15. Juli 2022
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„Arbeitssucht ist betriebswirtschaftlich nicht erstrebenswert“

Professor Christian Ebner über seine Studie zu exzessivem Arbeiten - und warum der Workaholic-Lifestyle Unternehmen schadet.

Professor Christian Ebner ist Soziologe an der TU Braunschweig. Er hat gemeinsam mit weiteren Forschenden das suchthafte Arbeiten untersucht. Foto: Holger Isermann

Zusammen mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung hat Professor Christian Ebner eine viel beachtete Studie zu exzessiver und zwanghafter Arbeit veröffentlicht. Wir haben beim Soziologen von der TU Braunschweig nachgefragt, wann Überstunden krank machen, warum Landwirte besonders gefährdet sind und wie das Home Office unsere Arbeit entgrenzt …

Herr Ebner, wie gesund ist das Verhältnis der Deutschen zur Arbeit?
Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Wir haben im Gegenteil ganz unterschiedliche Arbeitstypen identifiziert …

… Menschen, die gelassen, exzessiv, zwang- oder suchthaft arbeiten. Können Sie diese vier Typen genauer beschreiben?
Gern. Unsere Skala bildet zwei Dimensionen ab, das exzessive und das zwanghafte Arbeiten. Exzessiv heißt konkret, dass die Leute übermäßig lange arbeiten, außerdem viele Arbeitsvorgänge gleichzeitig auf dem Tisch haben. Wer zwanghaft arbeitet, fühlt sich getrieben, entwickelt häufig ein schlechtes Gewissen, wenn er krank ist oder frei hat. Bei suchthaft Arbeitenden kommt beides zusammen, bei den gelassen Arbeitenden weder das eine noch das andere.

Steckt dahinter eine Wertung? Machen es demnach die Gelassenen richtig?
Das kommt auf den Bezug an. Wenn wir uns beispielsweise die Gesundheit anschauen, berichten die gelassen Arbeitenden im Vergleich zu den Arbeitssüchtigen deutlich seltener von Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Erschöpfung. Auch Rücken- und Gelenkbeschwerden sind seltener.

Mit der Unternehmerbrille könnte man denken, dass die Gelassenen die Faulen und die Süchtigen die High-Performer sind …
Als Arbeitgeber wünschen wir uns Mitarbeiter:innen, die engagiert und leistungsorientiert sind. Die Arbeit muss dafür nur nicht zur Sucht werden. Aber Sie haben natürlich insofern recht, dass durch die Organisationsbrille suchthaft Arbeitende erst einmal gut performen können…

… aber das geht nicht lange gut?
Die Gefahr ist, dass die Produktivität irgendwann erkennbar sinkt und dann auch gesundheitliche Beschwerden drohen – bis hin zu Burn-Out und Arbeitsausfällen. Das kann gerade in Zeiten des Fachkräftemangels nun wirklich niemand wollen. Arbeitssucht ist betriebswirtschaftlich nicht erstrebenswert.

Würden Sie die Arbeitssucht selbst schon als Krankheit einordnen?
Arbeitssucht ist kein offiziell klassifiziertes Krankheitsbild, kann sich aber in anerkannten Krankheiten manifestieren. Jenseits des Krankheitsbegriffes gibt es zudem eine Beeinträchtigung von ganzen Lebensbereichen – zum Beispiel der Freizeit, des Freundeskreises und der Familie. Auch die allgemeine Lebenszufriedenheit ist bei suchthaft Arbeitenden geringer.

Ist Arbeitssucht eher auf die Organisation zurückzuführen oder vor allem eine Charakterfrage? Eben, weil Workaholics meist schon als solche ins Unternehmen kommen …
Es gibt Persönlichkeitstypen, die zu Arbeitssucht neigen – Menschen, die sehr gewissenhaft oder perfektionistisch veranlagt sind, zum Beispiel. Aber die Strukturen spielen hier eine wirklich sehr große Rolle.

Was ist besonders problematisch?
Etwa hoher Termin- und Leistungsdruck sowie ein sehr kompetitives Arbeitsumfeld und Betriebsklima, das eine starke Kennzahlenorientierung aufweist. Ansonsten gibt es Jobs, die mit so viel Arbeit belastet sind, dass diese einfach nicht zu schaffen ist. Da mangelt es meist am Taskmanagement. Wir wissen aus der Forschung auch, dass eine Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Privatem problematisch sein kann.

Willkommen in der Pandemie …
Ja, die räumliche Entgrenzung im Homeoffice kann dazu führen, dass die Menschen nicht mehr abschalten, denn es gibt diese trennende Fahrt zwischen Zuhause und Betrieb nicht mehr. Und mit der räumlichen geht häufig eine zeitliche Entgrenzung einher – eben, weil im Homeoffice jederzeit gearbeitet werden kann. Das erhöht in der Regel die Arbeitszeit. Wir haben gerade eine Studie eingereicht, in der wir sehr klar nachweisen können, dass Homeoffice die Sucht nach Arbeit begünstigt.

Sie sagen soziodemographische Aspekte, wie Schulabschluss oder Familienstatus zeigen keine großen Zusammenhänge mit der Neigung zu suchthafter Arbeit …
Genau. Es ist interessant, dass die suchthafte Arbeit sehr ähnlich über verschiedene gesellschaftliche und soziodemografische Gruppen hinweg verteilt ist. Es gibt kleinere Unterschiede in Bezug auf das Geschlecht. Frauen sind tendenziell ein kleines bisschen häufiger betroffen …

… weil Sie den Spagat zwischen Job und Familie meistern müssen?
Detailliert können wir das aus unseren Ergebnissen nicht ableiten, aber aus anderen Studien wissen wir, dass Frauen auch jenseits der bezahlten Erwerbsarbeit vermehrt Familienarbeit leisten und so oft nicht das Gefühl haben, genug für den Job zu tun. Das kann dazu führen, dass man sich getrieben fühlt und ein schlechtes Gewissen entwickelt.

Die Jüngeren neigen stärker zur Arbeitssucht als die Älteren …
… stimmt, hier ist der Anteil ebenfalls etwas höher. Die Jüngeren stehen eher am Beginn der Karriere und verspüren oft mehr Druck.

… im Gegensatz zur Gelassenheit des Alters?
Ja, die Älteren sind auch häufiger etabliert und in sicheren Positionen.

Werden Workaholics aufgrund ihrer Leistung häufiger Führungskräfte? Oder treibt die Funktion Menschen in die Arbeitssucht?
Beides schließt sich nicht aus. Wir führen gerade übrigens eine Studie durch, die untersucht, was aus den Arbeitssüchtigen im Hinblick auf die Karriereentwicklung wird. Dazu gibt es bisher leider kaum Längsschnittstudien. Aber die Rolle der Führungskraft ist eine anspruchsvolle, mit Sach- und Personalverantwortung verbunden. Und dann gibt es noch die Erwartungshaltung von außen, zum Beispiel, dass Chefs als erste kommen und als letzte gehen.

Das klingt nach einem typisch antiquierten Bild von Führungskraft …
Ganz sicher sogar hängt das mit dem Bild zusammen, was man hier von Führungskräften hat. Teilzeitchefs und Jobsharing sind in Deutschland noch sehr selten, aber genau das wäre ein gutes Signal.

Kofinanziert wurde Ihre Studie von der Hans-Böckler-Stiftung. Wie sehr haben Sie sich über das Ergebnis gefreut, dass die Mitbestimmung ein wichtiger Schutzfaktor ist?
Als Wissenschaftler habe ich da einen eher nüchternen Blick auf die Ergebnisse: Wir sehen, dass mit steigender Betriebsgröße tendenziell die suchthafte Arbeit abnimmt und – Sie sprachen es an – in Unternehmen mit Betriebsrat ist suchthafte Arbeit weniger verbreitet.

Aufgrund der Regulierung?
Das vermuten wir. Es gibt in größeren Unternehmen häufig Arbeitszeiterfassung und auch eine Überwachung der Überstunden. Da können Sie wirklich Probleme mit der Personalabteilung bekommen, wenn Sie die Zeitbudgets massiv überschreiten. Oder nehmen Sie Betriebsvereinbarungen zum Homeoffice – wenn es diese gibt, senken sie in der Regel die Gefahr der Entgrenzung.

Betriebsräte wünschen sich klare Spielregeln für das Homeoffice, viele Beschäftigte aber auch die totale Freiheit. Sind sie nicht mündig genug, um die Gefahren abschätzen zu können?
Ich glaube schon, dass man bei diesem Thema noch eine gewisse Sensibilität vermitteln muss. Sinnvoll ist auf jeden Fall, das Homeoffice mit Zeiten im Betrieb zu verbinden. Denn wer nur Zuhause arbeitet, kann leicht jegliches Gefühl für die Arbeits- und Freizeit verlieren. Außerdem ist der persönliche Kontakt zu Kolleg:innen wichtig, der sollte nicht verloren gehen.

Bei den Branchen neigen vor allem die Land- , Forst- und Tierwirtschaft sowie der Gartenbau zum suchthaften Arbeiten. Weil Tiere und Ernte keine Rücksicht auf unsere Vorstellung von geordneter Arbeit nehmen?
Das gehört dazu, außerdem wohnen Landwirte meist auf der Arbeit. Daraus entwickelt sich auch ein hohes Verantwortungsgefühl, das sie gegenüber ihren Tieren und Pflanzen haben. Last but not least, es gibt auf dem Land einfach viel zu tun. Grundsätzlich könnte ich noch etwas zur Gruppe der Selbstständigen per se sagen …

…. die sich ebenfalls schwer abgrenzen können, oder?
Die Gruppe bezeichnet ihre Freiheit zwar häufig als Vorteil, gleichzeitig fällt es dadurch eben schwer abzuschalten. Dazu kommt der Druck wirtschaftlich erfolgreich sein zu müssen, weil man im Gegensatz zu abhängig Beschäftigten oft nicht abgesichert ist.

Das trifft auf die freiberuflich Tätigen ebenfalls zu. Die haben mit 8,4 Prozent aber den niedrigsten Anteil an Arbeitssüchtigen …
… ja, weil es sich zum Beispiel um niedergelassene Ärzte oder Steuerberater handelt. Hier sind die Strukturen meist klar. Es ist eine sehr spezielle Gruppe.

Gibt es Studien zur Entwicklung von Arbeitssucht in den vergangenen Jahrzehnten?
Es gibt repräsentative Zahlen zu Deutschland aus dem Jahr 2013, die auch damals um zehn Prozent lagen. Das deutet auf einen relativ stabilen Wert hin, aber sonst ist es dünn. Das gilt leider auch für den Vergleich mit anderen Ländern.

Schauen wir noch einmal auf zwei gegensätzliche gesellschaftliche Entwicklungen: Einerseits sprechen wir immer wieder von der Entgrenzung von Arbeit – zugleich wächst gerade aber eine Generation heran, für die Work-Life-Balance sogar wichtiger zu sein scheint, als für die Älteren …
Ich würde die beiden Trends tatsächlich gar nicht nur als gegensätzlich bezeichnen. Die Entgrenzung der Arbeit, wie es sich etwa beim Homeoffice zeigt, kann ja durchaus Flexibilität für das Erledigen privater Angelegenheiten zwischendurch schaffen. Gleichzeitig wird Arbeit bei großer Zerstückelung aber auch manchmal ineffizient und dauert am Ende länger; vielleicht sogar bis in die späten Abendstunden oder sie wird dann früh morgens erledigt. Das erzeugt auch mangelhaftes Abschalten von der Arbeit – und führt ungewollt zu vermehrten Work-Family-Konflikten.

Taugt Ihre Methode eigentlich zum Selbsttest?
Sie könnten die Fragen nehmen und sich anhand dieser ganz gut einordnen. Ich würde ohnehin jedem raten, das eigene Handeln immer mal wieder zu reflektieren und auch auf das Umfeld zu hören. Denn gerade wenn man in einem Arbeitsstrudel gefangen ist, kommt man selbst ja nicht dazu, sich zu hinterfragen. Dann hilft das Feedback von Freunden oder der Fingerzeig der Familie.

Was würden Sie in solchen Fällen tun?
Dann ist es eine gute Idee aktiv zu werden. Ziehen Sie Ihre Grenzen klarer, wo Entgrenzung stattfindet oder führen Sie Rituale ein – zum Beispiel einen Sporttermin, den Sie nicht verschieben. Das ist alles individuell möglich. Dazu kommen operationale Ansätze, die auf die Bedingungen im Betrieb abzielen.

Würden Sie sich selbst eigentlich eine Arbeitssucht attestieren?
Da ich mich wissenschaftlich mit dem Thema befasse, ist es mir natürlich sehr stark bewusst und ich versuche auch, nicht in diese Falle zu tappen. Aber abstrahiert von mir ist der Job als Professor schon prädestiniert Workaholics zu schaffen: Ein großer Handlungsspielraum trifft auf Verantwortung nicht nur für eigenes Personal, sondern auch für eine große Zahl von Studierenden, die man ausbildet. Dazu kommen zahlreiche kleine Zeitfresser administrativer Art und auch vielfältige, sehr komplexe Forschungsaufgaben, deren Bearbeitung oft einfach lange dauert.Jetzt sind Sie nicht ganz zufrieden, weil ich mich selbst nicht eingeordnet habe, oder?

Wahrscheinlich liegen Sie irgendwo auf der Grenze zwischen exzessiv und suchthaft arbeitend, oder?
Ganz daneben liegen Sie damit nicht (lacht).

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