8. März 2021
Impulse

„Das Wichtigste ist, dass wir kommunizieren“

Henry Kayser saß aufgrund von Lock- und Flockdown in Braunschweig fest und wir nutzten die Chance für ein Zoom-Interview über Pannen bei der Videokonferenz, Glaubens­sätze als inneren Kompass und den rauen Ton in der Spitzenküche …

Henry Kayser ist Vertriebsleiter Mittelstand für die Regionen DACH, Benelux und Nordeuropa bei Zoom Video Communications. Foto: Zoom Video Communications

Gibt es bei Zoom eigentlich eine Zeitrechnung vor und nach der Pandemie?
Wir sind auch vor der Covid-19-Pandemie gewaltig gewachsen, aber die Pandemie war natürlich ein Katalysator, weil durch sie die Not sehr groß war. Die Menschen mussten kommunizieren, um handeln zu können und wir konnten plötzlich in Kontexten helfen, die uns gar nicht bewusst waren. Eigentlich sind wir ja vor allem im Enterprise-Markt aktiv und arbeiten mit IT-Abteilungen von Unternehmen zusammen.

Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du begriffen hast, was der Lockdown für euch bedeutet?
Ja, ich war morgens Laufen und habe dabei ein Selfie gemacht. Und als ich nach Hause kam, waren die Medien voll mit dem Thema Lockdown – genauso wie übrigens meine Mailbox. Ab diesem Zeitpunkt konnten wir erst einmal nur noch reagieren. Das Foto ist für mich heute ein starkes Symbolbild, das ich mir immer mal wieder anschaue, um mich daran zu erinnern, dass sich die Welt von einem auf den anderen Moment auf den Kopf stellen kann.

Ihr habt euch durch das Angebot von kostenlosen Accounts relativ schnell in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Geht diese Strategie für euch auf, obwohl ihr mit diesen Nutzern nichts verdient?
Uns geht es darum, dass die Leute kommunizieren. Ich erinnere mich, dass mir die Kollegen bei meinem Vorstellungsgespräch damals von der Vision erzählten, dass die Menschen irgendwann sagen werden: „Lasst uns mal zoomen.“ Das war das Ziel und es ist schön, dass diese Idee so schnell Wirklichkeit geworden ist.

Kommunikation ermöglichen ist ein tolles Ziel, aber ihr seid keine Wohltätigkeitsorganisation. Wie wird aus der Hilfe ein Geschäft?
Wir sind ein Freemium-Modell, die Basisversion kann also jeder kostenlos nutzen und das sagt viel darüber aus, wie wir funktionieren. Zoom glaubt, dass der Weg einer Unified-Communications-Plattform der richtige ist und es nicht für jede Kommunikationsplattform einen anderen Anbieter braucht. Dafür müssen die Menschen aber zunächst einmal in Berührung mit uns kommen und die User- Experience erleben.

Was macht ihr besser als eure Mitbewerber?
Wir sind vor allem so stark gewachsen, weil „Zoom just works“. Den Menschen ist das Tool eigentlich relativ egal, es soll funktionieren.

Du bist bei Zoom für den Verkauf zuständig – das ist gerade ein relativ einfacher Job, oder?
(Lacht). Durch den Freemium-Ansatz ist es unsere Aufgabe, die Menschen zu finden, die mehr mit uns machen wollen. Deshalb ist die Adoption Rate für uns ein sehr wichtiges Thema. Viele Unternehmen hatten vor Covid-19 keine wirkliche Vorstellung davon, wie sie hybrides Arbeiten ermöglichen können und haben sich innerhalb von kürzester Zeit für eine Lösung entschieden. Das heißt aber nicht, dass die Unternehmen sich nicht umschauen – im Gegenteil. Das Thema Kommunikation steht gerade sehr weit oben auf der Agenda und das ist unsere Chance.

Ein weiterer großer Markt sind die Schulen. Wie erlebst du die Sicherheits-Diskussion um Videokonferenzsysteme und ihre Anwendung im Bildungssektor?
Man muss verschiedene Ebenen unterscheiden. Die eine Frage ist, wie ich mein Meeting schütze. Hier gibt es vor allem darum, die Anwender zu schulen. Das andere Thema ist der Datenschutz und dieses ist nicht statisch. Wir gehen offen und transparent damit um und merken, dass die Bereitschaft der Bildungsinstitutionen, mit uns zu kommunizieren, stark zunimmt.

In Deutschland gibt es gerade ebenfalls eine intensive Debatte um die neuen AGBs von WhatsApp und durchaus Wechselbewegungen zu anderen Anbietern. Glaubst du, dass das Thema die US-amerikanischen Internetunternehmen noch einholen wird, wenn sie nicht verstehen, dass die Kontinente hier unterschiedlich ticken?
Die Menschen werden dort kommunizieren, wo sie es am besten können und sich am wohlsten dabei fühlen. Wir gehen initiativ auf die Behörden in Deutschland zu und versuchen offene Fragen zu klären. Unser Fokus liegt darauf, dass unsere Software allen Standards entspricht und das tut sie auch. Mit der End-to-End-Encryption tun wir sogar weitaus mehr als erforderlich.

Brauchen Videokonferenzen eine andere Struktur als reale Treffen im Konferenzraum?
Die Frage, die oft gestellt wird, ist was hybrides Arbeiten bedeutet. Es ist eben ein Unterschied, ob ich ein Fußballspiel live im Stadion erlebe oder zu Hause am Fernseher. Wenn man bewusst mit dem Thema Video umgeht, weiß man, dass man die Menschen anders ansprechen muss als Face to Face. Dieses Bewusstsein entsteht, beziehungsweise verfestigt sich gerade.

Was sind die größten Fehler in der Unternehmenskommunikation über Konferenzsysteme?
Das Wichtigste ist, dass wir kommunizieren – am besten natürlich live. Wenn das nicht geht, ist Video die aktuell sinnvollste Alternative.

Anders gefragt: Glaubst du, dass sich die Kommunikationskultur in Unternehmen durch das Medium verändert – beispielsweise, weil man eher zur direkten Ansprache neigt, wenn der Chef nicht real im Raum steht?
Das Gefühl habe ich schon. Das vertraute Zuhause, in dem viele gerade arbeiten, erzeugt eine andere Nähe und Sicherheit. Unabhängig davon, ob jemand einen virtuellen Hintergrund nutzt oder nicht.

Gutes Stichwort – wir haben hier drei Personen mit unterschiedlichen Konzepten in der Konferenz – virtuelle Winterlandschaft, uninspirierte Ordnerwand und ein durchgestylter Realhintergrund. Was ist der richtige Weg?
Es kommt darauf an, was man selbst vermitteln möchte. Richtig oder falsch gibt es hier nicht. Fakt ist, dass viele Leute zu Hause sitzen und nicht alles teilen wollen. Das ist okay, die Menschen sollten sich in erster Linie wohlfühlen und authentisch sein.

Welcher Hintergrund darf es sein? Foto: Holger Isermann

Ist alles erlaubt – knallbunte Minecraft-Hintergründe im Business-Kontext zum Beispiel?
Wenn jemand in der Gastronomie arbeitet und eine Party als Hintergrund verwendet, funktioniert das vielleicht. Als Rechtsanwalt würde ich es nicht empfehlen.

Dasselbe gilt wahrscheinlich fürs Outfit. Was ist an der Legende dran, dass viele Mitarbeiter sich nur obenrum angemessen kleiden?
Ich bin komplett gekleidet (lacht). Ja, das halte ich eher für eine Legende.

Video an oder aus?
Wer Zoom nutzt, hat statistisch gesehen sehr häufig die Kamera an. Wenn jemand das partout nicht möchte, sollte er es nicht tun. Aber es ist auch eine Frage der Business-Etikette und wenn ich zu einem Videotermin einlade, dann eben nicht zu einer Telefonkonferenz. Es ist immer eine Botschaft, wie ich mit dem Wunsch meines Gegenübers umgehe.

Headset – ja oder nein?
Gute Audio ist das Wichtigste. Es geht nicht nur um den eigenen Empfang, sondern auch das Signal, das man sendet. Man sollte deshalb darauf achten, dass die Technik passt.

Bei Videokonferenzen aus dem Homeoffice dringt das Private immer wieder in den Arbeitskontext ein – weil die Heizung gluckert, der Postmann klingelt oder ein Kind durchs Bild läuft. Ist unprofessionell oder eher erfrischend?
Wir erleben alle gerade dieselbe Wirklichkeit, weshalb das Verständnis dafür auf allen Ebenen relativ groß ist. Wenn meine Tochter hier ins Zimmer läuft und Hallo sagt, freuen sich die Leute eigentlich (lacht).

Das heißt für Chefs und den Umgang mit solchen Alltagsphänomenen?
Sie sollten selbstverständlich entspannt damit umgehen. Das ist die neue Realität und heißt ja nicht, dass die Mitarbeiter dadurch unproduktiver sind.

Im Internet verbreiten sich gegenwärtig immer wieder Videos mit Pannen bei Konferenzen …
Bei uns kursieren spannende Sachen, aber das sind wahrscheinlich dieselben wie auch sonst im Netz. Wirklich lustig fand ich eine ältere Kirchengemeinde, die versucht hat über Zoom zu kommunizieren.

Technische Hürden sind auch bei Jüngeren ein Thema. „Dein Mikro ist nicht an“, ist beispielsweise ein Satz, der in Meetings relativ häufig fällt …
Das erlebe ich, als jemand, der gerade in einer Zoom-Welt lebt, natürlich nicht so häufig. Für mich kommt es vor allem auf den Kontext an. Wer vor mehreren hundert Zuhörern spricht, sollte das Meeting schon sehr gut und professionell planen. Im täglichen internen Zweiergespräch genügt auch das Smartphone – da gehe ich auch schonmal dabei spazieren. Genau das meint hybrides Arbeiten – du hast alle Möglichkeiten, nutze sie!

Es gibt mittlerweile Studien zur so genannten Zoom-Fatigue – einer Müdigkeit, die durch lange Tage in Konferenzen vorm Bildschirm entsteht. Brauchen wir einen bewussteren Umgang mit den Kommunikationsmöglichkeiten?
Wir selbst haben zum Beispiel einen No-Internal-Meeting-Wednesday und schaffen so Freiräume, um wirklich produktiv an Themen arbeiten zu können. Grundsätzlich sollte man sich fragen, wann man welche Meetings mit welcher Relevanz aufsetzt. Einfach nur so zum Selbstzweck viele Meetings abzuhalten ist nicht zielführend, aber das war auch schon vor Covid-19 so. Und natürlich sehnen wir uns alle danach, uns im wirklichen Leben wiederzusehen. Aber nach der Pandemie werden die Vorteile von Videokonferenzen deshalb nicht einfach verschwinden. Es wird kein entweder oder geben …

… sondern eher eine Nebeneinander von verschiedenen Kommunikationsformen. Unternehmen werden wohl ganz genau hinschauen, wann sich der Aufwand einer Reise lohnt und wann es auch vom Schreibtisch aus geht, oder?
Video wird bleiben und unserer Meinung nach bewusster verwendet werden, wenn die äußeren Umstände auch persönliche Treffen wieder erlauben. Das werden wir im Arbeitsalltag merken, es wird aber auch Veranstaltungen dramatisch verändern. Manche Events leben vom Rahmen, also dem Netzwerk und nicht vom Inhalt – hier wird man sich natürlich auch weiterhin persönlich treffen.

Der Großteil der Bevölkerung kennt Zoom als kostenloses Videokonferenztool – was könnt ihr darüber hinaus?
Unser Kernangebot ist Unified Communications. Das bedeutet, wir sind eine Plattform, die Kommunikation über Video, Audio, Telefonie oder Chat ermöglicht. Außerdem gibt es Plugins, sodass man Zoom beispielsweise in Anwendungen wie Salesforce einbinden kann. Das sind die Stärken, die gerade im Unternehmensumfeld wahnsinnig gefragt sind.

Ein Setup für Profis: Henry Kayser zeigt, warum er in der Videokonferenz mit hervorragender Bild- und Tonqualität glänzt. Foto: Zoom Video Communications

Was sind eure Wachstumsziele?
Es gibt einen großen Markt und wir wachsen sehr stark, aber konkrete Zahlen kann ich nicht sagen.

Wie optimistisch seid ihr?
Sehr optimistisch (lacht).

Sprechen wir zum Schluss über dich persönlich. Zoom ist nicht das erste US-amerikanische Unternehmen in deinem Lebenslauf, vorher warst du bereits vier Jahre bei Oracle beschäftigt. Inwieweit hat dich die dortige Kultur geprägt?
Das ist ein sehr spannendes Thema, weil wir von der Kultur her so ticken, dass wir uns konstant hinterfragen und herausfordern. Es geht nicht darum, so viel wie möglich, sondern das richtige zu tun. Dazu gehört ein großes Bewusstsein dafür, wie wir mit uns und unserer Zeit umgehen. Das ist etwas, was ich im Kern als großen Unterschied zu anderen Arbeitskulturen erlebe.

Kannst du das noch konkreter machen?
Wir denken beispielsweise von Quartal zu Quartal, aber nicht nur als Unternehmen, sondern auch auf Mitarbeiterebene. Jeder von uns kann an einem Reflection Day darüber nachdenken, was für ihn selbst in den nächsten drei Monaten wichtig wird.

Auf deinem LinkedIn-Profil schreibst du, „I believe greatness is not born …”. Hast du anfangs mit diesem US-amerikanischen Spirit gefremdelt?
Bei meinen Vorstellungsgesprächen kam beispielsweise das Thema Delivering Happiness auf. Wir sind ein glaubenssatzgetriebenes Unternehmen und das ist unser Slogan. Als Deutscher denkst du da anfangs – alles klar, und schmunzelst vielleicht etwas. Aber dahinter steckt wirklich mehr und mittlerweile habe ich verstanden, dass wir tagtäglich versuchen, das richtige zu tun, um über Videokommunikation unsere Kunden und Mitarbeiter glücklich zu machen. Der Glaubenssatz gibt uns einen inneren Kompass und hat eine sehr starke Strahlkraft ins gesamte Unternehmen hinein.

Du hast vor einigen Jahren eine Kochlehre bei der Nord/LB gemacht. Ist das heute mehr als eine gute Anekdote in deinem Lebenslauf?
Auf jeden Fall. Das war eine ganz wichtige und prägende Zeit für mich. Dort habe ich gelernt, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist, um auf höchstem Niveau abliefern zu können. Die nötige Lebenseinstellung, die es braucht, um Exzellenz zu erreichen, habe ich dort in der Küche entwickelt.

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Job am Herd und dem Vertrieb?
Im Kern geht es bei beiden Tätigkeiten darum, ein Erlebnis zu vermitteln. Dafür braucht es ein extrem kunden- und serviceorientiertes Denken.

Man sagt, dass der Ton in der Küche relativ rau sei …
Direkt und zielorientiert (lacht). Aber es geht wirklich allen darum, zusammen mit höchster Perfektion das Beste herauszuholen. Das steht im Mittelpunkt und nach Arbeitsschluss ist man sehr toll miteinander umgegangen.

Du sitzt gerade in Braunschweig fest. Wie ist dein persönlicher Blick auf die Region?
Hier ist meine Tochter geboren, insofern ist es per se eine sehr schöne Region. Was ich spannend finde, ist, dass es hier viele Überzeugungstäter im Mittelstand gibt, die wirklich versuchen, mit Vollgas der Zukunft entgegen zu laufen.

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