„Das ist doch alles metaphysische Holzwolle" - Standort38
und
1. Oktober 2020
Entscheider

„Das ist doch alles metaphysische Holzwolle“

Bernd Osterloh, Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats und Aufsichtsratsmitglied der Volkswagen AG, im Titelinterview

Bernd Osterloh vor einer E-Ladestation. Foto: Holger Isermann.

Deutschlands mächtigster Arbeiterführer, der heimliche Regent über den Volkswagen Konzern, Co-Manager: Wer Bernd Osterloh trifft, trifft einen Mann, den die Medien mit Superlativen überhäufen. Kein Wunder, schließlich vertritt der 64-Jährige als Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG die Interessen von fast 700.000 Beschäftigten weltweit und ist darüber hinaus Mitglied des Aufsichtsrates.
In seinen 43 Jahren bei der Volkswagen AG hat der 1,90-Mann Konzernchefs kommen und gehen sehen, Tarifrunden ausgefochten und sich mit einem Hang zu sehr klaren Worten einen Namen gemacht. Dass der gelernte Industriekaufmann auf der Straße öfter mal „Bernd“ gerufen werde, störe ihn kaum. Er winkt ab: „Ich habe mich noch nie als etwas Besonderes gefühlt. Dazu wird man durch die Presse gemacht.“
Als wir Osterloh zum Interview in der Konzernzentrale in Wolfsburg treffen, sitzt er noch in einem Meeting mit seiner Stellvertreterin Daniela Cavallo, die in einigen Jahren den Spitzenposten übernehmen soll. Vor ihm auf dem Tisch ein Weck-Glas mit Joghurt, Müsli und Früchten – sein Frühstück. Das muss erst einmal warten, für unser erstes Titelinterview mit einem Arbeitnehmervertreter und ein Gespräch über den Wolfsburger Arbeitnehmerhimmel, die dunkle Seite der Macht und „ein normales Unternehmen, nur eben mit einer etwas anderen Kultur“ …

 

Herr Osterloh, googelt man Ihren Namen stößt man auf Titulierungen wie „Co-Manager“ oder „Der wahre Herrscher über den Volkswagen-Konzern“ …
Co-Management halte ich für das falsche Wort. Ich spreche lieber von qualifizierter Mitbestimmung.

From left: Stephan Weil, Minister President of the State of Lower Saxony and Member of the Supervisory Board of Volkswagen AG, Dr. Herbert Diess, Chairman of the Board of Management of Volkswagen AG, Hans Dieter Pötsch, Chairman of the Supervisory Board of Volkswagen AG, Bernd Osterloh, Chairman of the General and Group Works Council and Member of the Supervisory Board of Volkswagen AG.

Wie viel Macht haben Sie wirklich? Und was haben Sie mit ihr vor?
Wir als Betriebsrat sind nur so stark, wie die Beschäftigten im Betrieb uns machen. 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen bei VW sind in der IG Metall organisiert, und wir haben bei den Aufsichtsratswahlen alle zehn Sitze geholt. Außerdem hilft uns das VW-Gesetz, das wir mit der ganzen Belegschaft mühsam verteidigt haben. Alleine kann ich gar nichts durchsetzen. Denn es gibt im Aufsichtsrat auch die dunkle Seite der Macht, die Kapitalvertreter. Deshalb ist Volkswagen eigentlich ein normales Unternehmen, nur eben mit einer etwas anderen Kultur …

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, die Interessen von rund 700.000 Beschäftigten gegen diese dunkle Seite durchzusetzen? Ihr früherer Kollege Uwe Hück war Thaiboxer und hat stets mit dieser Körperlichkeit gespielt …
Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass ich schon seit 43 Jahren bei Volkswagen arbeite, und sehr viele Menschen hier kenne. Ich arbeite mich tief in alle Themen rein. Das hilft ganz erheblich.

Der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger hat im Standort38-Interview gesagt: „Für einen langjährigen Vorstand ist es schwierig, das über die Lippen zu bringen, aber bei einem so miserablen Top-Management wie bei Volkswagen, war sogar das Co-Management eines Betriebsratschefs die bessere Lösung.“ Was antworten Sie?
Herr Sattelberger hat nie bei Volkswagen gearbeitet und mich wundert, dass jemand aus der Distanz so eine Meinung abgibt. Mich hat letztens jemand auf LinkedIn angeschrieben und mir vorgeworfen, dass ich zu denen gehören würde, die am Verbrennungsmotor hängen.

Und – tun Sie das?
Als Antwort habe ich ihm ein Interview geschickt, das zehn Jahre alt ist. Und da steht drin, dass wir dringend eine Batteriefabrik bauen müssten. Das hat aber nichts mit angeblich miserablem Top-Management zu tun, sondern ich glaube, dass damals ein paar Menschen in diesem Unternehmen tätig waren, die die Bedeutung der Nachhaltigkeitsdebatte vielleicht etwas unterschätzt haben. Der Betriebsrat, und das bin ich ja nicht alleine, war damals schon wesentlich weiter.

Kennen sich gut: Osterloh und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Betriebsversammlung im Jahr 2008. Foto: Volkswagen AG.

Aber durchgesetzt haben Sie sich nicht …
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Unternehmen mit Verbrennungsmotoren gutes Geld verdient haben. Seit 2009 ging es für den Volkswagen-Konzern kontinuierlich bergauf – sogar trotz Dieselgate. Welches andere Unternehmen hätte es denn überstanden 32 Milliarden zu zahlen. Wir sind finanziell immer gut aufgestellt gewesen. Deswegen wundert mich so eine Kritik wirklich.

Bereits seit 1977 sind Sie Teil der Volkswagen AG. 1990 folgte der Schritt in den Betriebsrat. Warum?
Mein Opa hat mit Otto Grotewohl in Braunschweig nach dem Krieg die SPD wieder gegründet. Mein Vater war Personalrat bei der Deutschen Bundesbahn, Ausbesserungswerk Borsigstraße. Er war auch Mitglied des Ortsvorstands der Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner, aber, wenn ich das als Maßstab nehme, hätte ich den Job nie wählen dürfen …

… das müssen Sie erklären …
Ich habe meinen Vater schlichtweg nie gesehen. Damals wurde auch noch samstags gearbeitet, er war immer unterwegs für die Menschen und ihre Probleme, was mir immer ein Vorbild war. Ich bin aus anderen Gründen in die Vertrauensleutearbeit für die Kolleginnen und Kollegen gegangen: Ich war schon immer jemand, der keine Angst hatte, seine Meinung zu sagen und Argumente vorzubringen. Das ging in der Schule los und als ich hier bei Volkswagen angefangen habe, haben mich als Mann Kolleginnen aufgefordert, ihr Vertrauensmann bei der IG Metall zu werden. Damals durften Frauen allerdings keinen Mann als ihre Vertrauensperson haben (lacht). Es hat sich dann aber trotzdem ergeben und so fing mein Weg an.

Was waren die Stationen?
Vertrauensmann, Abteilungsvertrauens-, dann Bereichsvertrauenskörperleitung, schließlich Vertrauenskörperleitung und von 1990 an deren Vorsitzender. 1998 bin ich in den Betriebsausschuss gewechselt, zuständig für die Lackiererei und später für das Projekt 5.000 x 5.000.

Jenseits der großen Industrieunternehmen verlieren Betriebsräte und Gewerkschaften stetig an Einfluss. Wie viel Sorge bereitet Ihnen diese Entwicklung?
Spätestens wenn eine Firma in Schieflage gerät oder sogar in Insolvenz geht und das Unternehmen keinen Betriebsrat hat, kann die Belegschaft auch keinen Sozialplan durchsetzen. Denn ohne Betriebsrat gibt es keinen Sozialplan. Wir sind gerade durch Corona in einer Situation, in der sehr viele Firmen das Jahr 2021 nicht mehr erleben werden. Das verschleiert die Kurzarbeit ein bisschen. Und wir merken in unserer Geschäftsstelle in Wolfsburg, dass es gerade zu vermehrten Betriebsratsneugründungen kommt, weil die Menschen merken, dass es weniger Aufträge gibt und der Druck steigt.

Druck ist ein gutes Stichwort – den gibt Ihr Einkauf an viele Automobilzulieferer weiter …
Den Druck haben wir bei Volkswagen aber auch, nämlich von unseren Kunden. Und natürlich geht es darum, wo wir die günstigsten Teile einkaufen können. Nach meiner Ansicht ist es aber so, dass viele Zulieferer, die sich heute über den Preisdruck beschweren, einen Vorwand suchen, Teile ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern. Das ist ihnen nämlich in der Krise 2008/2009 nicht gelungen. Sorgen mache ich mir aber noch aus einem ganz anderen Grund …

Nämlich?
Viele der Zulieferer haben keinen Plan für die Zeit nach dem Verbrenner, das hat gerade eine Befragung der IG Metall bestätigt. Jemand, der heute einen Kunststofftank für einen Golf herstellt, sagt dort, dass er sich noch keine Gedanken gemacht habe, was er für die E-Autos produzieren möchte. Das wird eine riesige Herausforderung und wir können jetzt darüber diskutieren, wie groß der Arbeitsplatzabbau wird – ob es nur 140.000 oder 280.000 Menschen sind.

Bernd Osterloh in der Position des
Vertrauenskörperleiters in den 90er-Jahren. Foto: Volkswagen AG.n Kunststofftank für einen Golf herstellt, sagt dort, dass er sich noch keine Gedanken gemacht habe, was er für die E-Autos produzieren möchte. Das wird eine riesige Herausforderung und wir können jetzt darüber diskutieren, wie groß der Arbeitsplatzabbau wird – ob es nur 140.000 oder 280.000 Menschen sind.

Und im Arbeitnehmerhimmel bei Volkswagen …
… den gibt es nicht.

Wenn man sich die Durchschnittseinkommen deutschlandweit anschaut, dann belegt Wolfsburg in allen Studien Spitzenplätze. Das deutet schon darauf hin, dass man hier gut arbeiten kann …
Bei uns fängt ein Montagewerker mit 3.500 Euro brutto an, ein Facharbeiter mit 4.000. Der Durchschnitt in der Metall- und Elektroindustrie ist 4.500 Euro. Außerdem sind wir in Wolfsburg Konzernzentrale und hier arbeiten viele Manager und Vorstände. Das verzerrt das Bild. Wir zahlen gut, da brauchen wir nicht drum herumzureden. Und es gibt auch ein paar weitere Dinge, die besser als in anderen Betrieben sind – eine vernünftige Altersvorsorge zum Beispiel. Das alles hat auch mit der Stärke der IG Metall bei VW zu tun.

Was bedeutet Covid-19 für Volkswagen?
Belegschaft, unsere Ärztinnen und Ärzte sowie das Management haben schon im Februar/März ein 100-Punkte-Konzept entwickelt, um die Kolleginnen und Kollegen vor Ansteckung zu schützen. Das funktioniert gut. In unseren Werken ist es sicherer als draußen. Was die wirtschaftliche Situation angeht: Wir machen seit dem 30. Juni keine Kurzarbeit mehr.

Die Pandemie wird also keine Folgen für die Mitarbeiter haben?
Das hängt davon ab, ob es eine zweite Welle gibt, und ob die Kunden weiter Vertrauen fassen und unsere Fahrzeuge bestellen. Ich bin da aber ganz optimistisch. Und wir werden jetzt zur Planungsrunde natürlich überlegen, wie wir mit dem Thema Investitionen umgehen und welche Autos man neu entwickelt und baut. Jede Marke möchte beispielsweise gerne ein E-Auto bauen …

… aber?
Da muss ich auch als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat schauen, ob das in die jeweilige Marke passt. Die spanische Regierung möchte unbedingt, dass wir ein E-Auto in Spanien produzieren. Haben Sie sich dort mal die Lade-Infrastruktur angeschaut? Da muss von der Seite des Staates noch einiges kommen. Was soll ich mit einem E-Auto, wenn es keine Ladesäulen gibt? Ich bin mit einer Italienerin verheiratet und wenn ich mir das Stromnetz in Süditalien anschaue, wird das eine Riesenherausforderung. Über solche Dinge müssen wir reden.

1945 wurde im Werk Wolfsburg der erste VW Käfer gefertigt. Foto: Volkswagen AG.

Wie nah sind Sie in Ihrer heutigen Funktion noch an der Basis, dem Arbeitnehmer am Fließband? Können Sie nachvollziehen, was diesen bewegt?
Über 2.500 Vertrauensleute und meine insgesamt 75 Betriebsratskolleginnen und -kollegen helfen mir, in Kontakt zu bleiben. Außerdem gibt es seit 15 Jahren den BR-Dialog. Ich gehe in diesem Format überall hin, etwa vom Karosseriebau über Lackiererei und Montagen bis in die Technische Entwicklung und Finanz und diskutiere mit den Kolleginnen und Kollegen über die Schwierigkeiten in der Automobilindustrie, die Transformation und das Thema agile Arbeit, über Politik und natürlich den Einfluss von Gesetzgebungsverfahren, eigentlich über alles. Aber auch wenn ich durch Wolfsburg oder Braunschweig laufe, kommen die Leute auf mich zu und sprechen mich an oder sagen zu ihren Familien, schaut mal, das ist unser Bernd.

Können Sie damit umgehen, wenn Sie jemand mit Vornamen anspricht?
Klar. Ich habe mich noch nie als etwas Besonderes gefühlt. Dazu wird man durch die Presse gemacht. „Macht“, „der mächtigste Betriebsrat“ – das ist doch alles metaphysische Holzwolle.

Wie würden Sie die Unternehmenskultur Volkswagens in einem Satz beschreiben?
Ein Satz ist schwierig.

In drei Sätzen?
Bei Volkswagen braucht niemand Angst haben, seine Meinung zu sagen, dafür sorgt auch der Betriebsrat. Ich halte es für wesentlich, dass hier jeder in der Lage ist, frei zu reden und zu denken. Das gibt es nicht in allen Betrieben. Ich habe gerade mit einem Kollegen gesprochen, der in seinem Betrieb vor 70 Leuten seine Meinung gesagt und daraufhin die Kündigung erhalten hat.

Rund 704.000 Fahrzeuge rollten 2018 in Wolfsburg vom Band. Foto: Volkswagen AG.

Was ist denn mit dem viel zitierten Klima der Angst, das auch immer wieder ursächlich für den Dieselskandal gesehen wurde?
Das halte ich für Unsinn.

Das heißt, Ihrer Meinung nach gab es dieses Klima nicht?
Sie haben mich ja nach meiner Meinung gefragt und ich halte es für Unsinn. Wir reden von Führungskräften, die ausreichend Rückgrat haben müssen, den Mund auf zu machen. Dass sie das nicht getan haben, hat nichts mit Angst zu tun, sondern mit persönlichem Versagen. Das ist meine persönliche Einschätzung.

Kann man umgekehrt sagen, dass Führungskräfte eigentlich ein ausreichendes Rückgrat haben müssten, um zuzugeben, wenn etwas nicht funktioniert?
Klar. Wir haben uns aber auch schon vor Dieselgate intensiv mit unserer Unternehmenskultur auseinandergesetzt. Mobile Arbeit ist auch so ein Thema. Wir hatten Führungskräfte, die gesagt haben, wenn du mobil arbeiten möchtest, kannst du zu Ford wechseln. Da sind wir als Betriebsrat anders unterwegs gewesen, weil wir glauben, dass die Kolleginnen und Kollegen, auch wenn sie nicht im Unternehmen sitzen, einfach arbeiten. Das ist schlichtweg eine notwendige Vertrauenskultur.

Anfang des Jahres hatten Sie den Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess aufgrund der Technikprobleme beim neuen Golf 8 und seines Managementstils hart kritisiert. Wie sieht Ihr Verhältnis aktuell aus?
Professionell – und wir sind uns auch meistens in den Zielen einig. Nur beim Weg dahin, sind wir öfters mal unterschiedlicher Auffassung – zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob wir einen Standort wie Wolfsburg mit einem größeren Volumen belegen.

Haben Sie auch über das berufliche Verhältnis hinaus Kontakt mit Herbert Diess?
Wir sind auch schon mal zusammen ein Bier trinken gegangen und haben bei jemandem zusammen im Garten gesessen und gegrillt. Aber das ist nichts, was einmal die Woche stattfindet und wir werden nicht zusammen auf dem Surfbrett stehen.

In den vergangenen Wochen eröffnete das Landgericht Braunschweig das Verfahren gegen drei ehemalige und einen aktuellen VW-Manager wegen der Auszahlung überhöhter Gehälter und Boni an fünf Mitglieder des Betriebsrates. Unter anderem fiel dabei auch Ihr Name …
Ich bin aber nicht angeklagt, oder?

Nein. Allerdings sollen Sie in diesem Kontext zwischen 2011 und 2016 ungerechtfertigte Vergütungen in Höhe von 3,125 Millionen Euro erhalten haben …
Das ist die Meinung der Staatsanwaltschaft. Volkswagen dagegen und natürlich auch die von Ihnen erwähnten Manager sind sich sicher, dass die Betriebsratsvergütung, die auf sechs Jahre zu verteilen ist und Altersvorsorge enthält, stets korrekt erfolgte. Auch ich selber bin davon fest überzeugt. Außerdem gibt es schon seit anderthalb Jahr

Die Fertigung des VW Käfer in Wolfsburg vor 75 Jahren. Foto: Volkswagen AG.

en einen Vergleich vom Arbeitsgericht Braunschweig für mich und rund ein Dutzend weiterer Kolleginnen und Kollegen aus den Betriebsräten bei Volkswagen. Diese Bewertung war für uns absolut positiv, alle Betroffenen haben nämlich eine Bestätigung für ihre Vergütung im Managementbereich bekommen. Beteiligt an dieser Feststellung waren als Schiedsgutachter zwei ehemalige Vorsitzende Richter des Bundesarbeitsgerichts, die die Betriebsratsvergütung bei Volkswagen als neutrale Experten bewertet haben. Selbst Kritiker waren in der Vergangenheit der Meinung, dass der Betriebsratsvorsitzende durchaus wie ein Personalleiter bezahlt werden könnte.

Und Sie?
Ich selbst hatte bekanntlich diverse Angebote, in Top-Positionen auf Managementseite zu wechseln, was mir ein Vielfaches meiner Vergütung beschert hätte. Ich habe das aber immer ausgeschlagen, weil mein Platz nicht auf der Unternehmerseite, sondern auf der Seite der Beschäftigten ist. Wichtig ist mir aber auch: Rechtliche Grundlage für die Auffassung der Staatsanwaltschaft ist das Betriebsverfassungsgesetz. Und das ist an den für die Vergütung entscheidenden Stellen seit 1972 unverändert, also komplett überaltert. Das Gesetz trägt einfach nicht der Tatsache Rechnung, dass Betriebsräte gerade in Großunternehmen längst Aufgaben mit Managementniveau zu erfüllen haben. Es scheint aber niemanden in der Politik zu geben, der sich da mal richtig ran wagt.

Geld treibt Sie nicht an?
Nein. Schon vor gut zehn Jahren hätte ich bei zwei Gelegenheiten Personalleiter der Marke Volkswagen werden können. Das habe ich wie gesagt abgelehnt. Angebote für den Konzern-Vorstandsposten 2014, 2015 ebenfalls. Und da reden wir von etwa 5,5 Millionen Euro – pro Jahr.

Reden wir über den Autostandort Deutschland. Erleben wir gerade das Ende der weltweiten Dominanz deutscher Autobauer?
Das muss ich sehr stark aus Volkswagensicht betrachten. Der Konzernbetriebsratsvorsitzende von Daimler, Michael Brecht, hat gesagt, das Unternehmen muss eine Batteriefabrik bauen, weil wir eine in Salzgitter bauen. Sein Kollege von BMW, Manfred Schoch, hat gesagt, wir brauchen unbedingt einen Baukasten im elektrischen Bereich – wir haben ihn mit dem MEB bereits. Ich glaube also, dass wir, was das Thema Technologie betrifft, innerhalb der letzten fünf Jahre einen Riesenschritt gemacht haben und mit Modellen wie dem ID.3, ID.4 oder ID.Buzz gut aufgestellt sind. Das zeigen übrigens auch die Vergleichstests mit Tesla, und an diesem Erfolg hat Herbert Diess einen großen Anteil. Wir haben es rechtzeitig erkannt.

Bernd Osterloh und seine designierte Nachfolgerin, Daniela Cavallo, besichtigen das automatisierte und robotergesteuerte Scannen von Spaltmaßen auf einer Golf-Linie des Werkes Wolfsburg. Foto: Volkswagen AG.

Gerade noch rechtzeitig?
Rechtzeitig.

Andere nicht?
Es wird schwierig für den einen oder anderen. Ich rede nicht unbedingt von BMW und Daimler, aber ich weiß nicht, was aus einigen Mittelklasseherstellern wird. Am Ende müssen wir aber auch die Politik in die Pflicht nehmen. Wenn ich mit Vertretern der Parteien in Berlin rede, sage ich immer: Ihr lebt in einer Käseglocke – denn hier gibt es U-Bahnen, S-Bahnen, ÖPNV usw. Wenn ich aber von Braunschweig nach Schöningen will, komme ich um das Auto kaum herum. Man muss sich schon darüber unterhalten, wie man in einem Flächenland wie Deutschland die individuelle Mobilität erhält.

Wie sehen Ihre persönlichen Erfahrungen mit Elektroautos aus?
Ich habe viel getestet, unter anderem ID.3, Tesla Model 3, einen E-Käfer – zum Beispiel hier im Stadtgebiet oder auch über Land. Ich bleibe dabei: Der entscheidende Punkt sind die Lademöglichkeiten. Und wenn ich nach Frankfurt zur IG Metall-Vorstandssitzung fahre, nehme ich den ICE. Wenn ich mit meiner Familie nach Berlin zum Einkaufen möchte, ebenso. Auf solchen Strecken ist die Bahn klar im Vorteil. Und für meine individuelle Mobilität reicht ein E-Auto von der Reichweite her vollkommen aus.

Was fahren Sie denn momentan für ein Auto?
Meine Frau fährt einen VW-Bus und ich habe derzeit einen Touareg. Aber ich bekomme auch immer wieder Fahrzeuge aus der Technischen Entwicklung, um sie zu testen, auch Marken außerhalb des Konzerns. Und ich fahre auch mal schnelle Autos, zum Beispiel einen Audi RS6.

Macht Ihnen dynamisches Fahren Spaß?
Ich habe eine A-Lizenz und fahre auch auf dem Nürburgring – das ist nicht das Thema. Die Nordschleife macht wahnsinnig Spaß, die Strecke könnte ich Ihnen auswendig erzählen. Aber ich habe leider einfach keine Zeit. Das letzte Mal war ich vor drei oder vier Jahren auf dem Nürburgring.

Wie sieht Volkswagen 2035 aus, wenn Sie es sich aussuchen könnten?
Wir sind Weltmarktführer.

Weiterhin …
Na klar.

Hätten Sie sich eigentlich zu irgendeinem Zeitpunkt vorstellen können, von der Arbeitnehmer- auf die Manager-Seite zu wechseln?
Das hätte ich mir 2015 sicherlich vorstellen können, aber als dann das Diesel-Thema bekannt geworden ist und Horst Neumann im November aufgehört hat, war für mich klar, dass ich zu dem Zeitpunkt definitiv nicht wechseln kann. Damit ist das Thema auch erledigt gewesen. Aber wie gesagt, das war nicht das erste Angebot.

Stand in den 43 Jahren bei der Volkswagen AG je ein Arbeitgeberwechsel für Sie zur Debatte?
Nein, ich fühle mich hier superwohl. Das ist ein tolles Unternehmen und ich habe zumindest hier in dem Bereich zu den Kollegen ein tolles Verhältnis. Arbeit muss Spaß machen – zumindest ein bisschen. Wenn Arbeit Spaß macht, arbeitet man gerne. Und mir hat das in den 43 Jahren bei Volkswagen immer auch ein bisschen Spaß gemacht.

Gibt es für Sie persönlich schon ein Ausstiegsszenario aus dem Konzern?
Ja, gibt es.

Verraten Sie uns Genaueres?
Wenn meine Kolleginnen und Kollegen wollen, werde ich 2022 nochmal für den Betriebsrat kandidieren. Und ich werde dann im Laufe der Wahlperiode aussteigen. Meine Stellvertreterin Daniela Cavallo wäre dann eine Top-Nachfolgerin, aber ich möchte nicht den Ergebnissen der Wahl vorgreifen.

Was machen Sie dann?
Da steht viel an. Ich engagiere mich schon heute zum Beispiel für die Volkswagen-Belegschaftsstiftung oder den Regionalverbund für Ausbildung, mit dem wir jährlich 25 bis 30 zusätzliche Ausbildungsplätze in der Region schaffen – gerade auch für Menschen, die eine pädagogische Begleitung brauchen. Die Aktion „Eine Stunde für die Zukunft“ haben wir 1999 aufgebaut, um an allen Standorten weltweit Förderangebote für Kinder voranzutreiben. In Wolfsburg engagiere ich mich noch bei der Starthilfe. Um diese Themen werde ich mich auf jeden Fall weiterhin kümmern. Daneben habe ich selber noch drei junge Kinder – denen geht es aktuell so ähnlich, wie es mir damals ging, als mein Vater nie da war. Außerdem bin ich Fan von Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg und leider komme ich viel zu selten zu den Spielen. Das hole ich dann nach, mit meinem Sohn beim VfL und mit meiner zweiten Tochter bei der Eintracht.

„Wir hatten Führungskräfte, die gesagt haben, wenn du mobil arbeiten möchtest, kannst du zu Ford wechseln.“ Foto: Holger Isermann.

Apropos Bildungsgerechtigkeit, können Sie nachvollziehen, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich momentan abgehängt fühlen und auch politisch auf eigenartigen Wegen durch Berlin rennen?
Nachvollziehen, dass man Corona zum Thema von Verschwörungstheorien macht, kann ich nicht. Und ganz besonders nicht, dass man sich mit Menschen einreiht, die eine Reichskriegsflagge durch die Gegend tragen. Dafür habe ich kein Verständnis. Aber dass die soziale Ungerechtigkeit und die Schieflage in Deutschland größer wird, ist klar. Und dass sich da Menschen abgehängt fühlen, kann ich verstehen. Die Frage ist nur, mit wem versuche ich Änderungen durchzusetzen?

Also noch eine politische Karriere?
Nee. Ich heiße nicht Frank Bsirske (lacht). Ich bin 64 Jahre alt, da fragt man nicht mehr nach einer zweiten Karriere. Außerdem ist Politik etwas anderes, als in einem Industrieunternehmen zu arbeiten.

 

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