„Kultur ist kein Notnagel!“

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, Leiterin der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel über eingefahrene Führungsstrukturen und die ökonomische Tauglichkeit der kulturellen Bildung

Nach kurzer Elternzeit wird Vanessa-Isabelle Reinwand- Weiss im November dieses Jahres wieder die Geschäfte an der Bundesakademie leiten. Foto: Derya Özlük

Nach kurzer Elternzeit wird Vanessa-Isabelle Reinwand- Weiss im November dieses Jahres wieder die Geschäfte an der Bundesakademie leiten. Foto: Derya Özlük

Kunst- und Musikunterricht – zu Schulzeiten Pflicht. Aber ist das schon kulturelle Bildung? Lange Zeit wurde sie unterschätzt, gewann überwiegend zwar im institutionellen Rahmen, in Schulen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen an Bedeutung, in der Unternehmerszene jedoch hatte sie nur wenig Präsenz – bis heute, erklärt uns die Leiterin der Bundesakademie, Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss. Am Wolfenbütteler Schloßplatz, zwischen Häusertrümmern und Baustellenstaub strahlt das historische Schloss trotz Umbaumaßnahmen Beständigkeit aus – Verwaltung, Werkstatt- und Seminarräume der Akademie finden hier ihren Platz. Warum wir endlich die Kultur-Schranke ablegen sollten und was Führungskräfte im Orchestergraben lernen können, erfahren wir im Interview mit der Kultur-Expertin.

Bereits seit 1986 verfolgt die Akademie einen öffentlichen Bildungsauftrag und bietet jährlich rund 180 Veranstaltungen an, die insbesondere von Künstlern und Kulturvermittlern verschiedenster Institutionen, Vereinen und Organisationen genutzt werden. Workshops, Tagungen und Qualifizierungsprogramme sind in sechs Bereichen vertreten: Bildende und Darstellende Künste, Literatur, Museum, Musik sowie Kulturmanagement, -politik und -wissenschaften. „Jetzt betreten immer mehr Führungskräfte aus den Bereichen Wirtschaft und Politik den Kulturpfad und nutzen die für sie eher unkonventionellen Weiterbildungsmaßnahmen – bislang leider noch etwas zögerlich“, stellt Direktorin Reinwand-Weiss fest. Dabei sehe sie große Chancen, den Unternehmenserfolg langfristig zu steigern.

Kultur als Imagefaktor

„Unternehmer schmücken sich mit Gemälden an den Bürowänden, weil es schön aussieht oder den Eindruck kultureller Verbundenheit vermitteln soll. Nicht aber, weil die Wirkmächtigkeit kultureller Bildung erkannt wird“, kritisiert die 39-Jährige. Bereits in jungen Jahren schlug sie die künstlerisch-kulturelle Laufbahn ein und promovierte in ästhetischer und kultureller Bildung an der Universität Erlangen-Nürnberg. Heute lehrt die bald zweifache Mutter als Professorin an der Universität Hildesheim neben ihrer Tätigkeit an der Akademie.

Veraltete Strukturen durchbrechen

„Kultur sollte als integrativer Bestandteil gedacht werden und nicht erst als Notnagel! In sich selbst zu investieren und neue Blickwinkel einzunehmen, ermögliche sowohl beruflich wie auch privat ganz neue Perspektiven“, weiß die gebürtige Allgäuerin. Wer auf kulturelle Angebote wie Museums-, Theater- oder Musik-Workshops zurückgreife, stärke dadurch nicht nur seine Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge, sondern auch das kritische Urteilsvermögen. Auch Dauerbrenner-Themen wie Digitalisierung, Urheberrechtsfragen, Datenschutz werden in den Kursen aufgegriffen – ganz aktuell: Diversität. Mit dem drängenden Problem, die gesellschaftliche Vielfalt nicht als Hindernis, sondern als Chance wahrzunehmen, kämpfen insbesondere Kulturunternehmen, die sich ihre Eintönigkeit in der Führungsetage mitunter nicht eingestehen. Häufig stoße man dort auf die gleichen Managertypen und stelle Arbeitnehmer nach demselben Muster ein. Viele, so die Expertin, seien mit dem rasanten Wandel überfordert. Hier kommt die kulturelle Bildung ins Spiel: „Das Fremde kann durch kulturelle Vielfalt differenziert wahrnehmbar werden. Dann erkennen Unternehmer, dass es sie nicht nur persönlich, sondern auch wirtschaftlich weiterbringt.“

Kultur als Sensibilisierungsmotor

Zunehmend mehr Unternehmen interessieren sich beispielsweise für Theater-Workshops. Ein guter Anfang, findet die Professorin. Führungskräfte brauchen ein Gespür für Stimmungen der Mitarbeiter und eine gewisse Präsenz, die sie auch in Theaterkontexten lernen können, so die Leiterin. Dirigier-Workshops – bei dem Führungskräfte ein Orchester dirigieren – zeigen auf, dass jede kleine Geste oder Veränderung das Gefüge im Unternehmen beeinflusst. Was also macht die kulturelle Bildung möglich? „In sich selbst alles entdecken, was neue Erweiterungspotenziale bietet.“ Die Pädagogin überlegt einen Moment und schließt: „Wir sollten die Schranken im Kopf ablegen!“

Das Gästeaus der Bundesakademie

Die Schünemannsche Mühle in „Klein Venedig“ ist ein Veranstaltungsort, dem eine oasenhafte Atmosphäre nachgesagt wird. Abgeschottet von der Außenwelt finden hier intensive und erfolgreiche Lehrgänge statt. Vor etwa 30 Jahren wurde das Gebäude restauriert, so dass verteilt auf drei Etagen ein idyllisches Gästehaus und Räumlichkeiten für diverse Veranstaltungen entstanden – die Mühle blieb dabei als solche erkennbar.

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