„Wir leben in einem neuen Erdzeitalter“

Prof. Dr. Stephan Weber, Leiter des Instituts für Geoökologie an der TU Braunschweig, im Interview

Auf dem Institutsdach am Langen Kamp: Auch hier wurden Begrünungsmodule aufgebaut. Foto: Stephanie Link

Auf dem Institutsdach am Langen Kamp: Auch hier wurden Begrünungsmodule aufgebaut. Foto: Stephanie Link

Herr Weber, bis 2050 möchte die Region 95 Prozent der Treibhausgase und 50 Prozent des Energieverbrauchs einsparen. Wie realistisch ist das?

Ob das im Kern realistisch ist, lässt sich nicht endgültig beurteilen. Das Thema ist komplex, dazu gehören Fragen der Effizienz. Angefangen bei technischen Maßnahmen bis hin zum neu gedachten Mobilitätsverhalten. Ich finde es aber extrem wichtig, dass man sich dieser Strategie annimmt und schaut, welche Möglichkeiten der Treibhausgasreduktion es gibt. Der Klimawandel betrifft uns alle und die Region ist mit ihren Zielen bundesweiter Vorreiter.

Aktuell wird in den Naturwissenschaften eine Debatte um ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän, geführt. Was halten Sie davon?

Wir leben in einem neuen Erdzeitalter. Als Klimatologe sehe ich – von der Atmosphäre angefangen über verschiedeneÖkosysteme – den menschlichen Einfluss. Da muss man nur an den Klimawandel, das Thema Mikroplastik oder das derzeit diskutierte Insektensterben denken.

Was macht das Anthropozän also aus?

Grob zusammengefasst: Mannigfaltige Belege des erhöhten menschlichen Drucks auf unsere Ökosysteme. In der Atmosphäre,im Boden, in Flora und Fauna, überall sehen wir deutliche Signale. Das kann auch nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Lässt sich eine Anfangszeit definieren?

Als Atmosphärenwissenschaftler sehe ich die Industrialisierung des 20. Jahrhunderts als Ursprung. Insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren ist der Ausstoß von Schadstoffen und Treibhausgasen stark angestiegen und die Landnutzung hat sich gewandelt.

Da kann man jetzt einwenden, dass sich schon immer etwas verändert hat. Dass die Entwicklung normal ist …

Im Prinzip ist das richtig. Die Frage ist aber immer, ob es sich um einen Zyklus oder den Trend in eine bestimmte Richtunghandelt. Das zyklische Signal, also die natürliche Variabilität, die es beispielsweise beim Klima gibt, muss vom menschlichen Signal getrennt werden. Seit etwa 50 Jahren sehen wir einen dramatischen Wandel in eine bestimmte Richtung. Die Treibhausgase nehmen zu, die Artenvielfalt ab.

Was bedeutet das für uns?

Das Insektensterben, auch als Auswirkung der landwirtschaftlichen Nutzung, tut zunächst niemandem weh. Für den Umweltwissenschaftler ist das aber schon ein deutlicher Fingerzeig. Aber erst, wenn nicht mehr genügend Potenzial zur Bestäubung vorhanden ist und das zu wirtschaftlichen Folgen führt, bekommt das Thema gesellschaftliche Relevanz.
Wer muss hier in die Verantwortung genommen werden?

Am Ende ist jeder Einzelne für sein Handeln verantwortlich und kann seinen Beitrag zur globalen Entwicklung leisten. Über politische Vorgaben kann dies unterstützt werden.

^