22. Juli 2022
Topstory

„Jede Patrone kannst du nur einmal verschießen“

Das Jott in Wolfsburg ist zur Top-Adresse für gutes Essen geworden - das Erfolgsrezept und die Geschichte dahinter

Die Köpfe des Hotel Restaurant Jott (v.l.) Küchenchef Patrick Nickel, Geschäftsführerin Annegret Schmidt und Hoteldirektor Siegmund Nickel. Foto: Darius Simka/regios24

Ohne den berühmten kurzen Draht zwischen Annegret Schmidt und Siegmund Nickel hätte die Geschichte des Jott vielleicht ganz anders ausgesehen. 2016 begannen die beiden – sie Hotelfachfrau, er Gastronom – das ehemalige Hotel Jäger von Grund auf umzukrempeln. Aus dem Jäger wurde erst das „J wie Jäger“ dann kurz und knackig das „Jott“. Eine mutige Entscheidung.

Denn obwohl nur wenige Kilometer Luftlinie vom VW-Werk entfernt, liegt das Traditionshotel nicht etwa an prominenter Stelle in der Heinrich-Nordhoff- oder Porschestraße, sondern im beschaulichen Wolfsburger Viertel Sandkamp. Es ist damit auch ein Spiegelbild für die Menschen Schmidt und Nickel, die bei allem Erfolg nie die Bodenhaftung verloren haben. Wenn nötig, packen beide selbst mit an: Geschirrspülen, Servietten falten, Eindecken von Tischen und Büffets – alles kein Problem. Die Nase hoch zu tragen, liegt ihnen nicht. „Wir sehen unsere Aufgabe und unseren Erfolg immer noch mit Demut“, sagt Nickel.

Den alten Charme entstaubt

Rückblick: Vor sechs Jahren sucht Annegret Schmidt Hilfe, um das elterliche Hotel der neuen Zeit anzupassen. Interieur und Name sind zu diesem Zeitpunkt völlig veraltet. „Nach 50 Jahren klang Jäger irgendwie hausbacken“, erklärt Schmidt. Ein Facelifting ist letztlich alternativlos, soll der Betrieb weiterbestehen. Schmidt steht an einem Scheideweg. Und trifft auf Siegmund Nickel. Ein Glücksfall. Zusammen mit dem Perfektionisten dreht sie jeden Stein um. „Er stieß in mir etwas an, was immer schon da, aber nie an die Oberfläche gekommen war“, erinnert sich Schmidt an den Anfang der Zusammenarbeit. Die gleiche Wellenlänge wirkt wie ein Katalysator, auch wenn Nickel bescheiden abwinkt. „Ich kann nur dort helfen, wo auch der Wille da ist.“

Schmidt will. Zunächst heben beide die Qualität der Gastronomie. Statt guter, aber letztlich durchschnittlicher Hausmannskost, setzt Nickel den Schwerpunkt auf Steak: Dry Age Beef der Extraklasse, alle Produkte von ausgewählten Biohöfen. Dazu edle Weine und eine ausgesuchte Gin- und Whiskey-Karte. „Mit der vorhandenen Mannschaft ließ sich diese Richtung nicht umsetzen. Wir haben das Personal letztlich eins zu eins ausgetauscht“, spricht Nickel über harte unternehmerische Einschnitte. Peu à peu tasten sich Schmidt und Nickel an das neue Image heran. Das neue Jott lebt ausschließlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda, nicht durch aggressive Werbung. Dennoch ist Nickel, der ursprünglich aus Nordhessen stammt, überzeugt, dass Wolfsburg genau das richtige Pflaster für gehobene Küche ist.

Im April dieses Jahres holte das Seehotel am Tankumsee das Jott mit ins Boot. Es ist dort für das gastronomische Angebot verantwortlich. Foto: Helmut Krein, DD-Konzept

Verrückte Zufälle: Corona und der VfL

Er liegt damit goldrichtig. Vier Jahre nach dem Relaunch verbessern Hotel und Restaurant ihre Bilanzen. 2019 ist der Name Jäger endgültig Geschichte, das Jott geboren und mit ihm ein neues Design. Schon das Logo, entwickelt von DD Konzept aus Wolfsburg, kommt in edlen Kupfertönen auf blauem Grund daher, will den Anspruch von Erstklassigkeit vermitteln. „Was wir nicht ahnen konnten, war die Corona-Pandemie“, sagt Nickel. Wie viele Unternehmen legte der Betrieb 2020 eine Vollbremsung hin – und schafft es dennoch, am Markt zu bleiben. Denn just in der Zeit des Stillstands eröffnet sich eine neue Perspektive: Auf der Grundlage der bereits guten Zusammenarbeit bauen das Jott und der VfL Wolfsburg ihre Kooperation in Teilbereichen aus. Ein echter Glücksfall und weiterer „Booster“ für das Entwicklungspotenzial des Jott.

VfL-Stürmer Maximilian Philipp lässt es sich im Jott Playce 97 schmecken. Foto: Helmut Krein, DD-Konzept

Mit Mut nach vorne

Mit dem Jott Playce 97 modernisieren Schmidt und Nickel den Eventbereich im Stadion. Neben den beiden Bundesliga-Erstligisten (Männer und Frauen) werden hier zeitweise auch die Grizzlys bewirtet. Im April 2022 eröffnet in Kooperation mit dem Seehotel am Tankumsee zudem das Jott | Lakewood und in wenigen Wochen soll ein weiteres Kind am Hauptstandort im Sandkamp an den Start gehen: Das Jott | L’unique. Küchenchef Patrick Nickel legt dafür den Schwerpunkt auf die französische Küche, hat bereits erstklassige Lieferanten aus Frankreich an der Hand und will auf lange Sicht in die „Champions League“ der Gastronomie vorstoßen. Sieben Gänge stehen auf der Speisekarte darunter bretonischer Steinbutt, Challans-Ente und Hummer aus Göteborg. Am Konzept wurde sorgsam und mit Ruhe gefeilt, „nur nichts überstürzen“, lautet auch hier die Devise der Jott-Führung, „du kannst jede Patrone nur einmal verschießen.“

Das Ambiente des neuen Jott
Restaurants am Standort Sandkamp
kommt edel und diskret daher. Foto: Helmut Krein

„Bei uns gibt es kein Nein“

Dutzende Mitarbeiter sind mittlerweile rund um die Uhr im Einsatz. Das Jott stellte sogar noch Personal ein, als andere Gastronomiebetriebe ihr eigenes coronabedingt abbauen mussten. Es sichert dem Betrieb seine Flexibilität, mit der er letztlich überzeugen will. „Bei uns gibt es kein Nein“ lautet der Leitspruch. Jeder Gast soll zufrieden sein, egal, ob er eine Tomatensuppe oder einen Hummer bestellt. Wer ein Catering ordert, bekommt nicht bloß die berühmte Currywurst. Er bekommt ein Gesamtpaket, das die Veranstaltung kulinarisch im besten Fall zur Punktlandung macht. Längst hat der Name Jott auch außerhalb von Wolfsburg einen Klang. Damit wachsen natürlich auch die Erwartungshaltung und der Druck – für Schmidt allerdings eher Ansporn als Manko: „Es ist ein gutes Gefühl, wenn am Ende der Erfolg steht.“

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