„Wir mussten vor allem neugierig bleiben" - Standort38
und
3. August 2020
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„Wir mussten vor allem neugierig bleiben“

Michael Schulz, Sven Neumann und Thomas Klingner im Interview

Sven Neumann, Michael Schulz und Thomas Klingner, Geschäftsführer Bertrandt am Standort Tappenbeck. Foto: Holger Isermann.

Mit dem Ziel, Fahrzeugkomponenten für die ansässigen Automobilhersteller zu konstruieren, gründet der Ingenieur Harry Bertrandt 1974 sein eigenes Ingenieurbüro in Möglingen und legt damit den Grundstein für den heutigen Betrandt-Konzern. In den 1980er-Jahren wird das Leistungsportfolio des Unternehmens stark ausgebaut. Neben klassischem Fahrzeugbau kommen Rapid Technologies, Modellbau und Versuchsstände hinzu, um die Autobauer möglichst vollumfänglich bedienen zu können – ein Entwicklungsschub für den Konzern, denn in Folge wachsen auch die Standorte: Bertrandt expandiert deutschland- und europaweit. In diesem Zuge entsteht 1995 die Niederlassung in Tappenbeck. „Wir sind hier, weil VW hier ist“, sagt Thomas Klingner, einer von drei Geschäftsführern, beim Interview in dem rund acht Kilometer nördlich des Wolfsburger Volkswagenwerks gelegenen Unternehmenssitz.
Heute zählen zum Bertrandt Standort in Tappenbeck, der sich über eine Fläche von 60.000 Quadratmetern erstreckt, auch die ausländischen Tochtergesellschaften aus China und Tschechien. Mit knapp 2.500 Mitarbeitern aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, aber auch Informatik ist es einer der größten Standorte des Gesamtkonzerns. Und diese Entwicklung soll nicht enden. Im vergangenen Jahr haben die drei Geschäftsführer den Spatenstich für das neue Power­train Solution Center, ein Prüfzentrum für die Absicherung von Antriebskonzepten der Zukunft, gesetzt. Im Herbst dieses Jahres soll das 40 Millionen schwere Projekt voraussichtlich abgeschlossen werden. Dass darin nicht nur eine Menge Herzblut, sondern ein Bekenntnis zum Standort steckt, da ist sich das Dreiergespann sicher. Michael Schulz, Sven Neumann und Thomas Klingner in einem Gespräch über Vertrauen und Profilierung in einem Großkonzern, den Kampf um Fachkräfte und große Fische …

Für die Innovationsplattform Harri erhielt Bertrandt in diesem Jahr den German Innovation Award. Foto: Bertrandt.

Herr Schulz, Herr Klingner, Herr Neumann, wie sind Sie heute Morgen zur Arbeit gekommen?
Schulz: Ich komme aus Schladen im Vorharz und fahre eigentlich immer über die Autobahn. Genau heute Morgen aber nicht, weil es vor Braunschweig einen ordentlichen Stau gegeben hat. Also bin ich über die Dörfer gekommen.

Mit einem Verbrenner?
Schulz: Ja.
Neumann: Auch ich bin mit einem Verbrenner hergekommen. Aus Schwülper über Meine, weil das morgens eine gewisse Stauvermeidungssicherheit bietet.
Klingner: Ich fahre einen VW-Bus mit einem Diesel-Motor. Im Moment rutscht es relativ gut. Der Autoverkehr ist noch nicht so, wie er einmal war. Ich bin in der Hälfte der normalen Zeit bei der Arbeit.

Haben Sie Spaß am Autofahren oder ist es vor allem ein Fortbewegungsmittel?
Klingner: Natürlich kann Autofahren auch Spaß machen, aber für mich ist es vor allem letzteres.
Schulz: Bei mir ist das ein bisschen anders. Für mich hat ein Auto immer auch einen gewissen Spaßfaktor – von daher fahre ich eigentlich ganz gerne Auto.
Neumann: Ich bin überzeugter Autoenthusiast. Und ich sehe die Nutzung des Autos auch weiterhin als elementaren Bestandteil unseres Alltags an.

Thomas Klingner, …
Foto: Holger Isermann.

Welche Emotionen löst in Ihnen der Begriff Mobilitätswende aus?
Neumann: Die Frage würde ich ganz bewusst mit einer Portion Hoffnung und auch Optimismus beantworten wollen. Die Zukunft der Mobilität bleibt hoffentlich für uns alle spannend sowie arbeitsplatzsichernd. Und ich hoffe, dass auch in Zukunft die besten Lösungen aus Deutschland kommen werden und es eine stetige Weiterentwicklung gibt.
Klingner: Im Prinzip bedeutet es gerade für uns Entwickler eine Erhöhung der Komplexität, weil wir noch in mehreren Welten parallel fahren. Die alte Welt ist ja nicht weg und gestorben. Wir haben weiterhin noch Verbrennungsmotoren, zusätzlich Hybride und wir haben E-Fahrzeuge.
Neumann: Genau. Wie bei vielen Dingen macht der richtige Mix auch die zukünftige Mobilität aus. Egal ob mit wenigen nostalgischen Fahrzeugen mit ihrem ganz eigenen Charme, die modernen Verbrenner heutzutage oder auch ein E-Fahrzeug, das alleine durch seine Performancewerte interessant ist. Da gibt es mittlerweile sehr überzeugende Kaufargumente. Auto-Mobilität bleibt durch mögliche Kombinatorik vielschichtig.

Welcher Anteil hier am Standort lebt noch in der alten Welt und welcher arbeitet schon für die neue?

Sven Neumann …
Foto: Holger Isermann.

Klingner: Wir alle arbeiten in beiden Welten. Letztendlich ist es so: Ob ich eine Tür für ein E-Fahrzeug oder für einen Verbrenner entwickle – sie geht immer noch auf und zu, hat ein Scharnier und ein Schloss. Das bleibt. Da sind viele Sachen ähnlich und wir machen das parallel. Der zweite Trend, den wir haben, ist die Digitalisierung. Das kommt zum Wandel des Antriebskonzepts dazu.

Inwieweit gestalten Sie als Dienstleister die Entwicklung der Mobilität mit?
Schulz: Es gibt das Bertrandt Akronym Dave: D für Digitalisierung, A für autonomes Fahren, V für Vernetzung und E für Elektromobilität. Ein gutes Beispiel dafür ist die Innovationsplattform Harri, eine Eigenentwicklung im Bertrandt-Konzern. Hier am Standort waren rund 70 Mitarbeiter in das Projekt integriert. Das sind dann wirklich die Zukunftsthemen, die wir aktiv mitgestalten.
Neumann: Sicherlich wollen wir aber gegenüber den etablierten OEMs nicht in den Wettbewerb treten. Insgesamt sind wir dann doch eher der First Follower. Wir erhalten die grundsätzlichen Anforderungen für unsere Entwicklungsaufträge von unseren Kunden und bringen unsere eigene Expertise und zusätzliche Impulse mit ein.

Kann man beziffern, was Sie die Mobilitätwende unterm Strich kostet?

Neumann: Bezogen auf die Automobilentwicklung bedeutet die hohe Entwicklungsdynamik für uns, weiter mit der

… und Michael Schulz im Interview.
Foto: Holger Isermann.

Technologieentwicklung Schritt halten zu müssen. Dabei sind Investitionen in hochmoderne Prüfanlagen schon nach kürzerer Zeit am Rande ihrer Leistungsfähigkeit als bisher kalkuliert.
Klingner: Die Investitionen waren nicht unerheblich und wenn man den Wandel nicht nur technologisch betrachtet, sondern auch strukturell, dann gehört auch die Internationalisierung der Automobilität dazu. Heute werden Fahrzeuge rund um die Welt entwickelt und erprobt und für uns ist klar, dass wir unseren Kunden global folgen müssen. Das bedeutet, dass wir Niederlassungen da aufmachen, wo auch immer auf der Welt Kunden Fahrzeuge entwickeln.
Schulz: Wenn wir mal auf die letzten zehn Jahre schauen, würde ich sagen, haben wir in Tappenbeck rund 100 Millionen Euro investiert. Das hängt aber nicht alles ursächlich mit der Mobilitätswende zusammen, sondern hatte das Ziel, den Standort zukunftsgerichtet auszurichten und gute Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter zu schaffen.

Profitieren Sie vom Entwicklungsbedarf der Automobilhersteller?
Schulz: Wenn wir gerade mal auf die Automobilindustrie in der Region schauen, dann ist Wolfsburg für uns schon elementar. Die VW AG als ein Global Player, die im Sog ja auch Automobilzulieferer aus der Industrie an sich bindet, ist die Basis unserer Kundenlandschaft. Ich möchte so weit gehen zu sagen, dass das auch die Basis für die erfolgreiche Unternehmensentwicklung hier in den letzten 20 Jahren ist.
Klingner: Genau. Wir sind hier, weil VW hier ist und wir sind hier, weil VW hier Autos entwickelt.

Sie haben gesagt, Sie arbeiten daran, dass mobile Innovationen auch weiterhin aus Deutschland kommen. Wenn man die mediale Berichterstattung zurzeit verfolgt, sind Zweifel angebracht, oder?
Schulz: Gute Frage. Da sind ein paar Dinge, die sich überlagern. Die Region ist auch aufgrund der Corona-Pandemie in einer schwierigen Situation.

Stehen Sie hinter dem starken Fokus von Volkswagen auf das Thema E-Mobilität?
Schulz: Das ist für uns erstmal eine Chance. Wir haben in den Bereich investiert. Auch nicht nur kurzfristig, sondern schon über einen längeren Zeitraum.

Was für ein Chef muss man sein und welche Rahmenbedingungen braucht es, um Innovationen wie den Technologieträger Harri zu realisieren?
Schulz: Als erstes braucht man das Budget. Die Entwicklung dieser Plattform hat viel Geld gekostet. Und was es dann vor allen Dingen braucht, sind gute Mitarbeiter, die motiviert sind, die auch Spaß haben an solch innovativer Entwicklung. Da brauchen wir zunehmend – und das ist schon ein Merkmal, was sich über die letzten 20 Jahre verändert hat – Mitarbeiter mit Expertenwissen.
Klingner: Man braucht eine Vision und die Offenheit, neue Wege zu gehen. Auch wenn wir aus der klassischen Sichtweise eher ein Meilenstein orientiertes Management sind, da werden ja ganz andere Sachen geebnet.

Sie sind im Schnitt alle drei rund 20 Jahre im Konzern. Inwieweit mussten Sie sich in dieser Zeit selbst verändern?
Klingner: Das können wir nur mit dem Spruch „Lebenslanges Lernen“ begründen. Wir lernen jede Woche und jeden Monat etwas Neues dazu. Mit dem Markt, mit der Digitalisierung, mit der Kommunikation, mit der Internationalisierung …
Neumann: Wir mussten vor allem neugierig bleiben. Gerade mit den Generationen, die neu zu uns kamen, gab es immer wieder neue Perspektiven und Sichtweisen. Und im Endeffekt, gerade wenn es um Software-Themen ging, zeigt es sich schon, dass Jüngere damit deutlich enger verbunden sind und hier schneller Erfolge verzeichnen konnten. Davon galt es zu lernen und zu partizipieren.

Welche Bedeutung hat die Arbeitskultur für Ihr Unternehmen?
Schulz: Das ist ja auch ein Thema, das einen großen Schub mit der Corona-Krise bekommt. Wir haben zum Beispiel das mobile Arbeiten nochmal massiv hochgefahren. Das gilt es jetzt als ein gestalterisches Element in die Zukunft zu überführen.
Klingner: Führung ist auch ein Riesenthema für das mobile Arbeiten. Wie führe ich meine Mitarbeiter, die zu 90 Prozent nicht vor Ort sind? Die Nähe fehlt natürlich.

Was zeichnet einen typischen Bertrandt-Mitarbeiter aus?
Schulz: Das Leistungsspektrum hat sich bei uns über die letzten 20 Jahre derart erweitert, dass es den typischen Bertrandt-Mitarbeiter so heute nicht mehr gibt. Wir bilden von den technisch und praktisch agierenden Mitarbeitern bis hin zu den Spezialisten in den Bereichen der Elektronik- und Softwareentwicklung alle Facetten ab.

Aber die Ingenieure sind schon noch in der Überzahl?
Schulz: Es arbeiten nach wie vor überwiegend Ingenieure bei uns, aber die Prozentsätze haben sich über die Jahre vorschoben.

Im Wandel der Zeit: Der Standort Tappenbeck im Jahr 2004. Foto: Bertrandt.

Wie steht es hier in der Region um das Thema Fachkräfte?
Neumann: Wir stehen in einem ständigen Wettbewerb um die besten Experten. Gerade bei einem so kapitalen Arbeitgeber wie VW gleich nebenan. Und neben der üblichen Präsenz, sind klassische Aktivitäten wie Hochschulmarketing, Messen oder Angebote von Bewerberschulungen eine notwendige Ergänzung für ein erfolgreiches Recruiting. Wir müssen da schon kreativ
bleiben.

Hat Covid-19 die Situation entspannt?
Neumann: Es gibt einen Aspekt, der neu in der Corona-Zeit dazugekommen ist und deutlich an Gewichtung gewonnen hat. Jede Vakanz wird auf ein passendes Matching von Profilen der Mitarbeiter geprüft, die sich für eine längere Zeit in Kurzarbeit befinden. Und da steht die Sicherung von Arbeitsplätzen ganz klar an erster Stelle – vor dem Wachstum.
Vielleicht dürfen wir eine Parallele zum Fußball ziehen. Man könnte Sie als Ausbildungsverein betrachten und irgendwann kommt der große FC Bayern und schnappt Ihnen die Talente weg …
Klingner: Das soll schon passiert sein.

 

 

Heute ist Betrandt in Tappenbeck auf rund 60.000 Quadratmetern beheimatet. Foto: Bertrandt.

Nervt das nicht?
Klingner: Ich bin 20 Jahre bei Bertrandt, 35 Jahre in diesem Beruf und das begleitet uns von Anfang an. Natürlich kann es manchmal nerven, wenn man den Mitarbeiter, den man drei, vier Jahre aufgebaut hat, der vielleicht kurz vor einer Führungskraftbenennung steht, an den Hauptkunden verliert. Aber eventuell hat man dort dann einen Freund sitzen, mit dem man in Zukunft gut arbeiten kann. Das gehört einfach dazu.

Das heißt, es demotiviert nicht?
Schulz: Wir sind im Grunde mit dieser Situation nicht zufrieden und tun schon einiges, um die Attraktivität als Arbeitgeber und die Mitarbeiterbindung zu erhöhen.

Können Sie Beispiele nennen?
Neumann: Wir müssen halt Punkte finden, die gegenüber einem solch großen Konzern bei uns noch eher möglich sind. Das sind Flexibilität und Gestaltungsmöglichkeiten und den jungen Kollegen eine Plattform zu bieten, sich wirklich zu zeigen und vielleicht selbst ein eigenes Baby in die Hand zu nehmen und aufzubauen.

Ist Tappenbeck beim Thema Recruiting eher eine Herausforderung oder ein Vorteil?
Schulz: Sowohl als auch. Wir würden uns sicherlich wünschen, dass die öffentliche Anbindung noch besser wäre. Aber insgesamt haben wir hier eine Art Bertrandt-Campus geschaffen, auf dem die verschiedenen Fachbereiche auf ganz engem Raum zusammenwirken. Das ist ein attraktives Merkmal.

Seit 25 Jahren gibt es den Standort in Tappenbeck. Welche Bedeutung hat er im Gesamtkonzern?
Klingner: Wir sind insgesamt 13.000 Mitarbeiter und 2.500 hier am Standort, da kann man sich vorstellen, wie das zur Gesamtleistung beiträgt. Sicherlich arbeiten wir im Netzwerk und es ist wichtig, die Leistung des gesamten Bertrandt-Konzerns zu vermarkten. Aber wir sind hier so breit aufgestellt wie kaum eine Niederlassung im Konzern. Wir bezeichnen uns selbst als Vollsortimenter – wir können wirklich jegliche Leistung abliefern, die unser Kunde erwartet.

Auch mit Investitionen in Infrastruktur, wie das neu errichtete Parkhaus, möchte sich das Unternehmen für die Zukunft rüsten. Foto: Holger Isermann.

Könnten Sie alleine leben, wenn man den Standort vom Konzern abtrennen würde?
Schulz: In der Vergangenheit ja. Heute agieren wir immer stärker im Konzern, um den Megatrends begegnen zu können.
Neumann: Unabhängig davon, dass es natürlich auch an den Standorten von Bertrandt verschiedene Schwerpunkte gibt. Mittlerweile haben wir unseren Standort beispielsweise zum größten Absicherungsbereich innerhalb des Konzerns aufgebaut. In Teilbereichen wie der Umweltsimulation sogar zu einem der größten Anbieter Europas. Und das hier in Tappenbeck, das hat, glaube ich, schon einen gewissen Charme.
Schulz: Ich würde sagen, auf die Entwicklung der letzten 25 Jahre kann man stolz sein. Wir haben hier mit 15 Mitarbeitern in einem kleinen Bungalow angefangen und uns alle gemeinsam mit den Mitarbeitern zu einem modernen mittelständischen Unternehmen entwickelt.

Wie sah Bertrandt aus, als Sie dazu gestoßen sind?
Schulz: Ich bin ja 1999 gestartet, genau in dem genannten Bungalow. Das war ein ganz kleines Unternehmen mit Start-up-Mentalität – da kannte jeder jeden, kurze Kommunikationswege, ganz viel Kreativität, auch ein gewisses Maß an ungeordneten Prozessen, deswegen bin ich damals auch als Kaufmann eingestiegen, um das weiterzuentwickeln.
Klingner: In meiner Startzeit waren wir schon wesentlich größer, aber immer noch weniger als 200 Mitarbeiter. Damals gab es eine zweite Wachstumswelle bei Bertrandt, in der man sich ganz gezielt Kompetenz dazu geholt hat. Ich war sechs Jahre lang Teamleiter und habe wirklich an der Basis in der Entwicklung gearbeitet.
Neumann: Meine Reise begann vor ungefähr 18 Jahren als Versuchsmitarbeiter in einem ganz kleinen Team. Da war alles familiär. Ich habe damals Prüfanlagen konzipiert, erstellt und war verantwortlich für die Durchfühung von Versuchen. Dabei habe ich die Kundenbedürfnisse von der Pike auf an kennengelernt und davon zehre ich heute noch.

Also war es auch für Sie eine ganz persönliche Erfolgsgeschichte, Sie sind ja mit dem Unternehmen gewachsen und haben sich weiterentwickelt?
Klingner: Absolut.
Schulz: Ich empfinde es so, das ist schon eine echte Reise, die man da begleitet hat. Und sie ist nicht zu Ende, sie geht weiter.

Man spürt eine relativ hohe Identifikation bei Ihnen mit dem Unternehmen …
Klingner: Wir sind dem Standort sehr verbunden, auch wenn wir natürlich einen Konzerngedanken haben. Aber wir sind schon lange hier. Sie müssen sich vorstellen, ganz Bertrandt war früher so groß wie der Standort Tappenbeck heute.
Schulz: Und ich glaube, das kann man von uns drei sagen: Hier steckt Herzblut drin.

Können Sie den Markt und ihre nächsten Mitbewerber beschreiben?
Klingner: Wir äußern uns nicht zu konkreten Mitbewerbern …

… und allgemeiner?
Klingner: Früher saßen die Mitbewerber in Braunschweig, Gifhorn oder Wolfsburg. Heute sind sie in Paris, Rumänien, China oder in Indien. Das heißt, das ganze Mitbewerberfeld hat sich mit den Kunden komplett internationalisiert und weiterentwickelt. Es ist damit auch wesentlich größer geworden: Früher wurden drei Firmen angefragt, heute 30.

In Akustikkammern wird das akustische Verhalten von Komponenten bis hin zu Gesamtfahrzeugen bewertet. Foto: Bertrandt.

Was zeichnet einen guten Dienstleister aus?
Klingner: Man muss relativ kundennah sein. Die Kompetenz wird vorausgesetzt. Am Ende des Tages ist der günstigste Preis entscheidend …
Schulz: … und das Ganze als verlässlicher Partner, das ist ebenso eine wichtige Dimension. Über die 25 Jahre sind wir ein wichtiger strategischer Partner für die automobilen Kunden in der Region geworden, weil wir kontinuierlich in den Standort und unser Leistungsspektrum investiert haben.
Neumann: In unserem Geschäft muss man so flexibel wie möglich auf die dynamischen Änderungen reagieren. Wer solche Erwartungen des Kunden am verbindlichsten erfüllt, erhält die Chance, sich nachhaltig zu positionieren.

Wenn wir mit Automobil-Dienstleistern aus der Region sprechen, hören wir häufig, dass VW als Kunde mindestens so anstrengend wie wichtig ist …
Schulz: Ein Großkunde bedeutet immer eine besondere Beziehung.

Können Sie den VW-Anteil bei Ihnen benennen?
Schulz: Das werden rund 80 Prozent sein.

In der Juli-Ausgabe haben wir unsere Interviewpartner von der Deutschen Bank gefragt, wie es den Unternehmen in der Region geht. Die sagten, für die produzierende Automobilbranche sei es eher schwierig, für die, die entwickeln, eigentlich ganz gut. Wie geht es Bertrandt mit Corona?
Schulz: Grundsätzlich kann man eins sagen: Wenn die automobile Konjunktur, und die Zyklen haben wir hier in den 25 Jahren mehrfach erlebt, in Schwierigkeiten kommt oder sich ein Zyklus abkühlt, dann betrifft uns das direkt. Von daher haben wir im Augenblick eine herausfordernde
Situation.

Was heißt das konkret?
Schulz: Es gibt einmal die Corona-Pandemie, wo es auch darum geht, den Arbeitsschutz unserer Mitarbeiter zu gewährleisten. Auf der anderen Seite haben wir gerade eine rückläufige Nachfrage. Das ist eine Situation, die uns als Geschäftsleitung nachhaltig beschäftigen wird.

Wie bewerten Sie da die Angebote der Politik? Stichwort Kurzarbeit …
Schulz: Das halte ich für ein gutes Mittel. Und wenn ich jetzt mal aus Standortperspektive spreche, dann ist das für uns vor allem ein Thema gewesen, dass wir sehr schnell in die Umsetzung bringen konnten. Damit haben wir auch die Liquidität und Ergebnissituation des Unternehmens schnell sichern können.

Wie schnell wird sich die Wirtschaft erholen – erwarten Sie ein „V“?
Neumann: Wer das beantworten kann, wird in diesen Zeiten sicher reich und berühmt. Wir haben anfangs noch die Hoffnung gehabt, mit einem „V“ verhältnismäßig überschaubar auch diese Krise zu überstehen. Aber derzeit bestätigen sich immer mehr die Einschätzungen der Marktanalysten, dass uns die nachgelagerten Impacts der Pandemie auch noch längere Zeit beschäftigen werden. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Noch vor fünf Jahren gab es eine ganz andere Krise: den Abgasskandal …
Schulz: Stimmt, aber das betrifft unsere Kundenlandschaft und hier haben wir einen Grundsatz: Solche Dinge kommentieren wir nicht.

Würden Sie sagen, dass sich durch den Abgasskandal Ihr Verhältnis zu Ihren Auftraggebern verändert hat?
Neumann: Es ist in jeder Partnerschaft üblich, dass man in schwierigen Zeiten auch mal enger zusammenrückt. Das gilt es zu beweisen. Was man schon sagen kann, ist, dass natürlich eine hohe Verunsicherung mit der damaligen Diskussion bezüglich möglicher Auswirkungen auf die Branche einher gegangen ist, die unsere Mitarbeiter und auch uns persönlich erreicht hat.

„Nur große und an den Zukunftsthemen ausgerichtete Investitionen werden [derzeit] getätigt“, heißt es in einer Ihrer aktuellen Pressemitteilungen. Welche sind das?
Schulz: Das Powertrain Solution Center ist die größte Investition hier am Standort. Das wird ein ganz wichtiges Thema hier für den Konzern und für Tappenbeck. Damit wird das Leistungsspektrum zukunftsgerecht ausgebaut. In der aktuellen Situation ist Kostendisziplin aber schon eine Übung, die wir stringent gehen müssen.

Sie investieren 40 Millionen, ist das ein Bekenntnis zur Region?
Neumann: Sie können sich vorstellen, dass gerade Investitionen in Infrastruktur im Konzern heiß begehrt sind. Wir sind sehr stolz darauf, dass eines der beiden Prüfzentren hier in Tappenbeck im Wolfsburger Raum gebaut wird. Genau wie das große Logistikzentrum in Flechtorf.
Schulz: Auch, wenn man schaut, wie sich der Standort entwickelt hat. Wir sind heute auf zwölf Hektar hier am Standort unterwegs mit mittlerweile 50.000 Quadratmetern Bürofläche, das ist natürlich ein Zeichen des Konzerns und Vertrauen in die Mitarbeiter und die Region.

Welchen Anteil haben Sie ganz persönlich daran, dass der Konzern auf Tappenbeck baut?
Klingner: Wir müssen natürlich überzeugen. Wir haben keinen internen Wettbewerb, aber wenn zwei Prüfzentren gebaut werden, haben auch andere Standorte Konzepte und da braucht man den besten Business-Plan und das beste technische Konzept.

Man könnte das Zentrum also als Meilenstein Ihrer Amtszeit bezeichnen …
Neumann: Das kann man schon unterstreichen. Für ein solches Projekt sind fünf, sechs Jahre Vorbereitung nötig. Sie können sich vorstellen, wenn Sie ein Projekt so viele Jahre begleitet und Sie viel Herzblut reingesteckt haben, dann ist die Freude groß, wenn es nun Realität geworden ist.

Wie gut klappt die Zusammenarbeit zwischen Ihnen in der Geschäftsführung?
Schulz: Wir sind alle schon sehr lange dabei und kennen uns über einen langen Zeitraum. Ich persönlich glaube, was uns hier über die letzten zehn Jahre sehr gut gelungen ist, ist kontroverse Themen im Sinne des Unternehmens intensiv zu diskutieren und die bestmögliche Entscheidung zu treffen.
Klingner: Wir haben für uns einmal festgelegt, dass jeder für seinen Bereich verantwortlich ist, aber sobald etwas uns alle angeht, entscheiden wir das gemeinsam. Und eigentlich geht kein Vorschlag so raus, wie er reingekommen ist. Ich war aber auch noch nie unzufrieden, wenn meine Vorschläge von meinen Kollegen verbessert wurden.
Schulz: Zumindest mit dem nötigen zeitlichen Abstand (lacht).

Verstehen Sie sich auch über das rein berufliche hinaus?
Neumann: Man verbringt hier mehr Zeit in der Woche, als mit seinem Ehepartner. Da ist auch eine gewisse freundschaftliche Beziehung entstanden. Wir sind hier schon durch dick und dünn gegangen und haben gemeinsam für Themen gekämpft. Wir haben aber auch gelernt, miteinander zu feiern und uns freuen zu können.
Klingner: Ein paar gemeinsame Rituale haben wir schon (lacht).

Jetzt sind wir gespannt …
Klingner: Wir fahren ab und zu für ein paar Tage gemeinsam zum Angeln an die Mecklenburgische Seenplatte.

Spielt da Arbeit eine Rolle?
Klingner: Absolut. Das kann man gar nicht ausblenden. Man hat immer auch ein Arbeitsthema dabei, das man durchklüngelt, aber auch viel Privates.
Schulz: Da werden die emotionalen Themen aufgearbeitet, zu denen wir hier im Alltag manchmal nicht ausreichend kommen (lacht).

Wer ist denn der erfolgreichste Angler von Ihnen?
Klingner: Den technisch am besten ausgestatteten könnte ich benennen (lacht).
Neumann: Bisher am Fleesensee ich, trotz Anfänger-Status.

Wer war der Initiator?
Klingner: Das hat sich so ergeben, weil wir einfach mal ein Boot gemietet hatten. Ich angle nicht, sondern fahre dann das Boot durch die Gegend und die anderen beiden sorgen für das Abendessen.

„Wir sind hier,weil VW hier ist.“ Blick auf das neue Powertrain Solution Center. Foto: Holger Isermann.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten und nicht angeln? Verraten Sie uns, was Sie privat umtreibt?
Klingner: Ich spiele leidenschaftlich gerne Golf und bin Musiker.

Auf der Bühne?
Klingner: Ja, seit zehn Jahren Gitarre in einer Altherren-Rockband.
Schulz: Ich reflektiere noch mal auf das Angeln. Gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen ist das etwas, woran ich Freude gefunden habe. Nebenher versuche ich in der Woche drei, vier Mal zu joggen, aber es ist schon ein kleiner Kampf, das kontinuierlich zu betreiben.

Wohin zeigt Ihre Formkurve aktuell?
Schulz: Das Gewicht ist auf einem stabilen Niveau. Ich stelle nur eins fest, das Laufen hat da nicht mehr viel Auswirkung (lacht).
Neumann: Bei mir ist es eher das Sammelsurium, von allem etwas. Ich golfe auch ganz gerne, aber nicht so häufig wie Thomas. Skifahren ist immer ein Thema. Und ich reise total gerne und bin neugierig auf neue Länder – mal schauen, wann man wieder darf. Neuerdings habe ich auch angefangen zu malen. Vielleicht auch ein Stück weit altersbedingt, aber das fasziniert mich schon.

Was malen Sie?
Neumann: Ich weiß gar nicht, ob man das näher bezeichnen kann. Das sind gewisse Gießtechniken mit Acryl. Ich wusste, wenn ich jetzt zu meinen Partnern rüber gucke, dass die grinsen (lacht). Die wussten davon noch nichts.
Schulz: Das müssen wir erst mal aufarbeiten (lacht).
Neumann: Das macht mir unglaublich viel Freude. Ich habe seit drei Jahren ein neues Häuschen und da gibt es noch einige weiße Wände, wo ich auch mal etwas dranhängen kann, wenn meine Frau zustimmt.

Was schätzen Sie privat an der Region, in der Sie leben?
Klingner: Dass sie so zentral gelegen ist. Für mich ist die Region Magdeburg, Braunschweig, Wolfsburg und ich lebe in der Mitte in Helmstedt. Ich fahre zum Essen dort hin, zum Sport dort hin und zum Arbeiten dort hin. Wir sind nicht nur München, oder nicht nur Hamburg.
Schulz: Mich spricht auch die Mischung an. Der ländliche Raum, in dem ich lebe, aber mit Braunschweig auch eine wirklich attraktive Stadt.
Neumann: Die infrastrukturelle Anbindung und Braunschweig, wo man auch mal abends weggehen kann, das hat schon Vorteile. Ich persönlich vermisse aber die Ostsee, das ist meine Heimat.

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