„Die digitale Transformation steht noch am Anfang“

Der Braunschweiger Autor, Organisationsberater und Keynote-Speaker Sebastian Purps-Pardigol über den technischen, menschlichen und kulturellen Wandel.

Der Braunschweiger Autor, Organisationsberater und Keynote-Speaker Sebastian Purps-Pardigol. Foto: Privat

Zur Jahrtausendwende entwickelte er digitale Geschäftsfelder für SonyMusic, gründete im Jahr 2010 mit dem Hirnforscher Dr. Gerald Hüther die Initiative Kulturwandel in Unternehmen und erforscht seitdem die Erfolgsmodelle mitarbeiterzentrierter Firmenkulturen. Sebastian Purps-Pardigol veröffentlichte seine Erkenntnisse im Jahr 2015 in dem Wirtschafts-Bestseller „Führen mit Hirn“ und legt mit „Digitalisieren mit Hirn“ nun ein weiteres wichtiges Buch zum Thema Firmen- und Mitarbeiter-Transformation vor, für das er zusammen mit Co-Autor Henrik Kehren 150 Interviews geführt und 30 mittelständische Unternehmen analysiert hat. Standort38 sprach mit dem Digitalisierungsexperten.

Herr Purps-Pardigol, die Digitalisierung gilt in Deutschland als Schreckgespenst und Heilsbringer, Chance und Gefahr. Was bedeutet diese für Sie persönlich?

Beides stimmt. Ganz persönlich sehe ich für mich und die Menschen, die ich beobachte die Gefahr, dass wir bereits durch die digitale Kommunikation und die sozialen Medien unglaublich viel Zeit verschwenden. Erweitern wir die Perspektive: Disruptive Geschäftsmodelle sind eine mögliche Bedrohung für immer mehr Branchen. Zugleich: Bisher sorgt uns doch eher die Antizipation, was geschehen könnte. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert, ist rasant. Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem die Elektrizität erfunden wurde, bis ein signifikanter Anteil der Bevölkerung sie auch nutzte. Heutige Erfindungen setzen sich in wenigen Jahren durch – beispielsweise das veränderte Fernsehverhalten. Ich persönlich nutze nur noch Streaming-Dienste. Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen für sehr schnelle Veränderungen des Marktes gewappnet sein. Wie gelingt das? Mit einer Unternehmenskultur, in der Mitarbeitende in der Lage sind und auch die Lust dazu haben, schnell zu agieren.

Laut einer aktuellen Studie von Huawei, dem weltweiten Marktführer für Telekommunikation, sind 60 Prozent der Deutschen der Meinung, dass durch die fortschreitende Digitalisierung bestehende Arbeitsplätze abgebaut werden. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ich halte das für Panikmache. Der Branchenverband Bitkom hat dazu kürzlich eine ähnliche Forschung in Frage gestellt. Man muss sich Studien immer im Detail anschauen. Bei der von der Bitkom kritisierten Veröffentlichung gab es mehrere Antwortmöglichkeiten zu der Frage „Glauben Sie, dass Arbeitsplätze verloren gehen könnten?“. Selbst wenn man mit einem „Ja, das könnte ich mir vorstellen“ antwortete, wurde es gleich als „Dieser Mensch hat Angst vor Arbeitsplatzverlust“ gewertet. Prof. Gunther Olesch, Geschäftsführer des Blomberger Familienunternehmens Phoenix Contact, den ich für das aktuelle Buch gesprochen habe, echauffiert sich gerne über die Medien. „Wenn am Sonntag in einer Talkshow mal wieder ein Pseudoexperte davon spricht, dass viele Arbeitsplätze verloren gehen, muss ich den ganzen Montag damit verbringen, die 15.000 Mitarbeitenden wieder zu beruhigen“. Werden irgendwo Arbeitsplätze verloren gehen? Ja. Werden neue hinzukommen? Ja. Kein Mensch kann die Zukunft wirklich voraussehen. Was wir tun können, ist, uns bestmöglich darauf vorzubereiten. Und das bedeutet: Wir brauchen Unternehmen, die agil auf Marktveränderungen reagieren können. Und das gelingt nur, wenn die Art und Weise der Zusammenarbeit der Menschen in diesen Firmen sich verändert und wenn tradiertes archaisches Führungsverhalten mancher Chefs der Vergangenheit angehört.

Wie gut sind Deutschlands Unternehmen aktuell digital aufgestellt?

Die Start-Ups haben es in Deutschland sicherlich nicht so einfach wie ein Start-Up im Silicon Valley. Wir dürfen uns jedoch nicht mit diesen Firmen vergleichen, sondern müssen eher fragen: Wie geht es dem Mittelstand? Denn der macht Deutschland so einzigartig. In der Recherche für unser Buch haben wir einige Mittelständler entdeckt, die eine digitale Transformation deutlich besser meistern, als Medien und Politiker gerne behaupten. Wir sind jedoch noch ganz am Anfang. Selbst die Unternehmen, die aus meiner Sicht zur Avantgarde des digitalen Wandels gehören – wie beispielsweise der Heizungsbauer Viessmann, der Küchenproduzent Rieber oder auch die Hamburger Otto Group – sind erst seit zwei bis drei Jahren dabei. Ich hoffe, dass viele weitere Firmen sich durch die Positivbeispiele, die wir gefunden haben, inspirieren lassen.

Über die Digitalisierung gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Büchern. Warum braucht die Welt noch eines von ihnen?

Es gibt einige wirklich gute Bücher, die sich dem Thema „Wie digitalisieren Sie?“ widmen. Unser Buch beschäftigt sich mit etwas völlig anderem: Der Frage, wie es gelingen kann, dass die Mitarbeitenden die digitale Transformation wirklich mit leben und vorantreiben. Alexander Birken, CEO der Otto Group, hat es im Gespräch mit uns wunderbar auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Das Technische bekommen wir schon irgendwie hin. Richtig schwierig ist jedoch das Menschliche, das Kulturelle“. Wir haben über drei Dutzend Unternehmen analysiert und letztlich zwölf ausgewählt, deren digitale Transformation und insbesondere den damit einhergehenden kulturellen Wandel wir en Detail beschreiben. Parallel dazu beschreiben wir meist mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen die dahinter liegenden Erfolgs-Muster. Nur zu lesen, was ein Unternehmen Tolles gemacht hat, reicht nicht. Wir wollen, dass der Leser versteht, warum es diesen Firmen gelungen ist, damit er es auch für sein eigenes berufliches Umfeld anwenden kann.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet und was wollen Sie damit bewirken?

Wir haben 18 Monate lang Gespräche geführt und hunderte von wissenschaftlichen Studien durchgearbeitet. Wenn es gelänge, dass viele Firmen durch unser Buch beginnen, die eigene Unternehmenskultur in den Fokus zu nehmen, die Art und Weise der Zusammenarbeit verändern und Chefs anfangen, das eigene Menschenbild zu hinterfragen – dann haben wir mit dem Buch erreicht, was wir erreichen wollen.

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