„Ein Ruck ist durch Deutschland gegangen“

Digitalisierungsexperte Christoph Keese über den Mittelstand als Treiber, den Weg von Volkswagen und den Kampf gegen den Plattform-Kapitalismus

Bestseller-Autor Christoph Keese beim Festvortrag zum 125. Geburtstag der Richard Borek Unternehmensgruppe in Braunschweig. Foto: Michael Seidel

Bestseller-Autor Christoph Keese beim Festvortrag zum 125. Geburtstag der Richard Borek Unternehmensgruppe in Braunschweig. Foto: Michael Seidel

Im Rahmen des Jubiläumsempfangs der Richard Borek Unternehmensgruppe anlässlich des 125-jährigen Bestehens, hielt Bestseller-Autor Christoph Keese (aktuelles Buch „Disrupt Yourself: Vom Abenteuer, sich in der digitalen Welt neu erfinden zu müssen“) den Festvortrag. Standort38 sprach mit dem Experten für digitale Transformation und Geschäftsführer der Axel Springer hy GmbH.

Herr Keese, die Unternehmensgruppe Richard Borek besteht seit 125 Jahren. Wie wird das Unternehmen auch zukünftig mit dem Verkauf von Briefmarken und Münzen erfolgreich sein?

In dem das Unternehmen sich damit beschäftigt, wie sich Märkte verändern. Digitalisierung birgt ja viele Chancen, weil man in den traditionellen analogen Märkten geografisch relativ festgelegt ist. Das Internet bietet die Möglichkeit dieses Wachstums, ohne allzu große Investitionen zu tätigen. Sie können heute ein Geschäft in Argentinien aufmachen, ohne einen einzigen Mitarbeiter dort zu haben. Sie können heute hier aus dem Lieferhof in Braunschweig Waren nach China und Russland verkaufen, ohne sich überhaupt mit der Infrastruktur vor Ort beschäftigen zu müssen.

Borek zielt auf die Sammelleidenschaft seiner Kunden ab. Viele Menschen wollen heute und zukünftig aber nichts mehr besitzen. Ist das Geschäftsmodell von Borek damit automatisch irgendwann vorbei?

Ganz im Gegenteil: Je virtueller die Welt wird, desto mehr wollen sie besitzen. Aber andere Dinge als früher. Keine Sachen, die sie belasten, wie beispielsweise Autos. Diese sind die teuersten Konsumentscheidungen, die man im Laufe seines Lebens trifft. Sie holen den Wagen aus der Auslieferungshalle des Hersteller ab, stecken den Schlüssel ins Zündschloss – und in dem Augenblick, in dem sie diesen umdrehen, ist das Auto 15 Prozent weniger wert, ohne dass sie es überhaupt bewegt haben. Solche Besitztümer haben älteren Generationen viel gegeben; jüngere Generationen, besonders in den Großstädten, legen darauf keinen Wert mehr. Sie wollen Zugang zu dem Gut haben mit Car-, Wohnungs- oder andere Sharingkonzepten. Da tritt dann das Nutzrecht in den Vordergrund. Das heißt aber nicht, dass Leute, die gerne teilen, kein Geld mehr ausgeben. Sie geben sogar viel Geld aus, nur eben für andere Dinge, die ihnen wirklich wichtig sind. Zum Beispiel in emotionale Erlebnisse wie Reisen. Der Boom des Flugverkehrs hat sehr viel mit der Digitalisierung zu tun. Je virtueller der Mensch wird, desto mehr möchten die Menschen real erleben. Auch hochpreisige Bücher wie Bildbände boomen. Menschen sammeln Vasen, Briefmarken, Münzen – Dinge, die ihnen emotional wichtig sind. Dieser Trend wird nicht abebben, sondern sich sogar noch verstärken.

Ist die Richard Borek Unternehmensgruppe mit ihrer konsequenten Digitalisierungsstrategie ein Vorbild für andere Mittelständler?

Meine Beobachtung ist: Mittelständler sind momentan die Treiber der Digitalisierung. Sie sind in vielen Fällen erheblich schneller. Sie handeln entschlossener und zielgerichteter als viele Konzerne. Konzerne haben es in komplizierten Abstimmungsprozessen innerhalb der Vorstände mit den Aufsichtsräten, innerhalb der Führungsebene zu tun. Beim Mittelständler ist es oft auf eine Unternehmerpersönlichkeit ausgerichtet. Wenn der sagt, wir machen es, dann macht man es. Wenn es um digitale Disruption geht, dann geht es absolut nicht ohne den Segen und das Vorantreiben des Chefs.

Was sind die wichtigsten Dinge, die Führungskräfte und Unternehmer umsetzen müssen?

Zunächst mal benötigt man enorme Neugierde, um zu gucken, wie sich die Märkte entwickeln. Man muss den Blick über die klassischen Wettbewerber hinweg heben, weil die meisten Angriffe von Menschen kommen, die noch nie vorher als Wettbewerber in Erscheinung getreten sind. Über 95 Prozent aller Disruptoren weltweit haben noch nie zuvor in der Branche gearbeitet, die sie disruptieren. Die sind deshalb so schwer zu erkennen, weil man sie nicht auf der Liste hat der eigenen Wettbewerber hat. Man muss also den Blick weiten und sich die konvergenten Felder anschauen. Welche benachbarten Felder, die scheinbar nichts mit meinem eigenen Geschäft zutun haben, gibt es und welche Impulse gehen davon aus? Dann geht es darum, diese Trends rechtzeitig zu erkennen und sich ihrer zu bemächtigen, bevor man von ihnen überrollt wird. Dazu kommt eine sehr präzise Datenanalyse. Man sollte sich nicht allein auf sein Bauchgefühl verlassen. Aufgrund der Daten sollte man eine geeignete, handlungskräftige Strategie erarbeiten und auf Basis dieser Strategie sehr entschlossen, agil und in Hochgeschwindigkeit handeln. In viel höherer Geschwindigkeit, als man es bisher aus dem traditionellen Unternehmen gewohnt war.

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