„Optimismus reicht nicht aus“ - Standort38
13. Dezember 2019
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„Optimismus reicht nicht aus“

Die Konjunktur-Experten der IHKs Lüneburg- Wolfsburg und Braunschweig, Gerd Ludwig und Berndt von Conradi, in einem Gespräch über eine stagnierende Konjunktur, Hoffnungsschimmer und fehlende Impulsgeber

Zwei regionale Konjunktur-Experten im Gespräch: Gerd Ludwig von der IHK Lüneburg-Wolfsburg ... Foto: Andreas Tamme, IHK Braunschweig

Herr Ludwig, Herr von Conradi, wie geht es der regionalen Wirtschaft nach zehn Jahren Dauerhoch?

Von Conradi: Sowohl die geschäftliche Lage als auch die Geschäftsaussichten haben sich in den letzten eineinhalb Jahren erkennbar verschlechtert. Unser Konjunkturklimaindikator ist stetig zurückgegangen. Dennoch wird die gegenwärtige geschäftliche Lage immer noch von der Mehrzahl der Unternehmen positiv beurteilt. Bei den Aussichten überwiegen allerdings die Negativeinschätzungen. Im Vergleich zu der Phase der Hochkonjunktur vor knapp zwei Jahren ist doch eine erhebliche Abkühlung eingetreten.

… und Berndt von Conradi von der IHK Braunschweig.
Foto Andreas Tamme, IHK Braunschweig

Ludwig: Die Geschäftserwartungen sind inzwischen deutlich gedämpft. Es ist nicht mehr ausschließlich die Industrie betroffen, sondern alle Bereiche. Auch die Beschäftigungserwartungen gehen zurück, das bildet sich in realen Zahlen ab. Die neu geschaffenen Ausbildungsplätze sind in der Region wie in ganz Niedersachsen rückläufig.

Verschlechtert sich die Lage tatsächlich erheblich, oder ist das ein Stück weit „Jammern auf hohem Niveau“, weil wir uns an das Konjunktur-Hoch gewöhnt haben?

Von Conradi: Sicherlich kommen wir aus einer Phase der absoluten Hochkonjunktur und auch jetzt sind durchaus noch zahlreiche Firmen mit ihren Geschäften zufrieden. Der Blick auf das Jahr 2020 ist aber sehr getrübt. Die Geschäftsaussichten haben sich in den letzten Quartalen auch insbesondere deshalb verschlechtert, weil das internationale Umfeld immer schwieriger geworden ist. Momentan ist leider auch nicht allzu viel erkennbar, was diesen Trend im Jahr 2020 umkehren könnte.

Ludwig: Es kann insofern auch nicht mehr von Jammern auf hohem Niveau die Rede sein, denn die Entwicklung ist real. Sie wird befeuert durch den Brexit, die zunehmenden Handelskonflikte und leider auch durch hausgemachte Probleme. Stichworte hier sind langsamer Energienetz- und Infrastrukturausbau und nur mühsames Vorankommen bei der Umstellung auf erneuerbare Energien.

Von Conradi: Es gibt in der Weltkonjunktur im Grunde keine Region, die momentan als Impulsgeber oder Wachstumsmotor auftritt. Insbesondere von der Exportseite ist derzeit nicht viel zu erwarten. Mit einer Rezession ist aber dennoch nicht zu rechnen, sondern eher mit einem relativ schwachen Wachstum.

Es gibt Anzeichen, dass auch der binnenorientierte Wirtschaftszweig inzwischen skeptischer wird. Aktuell ist dieser noch eine Stütze der Konjunktur …

Von Conradi: Der Handel hat in den letzten Jahren von einem hohen Beschäftigungsstand und gestiegenen Realeinkommen profitiert. Aber auch da bestehen Befürchtungen, dass die Entwicklung von der Industrie auf den Groß- und Einzelhandel überspringt. Die Bauwirtschaft und viele Dienstleistungsunternehmen fungieren immer noch als Konjunkturstützen. Es ist zu hoffen, dass die eher binnenorientierten Wirtschaftszweige so wenig wie möglich leiden und die Konjunktur im nächsten Jahr über die derzeitige Exportschwäche hinwegtragen.

Wie sehr ist die regionale Wirtschaft mit der Weltwirtschaft verknüpft? Welche Folgen haben Themen wie der Brexit oder der Handelskrieg zwischen China und den USA für die hiesige Wirtschaft?

Von Conradi: Es ist kein Geheimnis, dass wir hier in einer Industrieregion tätig sind, die eben auch sehr exportintensiv ist. Das betrifft nicht nur die Automobilwirtschaft. Nehmen wir die Ernährungsindustrie. Dort haben wir die Problematik, dass im Zuge der Handelsstreitigkeiten regionale Produkte in den USA mit Zöllen belegt worden sind, die es vorher nicht gab. In anderen Wirtschaftszweigen sind auch indirekte Effekte zu beobachten – etwa durch die Umlenkung chinesischer Warenströme aus den USA in die EU. Das bereitet den hiesigen Unternehmen durchaus Schwierigkeiten und zwingt sie auf der Absatzseite zu Anpassungen.

Ludwig: Aber die Auswirkungen sind hier nicht wesentlich anders als die im Land und im Bund.

Inwiefern unterscheidet sich denn die Wirtschaftslage in der Region von der Gesamtdeutschlands?

Ludwig: Wir stehen in der Automobil- und Mobilitätswirtschaft vor besonderen Herausforderungen. Es werden harte Ziele bis 2030 vorgegeben, Politik und Verwaltung schaffen es aber nicht, den Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, um die notwendigen Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen. Es fehlt an Ladeinfrastruktur für mehr E-Mobilität, der Netzausbau kommt schleppend voran und nicht zuletzt dauern die Planungs- und Genehmigungsverfahren zu lange. In diesem Tempo werden wir unsere Ziele nicht erreichen. Wir müssen schneller werden.

Quelle: IHK Braunschweig

Von Conradi: Dem kann ich nur zustimmen. Insgesamt fügt sich die konjunkturelle Situation der Region aber in diejenige Niedersachsens und der Bunderepublik ein. Auch die „Dieselkrise“ hat die Regionalkonjunktur glücklicherweise nicht signifikant abfallen lassen.

Welchen Einfluss hat Volkswagen auf die Konjunktur der gesamten Region?

Von Conradi: Volkswagen und die Automobilzulieferer sind natürlich ein wichtiger Faktor für die Konjunktur in der Region. Von der Automobilwirtschaft hängt hier vieles, aber nicht alles ab. Denn zur regionalen Wirtschaft gehören noch zahlreiche weitere Branchen, die im Rahmen unserer Konjunkturumfrage abgebildet werden. Und es ist keinesfalls so, dass die aktuelle Konjunkturlage hauptsächlich durch die Entwicklung der Mobilitätswirtschaft beeinflusst wird.

Ludwig: In allen Branchen sind die Geschäftserwartungen mittlerweile gedämpfter. Es handelt sich also nicht um ein singuläres VW-Thema.

Bundesweit kühlt die Stimmung in der Industrie ab. Hier in der Region ist das produzierende Gewerbe aktuell eher optimistisch. Woran liegt das?

Von Conradi: Das würde ich ein Stück weit relativieren. Über die letzten eineinhalb Jahre hinweg ist der Trend in der Industrie doch deutlich nach unten gerichtet. Es gibt zwar hier und da einzelne Hoffnungsschimmer. So hat sich die Stimmung bei unserer letzten Konjunkturumfrage im Herbst zumindest nicht verschlechtert. Aber insgesamt geht die derzeitige Konjunkturschwäche doch eindeutig von der Industrie
aus.

Quelle: IHK Braunschweig

Wie optimistisch sind die Unternehmer?

Ludwig: Unternehmer sind grundsätzlich optimistisch. Die Rahmendaten sind momentan aber eben nicht so, dass dieser Optimismus ausreicht, um ein besseres Stimmungsbild zu zeichnen.

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hat sich zwar kaum verändert, tendiert allerdings schon seit Jahresbeginn gegen Null. Welche Folgen hat das?

Ludwig: Nachlassende Investitionsbereitschaft ist auch ein Hinweis darauf, dass unsere Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich einbüßt. Das führt mittelfristig dazu, dass wir, wenn sich diese Entwicklung langfristig nicht ändern sollte, nicht mehr im ersten Drittel der Liga mitspielen, sondern weiter hinten – mit allen Folgen – auch für den Wohlstand.

Von Conradi: Wenn Investitionen substanziell zurückgefahren werden, geht das auf Kosten künftigen Wachstums und der damit verbundenen Arbeitsplätze. Negative Effekte treten aber auch sofort ein, da den Anbietern von Investitionsgütern und Dienstleistungsunternehmen Aufträge wegbrechen. Dass jetzt wieder etwas weniger in den Gewerbebau investiert wird, kann die nach wie vor florierende Bauwirtschaft gut verkraften. Anderen Branchen macht die jüngste Investitionszurückhaltung deutlich mehr zu schaffen.

Wann werden die Menschen in der Region den konjunkturellen Abschwung bemerken? Sind Entlassungen oder Kurzarbeit denkbare Folgen?

Ludwig: Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind nicht auszuschließen. Bisher sind Stellenstreichungen aber noch die Ausnahme.

Von Conradi: Aus unserer Konjunkturumfrage wissen wir, dass die sich Beschäftigungsabsichten der Unternehmen schon seit einiger Zeit abschwächen. Die Arbeitskräftenachfrage ist nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Dennoch bleiben die Arbeitsmarktzahlen relativ stabil, zumal die Unternehmen ja auch in vielen Bereichen nach wie vor händeringend nach Fachkräften suchen. Per Saldo nimmt die Anzahl der Arbeitsplätze verglichen mit den Vorjahreswerten ja immer noch zu, wenn auch in merklich abgeschwächtem Maße.

Ludwig: Der Arbeitsmarkt ist noch relativ robust. Die Fachkräftesicherung war und ist eine der Herausforderungen. Hier muss man aber sagen: Es sind weniger Unternehmen geworden, die hier Probleme melden.

Sehen Sie in den nächsten Jahren Anzeichen dafür, dass sich die Konjunktur wieder erholen wird und es zu einem robusten Wachstum kommt?

Quelle: IHK Braunschweig

Von Conradi: Auch wir haben keine Glaskugel und es wäre vermessen, konjunkturell zu weit in die Zukunft zu blicken. Für die mittel- bis langfristige wirtschaftliche Entwicklung der Region werden auch eher strukturelle Aspekte ausschlaggebend sein. Insbesondere die Transformation der Automobilwirtschaft mit der Umstellung auf die Elektromobilität wird hier eine wesentliche Rolle spielen. Investitionsprojekte wie die Batteriezellproduktion in Salzgitter oder die Batteriesystemfertigung in Braunschweig lassen hoffen, dass auch in Zukunft ein hohes Maß an Wertschöpfung in unserem Wirtschaftsraum stattfindet.

Welche Akteure sind Ihrer Meinung nach jetzt gefragt und was können diese tun?

Von Conradi: Auf der aktuell besonders problematischen weltwirtschaftlichen Ebene ist unser Einfluss sicherlich ausgesprochen begrenzt. Auf der nationalen Ebene lassen sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft etwa durch eine Unternehmenssteuerreform, Investitionen in Bildung oder in die Digitalisierung beeinflussen. In unseren Umfragen werden von den Unternehmen auch immer wieder verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen und vor allem ein tatsächlich wirksamer Bürokratieabbau gefordert. Und auf der regionalen Ebene ist der Infrastrukturausbau besonders wichtig, der an zahlreichen Stellen stockt – nehmen wir nur die Weddeler Schleife, die A39 oder die Schwierigkeiten bei Flächenausweisungen für Industrie- und Gewerbegebiete sowie den Bau von Windenergieanlagen. Daran sollten künftig alle region­alen Akteure Hand in Hand arbeiten, um gemeinsam die wirtschaftliche Entwicklung unseres Wirtschaftsraumes zu befördern.

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