30. Juni 2022
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Gemeinsam den Harz gestalten

Im Nationalpark sind Klima- und Waldwandel deutlich sichtbar

Dr. Roland Pietsch ist seit August 2021 Leiter des Nationalpark Harz. Wir trafen ihn zu einem Gespräch auf dem Wurmberg – von dessen Spitze ist das Ausmaß des Fichtensterbens deutlich zu sehen. Foto: Gesa Lormis

Seit August 2021 leitet Dr. Roland Pietsch die Geschäfte des Nationalparks Harz – doch „im Kopf lebe ich schon seit über einem Jahr hier.“ Seitdem hat der gebürtige Hannoveraner bereits etliche Kilometer Strecke zurückgelegt, um zunächst das Gebiet kennen zu lernen und dann mit den verschiedensten Interessengruppen ins Gespräch zu kommen. Denn der Harz ist alles andere als ein menschenleeres Gebiet. Wir trafen ihn zum Gespräch am Rande des HarzForumZukunft auf dem Wurmberg.

Herr Pietsch, in der Vorbereitung auf unser Gespräch sind wir auf einen Wikipedia-Artikel über Sie gestolpert …

Auf den wurde ich auch schon aufmerksam gemacht … Dort ist einiges verkürzt und ungenau dargestellt, der müsste mal korrigiert werden.

Darin heißt es, dass Sie Ihre Ausbildung unter anderem in Gabun und Ghana gemacht sowie für die Expo 2000 gearbeitet haben. Lassen Sie uns einen Blick auf Ihre Vergangenheit werfen …

Ursprünglich komme ich aus der Region Hannover. Nach meiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann habe ich in Göttingen Forstwissenschaften und Waldökologie studiert und Forschungsprojekte in Gabun und Paraguay durchgeführt. 2000 habe ich meine Dissertation über Naturwald-Entwicklung in Gabun abgeschlossen, arbeitete im Bereich Besucherlenkung und -information für die Expo 2000 und wurde zum zweiten Mal Vater. Eine spannende Zeit! Mit acht Leuten im Schichtsystem haben wir dort rund 600 Mitarbeitende in der Fläche betreut und koordiniert.

Im Anschluss gab es die Anstellung in Ghana …

Das war keine einfache Zeit, aber wenn sich solche Gelegenheiten ergeben, muss man sie nutzen. Wir haben damals überlegt, ob meine Familie ebenfalls nach Ghana zieht – doch mit dem Anschlag auf das World Trade Center hatte sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens dramatisch verschärft, für mein großes Aufforstungsprojekt wurde das Budget gestrichen und ich kam nach zwei Jahren zurück nach Deutschland.

Inwieweit können Sie Ihre Erfahrungen aus der Zeit in Afrika für Ihre Arbeit im Nationalpark nutzen?

In Gabun ging es vornehmlich um wissenschaftliches Arbeiten, für das ich in meiner jetzigen Position ebenfalls Verantwortung trage. Dort wohnte ich in einer Forstschule und habe Aufgaben in der Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit übernommen. In der Firma in Ghana war ich Manager des gesamten Forstbereichs. Aber ich glaube nicht, dass diese Zeit ausschlaggebend für meine Anstellung war. Da gibt es wichtigere Stationen.

Welche sind das?

Von 2014 bis 2021 leitete ich eine der beiden Oberen Naturschutzbehörden des Landes Rheinland-Pfalz – dort konnte ich intensiv Verwaltungserfahrung sammeln. Davor war ich sieben Jahre lang selbstständiger Berater an der Schnittstelle zwischen Ökologie und Ökonomie sowie fünf Jahre Geschäftsführer einer Biologischen Station und eines selbst aufgebauten Besucherzentrums am Niederrhein. Das mich auch das irgendwann für die Leitung eines Nationalparks qualifizieren würde, hätte ich damals nicht gedacht. Das ist ein toller Job, anstrengend, aber anspruchsvoll und sehr abwechslungsreich.

An den Hängen, an denen die Fichte bereits abgestorben und entfernt ist, soll in den kommenden Jahren ein bunter, gesunder Mischwald wachsen. Diesen Wandel im Nationalpark beobachten zu können, ist ein einmaliges Erlebnis unserer Generationen. Foto: Gesa Lormis

Inwiefern?

Einerseits ist es eine Verwaltung, ich habe Verantwortung für Mitarbeitende und bin Ansprechpartner für die Region und die Politik. Anderseits sind wir ein wichtiger touristischer Leistungsträger der Region. In Kooperation mit Universitäten und Instituten erforschen wir die Natur und ihre Entwicklung. Zudem bin ich Repräsentant und halte Vorträge über unsere Arbeit. Kein Tag ist wie der andere.

Fühlen Sie sich bereits im Harz angekommen?

Ja, das ging sehr schnell. Ich bin die Stelle im August vergangenes Jahr angetreten – im Kopf lebe ich schon seit über einem Jahr hier. Seit dem Start habe ich viel Zeit darauf verwendet, alle rund 160 Mitarbeitenden kennenzulernen. Auch sehr viele Akteure aller gesellschaftlichen Bereiche der Region habe ich getroffen. Viele haben Anliegen.

Können Sie das konkretisieren? Mit welchen Wünschen tritt man an Sie heran?

Der Nationalpark Harz mit seinem höchsten internationalen Schutzstatus ist ein Besuchermagnet. Kommunen und Unternehmen planen Projekte, die auf dieses Schutzgebiet einwirken. Deshalb sind Gespräche notwendig, um dafür gemeinsame, für den Nationalpark unschädliche Wege zu entwickeln. Ich wäre oft gerne früher in Ideen und Planungsphasen eingebunden, um spätere Konflikte und damit Verzögerungen von vornherein vermeiden zu können.

Gibt es Herausforderungen, die Ihre Arbeit derzeit besonders prägen?

Ganz aktuell ist es der Waldwandel durch das Fichtensterben. Darauf reagieren auch die Besucher:innen, teils irritiert, teils gespannt. In der Region wird inzwischen wahrgenommen, dass es für den Nationalpark und damit für den Tourismus eine große Chance ist, dass die großflächig monotonen Fichtenplantagen größtenteils verschwunden sind: Die ersten zwei, drei Jahre sehen die abgestorbenen Bestände noch traurig aus, aber bald wachsen überall neue Pflanzen. Der Harz blüht auf. Es entstehen vielfältige Mischwälder, die das Bild des Harzes sehr positiv verändern werden. Ich bin mir sicher, das ist auch aus touristischen Gesichtspunkten ein Alleinstellungsmerkmal, das sich vermarkten lässt. Vielleicht ist auch ein bisschen Katastrophentourismus mit dabei: Wir schauen zu, wie ein Wald wegen der Klimakrise stirbt und ein neuer, angepasster wächst.

Überall im Harz sind aktuell riesige Stapel geschlagener Fichtenstämme, sogenannte Holzpolter, zu sehen. Für die Forstbetriebe ist der Borkenkäfer ein massives Problem: Befallene, abgestorbene Bäume gelten als minderwertige Holzqualität. Foto: Gesa Lormis

Wie viele Hektar wurden bislang vom Borkenkäfer zerstört?

Wir gehen davon aus, dass es im Nationalpark rund drei Viertel der Fläche der Fichtenbestände sind. In den hohen Lagen – wie am Brocken – kommt die Fichte auch natürlich vor. Dort, wo keine Fichten nicht­angepasster Herkünfte gepflanzt worden sind, sind die Ausfälle deutlich geringer.

Werden die betroffenen Flächen im Nationalpark aktiv wieder aufgeforstet oder überlassen Sie die Entwicklung der Natur?

Rund 75 Prozent des Parkes sind ab diesem Jahr Naturdynamikzone und dürfen sich, bis auf Verkehrssicherungsmaßnamen zum Beispiel an Wegen, ungestört entwickeln. Allerdings haben wir vorher teilweise Initialpflanzungen mit Buche, Bergahorn und anderen Laubhölzern vorgenommen. Wir brauchen dort eigentlich natürlich vorkommende Baumarten, die sich in die ehemaligen Fichtenmonokulturen ausbreiten. Außerhalb der Kernzone machen wir das weiterhin. Aber auch diese 25 Prozent werden langfristig größtenteils in die Naturdynamikzone übergehen.

Woher kommen die Pflanzen dafür?

Die Setzlinge werden von Baumschulen in Lohnanzucht produziert, aus Saatgut, das im Nationalpark gewonnen wird. Harzer Baumnachwuchs für den Harz.

Wird der Borkenkäfer im Nationalpark bekämpft?

Nur in einem Grenzstreifen wurden die Fichten entfernt. Es heißt gerne, der Borkenkäfer sei aus dem Nationalpark gekommen. Allerdings sieht es in anderen Mittelgebirgen aus wie bei uns, auch ohne Nationalpark.

Wird im Nationalpark eigentlich gejagt?

Ja. Unsere forstwirtschaftlichen Nachbarn, die unseren wichtigen Rohstoff Holz nachhaltig produzieren, investieren viel in Pflanzungen und es wäre fatal, wenn Wild, welches sich auch im Nationalpark aufhält, diese auffressen würden. Dass es besonders im Nationalpark zu viel Wild gäbe, ist jedoch eine Meinung, die keine wissenschaftliche Basis hat. Denn keiner weiß, wie viel Wild es gibt und wieviel tatsächlich zu viel ist. Aber wir werden die sich verändernden Umstände durch den gravierenden Waldwandel im Blick behalten und unser Jagdkonzept den Erfordernissen entsprechend anpassen. Dazu gehört auch die Einrichtung von Wildruhezonen. Für all das ziehen wir wissenschaftliche Expertise hinzu. Denn sonst diskutieren wir nur über Meinungen, nicht über Fakten. Und das bringt nichts.

Gibt es denn Schäden durch Wild im Nationalpark?

Das sind keine Schäden, das ist Natur. Wild hat einen wichtigen strukturierenden Einfluss auf einen natürlichen Wald und seht mit diesem in Wechselwirkung.

Ist Jagd für den Nationalpark eine Einnahmequelle?

Nur von sehr geringer Bedeutung durch den Verkauf des Wildfleischs, der Kostenaufwand dafür ist sehr viel höher. Im Vordergrund steht die Regulierung der Wildbestände aus Rücksicht auf die forstlich wirtschaftenden Nachbarn.

Sind Wölfe ein Thema für den Nationalpark?

Wir wissen bisher nur von durchziehenden Einzeltieren. Aber wir rechnen damit, dass sich irgendwann im Nationalpark ein Rudel niederlassen wird. Als heimische Tierart gehören sie zu einem Nationalpark dazu, wie der Luchs auch.

Wie viele Luchse gibt es im Harz?

Das werden um die 70 erwachsene Tiere sein. Auch die Experten kennen nicht mehr jedes Tier. Eine gute Entwicklung, aber genetisch weiterhin schwierig. Wir brauchen jetzt dringend Trittsteine und Verknüpfungspunkte, um Anschluss an und damit genetischen Austausch mit anderen Populationen zu bekommen.

Wie gestaltet sich die Finanzierung des Nationalparks?

Die beiden Bundesländer Niedersachsen und Sachsen-Anhalt stellen aus ihren Haushalten Mittel zur Verfügung. Niedersachsen proportional zu seinem Flächenanteil rund zwei Drittel. Zusätzlich akquirieren wir Gelder aus Förderprogrammen zum Beispiel für Ausstellungen in unseren Besucherzentren und Themenpfade als touristische Infrastruktur.

Stehen Sie dadurch unter einem wirtschaftlichen Druck?

Wir müssen mit den Mitteln auskommen, die wir erhalten – mehr gibt es nicht. Das macht einem bei den stark gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten und zum Beispiel zwei erforderlichen Brückensanierungen schon Druck. Als Nationalpark könnten wir auf die Brücken verzichten, aber für die touristische Infrastruktur der Region wären sie ein Verlust, denn über diese verlaufen wichtige, von uns unterhaltene Langlauf-Loipen.

Gibt es etwas, was Sie am Nationalpark beeindruckt?

Der Harz hat, was Besucherinformation und -lenkung angeht, ein sehr gutes Renommee. Das merke ich mit dem Blick von außen, denn das ist ja noch nicht meine Leistung. Auch unsere wissenschaftlichen Beiträge sind sehr anerkannt. Diesen Stand gilt es mindestens zu halten.

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