Die nächste Generation steht bereit - Standort38
12. Oktober 2020
Aus der Region

Die nächste Generation steht bereit

Peine ist geprägt von Umbrüchen

Luftaufnahme der Gebläsehalle in Peine. Foto: Wito.

Peine ist geprägt von Umbrüchen. Egal wie groß die Unternehmen sind: In vielen steht ein Generationenwechsel in der Führung bevor, andere stecken mitten drin. Mit neuen Ideen verändert sich auch das Bild des Landkreises zwischen Harz und Heide.

Dirk Elligsen stieg 1988 als dritte Generation ins Familienunternehmen ein, seit 1999 ist er Geschäftsleiter. Mittlerweile arbeitet auch sein Sohn Christoph mit. Foto: Thomas Gasparini/BZV Archiv.
Firmenchef Dirk Elligsen kommen beim Anblick von Zwiebeln keineswegs die Tränen.

Im September und Oktober ist auf dem Betriebsgelände der Albert Elligsen GmbH bei Stederdorf, nördlich von Peine, einiges los. Zum Kerngeschäft des fast 90-jährigen Unternehmens gehört der Handel mit Kartoffeln, Zwiebeln und Brennstoffen. „Wir haben Verträge mit 40 bis 50 Landwirten aus der Region, denen wir Speisekartoffeln und Zwiebeln abnehmen, vor Ort einlagern, sortieren, verpacken und an den Einzelhandel ausliefern“, fasst Christoph Elligsen, Sohn des Geschäftsführers Dirk Elligsen, den Bereich Landhandel knapp zusammen. Sein Urgroßvater Albert Elligsen übernahm im Oktober 1931 eine Kohlevertretung für Stederdorf und zwei Nachbarorte, die er bald um ein Geschäft mit Mehl-, Futtermittel- und Getreidehandel ergänzte. Holzkohle, Heizöl und Propangas, Kraftstoffe, Düngemittel und Streusalz gehören heute ebenso zum Produktportfolio. Neben dem Land- und Heizölhandel betreibt die Familie auch noch eine Tankstelle. Rund 50 Mitarbeitende sind in dem Unternehmen beschäftigt. „Aktuell stecken wir mitten in dem Prozess, ein klimaneutrales Unternehmen zu werden“, erzählt Elligsen.
Pro Jahr schlägt das Familienunternehmen rund 35.000 Tonnen Kartoffeln und 12.000 Tonnen Zwiebeln um, dazu kommen Kartoffeln und Zwiebeln für andere Packunternehmen, Verarbeiter und andere Händler. Damit die Ware frisch bleibt, gibt es Trocknungs- und Kühlungsanlagen. Theoretisch sei es dadurch möglich, den Einzelhandel das ganze Jahr über mit Produkten aus regionaler, beziehungsweise deutscher Produktion zu beliefern. „Durch die Anlagen können wir seit 2014 auf chemische Keimhemmer verzichten“, erklärt Elligsen. Endverbraucher finden den Hinweis auf die Leistung in Peine meist nur durch einen kleinen Hinweis auf den Etiketten.
Die Energie für Kühlung und Trocknung, aber auch für die Sortier- und Verpackungsanlagen, produziert die GmbH zum Teil selbst. „Mit Blick auf unsere Heizölsparte und die Tankstelle, die beide unter dem Markennamen Elli Oil laufen, ist es für Außenstehende manchmal verwunderlich, warum gerade wir uns für Nachhaltigkeit einsetzten“, sagt Elligsen. Aber seit Jahren versuche das Unternehmen, durch ständige Modernisierungen und Investitionen, die CO₂-Emissionen zu reduzieren. „Seit diesem Jahr ist unser Landhandel über Climate Partner zudem als CO₂-neutrales Unternehmen zertifiziert. Dafür haben wir alle anfallenden Emissionen – dazu gehört zum Beispiel auch verbrauchtes Papier oder die Anfahrten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – erfasst, bewertet und zusammengetragen. Was sich nicht vermeiden lässt, das sind 875 Tonnen CO₂, kompensieren wir durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten“, erzählt er. Die Verbrennung des Heizöls beim Kunden ist nicht zertifiziert, aber die Kunden haben die Möglichkeit, über den Einkauf bei Elli Oil Schutzprojekte zu unterstützen.

Vor zwei Jahren eröffnete Nils Pliefke mit seinem Vater Detlef Pliefke eine zweite, größere Wichmann-Filiale in Peine. Foto: Privat.

Unternehmens­nachfolge auf Augenhöhe
Nur wenige Kilometer entfernt, hat ein altes Peiner Traditionsgeschäft in diesem Sommer seine Türen geschlossen: Brillen Wichmann. Zumindest teilweise, denn am zweiten Standort soll es weitergehen. „Wir hatten es anders geplant, aber unter den aktuellen Gegebenheiten war es besser, uns auf ein Geschäft zu konzentrieren“, erklärt Nils Pliefke die Reaktion auf die Corona-Krise. Sein Vater Detlef Pliefke übernahm 2002 das Geschäft in der Fußgängerzone, mittlerweile übernimmt der Sohn mehr Verantwortung. Er konzentriert das Geschäft auf das 2018 eröffnete Hör- und Sehzentrum außerhalb der Kernstadt, in direkter Nachbarschaft zu einem Ärztezentrum. Letzteres wiege es auf, nicht mehr in der Fußgängerzone vertreten zu sein. Laufkundschaft, wie sie dort vorkomme, mache nur noch einen kleinen Teil der Kunden aus. Stattdessen schätzen es viele, direkt nach dem Besuch eines Arztes bei ihnen zu können. Mit der Rückkehr des 33-Jährigen in den elterlichen Betrieb 2017, der zu einer Offenen Handelsgesellschaft umgewandelt wurde, änderte sich auch der Online-Auftritt des Unternehmens: Regelmäßig gibt es neue Beiträge auf der eigenen Facebook-Seite. Dass es einmal eine Übergabe der Geschäfte vom Vater an den Sohn gibt, wurde von langer Hand geplant: die ersten Ideen dazu gab es bereits, als Niels Pliefke noch in der Ausbildung war. Als es konkreter wurde, holten sie einen Rechtsanwalt sowie einen Steuerberater dazu.

Geschäftsführer Jürgen Schaffhausen und sein designierter Nachfolger Nick Heronim. Foto: Annika Lüders/ Regio-Press.

Der Edelstein aus Lengede: Achat5
Ganz anders verlief dagegen die Suche nach einem Nachfolger für Jürgen Schaffhausen. Seine Achat Engineering GmbH ist ein mittelständisches Unternehmen mit Firmensitz in Broistedt. Mit derzeit 30 Mitarbeitern stellt der Geschäftsführer und Firmengründer unter der Marke Achat5 Transport- und Handhabungssysteme für Leiterplatten her, die die Platinen während des Herstellungsprozesses drehen, sortieren und transportieren.
Insgesamt stellt das Unternehmen 75 Produkte für Kunden wie Bosch, Hella oder Valeo her. Die Zusammenarbeit mit internationalen Kunden in Skandinavien, den USA oder Asien erfordert enorme Flexibilität von allen Mitarbeitern. Schaffhausen selbst ist rund um die Uhr erreichbar – zusätzlich können Kunden ihr Anliegen jederzeit online übermitteln. Ein firmeneigenes System priorisiert die Kundenanfragen und leitet sie direkt an die Mitarbeiter im Bereitschaftsdienst weiter. Einen Nachfolger zu finden, der ein solches Pensum und die Verantwortung für die Mitarbeitenden übernimmt, sei nicht einfach gewesen. Mit dem Wirtschaftsingenieur Nick Heronim, der vorher bei der Wirtschafts- und Tourismusfördergesellschaft des Landkreises Peine Unternehmen beriet, hat Schaffhausen jemanden gefunden, der sich kümmert, wenn er sich zurückzieht. Die Übergabe soll 2023 abgeschlossen sein.

Maximilian und Theresa Meyer wirken als vierte Generation im Vorstand des Logistikunternehmens, das einen Standort in Peine betreibt. Foto: Meyer & Meyer/Uwe Lewandowski.

Der Urenkel ist CEO
Der Osnabrücker Logistiker Meyer & Meyer, der seit 1976 einen eigenen Standort in Peine betreibt, leitete 2015 den Generationswechsel ein: Maximilian Meyer, Vertreter der vierten Generation, hat in diesem August die Position des CEO und Vorstandsvorsitzenden übernommen. Gemeinsam mit Chief Financial Officer Peter Schnitzler, leitet der 32-Jährige seitdem die Geschäfte. Seine Schwester Theresa Meyer unterstützt das Vorstandsduo bei der strategischen Führung und Transformation des Familienunternehmens. „Theresa und ich sind Meyer & Meyer seit unserer Kindheit verbunden“, erklärt Maximilian Meyer.
In Peine beschäftigt das Unternehmen rund 440 Mitarbeitende in einem Distributionszentrum und -lager für Fashion- und Lifestyleprodukte. Ein großer Erweiterungsschritt war 2006 der Bau eines automatisierten Hängewarenzentrums an der Heisenbergstraße. 2015 und 2016 folgte mit den Logistikhallen am Lehmkuhlenweg der nächste große Bauabschnitt. Seitdem investiert das Unternehmen in die Modernisierung des Standortes. Peine sei überwiegend ein Lager- sowie ein Transportstandort, von dem aus rund zehn Kunden
bedient werden.

Seit 2019 ist Nils Schiemann, links, Braumeister für Härke. Mit seinem Ausscheiden erhielt Carsten Schild die Gesamtprokura. Foto: Braumanufaktur Härke.

Der Name bleibt, die Familie zieht sich zurück
Direkt neben dem Rathaus der Stadt Peine prägt das denkmalgeschützte Backsteingebäude der Härke-Braurei mit seinem goldenen Schriftzug das Bild der Stadt. Mit dem Namen Härke ist die Geschichte Peines seit 1907 verknüpft, 2013 übernahm die Einbecker Brauhaus AG die Traditionsbrauerei und gründete die BrauManufaktur Härke. Martin Härke blieb als Braumeister in Peine, bis er Ende 2019 von Nils Ole Schiemann abgelöst wurde. Dass trotz der Zugehörigkeit zur Brauhaus AG weiterhin in Peine gebraut wird, ist dem Unternehmen wichtig: „Wir haben es auch auf die neuen Kronkorken gedruckt: Gebraut in Peine. Und wo Peine draufsteht, ist auch Peine drin“, erzählt PR-Leiter Ulrich Meiser. Meiser bedauert, dass die Einführung des neuen Peiner Land-Radlers mitten in die Corona-Krise fiel und kaum wahrgenommen werde.

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