„Wir haben eine dienende Funktion“

Gerhard Döpkens, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, über den Versuch zugleich konservativ und fortschrittlich zu sein, unsichtbares Engagement und die Frage, was zuerst fällt die Krawatte oder das Sie

Gerhard Döpkens, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg. Foto: Holger Isermann

Gifhorn gedeiht: Nicht nur in der Stadt, sondern im gesamten Landkreis. Mit bundesweit überdurchschnittlichem Einkommen, niedriger Arbeitslosenquote, aber auch steigenden Immobilienpreisen. Die Mühlenstadt ist ein wichtiger Zulieferstandort und attraktives Mittelzentrum des Landes mit etwa 42.000 Einwohnern – geprägt durch die geringe Entfernung zu den Industrie- und Handelszentren Braunschweig und Wolfsburg. Mittendrin im Leben der Menschen bildet die Stadtsparkasse Gifhorn seit 1847 einen Anziehungs-, Kommunikations- und Finanzdienstleistungspunkt. Seit 1978 heißt das Unternehmen Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, an dem der Landkreis Gifhorn mit 60  und die Stadt Wolfsburg mit 40 Prozent beteiligt sind. Mit einer Bilanzsumme von mehr als dreieinhalb Milliarden Euro ist die Sparkasse heute Partner für Privat- und Firmenkunden und Wirtschaftsfaktor.

Am Stammsitz, Schloßplatz 3, stellt sich im Erdgeschoss sofort das altbekannte Bank-Gefühl ein: Schalter, Beratungsecke und Überweisungsträger – hier geht es noch um den direkten Kontakt zum Kunden. Und den will Gerhard Döpkens, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, den wir in der obersten Etage zum Titel-Interview treffen, nicht verlieren. „Der Mensch im Mittelpunkt – immer und überall“ ist sein Anliegen. Jeder Kunde soll jetzt und zukünftig individuell entscheiden, wie und wo er seine Finanzgeschäfte abwickelt – in der Filiale, am heimischen Rechner oder per Smartphone. Und er soll die passenden Angebote für jede Phase des Lebens bekommen. Das traditionsreiche, fest verwurzelte Unternehmen setzt auf langfristige Partnerschaften und wirkt zudem mit seinem gesellschaftlichen Engagement, auch mit verschiedenen Stiftungen, nachhaltig in die Region hinein. Doch angesichts verschärfter Regulierung, niedriger Zinsen und hohem Kostendruck muss sich auch die Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg strategisch, organisatorisch sowie operativ neu aufstellen. Döpkens, der seit 47 Jahren im Bankwesen tätig ist, wirkt im Gespräch ruhig und aufmerksam, souverän und selbstbewusst. Ihn bringt anscheinend nichts so schnell aus der Ruhe. Er ist sich dem Paradigmenwechsel im Kundenverhalten bewusst und will die Chancen der Digitalisierung erfolgreich nutzen und anpacken.


Im Jahr 1847 wurde die Stadtsparkasse Gifhorn gegründet. Was war das für eine Zeit?

Sparkassen gibt es bereits seit über 200 Jahren. Unser Haus hat drei Vorgänger-Institute: 1847 wurde die Stadtsparkasse Gifhorn, 1866 die Sparkasse Wittingen und 1921, was völlig außergewöhnlich ist, die Kreissparkasse Gifhorn gegründet. Anfang des 20. Jahrhunderts fanden eigentlich keine Gründungen von Sparkassen mehr statt …


… aber?

Die Stadtsparkasse Gifhorn hatte im südlichen Teil des heutigen Landkreises an verschiedenen Standorten Zweigstellen.Es gab eine Entwicklung, die im Kreis Gifhorn dazu führte, eine eigene Sparkasse zu errichten. 1934 sind dann alle drei Häuser zusammengelegt worden. Das war ein sehr schlanker Prozess – ohne Fusionsverhandlungen. Es gab einen Zweizeiler aus Berlin und damit war die Zusammenlegung formal entschieden (lacht).


Welche Rolle hatten Sparkassen in der Gründungsphase im 18. Jahrhundert?

Bis zur Gründung gab es an den jeweiligen Standorten für breite Teile der Bevölkerung keine Möglichkeit, den „Groschen“  irgendwo sicher anzulegen. Das war nicht möglich, genauso wenig wie es für das Kleingewerbe oder Handwerk denkbar war, von einer Bank eine Investitionsfinanzierung zu erhalten. Den Kreislauf, Einlagen entgegenzunehmen und für den Mittelstand oder die Haushalte wieder zur Verfügung zu stellen, gab es nicht.


Eine Bank für die kleinen Leute?

Absolut, das trifft zu. Der Großgrundbesitzer oder Industrielle hatte spezielle Kreditinstitute, die insbesondere in großen Städten ansässig waren. Für private Haushalte und den kleinen Gewerbebetrieb war das anders. Deshalb wurden in der Regel auf Initiative einer Kommune Sparkassen gegründet.


Inwieweit gehört dieser demokratisierende Grundgedanke auch heute noch zu Ihrem Selbstverständnis?

In einem sehr starken Maße. Das zeigt sich in unserer Aufgabenstellung, die uns von anderen Kreditinstituten unterscheidet. Wir haben die Aufgabe, jeder Bürgerin und jedem Bürger eine Kontoverbindung zu ermöglichen – unabhängig vom Einkommen, unabhängig vom Stand und unabhängig vom Vermögen. Das hat sich vor zwei Jahren unter anderem daran gezeigt, dass wir für Flüchtlinge Konten eröffnet haben.


Sind Sparkassen Good Banks?

Wir haben zumindest ein Selbstverständnis, das nicht typisch ist für alle Marktteilnehmer. Ohne dass ich deren Geschäftsmodell damit bewerten möchte. Bei uns finden Sie die komplette Spannbreite an Kunden, von Menschen, die keinen finanziellen Spielraum haben bis zum Private Banking. Vom kleinen Existenzgründer bis zum großen Mittelständischen Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern. Uns unterscheidet aber noch etwas anders …


… nämlich?

Eine Sparkasse ist ein kommunal getragenes Wirtschaftsunternehmen, mit Ausnahme der wenigen freien Sparkassen – dazu gehören beispielsweise Hamburg oder Lübeck, also die Hansestädte. Was heißt das? Wir haben eine besondere Aufgabe und Verantwortung für unser Geschäftsgebiet. Das drückt sich zum Beispiel in unserem gesellschaftlichen Engagement aus. Um dies nachhaltig wahrnehmen zu können, müssen wir wirtschaftlich erfolgreich sein.


In Wolfsburg ging es deutlich später los. Die Kreissparkasse Gifhorn hat dort am  1. Juli 1938 eine „Bretterbude“ eröffnet.

In Fallersleben waren wir schon seit 1917 über die Stadtsparkasse Gifhorn präsent. Aber in der heutigen Kernstadt Wolfsburg war es genau so, wie Sie sagen.

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