Die Sehnsucht nach Wertschätzung - Standort38
5. Mai 2020
Topstory

Die Sehnsucht nach Wertschätzung

Was Fach- und Führungskräfte wirklich glücklich macht und wann sie ihren Arbeitgeber sogar an Family & Friends weiterempfehlen ...

Es ist ganz gleich, welche Branchen oder Wirtschaftsbereiche: Die Stimmungen und Prognosen, die auf den Jahresabschluss- oder Neujahrsempfängen von der großen Bühne oder anschließend am Stehtisch verbreitet wurden, sind faktisch nur einige Wochen alt. Mit der gegenwärtigen Wirklichkeit vieler Unternehmen und Entscheider haben sie jedoch nur noch wenig zu tun. Denn weite Teile der Wirtschaft befinden sich aufgrund des Corona-Shutdowns im Krisenmodus und agieren auf Sicht. Die einen kämpfen bereits ums nackte Überleben, andere frieren Etats ein, schieben Investitionen auf und schicken Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Die Pandemie trifft den Arbeitsmarkt
Mehr als 725.000 Unternehmen haben diese bisher angemeldet. Zum Vergleich: Selbst im Jahr der Finanzkrise 2009 haben nie mehr als gut 60.000 Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Covid-19 trifft mit voller Wucht auf einen leer gefegten Arbeitsmarkt, der Unternehmen viele Jahre lang das Recruiting für die meisten Jobprofile schwergemacht hat. McKinsey sieht europaweit 59 Millionen Arbeitsplätze bedroht und prognostiziert eine Rückkehr zum Stand vor der Krise für das 4. Quartal 2021, im schlimmsten Fall sogar erst 2024. Für die Bundesrepublik sagt ein gemeinsames Gutachten führender Wirtschaftsinstitute eine Rezession voraus. Das Bruttoinlandsprodukt wird 2020 demnach um 4,2 Prozent schrumpfen und die Arbeitslosenquote auf 5,9 Prozent steigen.

„Gute Voraussetzungen“ für eine Erholung
Schon für 2021 sagt die Projektgruppe aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) und den Leibniz-Instituten für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. (ifo Institut), für Wirtschaftsforschung Halle e.V. (IWH) und für Wirtschaftsforschung e.V., Essen (RWI) aber ein kräftiges Wachstum von 5,8 Prozent voraus. „Die Beeinträchtigungen durch die Pandemie selbst dürften jedoch nach ein bis zwei Jahren überwunden sein. Deutschland bringt gute Voraussetzungen mit, den wirtschaftlichen Einbruch zu verkraften und mittelfristig wieder das wirtschaftliche Niveau, das sich ohne die Krise ergeben hätte, zu erreichen“, heißt es in der Studie.

Recruiting in der Krise
Dieser Satz ist überstrapaziert und wird zurecht kritisch diskutiert: Wenn wir aber unternehmerische Chancen in der Krise identifizieren wollen, dürfte eine davon auf dem Arbeitsmarkt liegen. Denn wer in der Lage ist, jetzt zu investieren, könnte in den kommenden Monaten Talente überzeugen, die vor einigen Wochen weder gedanklich noch faktisch auf dem Markt waren. Was potenziellen Mitarbeitern dabei besonders wichtig ist, wie zufrieden sie mit diesen Aspekten bei ihrem aktuellen Arbeitgeber sind und was am Ende des Monats auf dem Lohnzettel der Befragungsteilnehmer steht – wir wollten es einmal wieder ganz genau wissen …

Wer sind die Befragungsteilnehmer überhaupt?
Die meisten Befragungsteilnehmer stammen aus der Gesundheitsbranche und dem Sozialwesen (20,1 Prozent), aus Versicherungen und Banken (17,2 Prozent) sowie aus der IT (17,8 Prozent). Im Mittel sind sie 18,6 Jahre im Job, haben häufig Auslandserfahrung (83,6 Prozent) und mehr als die Hälfte besitzt sowohl verhandlungssichere Englischkenntnisse als auch Budget- (59,2 Prozent) sowie Personalverantwortung (58,8 Prozent). Wer diese Erfahrungen und Kernkompetenzen schätzt und in seinem Team gut gebrauchen kann, sollte weiterlesen, was den Fach- und Führungskräften wirklich wichtig ist …

 

 

 

 

 

 

 

 

Money Matters
Schon in der ersten 100aus38-Befragung vor zwei Jahren waren die Wertschätzung und Kollegialität sowie ein faires Gehalt für die Fach- und Führungskräfte die wichtigsten Kriterien bei der Wahl eines Arbeitgebers. Die konkreten Arbeitsaufgaben sowie kulturelle Faktoren (Führungsstil, Eigenverantwortung und Work-Life-Balance) spielen ebenfalls eine große Rolle. Nicht so sehr ausschlaggebend sind dagegen Karriereperspektiven, das eigentliche Produkt, das mit der Arbeit verbundene Prestige oder ein internationales Unternehmensumfeld. Auch der im Hinblick auf die Kunden an Bedeutung gewinnende Bereich der Corporate Social Responsibility spielt für die Wahl des Arbeitgebers eher eine untergeordnete Rolle.

Die Befragten konnten auf einer Skala von 1 bis 4 angeben wie wichtig die einzelnen Faktoren bei der Wahl des Arbeitgebers sind. Dabei steht 1 für „unwichtig“ und 4 für „sehr wichtig“. Die obigen Werte werden im Durchschnitt der Antworten angegeben (Mittelwerte). Je höher der Wert, desto wichtiger wird der Aspekt von der Zielgruppe empfunden.

Luft nach oben vor allem bei der Unternehmenskultur
Auch hier bestätigen die aktuellen Ergebnisse den Trend aus der ersten Befragung: Die Fach- und Führungskräfte in der Region sind mit ihren Arbeitgebern weiterhin am ehesten bei den Aspekten unzufrieden, die ihnen selbst besonders wichtig sind. Vor allem bei Gehalt, Wertschätzung, Führungsstil und persönlichen Entwicklungschancen haben die Unternehmen Handlungs- oder sogar Nachholbedarf. Der weite Bereich der Arbeitskultur bietet also weiterhin Chancen, sich von Mitbewerbern abzugrenzen. Erfüllt werden die Erwartungen bei der Sicherheit der Anstellung und beim Unternehmenserfolg, mehr als erfüllt beim Standort, Prestige und vor allem beim internationalen Umfeld.
Die Grafik zeigt die Bedeutungszuschreibung der Befragten und ihre Bewertung des eigenen Arbeitgebers bezüglich der einzelnen Bedürfnisse. Je größer die Differenz zwischen der Erwartung und der Zufriedenheit, desto größer ist das Handlungspotential der Arbeitgeber in der Region.

Der Mitarbeiter als Botschafter
Auch wenn die Befragungsteilnehmer längst nicht auf allen Ebenen mit ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, fällt das Gesamturteil insgesamt auffallend positiv aus. Der überwiegende Teil der Fach- und Führungskräfte würde ihren Arbeitgeber sogar der eigenen Familie, Freunden oder Bekannten weiterempfehlen und so einen wertvollen Beitrag zum Personalmarketing leisten: Durch Empfehlungen im privaten Umfeld werden Mitarbeiter zu glaubhaften Botschaftern, die das positive Image des Arbeitgebers weitertragen. Diesen Prozess können und sollten Unternehmen begleiten und durch professionelle Medien fördern.
Entscheidend für die Frage, ob Mitarbeiter als Kritiker oder Supporter gegenüber ihrem Unternehmen auftreten sind übrigens vor allem die drei Aspekte, die zugleich ausschlaggebend für eine Bewerbungsabsicht sind – also Kollegialität, Wertschätzung und ein faires Gehalt. 77,8 Prozent der Befragten, die beispielsweise mit dem Zusammenhalt unter den Kollegen überhaupt nicht zufrieden sind, würden ihren Arbeitgeber nicht weiterempfehlen. Wer das eigene Gehalt als sehr fair empfindet, wird zu 81,9 Prozent ein Supporter und Botschafter des Unternehmens.

 

Geld oder Leben?
Die Teilnehmer der Befragung verdienen sehr unterschiedlich, insgesamt aber auf vergleichsweise hohem Niveau. Das zeigt schon der Mittel-

wert von 56.610,40 Euro pro Jahr, aber auch die Spitze der Einkommensskala: Fast jede zehnte Fach- und Führungskraft (9,8 Prozent) erhält ein Jahresbrutto

von mehr als 100.000 Euro. Deutlich einheitlicher sieht es beim Urlaub aus. Dem Großteil der Befragten stehen 30 Tage Erholung zu (85,2 Prozent). Es dürfte trotzdem ruhig etwas mehr sein: Auch wenn fast jeder Dritte (59,2 Prozent) mit dem Verhältnis von Urlaub und Entlohnung zufrieden ist, würden mehr Mitarbeiter (27,5 Prozent) für ein Gehaltsplus auf Freizeit verzichten als umgekehrt (13,2 Prozent). Dieses Ergebnis ist übrigens unabhängig vom Gehaltsniveau und deckt sich mit einer individuellen Tarifrunde bei der Deutschen Bahn. Die rund 130.000 Beschäftigten konnten sich unter anderem zwischen 2,62 Prozent mehr Lohn oder sechs zusätzlichen Urlaubstagen entscheiden. 56 Prozent wählten die letzte Option.

 

 

 

 

Unzufriedene Kritiker

56,1%
… der Personen, die überhaupt nicht mit dem Gehalt bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch nicht weiterempfehlen.

77,8%
… der Personen, die überhaupt nicht mit der Kollegialität bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch nicht weiterempfehlen.

73,5%
… der Personen, die überhaupt nicht mit der Wertschätzung bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch nicht weiterempfehlen.
Zufriedene Supporter

81,9%
… der Personen, die sehr mit dem Gehalt bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch wirklich weiterempfehlen.

73,6%
… der Personen, die sehr mit der Kollegialität bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch wirklich weiterempfehlen.

85,9%
… der Personen, die sehr mit der Wertschätzung bei ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, würden ihn auch wirklich weiterempfehlen.

Auch interessant