20. Juli 2022
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Standort Peine – kleiner Landkreis, große Wirkung

Industrie-Standort, Brauerei-Tradition, Eventkultur und Zusammenhalt - das sind Peines Stärken

Von der ehemaligen Ilseder Hütte sind nur noch wenige Gebäude erhalten. Die Gebläsehalle hat als Eventzentrum mittlerweile überregional einige Bekanntheit erlangt. Foto: HD Sandhagen

Eine Sache die Peine richtig gut kann? Sich anstrengen. Als kleinster Flächenlandkreis in ganz Niedersachsen wird er – so geht es den kleinen – manchmal einfach übersehen. Mit starken Nachbarn wie Hannover und Braunschweig sind Unternehmen, Kommunalverwaltungen und Einwohner seit Jahrzehnten daran gewöhnt, die berühmte Extrameile zu gehen.

In einigen Peiner Kneipen und Gaststätten sind die Härke-Schriftzüge den Logos anderer Biermarken gewichen. Aber es gibt sie noch, die Brauerei mitten in der Stadt.
Und sie braut noch. Angesichts wieder stattfindender Stadt- und Schützenfeste geht die Einbecker Brauhaus-AG, seit 2013 Besitzerin der Peiner BrauManufaktur, zwar wieder von einem steigenden Fassbierabsatz aus, dennoch ist das markante Brauereigelände für heutige Verhältnisse überdimensioniert. Mit seinen hohen Backsteinmauern mitten in der Stadt wirkt die 1927 gebaute Anlage fast wie eine Burg – hat mit der historischen Burg Peine aber wenig zu tun.

Einfach abreißen, so wie die frühere Mälzerei Heine zwischen Bahnhof und Friedrich-Ebert-Platz, geht nicht: Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Stattdessen machen neue Pläne die Runde.
Die Stadt könnte ein neues kulturelles Herz bekommen. Mit neuen Durchgängen zu Breiten Straße, Peines Fußgängerzone, soll sich die Festung den Bürger:innen öffnen. Für die leerstehenden Lager, Büros und Produktionsräume gibt es Entwürfe für Wohnungen und Einzelhandel, eine Tiefgarage, Gastronomie und ein Hotel. Noch laufen Genehmigungsverfahren, der Baustart ist für 2023 oder 2024 geplant. Bis dahin nutzen die Peiner den Hof zum Beispiel für eine ihrer liebsten Partys – im Mai gab es nach zweijähriger Corona-Zwangspause wieder eines der legendären Härke-Hoffeste.

Die 1927 gebaute Brauerei steht zwischen Peiner Rathaus und der Fußgängerzone.
Eine Öffnung des Geländes könnte die Innenstadt deutlich verändern.
Foto: Grohmann

Stahlstärke – Ilseder Hütte und Peiner Träger

Im Arbeitgeberranking 100aus38, das 2022 gemeinsam mit dem Berliner Marktforschungsinstitut Trendence zum dritten Mal durchgeführt wurde, sind Peiner Firmen nur vereinzelt vertreten. Dafür taucht eine Firma, deren Geschichte eng mit dem Landkreis verknüpft ist, gleich in mehreren Kategorien auf vorderen Plätzen auf: Die Salzgitter AG. Die 1858 gegründete Ilseder Hütte, eines der ersten erfolgreichen Stahlwerke der Region, hielt von Anfang an Anteile an dem Werk in Salzgitter. Allerdings nicht freiwillig: Um die damaligen staatseigenen Hermann-Göring-Werke betreiben zu können, musste sich das Peiner Unternehmen von Erzkonzessionen in Salzgitter trennen und erhielt dafür Anteile – und einen Konkurrenten direkt vor der Nase. Zur Ilseder Hütte gehörte auch das 1876 gegründete Walzwerk in Peine, die das gewonnene Roheisen bearbeiteten.

Seit März in Betrieb: Der neue Elektro-Ofen in Peine schmilzt Schrott zu Rohstahl ein. Foto: Foto: Salzgitter AG

Das Werk hat Spuren in der Region hinterlassen, nicht nur wirtschaftlich und durch sein Werksgelände mitten in der Stadt. Ein 1878 gegründeter Verein der Walzwerker besteht bis heute und ist mit seinen Sport- und Musikabteilungen ein Bestandteil des Peiner Lebens. Insbesondere im Juli, zur Zeit von Peines fünfter Jahreszeit: Dem Freischießen. Über die Jahre entwickelten sich die Werke und Unternehmen weiter, es gab mehrere Umfirmierungen. 1995 endete das Kapitel der Ilseder Hütte, das Gelände ist mittlerweile ein Gewerbe- und Naherholungsgebiet. Einige alte Gebäude sind erhalten geblieben und beherbergen Büroräume und eine Eventhalle. Die Peiner Träger GmbH ist seit 2001 eine Tochtergesellschaft der Salzgitter AG. An den IG-Metall-Warnstreiks im Mai und Juni beteiligten sich auch die Peiner, die Stahlarbeiter haben in Nordwestdeutschland eine Erhöhung der Entgelte um 6,5 Prozent ab August sowie Einmalzahlungen erstritten.

193 Arbeitskräfte retten ihren Peiner Arbeitgeber

In direkter Nachbarschaft des Peiner Werkes befindet sich die Peiner Umformtechnik GmbH (PUT). In den vergangenen Jahren machte der Hersteller von Schrauben und Bolzen vor allem durch seine Insolvenz, Restrukturierungsprozesse und Neuausrichtung Schlagzeilen. Ausschlaggebend für die Fortführung des vor 100 Jahren gegründeten Betriebs waren auch hier die Anstrengungen der verbleibenden 193 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – ein Teil der Beschäftigten wurde im Zuge der Sanierung entlassen. Die verbliebenen brachten sich mit jeweils 100 Euro als paritätisches Darlehen in das Unternehmen ein. Zusammenhalt: Unbezahlbar.

Neue Stärken – Automobilindustrie und Logistik

Während sich rund um den alten Stadtkern stahlverarbeitende Betriebe und Dienstleister mit langer Geschichte drängen, bietet sich östlich der Stadt ein anderes Bild: Innerhalb weniger Jahre haben Automobilzulieferer und Logistikunternehmen Neubauten errichtet. Einer der größten davon ist das gerade erst eröffnete Logistikzentrum von Fiege. Auf einem 65.000 Quadratmeter großen Grundstück sind 30.000 Quadratmeter Logistikfläche aus drei miteinander verbundenen Hallen entstanden. Dazu gehören zwei Bürogebäude. Laut einer Pressemitteilung des Logistikdienstleister sollen durch das Zentrum langfristig 150 Arbeitsplätze in Peine entstehen. „Die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg ist für uns ein wichtiger Distributionsstandort. Peine verfügt über eine hervorragende logistische Anbindung und ist somit prädestiniert, um Omnichannel-Logistik für Konsumgüter abzubilden“, so Fieges Managing Director Christoph Mangelmans.

Saha Onal-Elmas, Maria Ruß (von links, beide Wirtschaftsförderung Peine), Klaus Saemann (Bürgermeister der Stadt Peine), Christoph Kulm, Lutz Rissmann (beide FIEGE Peine), Birgit Wilde und Thomas Trotnow (beide FIEGE Real Estate) bei einer Besichtigung des neuen Logistikzentrums in Peine. Foto: Fiege

Rund um den Neubau gibt es bereits Ansiedlungen von Logistikdienstleistern wie DAV, Meyer & Meyer und FFI-Logistik-Flebbe. Außerdem betreibt die Sonderposten-Marktkette Action in Peine Ost eines von zwei Distributionszentren in Deutschland. Ausgeschöpft ist das Gewerbegebiet-Ost damit noch nicht: Laut Webseite der Stadt Peine gibt es noch neun freie Gewerbeflächen mit insgesamt 249.704 Quadratmetern Fläche.

Reges Leben auf den Dörfern

Damit wäre in der Nähe der Fuhsestadt immerhin noch Platz, was Richtung Braunschweig schwieriger wird. Als Beispiel: Im noch relativ frisch ausgeschriebenen Gewerbegebiet Wahle bei Vechelde an der Bundesstraße 1 sind fast alle Grundstücke bereits vermarktet. Nach einem Bericht der Braunschweiger Zeitung gibt es für die bestehenden 11.000 Quadratmeter bereits Interessenten. Drumherum entstehen unter anderem ein DHL-Verteilerzentrum sowie Standorte für bestehende Firmen aus dem Gemeindegebiet, die sich vergrößern. Unter den bauenden Unternehmen ist nur eine Neuansiedlung. Insgesamt gehe die Gemeinde von etwas über 80 Arbeitsplätzen aus, die in Wahle entstehen.

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