24. Juni 2022
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Der Business-Camper

IHK-Präsident Andreas Kirschenmann reist mit Wohnmobil und Trompete durch die Region

Andere fahren mit dem Wohnmobil in Urlaub. Für IHK-Präsident Andreas Kirschenmann ist sein Mobil auch sein Dienstwagen – und ein Stück Freiheit. Foto: Frank Spyra

Wer viele Geschäftsreisen unternimmt, verbringt viele Nächte in Hotels. Zwangsweise? Nein. Andreas Kirschenmann, Präsident der IHK Lüneburg-Wolfsburg, geht einen anderen Weg. Der 55-Jährige fährt mit seinem Wohnmobil durch das Land – privat wie geschäftlich. Denn auch seine Familie ist vom Campingfieber gepackt.

„Manchmal frage ich mich, warum ich nicht schon viel früher damit angefangen habe“, sagt Andreas Kirschenmann als er an die letzten fünf Jahre denkt, in denen er seine Geschäftsreisen mit dem Wohnmobil unternommen hat. „Mein Wohnmobil ist mir ein wichtiges Werkzeug geworden.“ Mit ihm unternimmt er, der aktuell auch Präsident der IHK Niedersachsen und außerdem Geschäftsführer der GASTROBACK GmbH ist, Fahrten durch Niedersachsen und darüber hinaus.

Von Ost nach West und von Nord nach Süd – Kirschenmann ist auf seinen Fahrten schon weit rumgekommen. „In den vergangenen Jahren habe ich viele Videokonferenzen vom Elbstrand aus geleitet“, berichtet er von den Vorteilen seiner neu entdeckten Mobilität. Wo andere in der Pause nur zur Kaffeemaschine kommen, ist der Unternehmer mit einem Schritt in der Natur.

Der 1,98-Meter-Mann kommt kurz ins Grübeln, schmunzelt und sagt: „Und wahrscheinlich bin ich in der 150-jährigen Geschichte der IHK der erste Präsident, der zwischen Präsidiumssitzung und der daran anschließenden Vollversammlung in der Nordsee baden war.“ Das Wohnmobil erlaube es ihm frei, mobil und flexibel zu sein. Und Flexibilität ist ihm wichtig.

Das hat er schon als junger Mann gelernt, als er sich das Trompetenspiel aneignete. Sein ganzes Leben spielt er schon, hat sich sogar sein Studium mit dem Blasinstrument finanziert. Damals hat er Auftritte an den Wochenenden gehabt, war wie heute viel unterwegs. „Es war ein gutes Leben“, sagt er in der Rückschau und: „Das Spiel in einer Band hat mich gelehrt, wann man leise und wann man laut sein muss – und wann es gilt zuzuhören.“

Was unterwegs nicht fehlen darf? In Kirschenmanns mobiler Küche findet sich stets eine Espresso-Maschine. Foto: Frank Spyra

Heute spielt der Stader immer noch in einer Band. Auch mit ihr unternimmt er Fahrten. Für Konzerte war er beispielsweise in Skandinavien. Dorthin zieht es ihn auch mit seiner Familie immer wieder. „Wir lieben die Stille und Weite in Skandinavien und am Wasser“, erzählt er von den Reisen, die er mit seiner Frau und seinem jüngeren Sohn (10) unternimmt. „Der ältere fährt leider nicht mehr mit“, sagt der Familienvater über seinen jetzt 24-jährigen Erstgeborenen.

Skandinavien als Sehnsuchtsort? Ihn fasziniere die unberührte Natur. „Und ich war seit frühester Kindheit schon immer mit dem Kajak unterwegs, war unzählige Male draußen zelten.“ Wenn der Mann in seinem unscheinbaren roten Pullover und dem schmucklosen Blazer an den hohen Norden denkt, gerät er ins Schwärmen. „Es kann passieren, dass man dort tagelang keiner Menschenseele begegnet und wirklich in die ruhende Stille abtauchen kann. Herrlich.“

Der IHK-Präsident ist kein Schönwetter-Camper. Ob Sommer oder Winter, seine Geschäftsreisen unternimmt er so oder so. „Ich nutze mein Wohnmobil das ganze Jahr über und im ganzen IHK-Bezirk.“ Die langen Fahrten stören ihn dabei nicht. „Wenn man mit 100 Stundenkilometern hinter den Lkw fährt, hat das schon fast etwas Meditatives“, sagt er. Er schätzt es, das Tagesgeschehen hinter sich zu lassen. Auf den Urlaubsfahrten mit seinem Wohnmobil verlässt ihn der Termindruck, die schlechten Nachrichten sind dann fern.

Drei Dinge, die ich gerne zurücklasse:
1) Das Tagesgeschehen
2) Die aktuellen Nachrichten
3) Den Termindruck

Hilfe für Ukrainer – und eine Sicherheits­architektur für Europa

„Es ist beeindruckend zu sehen, wie viel Hilfe von allen Seiten für die Geflüchteten aus der Ukraine angeboten und organisiert wird“, so der IHK-Präsident. Auch die Kammer habe umgehend eine Koordinierungsstelle eingerichtet, um Hilfe bereitstellen zu können. „Die Politik hat die Signale aus Russland in den letzten 10 bis 15 Jahren komplett ignoriert und falsch eingeschätzt“, sagt er.

Dabei habe es genügend Anzeichen für die jetzt sichtbar gewordene Grundhaltung Russlands gegeben. „Die Auswirkungen des verbrecherischen Angriffskriegs Russlands sind in der Wirtschaft überall zu spüren“, berichtet der 55-Jährige. Lieferketten seien gestört, was zu Produktionsausfällen führe. „Nach der Coronazeit mit ihren besonderen Herausforderungen ist natürlich ein Krieg mitten in Europa etwas, worauf wirklich niemand konkret vorbereitet war.“

Europa brauche eine neue Sicherheitsarchitektur, in der Deutschland mehr Verantwortung und Führung übernehmen müsse. Neben einer Rückbesinnung auf die transatlantische Achse müsse dies mit einem neuen Bewusstsein für das Thema Verteidigung und seine Bedeutung in der Gesellschaft einhergehen. „Die Berichte über die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr machen mich etwas fassungslos“, sagt Kirschenmann. Gerade Deutschland benötige als Exportnation sicherheitspolitische Stabilität und sichere Seewege.

Das Wohnmobil ist Andreas Kirschenmann zur mobilen Basis geworden. Mit ihm unternimmt er Dienstreisen durch ganz Niedersachsen und darüber hinaus. Foto: Frank Spyra

Die hohen Energiepreise dämpften derzeit das Konsumklima. In diesem Sektor müsse alles Erdenkliche getan werden. „Wir brauchen neue Antworten und müssen auch bereits getroffene Ausstiegsentscheidungen überprüfen“, sagt der Geschäftsmann mit Blick auf die erneute Intensivierung der Nutzung von Öl, Kohle und auch Uran als Energiequellen.

Er befürwortet den Bau von Liquid Natural Gas (LNG) Terminals in Wilhelmshafen, Stade und Brunsbüttel. „Auch der Ausbau der Solar- und Windenergie hat für mich die größte Priorität – dem muss sich auf allen Ebenen der Politik alles andere unterwerfen. Sonst haben wir keine Chance.“

Flexibilität, Beschleunigung und Risikobereitschaft

Doch auch abseits der großen Weichenstellungen sieht der IHK-Präsident viele Aufgaben. „Es wird immer deutlicher: Beschleunigung wird bei der Lösung der großen Themen existenziell.“ Er fordert mehr Tempo beim Gigabitausbau, bei den 5G-Mobilfunknetzen und der digitalen Ausstattung von Schulen. Das seien elementare Voraussetzungen für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Industrie und Handel.

Verwaltungsleistungen müssten digitalisiert und beschleunigt werden. „Der persönliche Besuch auf dem Amt sollte zukünftig zur Ausnahme werden – von der Kfz-Anmeldung bis zum Bauantrag.“ Das enorme Entlastungspotenzial, das sich hierbei nicht zuletzt für die Verwaltungen selbst eröffne, werde bislang nicht ausreichend genutzt. Aber Kirschenmann sieht nicht nur die Politik in der Pflicht: „Natürlich gibt es auch beim Aufbau digitaler Kompetenzen in Unternehmen noch Luft nach oben.“

Melde- und Dokumentationspflichten müssten transparenter ausgestaltet werden. Die damit verbundenen, sogenannten Informationskosten belasten die Unternehmen mit mehr als 51 Milliarden Euro, so Kirschenmann. „Es würde das Leben schon leichter machen, wenn Ämter und Behörden transparenter und wertschätzender kommunizieren und wenn sie deutlich machen, mit welchem Ziel die Daten erhoben werden.“ Er sieht hier Potenzial für eine Automatisierung der Vorgänge.

„Bürokratieabbau kann gelingen“, sagt der IHK-Präsident und verweist auf die im vergangenen Jahr bei der IHK Niedersachsen eingerichtete Clearingstelle. Durch sie habe die IHK eine direkte Verbindung zur Landesregierung und könne die Auswirkungen von Gesetzentwürfen auf den Mittelstand prüfen. „Wir können dann Verbesserungsvorschläge einbringen. Das hilft auf jeden Fall, mögliche weitere Belastungen abzuwenden.“
Wenn der 55-Jährige mit seinem Wohnmobil unterwegs ist, ist der Werkzeugkoffer klein, das Problem dagegen vielleicht manchmal groß. Da braucht es findige Lösungen – und die am besten schnell. Da ist auch manchmal Improvisation und ein wenig Risikofreude gefragt. Der IHK-Präsident wünscht sich das auch von der Politik. „Viel Geschwindigkeit geht durch Absicherungsverhalten verloren.“

„Das Spiel in einer Band hat mich gelehrt, wann man leise und wann man laut sein muss – und wann es gilt zuzuhören“, sagt der IHK-Präsident. Er spielt seit Jahrzehnten Trompete. Foto: Privat

Der IHK-Präsident gibt zu, dass das unter dem Brennglas der öffentlichen Meinung nicht immer leicht ist. Dennoch: „Wir brauchen mehr Flexibilität und eine andere Abwägung des Nutzens. Und wenn dann mal etwas schief gegangen ist, dann müssen wir als Gesellschaft auch in der Lage sein, damit klar zu kommen und nicht immer einen Sündenbock suchen.“ Also neugierig sein, ausprobieren, sich trauen, Erfahrungen sammeln und aus Fehlern lernen.

Wie so etwas im Kleinen aussehen kann, verdeutlicht der 55-Jährige mit einem Beispiel: „Auf einer Reise mit der Landesregierung nach England habe ich mir einen Dudelsack gekauft, weil ich einfach herausfinden wollte, wie so ein Instrument funktioniert.“ Beherztes Handeln ist gefragt, gerade in diesen Zeiten. Oder: Mit begrenzten Mitteln improvisieren.

Trotz begrenzter Mittel möchte Kirschenmann auf seinen Fahrten auf einige Dinge nicht verzichten. Das ist vor allem seine Familie – und das nicht nur, weil seine Frau auch den passenden Führerschein hat und so auch einmal das Steuer übernehmen kann. Die ist auf Geschäftsreisen aber nicht dabei, daher braucht der Berufscamper dann unbedingt seine Espressomaschine. Die hat er extra für das Wohnmobil entworfen und vertreibt sie in seinem Unternehmen.

Auch bei den Reisezielen versuchen sich die Kirschenmanns an Neuem. „Im Mai fuhren wir durch Spanien und Portugal. Wir sind in Bilbao gestartet.“ Die 350.000-Einwohner-Stadt liegt ganz im Norden an der Küste Spaniens, etwa anderthalb Autostunden von der französischen Grenze entfernt. Von da aus ging es dann die Küste entlang. Doch im Harz war er noch nicht, Goslar möchte er bald besuchen. Denn für Andreas Kirschenmann und sein Wohnmobil gibt es noch viel zu sehen, viel zu improvisieren, viel zu entdecken.

Drei Dinge, die ich nicht missen möchte:
1) Meine Familie
2) Die Espresso-Maschine
3) Das Faltrad

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