8. Januar 2020
Topstory

David gegen Goliath

Größe spielt auf dem Arbeitsmarkt heute nicht mehr die entscheidende Rolle

Trendence-Geschäftsführer Robindro Ullah. Foto: privat

Dass der Arbeitsmarkt sich wandelt und bereits signifikant gewandelt hat, ist seit Jahren bekannt. Nur ist die Bereitschaft, sich als Unternehmen dahingehend zu positionieren nicht im selben Maße gestiegen wie die Notwendigkeit dafür. Bei manchen ist man versucht zu sagen, dass sie „sehenden Auges in den Abgrund rennen“. Gerade der Mittelstand verfällt zum Teil in eine unnötige Schockstarre. Während Konzerne Unsummen investieren, um ihre Vorherrschaft auf dem Arbeitsmarkt nicht zu verlieren, befinden sich viele mittelständische Betriebe in einer Warteschleife, die von Selbstmitleid geprägt ist. Dabei deuten die Zahlen daraufhin, dass es dazu gar keinen Grund gibt. Als Trendence Institut beobachten wir seit nunmehr 20 Jahren den Arbeitsmarkt in Deutschland und auch weltweit. 4,5 Millionen Menschen haben wir bezüglich ihrer Arbeitsmarkt- und Arbeitgeberpräferenzen befragt. Daraus lassen sich Jahr für Jahr spannende Erkenntnisse ableiten, die eben nicht nur für „die Großen“ interessant sind.

Eine davon: Arbeitnehmende lernen sukzessive, dass der sogenannte Kodak-Moment – also zu verschlafen, dass sich der Markt in eine neue andere Richtung bewegt als die, die man als Unternehmen eingeschlagen hat – vor allem große, unbewegliche Unternehmen ereilen kann. Die Annahme, vor allem diese Arbeitgeber seien sehr sichere Arbeitgeber, ist auf Grund der disruptiven Energien der Digitalisierung nicht mehr ganz richtig. Dass es großer Budgets bedarf, um große Effekte im Employer Branding und in der Rekrutierung zu erzielen, um letztlich die ausgeschriebenen Stellen zu besetzen, wurde erst kürzlich durch das Uniklinikum Dortmund widerlegt. Sie haben mit über einer Million Likes auf TikTok, einem der aufstrebenden neuen Sozialen Netzwerke, die großen Konzerne weit hinter sich gelassen. Und das nicht nur für die jungen Generationen. Um solche Erfolge zu erreichen, braucht man nicht viel Geld, sondern vor allem das Wissen um Zielgruppen. Ein Wettbewerbsvorteil in der Rekrutierung drückt sich in Zielgruppenverständnis aus.

Kombiniert man dieses Wissen mit den Erkenntnissen unserer Studien, so zeigt sich: Der Mittelstand in Deutschland hat eine zunehmend bessere Ausgangssituation. So zeigen die Daten einer im Sommer 2019 von uns durchgeführten IT- und Ingenieursstudie gemeinsam mit dem Communityanbieter get in IT, dass 75 Prozent der Befragten lieber im ländlichen Umfeld oder in einer Kleinstadt arbeiten würden als in einer Großstadt.

Im Schnitt scheinen sich also beispielsweise die viel diskutierten Standortnachteile kleinerer Unternehmen bundesweit nicht bemerkbar zu machen.

Bezogen auf kleinere Unternehmen zeigen unsere Barometer-Studien, die wir jährlich für alle Zielgruppen am Arbeitsmarkt durchführen, ebenfalls einen Trend hin zum Mittelstand. Er macht sich zunehmend in der Wahl der beliebtesten Arbeitgeber bemerkbar. Noch verlieren die großen Konzerne nicht ausreichend Stimmen, um von den Top-Platzierungen gestoßen zu werden. Doch die Tendenz, dass Stimmen in die hinteren Ränge wandern, zeichnet sich bereits ab.

Für Unternehmen in der Region sind dies gute Bedingungen. Bessere, als sie sich bisher bewusst machen. Hat man sich ein gutes Zielgruppenverständnis erarbeitet, können neue Tools dabei helfen, diese ohne riesige Budgets zu erreichen.

Entwicklungen wie beispielsweise Google for Jobs helfen dabei. Sie schaffen eine Basis, auf der Mittelstand und Konzerne auf Augenhöhe agieren können. Denn bei der neuen Jobsuche steht der Inhalt der jeweiligen Stellenanzeige im Vordergrund und das Zielgruppenverständnis. Sonst nichts.

Was man wissen muss: Natürlich ist Fachkräften, akademischen wie nicht-akademischen, eine faire Bezahlung wichtig. Blicken wir auf die Ergebnisse unserer Studie bei nicht-akademischen Fachkräften, so ist in diesem Jahr Top-Eins-Treiber von Unzufriedenheit am Arbeitsplatz das Gehalt.

Gleich danach folgen jedoch: der Führungsstil und mangelnde Wertschätzung der Mitarbeitenden. Hier hilft es wieder, seine Zielgruppe zu verstehen. Auch wenn der Mittelstand beim Gehalt nicht immer mit Konzernen mithalten kann – gute Führung und Wertschätzung sind keine Frage des Geldes, sondern eine des Wollens.

Wer diese Themen angeht und gut über die Arbeitgebermarke kommuniziert, der braucht vor großen Konzernen wirklich nicht mehr resignieren.

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