„Heute bin ich Zeitmillionär“

Norman Lies ist 17 Jahre lang als Angestellter die Karriereleiter emporgestiegen. Warum er jetzt Sicherheit gegen Freiheit und Jackett gegen Sportshirt getauscht hat, verriet er bei einem sehr persönlichen Gespräch in Wolfenbüttel.

Norman Lies. Foto: Holger Isermann

Norman Lies. Foto: Holger Isermann

Eigentlich gibt es bei Interviews eine klare Rollenverteilung. Der Journalist fragt, der Gesprächspartner antwortet. Doch dieser Nachmittag in Wolfenbüttel ist anders. Norman Lies sitzt im Wohnzimmer seiner Dachgeschosswohnung und hat Fragen: Wann haben Sie das letzte Mal ein Bild gemalt? Sind Sie glücklich in Ihrem Job?

Wie haben Sie dieses Jahr den Vatertag verbracht? Der frühere Marketingchef der Volksbank BraWo hat sein Leben vor einigen Wochen komplett auf Null gestellt und sich eine Auszeit auf unbestimmte Zeit genommen. Dabei ist sein Karriereweg bisher auffallend geradlinig verlaufen. Schon als 14-Jähriger stolpert Lies fasziniert von der Technik in einen Computerladen in Wolfenbüttel. Weil der Chef kein Geld für eine Aushilfskraft hat, wird die Arbeit zur Freizeitbeschäftigung. Gut zwei Jahre später wechselt er zum Computerhandel Tigersoft, der aus einer Studenteninitiative entstanden ist. Als Jugendlicher genießt er das kumpelhafte und unbürokratische Arbeiten, baut neben der Schule Neubestellungen zusammen, installiert Software, lernt den Umgang mit Kunden und Großhändlern. Nach dem Abitur soll dann aber doch eine Ausbildung her und Schluss sein mit Wochenendschichten bei Kaffee und Döner.

Der Blick nach Oben

Lies beginnt eine Ausbildung als Bankkaufmann bei der Volksbank in Wolfenbüttel, wechselt dort schließlich in die IT-Abteilung, baut zur Jahrtausendwende das E-Banking am Standort auf und sammelt erste Erfahrungen als Führungskraft. Auch das Marketing fällt bald in seinen Verantwortungsbereich. Es geht bergauf und er ist damals fasziniert vom Gestaltungsspielraum der Vorstände. Motiviert büffelt er für die Bankleiterqualifikation und schließt sie erfolgreich ab. „Natürlich schauen Sie auf dem Karriereweg, auf dem ich damals war, nach oben.“ Weil die klare Perspektive in Wolfenbüttel fehlt, entscheidet er sich 2011 zu gehen. „Ich war komplett flexibel, aber der Ruf kam ausgerechnet aus Braunschweig.“ Er lacht und erzählt vom besonderen Spirit, der ihn angezogen hat und dem unheimlich ambitionierten Auftritt der Volksbank BraWo. Der gebürtige Wolfenbütteler startet als Bereichsleiter Marketing in einer Zeit des Um- und Aufbruchs, begleitet ambitionierte Projekte wie den Bau des BraWo-Parks. In Braunschweig ist er zuletzt für 24 Mitarbeiter in mehreren Teams verantwortlich – mit sehr unterschiedlichen Arbeitszeiten. Ein Beruf mit vielseitigen Herausforderungen, vertrauensvoller Zusammenarbeit und großem Gestaltungsspielraum. „Ein Traumjob“, sagt er. „Dafür empfinde ich auch heute noch echte Dankbarkeit.“

Ein ambitioniertes Hobby

Einen Großteil seiner Freizeit investiert er in seine Digitalagentur meviso, die er 2004 gegründet hat und nebenberuflich abends und am Wochenende betreibt. „Das war mein ambitioniertes Hobby.“, so beschreibt er es. Doch neben der Arbeit kommt im Lauf der Zeit einiges zu kurz: Rückblickend habe er Scheuklappen auf den Augen gehabt und sich selbst zu wenige Fragen gestellt. Das ändert sich erstmals 2013 mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter, der für Lies zur persönlichen Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens wird. „Da ist mir das erste Mal wirklich klar geworden, dass ich nicht unsterblich bin.“ Nachträglich hätte er sich gewünscht, das Verhältnis intensiver gepflegt zu haben. Lange bedeutete Sohn sein für ihn einen wöchentlichen Anruf über das Autotelefon.

Halbzeit im Leben

Lies ist fast 40, hat keine Kinder und ist nicht verheiratet. Halbzeit. Und viele Fragen im Kopf: Wofür lebe ich eigentlich? Welche Werte treiben mich heute an? Worauf möchte ich später zurückblicken? „Ich begann mich zu fragen, ob es da draußen noch ein anderes Leben gibt“. Er blickt aus dem Fenster, wirkt nachdenklich aber zugleich auffallend selbstreflektiert. „Ich glaube, dass es wichtig ist, sich ab und an die Zeit zu nehmen und seinen persönlichen Status quo zu hinterfragen. Im Alltag vergessen wir leider allzu oft, auf unsere innere Stimme zu hören. Viele Menschen leben so, als wäre ihre Existenz nur die Generalprobe für das richtige Leben. „Das machen wir alles später, wenn wir mal nicht mehr arbeiten müssen.“ – ja, und dann, … und bis dahin?“ Auf der Suche nach Antworten fährt er allein in den Urlaub und trifft vor dem weiten Horizont der Ostsee die Entscheidung zu kündigen. Er sehnt sich nach einer echten Auszeit ohne festes Ablaufdatum und Hintertür.

Alles fühlt sich richtig an

Im März zwingt ihn ein langwieriger Bandscheibenvorfall zur Operation. Mitte April sitzt Lies wieder am Schreibtisch. Er will alles richtig zu Ende bringen, veranstaltet noch an seinem letzten Arbeitstag in Braunschweig als Gastgeber die jährliche Marketingleitertagung der 20 größten Volksbanken. Am nächsten Tag wacht er morgens auf und ist nur noch Norman Lies. Alles fühlt sich richtig an. „Heute bin ich Zeitmillionär.“ Da ist keine Reue oder Sehnsucht nach dem alten Leben in seiner Stimme. „Status hat mich nie getriggert“, betont er. „Die Zeit war toll und sehr wichtig für mich, ich durfte vieles lernen und mich persönlich entwickeln. Ich bin den Menschen dankbar, die etwas in mir gesehen und mich auf meinem Weg gefördert haben.“ Sein eigenes Selbstverständnis als Führungskraft sei es stets gewesen, andere Menschen zu befähigen und ihnen dabei zu helfen, erfolgreich in ihrem Tun zu werden. „Der Abschied ist mir schon schwergefallen; umso mehr freue ich mich, dass sich so viele Verbindungen erhalten.“

Am Steuerrad des eigenen Lebens

Bei den Reaktionen aus dem Umfeld ist alles dabei. Viele verstehen nicht, wie man Karriere und Sicherheit aufgeben kann. Andere beglückwünschen ihn für den Mut. „Endlich traut sich mal einer“, hat er häufiger gehört. Er selbst hat dazu eine klare Meinung: „Niemand von uns ist seinem Leben oder irgendwelchen Umständen ausgeliefert – die Opferrolle behagt mir nicht. Wir alle sind der Steuermann unseres Lebens, und nur wir allein haben die Verantwortung, uns zu entwickeln und unser Leben spannend und lebenswert zu gestalten.“ Mittlerweile ist Sport im Leben des 40-Jährigen von der Kür zur Pflicht geworden, er hat den Fernseher gegen gute Bücher und Zeit mit Freunden getauscht und ist viel unterwegs. Beruflich konzentriert er sich auf seine Ein-Mann-Agentur, die Website-Services anbietet und sich viel besser entwickelt als erwartet. „Aber es fühlt sich gerade überhaupt nicht nach Arbeit an, weil ich allen Orts und zu jeder Zeit aktiv sein kann. Es entspricht sehr meiner jetzigen Definition von persönlicher Freiheit: Machen was ich möchte, wann ich es möchte, mit wem ich es möchte und solang ich es möchte.“ Norman Lies ist heute zugleich ein bisschen Aussteiger und digitaler Nomade. Worte, die Wegbegleitern noch vor einigen Wochen wohl nicht in den Sinn gekommen wären, wenn sie ihn hätten beschreiben sollen. Aber er hat sich auf den Weg gemacht und ist dabei, sich neu zu erfinden – Ausgang ungewiss. Sicher ist er sich dagegen bei einem Satz, der die Überschrift für den neuen Lebensabschnitt sein könnte: „Lieber mal was riskieren, als ewig zu bereuen, sich nicht getraut zu haben.“

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