12. Juli 2022
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Starkwetter und Krieg – so wirken sie sich auf die Landwirtschaft aus

Landwirt Philipp Buerschaper spricht über Herausforderungen im Nahrungsmittelanbau

Im Juni sind die Frühkartoffeln von Philipp Buerschaper fast erntereif. Foto: Gesa Lormis

Die Krisen der Welt haben Einfluss auf die Arbeit der Landwirt:innen am Standort38. Wir waren auf dem Hof von Philipp Buerschaper in Groß Elbe. Trotz der herausfordernden Situation gibt es auch leichte Momente. Der Landwirt berichtet mit Augenzwinkern über eine spezielle Marketingaktion des Hofes …

Wenn die erste Fußballmannschaft des SV Innerstetal auf den Platz läuft, gibt es immer den ein oder anderen, der sein Schmunzeln nicht verstecken kann: Neben einer Ähre und dem Hinweis auf die landwirtschaftlichen Produkte von Buerschaper prangt auf den Trikots der Schriftzug „Kartoffeln aus Groß Elbe“. Mit den gelben Knollen ist Buerschaper in der Region ein Exot.

Als der Landwirt 2014 anfing, Kartoffeln anzubauen, konnten das seine Kollegen nicht nachvollziehen. „Die dachten, ich spinne. In unseren Nachbarkreisen sind Kartoffeln zwar verbreitet – nur bei uns nicht“, erzählt der 34-Jährige. Aber er setzte seinen Plan um: Erst mit wenigen Hektar, zum Testen, dann immer mehr.

Gemeinsam mit seinem Vater hat Buerschaper den früheren Marktfruchtbetrieb auf Pflanz- und Speisekartoffeln umgestellt. Seine Eltern Gustav und Ingrid leben weiter mit ihm auf der Hofstelle in Groß Elbe, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Salzgitter, die seit vier Generationen im Familienbesitz ist. „Es ist auch eher mein Vater, der einen Draht zu den Fußballern hat. Meins ist das nicht“, sagt er und lacht. Neben ihnen lebt auch Partnerin Lisa auf dem Hof und packt mit an, wenn es nötig ist. Eigentlich ist sie Bankkauffrau.

Knappe Güter

Freizeit ist für den Landwirt, der vor seinem Studium eine Ausbildung als Industriemechaniker bei Volkswagen machte, ein knappes Gut. Denn neben dem eigenen Betrieb ist Buerschaper noch Kartoffel-Anbauberater für die Firma Europlant aus Lüneburg, für die er auch Saatkartoffeln vermehrt. „Während ich meinen eigenen Anbau plane, mit den ganzen Problemen wie Bodenbeschaffenheit, Trockenheit und so weiter, denke ich für andere die gleichen Probleme auf deren Standorten mit. Aber die Kunden schätzen es, dass ich aus der Praxis komme – wenn ich etwas falsch einschätze, merke ich das auch auf dem eigenen Betrieb“, sagt er.

Philipp Buerschaper führt den Hof in 4. Generation – neben der Landwirtschaft arbeitet er in der Saatgutproduktion. Foto: Gesa Lormis

Die Ursprungsknollen kommen von spezialisierten Zuchtstationen – garantiert frei von Virosen und zertifiziert. Nach der Vermehrung auf ausgewählten Höfen erfolgt die Vermarktung auf dem internationalen Markt. Dabei ist Kartoffel nicht einfach Kartoffel: Während wir in Deutschland festkochende Sorten mit gelber Schale bevorzugen – klassische Pellkartoffeln – sind in Osteuropa mehligere Züchtungen mit roter Schale beliebt.

„Der Krieg in der Ukraine ist für uns schwierig. Es gab Bestellungen aus Russland, der Ukraine und den benachbarten Ländern, aber es war weniger und dann ergab sich immer die Frage des Transportes. Der läuft fast ausschließlich über Lkw, aber es war nie klar, welche Routen gefahren werden können, welche Grenzen offen sind, ob die Lieferungen durchkommen. Wenn lange Umwege gefahren werden mussten, wurde es für die Abnehmer schlicht zu teuer.“

Die Jahreszeiten geben den Takt

Ist die Entscheidung auf eine Sorte gefallen, machen Technik, Standort und Witterung den Unterschied. In seiner Heimatgemeinde Baddeckenstedt, der Grenzregion zwischen Hildesheimer Börde und nördlichem Harzvorland, haben die Böden hohe Lehmanteile. Das ist gut für die Wasserspeicherung – kaum ein Landwirt hat Bewässerungsanlagen – erfordert aber einige Achtsamkeit bei der Auswahl der Kartoffel-Anbauflächen, denn der Boden muss sich gut sieben lassen.

Zum Sommer gehören regelmäßige Kontrollen der Bestände. Neben Krankheiten und tierischen Schädlingen bereiten extreme Wetterlagen den Landwirten Sorgen. Foto: Gesa Lormis

„Nur dann funktioniert die mechanisierte Ernte mit dem Roder.“ 10 Hektar Kartoffelfläche gehören dieses Jahr zum eigenen Betrieb, durch eine Betriebsgemeinschaft mit seinem Onkel Hans-Joachim Bruer und einjährige Pachtflächen verändert sich die Fläche, auf denen Kartoffeln angebaut werden, jedes Jahr. 2022 sind es insgesamt 30 Hektar, auf denen er etwas über 1.000 Tonnen ernten wird. Je nachdem, ob Saat- oder Speisekartoffeln produziert werden, schwankt der Ertrag zwischen 35 und 45 Tonnen je Hektar.

Die neue Kartoffelsaison beginnt im späten Winter, wenn die Frühkartoffeln in die Erde kommen. Das ist bei Buerschapers zum Teil noch Handarbeit: Um die vorgekeimten Kartoffeln nicht zu beschädigen, werden sie per Hand in die Pflanzmaschine eingelegt Mit Vlies abgedeckt wachsen und reifen sie auf einem knappen Hektar schon heran, bevor die Hauptsaison im April startet. Die Aussaat, das Legen, übernimmt dann ein befreundeter Landwirt mit einer automatischen Pflanzmaschine.

„Über die Sommermonate folgt dann die Pflege der Bestände. Wir sind immer mal wieder unterwegs und kontrollieren das Wachstum, kranke und beschädigte Pflanzen hacken wir gleich raus.“ Auf einem Bestand zwischen Elbe und Steinlah zeigt er Pflanzen, deren Blätter leicht glänzen: Sie haben einen Überzug aus Paraffinöl gegen Läusestiche bekommen. Das Öl verhindere zwar nicht, dass die kleinen Schädlinge unterwegs sind und an den Pflanzen saugen, aber reinige die Beißwerkzeuge – so werden weniger Krankheiten übertragen.

Extreme Wetter­ereignisse belasten die Arbeit

Die zunehmende Sommer-Trockenheit im Wechsel mit Starkregen bereiten ihm Sorgen. Im Großen und Ganzen seien die Knollen zwar anspruchslos und vertragen Trockenphasen, aber auch das habe Grenzen. Erhalten die Pflanzen in ihrer Wachstumsphase nicht ausreichend Feuchtigkeit, drohen Ertragseinbußen. Das merkt er auch auf den Flächen, auf denen Zuckerrüben und Getreide wachsen. Die Fruchtfolge sieht regelmäßige Wechsel der Flächen vor, um Krankheiten zu vermeiden und nachhaltig zu wirtschaften.

Während in Deutschland eher gelbe Kartoffeln beliebt sind, produziert der Betrieb bei Groß Elbe auch Pflanzkartoffeln für den Export: Sie unterscheiden sich zum Teil in ihren Kocheigenschaften und Aussehen. Foto: Gesa Lormis

Nach drei bis vier Monaten in der Erde beginnt die Erntezeit in mehreren Etappen: Erst wird das Kraut entfernt, danach reifen die Knollen nach und bilden eine feste Schale und die Erde der Dämme trocknet ab. Erst danach kommt der Roder. „Im Herbst und Winter sind Sortierung und Verpackung unsere Hauptaufgaben. Als kleiner Betrieb machen wir viel auf Bestellung und Bedarf.“ Für die Lagerung hat er 2017 eine gekühlte Lagerung am Ortsrand gebaut.

Die Speisekartoffeln vertreiben Buerschapers ausschließlich im Direktvertrieb: Zehn kleine Häuschen mit Selbstbedienung und Vertrauenskasse, seine Kartoffelboxen, sind dafür in den umliegenden Dörfern aufgestellt. Die entlegenste ist 20 Kilometer entfernt. Dazu kommen rund fünf Edeka-Märkte, die seine Kartoffeln ebenfalls anbieten.

Buerschapers Kartoffeln gibt es in Supermärkten und Kartoffelboxen. Die Bezahlung läuft über eine Vertrauenskasse. Das funktioniere ganz gut, Schlösser seien aber leider notwendig. Foto: Gesa Lormis

„Die meisten Kunden an den Kartoffelboxen sind ehrlich. Wir hatten aber auch schon ausgeräumte Boxen und immer mal wieder versucht jemand, die Kasse zu knacken. Aber die sind festmontiert und haben gute Schlösser“, so Buerschaper. Von solchen Übergriffen dürfe man sich nicht verschrecken lassen. In den Boxen gibt es auch Zwiebeln, die seine Familie selbst anbaut – Sortimentserweiterung.

Landwirtschaft ist ein 24-Stunden-Job

Einen wirklichen Überblick, wie viele Stunden er am Tag arbeitet, hat der Agraringenieur nicht. „Ich arbeite halt dann, wann die Arbeit anfällt.“ Manche Tage ziehen sich bis in den späten Abend, gerade in den Erntezeiten. Und wenn es um den Pflanzenschutz, also die Behandlung der Bestände mit Pflanzenschutzmitteln gegen Schadinsekten und Krankheiten geht, ist er auch nachts aktiv. „Dann sind zum Beispiel weniger Bienen unterwegs, die an den Mitteln Schaden nehmen könnten. Außerdem ist es schonender für die Pflanzen, die sich nachts mit einer wachsähnlichen Haut vor Umwelteinflüssen schützen.“

Auf seinen Maschinen wirbt der Betrieb für die eigenen Produkte. Foto: Gesa Lormis

Verstecken ließe sich die Arbeit kaum, die Fahrzeuge sind mit taghellen LED-Scheinwerfern ausgestattet.. „Um zu überprüfen, ob alle Düsen tatsächlich arbeiten, hat jede ein eigenes blaues Licht – das ist für manchen Beobachter schon irritierend.“ Als belastend empfindet der Landwirt seine Arbeit nicht. Manchmal anstrengend, aber er finde noch oft genug Lücken, um sich eine Auszeit zu gönnen.

Zwei Wochen pro Jahr versucht sich das Paar komplett rauszuziehen um Urlaub zu machen. Das brauche der Kopf. „Das klappt bei uns aber auch, weil immer jemand da ist, der über alles Bescheid weiß. Neben meinem Vater gibt es noch meinen Onkel, mit dem wir die Betriebsgemeinschaft haben“, fasst Buerschaper zusammen. Dazu kommen 450-Euro-Kräfte, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitet. Das Netzwerk bringt auch Freiräume.

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