„Globalisierung ist kein Schimpfwort“

Tobias Hoffmann, geschäftsführender Gesellschafter der Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH, über das Wunder von Lengede, die Herausforderung China und ein Arbeitsleben ohne Sekretärin

Tobias Hoffmann, geschäftsführender Gesellschafter der Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH. Foto: Holger Isermann

Tobias Hoffmann, geschäftsführender Gesellschafter der Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH. Foto: Holger Isermann

Ein Mittwoch, Ende Mai im niedersächsischen Lengede. Vor 55 Jahren brandete in einer Eisenerzgrube unbeschreiblicher Jubel auf. Elf verschüttete, längst tot geglaubte Bergarbeiter erblickten nach zwei Wochen völliger Dunkelheit wieder Sonnenlicht und wurden gerettet. Millionen Menschen auf der gesamten Welt verfolgten am 7. November 1963 dieses dramatische Ereignis, das als „Das Wunder von Lengede“ in die Geschichte einging. 17 Jahre später, im Jahre 1980, begann eine weitere Geschichte auf dem ehemaligen Erzschacht Mathilde in der Hauerstraße: Georg Hoffmann, Werkzeugmacher und Ingenieur, war von Braunschweig nach Lengede umgesiedelt und hatte erkannt, was den metallverarbeitenden Betrieben in Deutschland fehlte: Anlagen, die im Mikrometerbereich Öl filtern und rückkühlen.

Eine Erfolgsstory begann, die von Tobias Hoffmann, einem seiner drei Söhne, seit 1995 fortgesetzt wird. Heute beschäftigt die Hoffmann Maschinen- und Apparatebau GmbH über 250 Mitarbeiter. Auf 30.000 Quadratmetern Fläche werden in den Werkshallen in Lengede und Broistedt Filteranlagen zur Schleifölaufbereitung und die dazugehörigen Komponenten nach Kundenwunsch gefertigt. Mit Kunden und Anwendern aus Deutschland, Europa, Ostasien, Brasilien und den USA erzielt das Unternehmen einen Jahresumsatz von 35 Millionen Euro. Wir trafenden Firmenchef Tobias Hoffmann in seiner privaten Galerie unter dem Dach des Firmensitzes. Der 52-Jährige engagiert sich als Vorsitzender des Braunschweiger Kunstvereins und könnte nächster Präsident der hiesigen IHK werden, oder Herr Hoffmann?

Herr Hoffmann, viele legendäre Firmen-geschichten beginnen in Garagen, Ihre fing in einer fensterlosen Holzbaracke in der Alten Frankfurter Straße in Braunschweig an. Was hat Ihr Vater im Jahr 1971 dort gemacht?

Er war als Maschinenbauingenieur und Werkzeugmacher im Außendienst für ein Schweizer Unternehmen tätig. Sein Thema waren Ölmittelabscheider und in den Fabriken fiel ihm auf, dass das vorrangige Problem nicht der Ölnebel ist, sondern das Öl sauber zu bekommen. Das hat er zum Anlass genommen, sich mit einem väterlichen Kredit von 15.000 Mark selbstständig zu machen – auf dem Hof einer alten Zuckerfabrik in der Braunschweiger Gartenstadt.

Wie sah das konkret aus?

Er hat dort im Blaumann herumgewerkelt und getüftelt und kam abends oft ölbesudelt nach Hause. Das Experimentieren, Probieren, der hohe Qualitätsanspruch und der unbedingte Erfolgswille lagen ihm im Blut. Diese DNA hat sich bis heute zur Firmenkultur weiterentwickelt.

Was war Georg Hoffmann für ein Mensch?

Er hat sein Herz auf der Zunge getragen und konstruktiv kritisiert, hohe Ansprüche an sich und andere, war aber immer auch Mensch. Das prägendste war für mich im Rückblick: Mein Vater konnte rechtzeitig abgeben und delegieren, hat seinen Mitarbeitern Chancen und Laufbahnen ermöglicht. Wir haben bis heute einen motivierten Stamm von leitenden Mitarbeitern, die zum Teil noch als junge Leute bei meinem Vater gelernt haben.

War er mehr Handwerker oder Kaufmann?

Er war kein Kaufmann. Sein Geschäft hat er damals mit fünf Kennzahlen auf einem Zettel in der Schublade geführt. Mein Vater wollte auch keine Bankkredite aufnehmen. Irgendwann wurde es aber nötig, im Unternehmen kaufmännischere Grundlagen zu schaffen und auch wichtige Investitionen zu tätigen.

Wie sah Ihre Kindheit aus? Waren Sie ein richtiges Unternehmerkind?

Meine Brüder und ich haben in den Ferien im Unternehmen gejobbt. Als Bezahlung gab es dann eine Portion Schrott, denn der Schrotthändler hat bar bezahlt. Im Gegensatz zu meinen technisch interessierten Brüdern lag mir mehr das Kaufmännische. Nach meiner zweijährigen Ausbildung bei der Firma Renolit in Salzgitter, einem Hersteller von hochwertigen Kunststoff-Folien, habe ich Zivildienst und ein Studium in Lüneburg absolviert.

Im Jahr 1995 sind Sie dann ins Unternehmen eingestiegen. Aber nicht sofort in die Geschäftsführung …

Nach Art des Hauses war ich zunächst ein Jahr lang als Hilfsmonteur auf Montage unterwegs, um nicht nur die Firma und Mitarbeiter, sondern auch alle Kunden im Blaumann durch den Lieferanteneingang kennenzulernen. Mein Vater meinte zu den Kollegen nur trocken: „Schonen Sie ihn nicht“. Das war damals sehr lehr- und hilfreich für mich und hat mir Akzeptanz in der Belegschaft verschafft. Einige haben gesagt: „Na ja, wenigstens früh aufstehen kann er ja“ (lacht). Und ein paar Handgriffe mit den üblichen Verletzungen adeln einen auch. Ich würde es jedem so empfehlen und wieder machen.

Haben Sie schon damals gemerkt, dass man einiges im Unternehmen anders machen könnte?

Ich habe festgestellt, dass ich kein Faible für Zahlen habe, aber eines fürs Organisieren und Koordinieren. Ich war früher Spartenleiter im Sportverein, habe während meines Studiums in Lüneburg den dortigen Alumni-Verein gegründet. Mich hat das Management immer fasziniert und interessiert, obwohl mein Vater gesagt hat: „Das ist nur etwas für große Firmen. Wir sind eine Blechklitsche.“

Das sind Sie heute nicht mehr …

Mit mir wurde das Unternehmen kaufmännischer und internationaler – in den ausgehenden 90er Jahren haben wir den Sprung auf die europäische Bühne geschafft. Später dann auch in die Welt. Wir sind mit den Anforderungen unserer Kunden gewachsen. Die weltweit sechs führenden Hersteller von Schleifmaschinen für Verzahnung kaufen heute bei uns. Es gibt Wettbewerber von uns, die das nicht gemacht haben und in ihrem „Blechbudenbereich“ verharren.

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