„Wir haben die VW-Krise hier live miterlebt“

Das AWO Psychiatriezentrum in Königslutter versorgt mit mehr als 1.000 Mitarbeitern rund 880.000 Menschen in der Region. Geschäftsführer Thomas Zauritz und Projektleiterin Janet Maischik-Katoll sprachen mit uns über den kollektiven Burnout, das neue Angebot Gesundheit Plus und Krankheiten, die sich rechnen.

Geschäftsführer Thomas Zauritz. Foto: Holger Isermann

Im Landkreis Helmstedt kann man den langen Atem der Geschichte noch immer spüren: Von den Schöninger Speeren der Altsteinzeit bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands an der „Zonengrenze“ reicht die große historische Spannbreite. Eine wichtige Rolle spielt Königslutter.  Die Stadt beheimatet das Wahrzeichen des Ortes, den Kaiserdom, der im Jahr 1135 von Lothar III. errichtet wurde. Doch nicht der bekannte Wallfahrtsort des späten Mittelalters mit den sehenswerten Bildhauerarbeiten lombardischer Steinmetze ist unser Ziel an einem kalten Montagmorgen Anfang März, sondern eine andere Institution, dessen Historie 150 Jahre zurückreicht: Das AWO Psychiatriezentrum. Am 1. Dezember 1865 wurde es als Herzoglich Braunschweigische Heil- und Pflegeanstalt errichtet, die sich zum mittlerweile größten niedersächsischen psychiatrischen Fachkrankenhaus entwickelt hat. Mehr als 1.000 Mitarbeiter sind hier Tag und Nacht für die Patienten im Einsatz. Hinzu kommen Tageskliniken in Wolfsburg, Wolfenbüttel, Gifhorn, Helmstedt und Peine. Geschäftsführer der AWO Niedersachsen gGmbH ist Thomas Zauritz, den wir zusammen mit Janet Maischik-Katoll, Leiterin des Projekts Gesundheit Plus, zum Interview trafen.


1865 wurde in Königslutter auf ehemaligen Ländereien des früheren Benediktinerklosters die „Herzoglich Braunschweigische Heil- und Pflegeanstalt“ eröffnet. Was war das damals für eine Einrichtung?


Zauritz: Die Einrichtung ist 1865 wirklich als moderne Psychiatrie des Herzogtums Braunschweig gegründet worden. Im Zuge der Aufklärung haben sich die Ansprüche an die Behandlung von psychisch Kranken deutlich verändert und hier in Königslutter entstand die Antwort darauf.


Sie sprechen von „moderner“ Psychiatrie. Wie kann man sich das vorstellen?


Zauritz: Es waren einfach sehr zeitgemäße Behandlungsansätze. Sie hatten auch damals schon viele Gärten, in denen man spazieren gehen und Ruhe finden konnte. Das hat sich bis heute nicht verändert.


Trotzdem wurde die Psychiatrie vor den Toren der Stadt eröffnet. Wie groß waren damals die Berührungsängste mit dem Thema?


Zauritz: Enorm groß. Das ist ja erst in den vergangenen 20 Jahren deutlich besser geworden. Wahrscheinlich erleben Sie das auch in Ihrem persönlichen Umfeld, oder? Wir bemühen uns durch ein offenes Haus und Veranstaltungen, die Hemmschwellen weiter abzubauen. Wir sind ein ganz normales Krankenhaus – nur eben für psychische Erkrankungen.


Haben psychische Erkrankungen heute schon die Akzeptanz, die sie verdienen?


Zauritz: Nein. Der Weg ist noch nicht zu Ende. Das Problem ist ja auch, dass die Psychiatrie oft mit Themen wie Kriminalität oder Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Es heißt dann oft, die Täter seien psychisch krank, aber das sind die wenigsten von ihnen. Oder nehmen Sie die Sicherungsverwahrung. Das alles hat mit psychischen Erkrankungen erst mal überhaupt nichts zu tun…


… aber Sie leiden unter dieser Vermischung?


Zauritz: Absolut, das ist mit Sicherheit so.


1982 wurde die „Abteilung für Psychiatrie des Kinder- und Jugendalters“ eröffnet. Haben Kinder heute mit mehr psychischen Erkrankungen zu kämpfen als früher?


Zauritz: Man kann wie bei allen anderen Altersgruppen eine steigende Tendenz feststellen. Wissenschaftliche Studien gehen zwar davon aus, dass die Krankheitsbilder nicht häufiger auftreten. Allerdings begeben sich immer mehr Menschen in Behandlung. Das hat verschiedene Gründe.


Welche?


Zauritz: Früher hat die Familie oder Gemeinschaft noch mehr Dinge abgefedert und Menschen mitgetragen. Das ist eine ähnliche Entwicklung wie in der Pflege. Heute ist professionelle Hilfe nötiger. Außerdem steigt die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen, weil dies viel stärker akzeptiert wird.


Das heißt, die Menschen werden nicht kränker, sondern nur sensibler?


Zauritz: Genau. Außerdem ist die Diagnostik besser geworden. Viele Hausärzte können Erkrankungen früher erkennen und überweisen schneller an die entsprechenden Krankenhäuser.


Besonders die Boulevard-Medien sehen uns bereits auf dem Weg in den kollektiven Burnout. Wie sehr nerven Sie solche Schlagzeilen?


Zauritz: Letztendlich ist es erst mal positiv, dass darüber berichtet wird. Es ist eigentlich egal, was auf dem Etikett steht, ob Burnout oder Depression. Viele Fachleute sagen im Übrigen, dass Burnout gar keine Erkrankung ist. Wenn aber die Menschen mit diesem Begriff besser leben können, weil sie zuviel gearbeitet haben und nicht einfach krank sind, würde ich das positiv bewerten. Wichtig ist doch, dass sie sich behandeln lassen.


Würden Sie als Geschäftsführer des AWO Psychiatriezentrums also sagen, dass mehr Behandlungsfälle eine positive Entwicklung sind?


Zauritz: Natürlich. Früher haben sich viele Menschen gewehrt. Dann chronifizieren sich Erkrankungen und verschlimmern sich im Zweifelsfall. Und wer heute mit einer Depression zur Behandlung geht, ist in der Regel nach drei bis vier Wochen zuhause und hat keine Probleme mehr. Natürlich gibt es Krankheitsbilder, wo es deutlich schwieriger ist und man vielleicht ein Leben lang damit zu tun hat, aber das ist ja in jedem medizinischen Feld so.


1985 entstand in Königslutter die „Psychotherapieabteilung“. Warum eigentlich so spät?


Zauritz: Das ist schon eine Entwicklung der Zeit. Wenn Sie sich den niedergelassenen Bereich anschauen, dann sehen Sie, dass man immer weniger niedergelassene Psychiater findet und mehr Therapeuten, die ja grundsätzlich erst mal die leichteren Fälle behandeln. Das ist schon ein Problem für die Behandlung schwer erkrankter Patienten. Hier müsste man eigentlich gegensteuern.

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