Region im Aufschwung

Der Landkreis Helmstedt wandelt sich – und wächst weiter

Mitarbeiter der Strube D&S GmbH bei der Sonnenblumenzucht. Das Unternehmen aus Söllingen veredelt und vermarktet international Saatgut für die Landwirtschaft und Industrie. Foto: Strube D & S

Mitarbeiter der Strube D&S GmbH bei der Sonnenblumenzucht. Das Unternehmen aus Söllingen veredelt und vermarktet international Saatgut für die Landwirtschaft und Industrie. Foto: Strube D & S

Neue Straßen, Ausbau der Kindergärten und Schulen, Breitbandanschlüsse für fast alle Orte – keine Frage, der Landkreis Helmstedt ist im Wandel. Seit etwas mehr als fünf Jahren können die Gemeinden wieder steigende Einwohnerzahlen melden und entwickeln ein Selbstbewusstsein als zukunftsträchtige Region. Dabei ist es nicht immer die eigene Industrie, die für einen Aufschwung sorgt.

Die überregionalen Verkehrsachsen A 2, A 39 und A 14 durchziehen den Landkreis ebenso wie die Zugstrecke von Berlin über Braunschweig und Hannover ins Ruhrgebiet. Mit dem Ausbau der Weddeler Kurve wird derzeit eine direkte Verbindung zwischen Wolfsburg und Helmstedt geschaffen. Viele der Gemeinden profitieren von der Nähe zu den Oberzentren Wolfsburg und Braunschweig. So auch die Samtgemeinde Velpke. Statt eigene Gewerbegebiete zu entwickeln, setzen die fünf Mitgliedsgemeinden auf die Ausweisung von Baugebieten und Entwicklung der Infrastruktur. „Für uns ist es vorteilhaft, dass es in Wolfsburg und Braunschweig weniger Wohnraum als Arbeitsplätze gibt. Der Leerstand, der vor einigen Jahren manche unserer Ortschaften sehr trostlos wirken ließ, ist Vergangenheit. Was leer steht, ist schnell vermietet oder verkauft. Zusätzlich weisen wir neue Baugebiete aus“, erklärt Bürgermeister Rüdiger Fricke.

Die Bevölkerungszahen steigen an

Zum 31.12.2016 lebten im Landkreis Helmstedt 92.079 Einwohner – deutlich mehr als eine Bevölkerungsprognose des Niedersächsischen Landesamt für Statistik 2009 prognostiziert hatte. Nach der Statistik soll die Einwohnerzahl des Landkreises bis 2031 auf 69.500 Einwohner sinken. „Tatsächlich schrumpfte die Bevölkerung bis 2012, seitdem ist eine Trendumkehr zu verzeichnen“, so Andreas Jünemann, Leiter der Pressestelle des Landkreises. Ob dieses Wachstum jedoch nachhaltig sei oder sich in den kommenden Jahren wieder umkehre, könne nicht vorhergesagt werden. Das Ziel des Landkreises sei es, Helmstedt als attraktive Alternative zum Leben in der Großstadt anzubieten. In der Samtgemeinde Velpke leben derzeit 12.700 Einwohner. Bürgermeister Fricke gibt allerdings an, dass die Zahl der Todesfälle weiterhin höher als die Geburtenrate sei. Die positive Tendenz ist auf Zuzüge aus den Nachbargemeinden und Landkreisen zurückzuführen.

Ähnlich verhält es sich in der ebenfalls an Wolfsburg grenzenden Gemeinde Lehre, in der aktuell fast 600 mehr Menschen wohnen als noch vor zehn Jahren. Auch in Königslutter ist seit 2012 ein Bevölkerungswachstum messbar. In der Elm-Gemeinde ist die Nachfrage nach Bauland seit fünf Jahren stetig gestiegen. In Grasleben sind die Einwohnerzahlen hingegen rückläufig. Bürgermeister Gero Janze hofft durch die Revitalisierung der sogenannten Marientaler Höfe, einem ehemaligen Fliegerhorst, der seit den 1960er Jahren als Wohnanlage genutzt wird, und der Ausweisung neuer Baugebiete einen spürbaren Anstieg zu erreichen. Auch die Stadt Schöningen, in der 2007 noch 13.361 Einwohner lebten, hofft auf eine Kehrtwende. Nach einem Absturz der Zahlen bis 2014 konnte die Stadt jüngst einen leichten Anstieg um 128 Personen auf 11.741 Anwohner registrieren.

Förderung der Infrastruktur

Um als Wohn- und Arbeitsstandort interessant für neue Bürger zu werden, müssten Wohn- und Arbeitskonzepte junger Familien mehr in das Bewusstsein der Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung gerückt werden, heißt es seitens des Landkreises. Die Gemeindebürgermeister setzten daher nahezu geschlossen auf die Entwicklung der sozialen Infrastruktur, investieren in den Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten und den Ausbau der Schullandschaft. Unter anderem entsteht in Velpke ein neuer Kindergarten für drei Millionen Euro, in Bardorf wird die Schule für über zwei Millionen Euro saniert. „Leider lassen uns der Bund und das Land bei der Finanzierung eher allein“, kritisiert Fricke. Getätigt werden können die Investitionen nur durch Kredite auf Kosten der eh schon finanzschwachen Region. „Der Betrieb von Krippen und Kindertagesstätten ist eigentlich eine Aufgabe des Landkreises“, gibt Andreas Busch, Bürgermeister der Gemeinde Lehre zu bedenken: „Hinzu kommen die Versprechen wie zum Beispiel die Beitragsfreiheit, die am Ende nicht zulasten der Kommune gehen dürfen.“ Aus Sicht von Alexander Hoppe, Bürgermeister von Königslutter, sind die Zuschüsse von Bund und Land ein unverzichtbarer Bestandteil der Infrastrukturmaßnahmen, aber „ich erwarte durch die neue Landes- und Bundesregierung eigentlich, dass die Zuschussprogramme für Kommunen verbessert werden.“ Insgesamt werden fast 3.000 Kinder unter sechs Jahren in Tageseinrichtungen betreut und fast 8.000 Schüler besuchen eine der 36 allgemeinbildenden Schulen des Landkreises. Im Zuge des demografischen Wandels spielt auch die Versorgung mit Ärzten und ein ansprechendes Angebot an Pflege- und Wohneinrichtungen für Senioren eine Rolle. Das Durchschnittsalter der Landkreisbewohner liegt bei 46 Jahren.

 

Förderung von Filmen

Mit der J. Lindemann GmbH sitzt in Helmstedt ein Spezialist für Silikonprodukte. Die 1978 in Berlin gegründete Firma fertigt Schläuche und Sonderprodukte für die Medizin-, Lebensmittel- und Fahrzeugindustrie auf Kundenwunsch an, seit 1993 ist das Unternehmen in Helmstedt ansässig. Für den Standortwechsel sprach unter anderem, dass Stadt und Landkreis die Ansiedlung von Firmen begrüßten und sich um die potenziellen Arbeitgeber kümmerten. Derzeit arbeiten rund 60 Mitarbeiter für Lindemann, neben Produktionsmitarbeitern und Verwaltungsfachkräften auch Werkzeugmacher und Schlosser. Eine geplante Erweiterung des knapp 3.000 m² großen Werkes durch einen Hallenneubau wird durch das Land gefördert: im Herbst 2017 überreichte Wirtschaftsminister Olaf Lies einen Förderbescheid über 275.00 Euro. Durch die Vergrößerung könnten 15 neue Arbeitsplätze, darunter auch Ausbildungsplätze, entstehen.

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