Economy Reloaded

Warum dem grünen Geschäft die Zukunft gehört

Grafik: HURCA!/Fotolia

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Es gibt Tage, da fühlt sich die Nachhaltigkeit unverstanden. Obwohl derzeit in aller Munde, vermag kaum jemand zu sagen, was sich hinter dem Begriffsgespenst tatsächlich verbirgt. Von vielen wird sie deshalb eher misstrauisch beäugt: Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Passt sie langfristig zum Geschäftsmodell? Und lohnt das überhaupt? Glücklicherweise ist die Nachhaltigkeit eine robuste Natur, die sich durchzusetzen weiß. Dr. Ralf Utermöhlen, Geschäftsführer der Braunschweiger Umweltberatung Agimus, ist ein langjähriger Wegbegleiter. Gemeinsam mit ihm wollen wir Licht ins Dunkle des grünen Definitionsdschungels bringen und klären, an welchen Stellschrauben die Region jetzt drehen muss …

Ein vage umrissenes Feld: die Nachhaltigkeit oder – wie es die Unternehmensethiker formulieren – Corporate Social Responsibility (CSR). Häufig wird unter dem Label vieles gesammelt, was in irgendeiner Art und Weise ökologisch, ökonomisch und sozial ist – eine einheitliche Definition aber fehlt. „Der Begriff wird in der Tat zu inflationär benutzt“, kritisiert Ralf Utermöhlen. „Für mich bedeutet nachhaltiges Handeln in erster Linie, dass jede Generation so leben sollte, dass nachfolgende ähnlich gute Voraussetzungen vorfinden.“ Fairness, so der Umwelt-Experte, sei der Schlüsselbegriff, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft herzustellen. Doch ist mit weiteren Umschreibungen auch nichts gewonnen. Wie sich jetzt also als Pragmatiker dem Thema annehmen? Denken Sie groß, rät Utermöhlen. „Fragen Sie sich zuerst, welche Rolle Ihr Unternehmen in einer ideal nachhaltigen Welt spielen würde. Hätte es eine Existenzberechtigung oder muss etwas verändert werden? Wer das genauer wissen möchte, findet viele Tools, am Ende wirksam ist nur eins: Das Durchleuchten des Geschäftsmodells mit ehrlicher Selbstkritik.“

„Wer bestand haben will, muss sich wandeln“

Papierberge, PC im Dauer-Standby und emissionsreiche Lieferketten – wer sucht, der findet. Andererseits läuft‘s ja. Gut sogar, die Lage ist stabil, die Nachfrage gegeben. „Mit konventionellen Produkten lässt sich nach wie vor viel Geld verdienen. Und Wandel ist immer schwierig, besonders, wenn die Märkte erst noch geschaffen werden müssen.“ Warum trotzdem dieser Zirkus um die Veränderung? Utermöhlen: „Es kommen nicht nur neue Regularien, auch die Bedürfnisse von Kunden und Verbrauchern werden sich drastisch verändern. Wer dauerhaft am Markt Bestand haben will, muss sich wandeln.“ Der Geschäftsführer selbst geht mit gutem Beispiel voran, kauft in Fairfashion- und Unverpackt-Läden ein und reist lieber mit der Bahn als mit Auto und Flugzeug. Gleichzeitig weiß er: „Diese Initiativen retten nicht die Welt. Aber sie sind ein Anfang.“ Doch trotz des Wissens um die Notwendigkeit gestaltet sich der Spagat zwischen Wettbewerbsfähigkeit und grünem Engagement schwierig.

Die Sache mit der belächelten Elektromobilität

Bestes Beispiel: Die Automobilindustrie. Sie steckt mitten drin im grünen Wandel – das große Geld verdient sie aber nicht mit Elektrofahrzeugen, sondern noch immer mit den Verbrennungsmotoren. Ralf Utermöhlen plädiert auch hier für Fairness: „Es ist nicht korrekt, eine sich entwickelnde Technologie mit einer Technik gleichzusetzen, die seit 100 Jahren erfolgreich läuft.“ Noch sei der Konsument zwar zögerlich und der Markt im Aufbau, nichtsdestotrotz müsse man die Individualmobilität als Teil der nachhaltigen Welt begreifen – und die Industrie sukzessive nach den entsprechenden Kriterien ausrichten. „Unternehmen spielen die herausragende Rolle beim Gelingen einer nachhaltigen Gesellschaft. Sie müssen anfangen, dem Konsumenten einen bequemen und praktischen, aber eben nachhaltigeren Zugang zu Produkten zu ermöglichen.“

Der grüne Ladebalken der regionalen Wirtschaft

Kehren wir vor der eigenen Haustür, stellen wir fest, dass sich unsere Region als Industriehochburg sicherlich schwerer mit der Ökobilanz tun dürfte als die Peripherie Mecklenburg-Vorpommerns. Utermöhlen nickt: „Irgendwo müssen die Dinge schließlich produziert werden. Demzufolge ist der durchschnittliche Energieverbrauch der Region grundsätzlich etwas höher.“ Laut dem „Masterplan 100 % Klimaschutz für den Großraum Braunschweig“ des Regionalverbands produziert die hiesige Großindustrie so viel CO₂ wie alle privaten Haushalte, der gesamte Verkehr und der Rest der Wirtschaft zusammen – ein Emissions-Brocken, der erst einmal verarbeitet werden muss. Nichtsdestotrotz lobt Utermöhlen die Bestrebungen: „Wir haben ein starkes regionales Klimaschutzkonzept, für das sich der Großraumverband eingesetzt hat und ein paar tolle Player, die einiges bewegen – aber wir müssen uns jetzt auf den Weg machen! Gerade beim Thema Windenergie gibt es noch einigen Nachholbedarf.“ Unternehmen sollten sich darüber hinaus stärker auf regionale Wertschöpfungsketten und Dienstleistungen besinnen. „Es gibt einige, die ihre Hausaufgaben gut machen. Aber es gibt eben auch viele, die dringend anfangen sollten.“

Agimus Umweltgutachterorganisation und Beratungsgesellschaft

Das 1991 gegründete Unternehmen berät, schult und zertifiziert Umwelt- und Energiemanagementsysteme nach geltenden Normen. Bundesweit betreut Agimus über 300 Kunden aus unterschiedlichsten Gewerken, in der Region sind sie hauptsächlich auf die Automobil-, Banken- und Versicherungsbranche konzentriert.

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