Das Alte bewahren - Standort38
, und
16. Juli 2019
Aus der Region

Das Alte bewahren

Der alte Spruch „Peines Stärke – Stahl und Härke“ scheint überholt. Dabei gibt es noch Leben in der alten Brauerei und auch im Umland entwickeln Traditionsunternehmen moderne Wirtschaftsstrategien

Foto: Thomas Severin/Peine Marketing

Vor über hundert Jahren begann im Peiner Land mit dem Walzwerk und der Ilseder Hütte der wirtschaftliche Aufschwung. Bis heute hält sich der Ruf Peines als Industriestadt, wobei der Anteil der Automobilzulieferer und Logistikunternehmen zunehmend wächst. Doch auch neben den großen Zugpferden haben sich klein- und mittelständische Unternehmen angesiedelt, für die sich die gute Infrastruktur ebenfalls bewährt.

Mit dem Abriss der alten Mälzerei Heine im Zentrum der Stadt wandelt sich auch das Bild der Fuhsestadt. Von ihrer Identität als Stadt mit eigenem Bier trennt sie sich aber noch nicht: Noch steigt regelmäßig Rauch aus den Schornsteinen der Brauerei am Werderpark, direkt neben dem Rathaus. Das Malz für den Brauvorgang bezieht Martin Härke, Braumeister in der gleichnamigen Brauerei, von der Salzgitteraner Mälzerei Cargill. Unterstützt wird er von sechs Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Produktion und drei weiteren, die sich um Brauereiführungen und ein Braustübchen kümmern. Nach dem Brauvorgang und einer vierwöchigen Gärzeit geht das eher herbe Pils jedoch auf eine Reise: Seit 2010 erfolgt die Abfüllung des Biers in den Anlagen der Einbecker Brauerei, 2013 übernahm die Einbecker Braugruppe die Härke Brauerei komplett. Seitdem firmiert sie unter dem Namen BrauManufaktur Härke. Als ein Bekenntnis zu Peine als Braustandort prangt neuerdings auf den Kronkorken der Schriftzug „Gebraut in Peine“. Damit soll auch dem Gerücht, dass Härke seit der Übernahme in Einbeck gebraut werde, Wind aus den Segeln genommen werden.

Da auch der Vertrieb des Peiner Bieres über das Einbecker Logistikzentrum läuft, stand die eigene Lagerhalle leer. „Die Standort in Peine mit der Anbindung an die Autobahn ist weiterhin ideal für den Vertrieb. Daher ist die Halle seit einiger Zeit das Logistikzentrum des Onlineshops Bierselect, der auch Härke vertreibt“, erklärt Ulrich Meiser, PR-Beauftragter der Einbecker Braugruppe. Der Shop mit seinem eigentlichen Firmensitz in Hamburg ist eine zehnprozentige Tochter der Braugruppe.

Tradition und Moderne für Bauherren

Auf eine ähnlich lange Tradition wie die 1890 gegründete Brauerei kann der Baustoffhandel der Firma Brandes blicken. 1899 begann Heinrich Brandes damit, Zementdachplatten herzustellen und zu verkaufen, rund 15 Jahre später nahm er Baustoffe anderer Hersteller in sein Sortiment auf. An der Stelle, an der er sein Unternehmen gründete, befindet sich heute das Peiner Veterinäramt. Der Hauptsitz der GmbH ist 1978 direkt an die A2, auf ein 30.000 Quadratmeter großes Grundstück in der Dieselstraße, gezogen. Sieben weitere Standorte versorgen Kunden in Braunschweig, Hannover, Burgdorf, Magdeburg, Blankenburg, Aschersleben und Teltow bei Berlin, insgesamt arbeiten etwa 220 Mitarbeiter für Baustoff Brandes. Die Peiner Filiale mit ihrer Bauelemente-Ausstellung sowie dem Fachmarkt ist die größte und ein gut frequentiertes Ziel von Bauwilligen aus der Region.

Obwohl die digitale Planung von Bauprojekten längst Standard ist und der Onlinehandel auch bei Baumaterialien wächst, spielt Haptik bei der Auswahl immer noch eine große Rolle: „Der Kunde möchte sein Werkzeug oder den Baustoff in der Hand fühlen“, erläutert Massimo La Mela, Sprecher der Geschäftsführung.

Von einem derzeitigen Bau-Boom möchte er nicht sprechen, denn dafür wäre ein Wachstum von 20 bis 30 Prozent notwendig. Dabei könne das Handwerk die bestehende Nachfrage derzeit gar nicht abarbeiten, es fehle an Fachpersonal. Für Baustoff Brandes ist die Situation trotzdem positiv, erwartet wird ein Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent. Um selbst immer geeignetes Personal verfügbar zu haben und weiter aufzubauen, gibt es seit 1948 immer Lehrlinge im Betrieb – und die Stellen sind begehrt. Durchschnittlich bewerben sich 100 Interessenten für eine Ausbildung bei Baustoff Brandes, im Augenblick sind 16 Azubis als angehende Fachkraft für Lagerlogistik und Kaufleute im Groß- und Außenhandel beschäftigt. Bis heute ist die Familie Brandes am Unternehmen beteiligt, Ulrike Brandes-Peitmann ist Gesellschafterin der GmbH.

Wer sein Haus bereits gebaut hat, könnte zu den Kunden von Schulenburg in Gadenstedt gehören. Das Möbelhaus an der Bundesstraße 444 blickt auf eine über 50-jährige Geschichte zurück, hat aber in dieser Zeit einige Inhaber- und Namenswechsel erlebt: Das erste Möbelhaus am Rande des Ortes baute die Firma Möbel Gröver, die zudem einen angeschlossenen Freizeitpark betrieb. Anfang der 1980er Jahre übernahm Möbel-Unger das Geschäft, zum Jahrtausendwechsel folgten die Tejo Wohnwelten-Gadenstedt. „Entgegen einiger Vermutungen gab es bei der Umbenennung 2016 von Tejo zu Schulenburg weder einen Verkauf, noch eine Übernahme. Der Namenswechsel ist einfach eine Konsequenz gewesen, um eine einheitliche Linie ins Unternehmen zu bringen. Zur Tejo-Gruppe gehören acht Häuser, die drei verschiedene Namen trugen. Jetzt sind wir alle Schulenburg“, erklärt Tilmann Sperling, Geschäftsführer der Gadenstedter Gesellschaft. Weitere Häuser gibt es in Bremen, Hamburg, Goslar, Flensburg, Blankenburg und Lüneburg. Bei der Auswahl des Namens fiel die Wahl auf den traditionsreichsten – Schulenburg ist in Hamburg seit gut 100 Jahren ein Begriff.

In Gadenstedt verkaufen die rund 50 Mitarbeiter auf 13.000 Quadratmetern ausgesuchte Möbel. Dazu kommt der benachbarte Tejo’s SB-Verkauf – die Discountsparte trägt weiterhin den Namen Tejo – und ein Lager. „Das ist aber kleiner, als viele denken. Bestellte Möbel werden direkt aus dem Zentrallager in Goslar zum Kunden geliefert“, so Sperling.

Auch interessant