen. Die öffentliche Hand hat den Auftrag, dafür zu sorgen, dass dieses Zusammenleben auch funktioniert. Das Interesse des privaten Entwicklers an solchen Flächen ist natürlich vorrangig Gewinnmaximierung.

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