23. November 2016
Aus der Region

„Das Internet kann unserem Handwerk nicht das Wasser reichen“

Ulrich Fricke, stellvertretender Obermeister der SHK Innung, über das ehrbare Handwerk und 365 Jahre Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Klempnertechnik Braunschweig

Ulrich Fricke leitet seit 1991 seinen eigenen Betrieb. Foto: Christian Göttner

Herr Fricke, im Jahre 1651 wurde in Braunschweig erstmalig die "Isern- und Luchtenmakergilde zu Brunswiek" (Eisen- und Leuchtenmachergilde) urkundlich erwähnt. Das war gleichzeitig die Geburtsstunde der heutigen SHK-Innung. Warum hat Ihre Berufsorganisation über eine so lange Zeit Bestand?

Das liegt zum einen an der Qualität des Handwerks beziehungsweise der einzelnen Meister, die über die Jahrhunderte hinweg existent waren und sind. Zum anderen natürlich auch am Bedarf, der ständig vorhanden ist; Trinkwasser ist und Lebensmittel und muss dementsprechend verarbeitet werden, ebenso wie Gas für die Beheizung von Gebäuden oder anfangs auch zur Straßenbeleuchtung. Ganz früher gehörte auch die Herstellung von Kochgeschirr dazu, das wurde ständig gebraucht.

Inwieweit findet sich der damalige Beruf des Leuchtenmachers des späten Mittelalters noch in den heutigen Berufsbildern wider?

Früher, als es noch keinen Wasserinstallateur oder Zentralheizungs- und Lüftungsbauer gab, war das alles ein Beruf, nämlich der Beruf des Klempners. Heute heißt es Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Der Klempner hat damals Kochwaren und Dachrinnen repariert, Metalldächer für die Kirchen hergestellt und dort Wetterfahnen und Kugeln angebracht. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte entstand daraus der Beruf des Installateurs.

Sind einige Werkzeuge der damaligen Zeit noch heute im Einsatz?

Ja, bei den Klempnern und Blechleuten schon, weil sich die Falz- und Löttechniken nicht so groß verändert haben. Da hat man Lötkolben und Wasser, Salzsäure, Falzeisen, Holzhämmer und Hämmer zum Austreiben von Blech benutzt, welche es heute für den Klempnerberuf immer noch gibt. Aber für den Heizungswasserinstallateur hat sich das Werkzeug komplett geändert. Ganz früher gab es kein Acetylen und Sauerstoff zum Schweißen, da hat man mit Karbid gelötet, indem man dieses in Wasser getan hat und so ein brennbares Gas entstand, mit welchem dann gelötet wurde.

Wie wichtig ist Ihnen heute noch die Tradition in Ihrem Beruf?

Für mich persönlich zu einhundert Prozent, weil ich hinter der Tradition stehe. Wir sind aus der Tradition entstanden, daher können wir sie nicht einfach vergessen, verleugnen oder einfach bei Seite legen – dann wäre der Beruf tot. Und für unsere Innungskollegen spielt Tradition sicher auch noch eine wichtige Rolle. Wir haben Innungsversammlungen, die recht gut besucht sind – von den 71 Innungsbetrieben in Braunschweig sind immer so um die 50 da, das ist ein guter Schnitt. Das Innungswesen ist außerdem sehr rege und wird von den Kollegen gut angenommen.

Politische Einflussnahme spielte immer eine bedeutende Rolle im Handwerksgeschehen. Wie steht Ihre Innung in der Region da? Wirken Sie mit?

Sicher hat es auch eine Außenwirkung. Wir versuchen natürlich auch im Rahmen der Berufsausbildung politisch mitzubestimmen, ob das von Erfolg gekrönt ist, sei dahingestellt. Aber wir versuchen zumindest, über diese Ausbildungs- und Lehrlingsausschüsse auf den Ausbildungsrahmenplan Einfluss zu nehmen. Über die Innung haben wir relativ wenig Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich der Politik. Über den Landesverband, den sogenannten Fachverband SHK Niedersachsen in Hannover-Laatzen haben wir im Herbst immer Gespräche mit Politikern und Bundestagsabgeordneten. Da hat man andere Spielräume, eine höhere Ebene. Es gibt in unserem Verband eine Staffelung, angefangen mit dem Innungsbetrieb, den Bezirk, den Landesverband und dann den Zentralverband. Der Landesverband ist sozusagen die zweithöchste Ebene in unserer Verbandsstruktur und dort hat man schon ein gewisses Mitspracherecht oder Berechtigung, gehört zu werden. Dort werden auch Themen von entsprechenden Personen angeschnitten, die diese nicht nur darlegen können sondern auch die gewisse Mitsprache in der Politik haben.

Wie hat sich das Handwerk allgemein über mehr als dreieinhalb Jahrhunderte verändert?

Grundsätzlich. Früher durfte ehrbares Handwerk nur von jungen Leuten, die standesgemäß geboren waren, gelernt werden. Das heißt, Kinder von Totengräbern oder von Spielleuten, wie Gauklern, durften kein ehrbares Handwerk lernen. Auch Kindern von Damen aus dem leichten Geschäft, die unehelich geboren waren oder Kindern von Pastoren, war der Zugang zum Handwerk ebenfalls versagt. Noch heute wird es in der Tradition fortgeführt, zwei Mal im Jahr Lehrlinge im Übergang zum Gesellen mit dem Spruch "Gott, segne das ehrbare Handwerk" freizusprechen. Außerdem gehörte der Lehrling früher in vollem Umfang zum Werksmeister, wohnte sogar bei ihm und wurde von ihm versorgt – er war quasi wie das eigene Kind, nur streng gehandhabt. Heute hat sich das natürlich aufgeweicht, die jugendlichen Lehrlinge haben heute ein eigenes Auto, eine eigene Wohnung – die Bindung ist längst nicht mehr so stark. Die reguläre Lehrzeit war damals auch keine dreieinhalb Jahre, sondern dauerte bis zu sechs Jahre lang.

Man musste sich also mit Leib und Seele dem Unternehmen verschreiben?

Ja. Es musste auch von den Eltern, die ihre Kinder ins Handwerk brachten, ein Lehrgeld bezahlt werden. Heute haben Azubis im ersten Lehrjahr zwei Tage Berufsschule in der Woche und vier oder fünf Kurse mit überbetrieblichen Ausbildungen, wo sie sechs bis sieben Wochen weg sind. Dazu kommen dreißig Tage Urlaub. Das kostet Geld und wir als Arbeitgeber müssen das alles bezahlen. So wie sich die ganzen Techniken, Verarbeitungsmethoden und die Kundschaft verändert haben, so hat sich auch die betriebliche Ausbildung verändert. 

Ist dieser Begriff "ehrbares Handwerk", außer bei der Freisprechung, noch bei den Auszubildenden und den Kunden präsent?

Wir haben 2014 einen Öffentlichkeitsausschuss in Braunschweig gebildet, eine der ersten Innungen in Niedersachsen, wo ich auch Vorsitzender bin. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, das Image des Handwerks zu stärken. Man muss von diesem gewissen "Schmuddel-Image" wegkommen, es ist ein hochtechnisierter Beruf. Noch dazu kommt, dass vor einigen Jahre die Berufe Heizung und Sanitär zusammengelegt wurden. Wir haben also heute "Smart-Home"-Technik, wir haben Regelungen von unterwegs per Handy – das ist alles High-Tech und hat nichts mehr mit Kurbelarbeiten mit der Spirale im Abflussrohr zu tun. Bei Neubauten gibt es sicher noch Arbeiten, bei denen man körperlich ran muss, aber den Kopf muss man heutzutage deutlich mehr anstrengen in unserem Beruf.

Ihr eigenes Unternehmen haben Sie am 1. Juli 1991 gegründet. Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Dass ich frei entscheiden kann, ob ich was mache, was ich mache und wie ich es mache. Das wiegt den ganzen Aufwand auf, den man als Selbstständiger hat. Es ist nicht selbst und ständig, ich habe auch meine Hobbys und meine Freizeiten, die ich nehmen möchte und meine Akkuladezeiten – je älter man wird, desto länger werden diese Ladezeiten. Damals, als ich mich mit 35 Jahren selbstständig gemacht habe, haben wir morgens angefangen zu arbeiten, haben um 19 Uhr aufgehört und dann noch ein paar Stunden Büro dran gehängt. Seither stehe ich morgens um 5 Uhr auf und arbeite rund zwölf Stunden am Tag. Angefangen hat das damals in unserer Wohnung in der Karl-Marx-Straße mit einem Büro im Esszimmer der Altbauwohnung.

Wie hat sich das Unternehmen in 25 Jahren gewandelt?

Wir hatten anfangs neun Mitarbeiter, die ich alleine geführt habe und das war einfach zu viel – ich hatte keine Zeit mehr für die Familie, außer sonntags nur einen halben Tag. Irgendwann musste ich dann eine Entscheidung treffen: Nur Arbeit oder auch eine Familie? Da war es mir enorm wichtig, die Familie mindestens gleichrangig zu halten. Daraufhin haben wir den Betrieb dementsprechend abgebaut und seitdem geht das alles sehr viel besser. Heute haben wir drei Mitarbeiter. Meine Frau macht die Buchhaltung, dazu kommen ein Installateurmeister und ein Elektromeister. Wir sind ein reiner Meisterbetrieb, da wir keine Gesellen haben.

Wie reagiert das regionale Handwerk auf die fortschreitende Individualisierung und Digitalisierung?

Die ist schon lange angekommen. Jede Heizungsanlage und Wasseranlage, Trinkwasser- und Erwärmungsanlage wird heute digital geregelt. Die Verteilung von Wasser im Industrie- und Sportbereich wird elektronisch geregelt. Überall in diesen Bereichen greift digitale Technik ein. Wir Versuchen, unsere Mitarbeiter durch Weiterbildungsmaßnahmen ständig weiter zu schulen und fit zu machen. Wir haben z. B. ÜLUS, also Überbetriebliche Lehrlingsunterweisungen am Berufsbildungszentrum in der Hamburger Straße in Braunschweig. Und dann gibt es auch die Möglichkeit, dass man direkt mit Herstellern Schulungen vereinbart. 

Ihre Berufsbilder sind also deutlich komplexer geworden. Wann begann die Umkehr von Handarbeitet zu Technik?

Vor zehn Jahren fing es ungefähr an, dass es immer technisierter wurde. Bei den Brennern für Heizungsanlagen gibt es heute keine Analogtechnik mehr, sondern nur noch Digitaltechnik. Wir haben eine mobile Trinkwasseraufbereitungsanlage, die mittlerweile auch schon Digitaltechnik hat. Heute sind die Heizungsanlagen so empfindlich geworden, dass das normale Trinkwasser nicht mehr ausreicht – da gibt es VDI-Richtlinien, die festlegen, wie das Füllwasser für Heizungsanlagen aufbereitet werden muss, damit die Geräte weiterhin vernünftig arbeiten und nicht kaputt gehen.

Welchen Stellenwert hat das regionale Handwerk in unserer globalisierten und digitalisierten Welt?

Ich denke, bei den älteren Leuten ist es immens wichtig, dass wir als Handwerk noch vor Ort sind, weil sie mit dem Internet wenig anfangen können. Junge Menschen können schon mal das ein oder andere Problem selbst lösen, aber das Internet liefert ihnen die Sachen nur bis vor die Haustür. Sie müssen alles selbst aussuchen und tragen das volle Risiko bei der ganzen Palette an Auswahl im Internet – ohne Beratung und ohne Service. Diese Beratungsqualität, das Know-how und die menschliche Behandlung, die der Kunde bekommt, kann das Internet nicht ersetzen. Es gibt 46 Regeln oder Vorteile, warum das Handwerk dem Internet vorzuziehen ist. Im Internet kann man sich informieren, aber das eigentliche passiert beim Kunden Zuhause und da kann das Internet unserem Handwerk nicht das Wasser reichen.

Würden Sie sich mehr Wertschätzung für das Handwerk wünschen?

Ja! Nicht umsonst haben wir hier in der Innung Braunschweig den Öffentlichkeitsausschuss gegründet, weil der Bedarf einfach da war. Wir müssen Probleme wie geburtenschwache Jahrgänge, Modeberufe wie KFZ-Mechaniker und dass immer mehr Jugendliche Abitur machen und studieren wollen, bewältigen. Jeder Mensch möchte aber auch Zuhause baden, duschen und Zähne putzen können und das Haus warm haben – und das auch effizient. Doch was passiert, wenn keine Handwerker mehr ausgebildet werden? Dann würden wir hier ohne Möbel und nackt dastehen. Kleidung wird vom Schneiderhandwerk gemacht, Möbel vom Tischler, Bilder von Fotografen – auch das ist Handwerk. Ohne das alles würden wir noch in Höhlen hausen. Das Handwerk hat absolute Berechtigung und ist existenzwichtig, wird aber leider und fälschlicherweise nicht immer mit dem Stellenwert bedacht, den es verdient hätte.

Ist der Fach- und Führungskräftemangel Ihr größtes Problem?

Ja, das ist das Hauptproblem. Vernünftige Betriebe haben immer noch guten Zulauf an Lehrlingen, aber insgesamt gesehen wird das weniger. Ich erwähnte bereits, dass sich viele junge Leute heute nicht mehr unbedingt die Finger schmutzig machen wollen, sondern andere Wege gehen. Aber nicht alle können studieren, es muss auch für das Handwerk etwas übrig bleiben. Und da muss man sehen, dass man die Aufstiegsmöglichkeiten attraktiver darstellt, die ja unendlich sind. Sie können vom Handwerk aus bis in den Zentralverband St. Augustin hochkommen, wenn sie den richtigen "Drive" haben. Sie können als guter Hauptschüler in einen Betrieb als Lehrling einsteigen, mit der abgelegten Gesellenprüfung haben sie den Realschulabschluss oder die mittlere Reife. Mit einer abgeschlossenen Lehre haben sie dann die Zugangsberechtigung, um an die Fachhochschule z. B. der Ostfalia zu gehen. Da kann man dann seinen Bachelor oder Master machen. Oder aber man macht seine Meisterprüfung, gründet einen eigenen Betrieb, übernimmt einen bestehenden Betrieb oder wechselt in ein Planungsbüro. Daraufhin kann man seine Meisterprüfung machen, einen Betrieb gründen oder einen richtig großen übernehmen, kann in Planungsbüros gehen ... So hat man auch die Möglichkeit, im Verband als Firmeninhaber tätig zu werden und kann dann bis in die obersten Reihen aufsteigen – und alles mit einem ursprünglichen Hauptschulabschluss. Dieser Bildungsweg ist in Deutschland Gott sei Dank allen offen. Da das Publizieren dieser Attraktivität unser Anliegen ist, aber nicht unser Metier, dauert das dauert natürlich, aber wir arbeiten daran und entwickeln stets Neues.


Fricke ist überzeugt, das regionale Handwerk hat auch in unserer globalisierten und digitalisierten Welt nach wie vor einen hohen Stellenwert. Foto: Christian Göttner

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