Die Nische ist aktiv - Standort38
15. September 2020
Aus der Region

Die Nische ist aktiv

Neben Großkonzernen und Traditionsunternehmen hat sich in Braunschweig ein vielfältiges Umfeld an Startups, Hidden Champions und Konzernen entwickelt. Dabei spielt Umwelt- und Ressourcenschutz eine immer größere Rolle.

In den kommenden Jahren wollen Gabi Münzer und Markus Kube mehrere Millionen in die IT-Abteilung von Solvis Solartechnik investieren. Foto: Solvis Solartechnik.

Mobilität ist eines der Themen, die Braunschweig prägen wie kein anderes. Mit dem Forschungsflughafen, Binnenhafen und der Anwendungsplattform Intelligente Mobilität (AIM) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Braunschweig lässt die Löwenstadt kaum eine Art der Fortbewegung aus. Allerdings gibt es auch Braunschweiger, die bei dem Wort Verbrenner nicht sofort an einen Motor denken.

Anfang der 1980er-Jahre taten sich Helmut Jäger und Henning Terschüren zusammen und gründeten gemeinsam mit drei weiteren Geschäftspartnern die Solvis Solarsysteme GmbH. Die ersten Projekte beschäftigten sich mit einer Handvoll Mitarbeitenden überwiegend mit Solartechnik für Schwimmbäder, doch zunehmend rückte die Speicherung von Wärme in den Fokus der Aufmerksamkeit – ein Schichten-Pufferspeicher entstand. Bis heute bildet das patentierte Speichersystem laut Solvis die Grundlage für das Produktportfolio. In den folgenden Jahren, besonders ab 1990, stieg die Nachfrage nach regenerativer Wärmetechnik. Die Solvis GmbH wuchs mit der Nachfrage und der Standort an der Marienberger Straße, an der alles angefangen hat, wurde zu klein. Fündig wurde das Unternehmen an der Grotrian-Steinweg-Straße: „2002 konnte Solvis das neue Gebäude, ausgezeichnet mit dem Architektenpreis für die erste Nullemissionenfabrik Deutschlands, mit 1.000 Quadratmetern Büro und 7.000 Quadratmetern Nutzfläche beziehen“, berichtet Solvis-Mitarbeiterin Birgit Nietzold. Allerdings ging es dem Unternehmen nicht immer gut: „Durch die rapide sinkenden Energiekosten für Gas und Öl geriet die regenerative Heiztechnik zunehmend unter Druck und dringend notwendige Förderprogramme für die umweltfreundliche Energien wurden rigoros gestrichen. Solvois wurde 2015 von dieser Entwicklung kalt erwischt“, weiß Nietzold. Das Unternehmen richtete sich neu aus und erholte sich bald. 2017 gewann ein Heizsystem aus dem Haus Solvis Preise wie den iF Design Award, Reddot Award und den German Design Award.
Rund 35 Jahre nach der Gründung beschäftigt die Solvis GmbH 180 Mitarbeitende, davon 19 Auszubildende. Die Ausbildung erfolgt unter anderem in den Berufen des SHK Anlagenmechanikers, der Fachkraft für Lagerlogistik und als Industriekauffrau-/kaufmann. Um der zunehmenden Digitalisierung und der Industrie 4.0 gerecht zu werden, wollen die aktuellen Geschäftsführer Gabriele Münzer und Markus Kube bis 2023 mehr als 2,5 Millionen Euro in die unternehmensweite IT-Infrastruktur investieren. Im vergangenen Jahr lag der Jahresumsatz bei 30 Millionen Euro.

Johannes Skowron und Alina Hische haben sich neben ihrem Studium mit einem Label für nachhaltige Sportkleidung selbstständig gemacht. Foto: Re-Athlete.

Recycling im Startup
Zahlen, von denen Johannes Skowron und Alina Hische bisher nur träumen können. 2017 setzten sie ein Crowdfunding auf, um ein kleines Startup für nachhaltige Sportkleidung aufzubauen – und floppten. „Rückblickend war es das Beste, was uns passieren konnte. Wir haben danach unsere ganze Idee nochmal durchdacht, uns neu aufgestellt und den Grundstein für Re-Athlete gelegt“, erzählt Skowron. Heute betreiben die beiden einen kleinen Laden mit Atelier und angeschlossenem Onlineshop in der Ferdinandstraße, die Mietverträge für ein größeres Objekt sind unterzeichnet. Das Besondere an ihrer Kleidung: Sie produzieren nur auf Bestellung und das aus Stoffen, die aus recycelten Fischernetzen hergestellt werden. Skowron hat Sportmanagement an der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter studiert, Hische studiert Psychologie und begann, in ihrer Freizeit Kleidung zu nähen. „Als wir uns dann mit dem Thema nachhaltiger Sportkleidung beschäftigten, haben wir nur einzelne Kollektionen größerer Marken gefunden. Also entstand die Idee einer eigenen, regional produzierenden Marke“, sagt Skowron. Während ihrer Recherche zu Stoffen und Materialien stießen sie auf ein Garn, das aus Fischernetzen produziert wird. Das die Produktion in Europa stattfindet, überzeugte die beiden. „Das noch größere Problem war dann allerdings, dass wir unsere eigene Produktion ebenfalls regional betreiben wollen. Es gibt aber kaum noch Textilproduktion in Deutschland“, so Skowron. Letztlich entschieden sich die beiden für eine InHouse-Lösung. Genauso wie Hische alle Schnitte und Prototypen entwickelt, näht sie auch einen Teil der verkauften Kleidungsstücke. Zusätzlich haben sie Kontakte zu verschiedenen Lebenshilfe-Werkstätten und Lohnnäherinnen aufgebaut. „Für uns ist es konsequent, dass wir nur Sachen produzieren, die auch bestellt wurden. Dadurch haben wir keinerlei Überproduktionen, die im Müll landen. Für einige Kunden ist es irritierend, dass sie ihre Ware nicht zwei Tage nach der Bestellung im Briefkasten haben, aber die meisten sind davon begeistert.“
Neben Privatpersonen, die sich für nachhaltige Kleidung interessieren, setzten die beiden sportbegeisterten Geschäftsführer auf B2B-Kunden. Dafür haben sie sich eine Accountmanagerin ins Team geholt, die fast ausschließlich mit der Akquise von Unternehmen, Verbänden und Vereinen beschäftigt ist. Parallel dazu sind sie auf der Suche nach einer Textil- und Modenäherin, die das Team erweitern soll. „Wir haben Re-Athlet komplett ohne Fremdkapital aufgebaut und immer wieder das investiert, was wir eingenommen haben. Dadurch waren und sind wir sehr autark in unseren Entscheidungen“, berichtet Skowron. Zeitweise studierten er und seine Partnerin nebenbei weiter, mittlerweile ist es für ihn ein Vollzeitjob geworden.

Im Showroom von Auro in der Gartenstadt können Kunden Farben auf Pflanzenbasis auswählen und anmischen lassen. Foto: Auro Pflanzenchemie.
Edwin Hribek steht hinter der Idee, Alltagsprodukte herzustellen, die frei von fossilen Rohstoffen sind. Foto: Auro Pflanzenchemie.

Braunschweig macht die Welt bunter
Einen ähnlichen Antrieb wie die Gründer von Re-Athlet und der Solvis GmbH hatte auch Dr. Hermann Fischer, als er 1983 Auro aufbaute: Ressourcen schonen. Seitdem entwickelt, produziert und vertreibt das Unternehmen Anstrichstoffe auf Pflanzenbasis, ohne Erdöl, in Braunschweig. Dabei orientiere sich das Unternehmen von Anfang an daran, seine Produkte nicht nur in der Region zu verkaufen, sondern einen weltweiten Markt zu erschließen. „Die Partner in Österreich waren schon in der Anfangszeit mit dabei und haben eine wichtige Rolle gespielt“, erklärt Nadine Schrader, Mitarbeiterin bei Auro. Die Farben und Lacke können beispielsweise auch in Japan oder auf den Kanarischen Inseln gekauft werden; nach eigenen Angaben exportiert das Unternehmen rund 40 Prozent seiner Erzeugnisse ins Ausland. Der Hauptstandort ist mit allen Abteilungen aber Braunschweig geblieben: Sowohl die Forschung und Entwicklung, als auch Produktion, Lager und Vertrieb und der Shop befinden sich in der Gartenstadt. Zu den Testbereichen des Unternehmens gehört auch ein Wetterstand auf den Firmengebäuden, auf dem der tatsächliche Einfluss der Witterung auf die Farben und Schutzanstriche getestet wird. Fast direkt daneben befindet sich eine Vielzahl an Solarpaneelen: „Wir sind seit 2007 ein CO2-neutral-zertifiziertes Unternehmen und verwenden ausschließlich Ökostrom, den wir zum Teil auch selber produzieren“, sagt dazu Auro-Vorstand Edwin Hribek in einem Imagefilm. Demnach kompostiert das Unternehmen, das 49 Mitarbeitende beschäftigt, die bei der Produktion anfallenden Reste auch selbst. Zum Team der Mitarbeiter gehören auch zwölf Handelsvertreter, die an unterschiedlichen Orten in Deutschland arbeiten, und drei Auszubildende. Ausgebildet werden unter anderem Industriekaufleute, Chemikanten und Lageristen.

Nordzucker CEO Dr. Lars Gorissen ist optimistisch, dass das aktuelle Geschäftsjahr wieder positiv ausfällt. Foto: Nordzucker AG.

Rüben für den Weltmarkt
Pflanzen bilden auch den Rohstoff, mit dem die Nordzucker AG arbeitet. Die 1997 gegründete Nordzucker AG, mit Konzernsitz an der Küchenstraße direkt an der Alten Waage, entstand aus verschiedenen Zusammenschlüssen von Erzeuger- und Verarbeitergemeinschaften und bezeichnet sich heute als einen der größten Zuckerhersteller weltweit.
Rund 250 der etwa 1351 Angestellten von Nordzucker arbeiten direkt in der Zentrale. Als Stadt der kurzen Wege, in der innerhalb weniger Minuten sowohl die Innenstadt als auch verschiedene Einkaufsmöglichkeiten erreichbar sind, sei Braunschweig als Lebensmittelpunkt für die Mitarbeitenden attraktiv. Dazu kommt, dass die dazugehörigen Familien vom Ausbau der Krippen- und Tagespflegeplätzen, den Schulen und dem reichhaltigen Erholungs- und Freizeitangebot profitieren. Ein weiterer Pluspunkt der Okerstadt sind für Christian Kionka, Head of Communications & Public Affairs, die Hochschulen: „Die räumliche Nähe zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bietet einen idealen Nährboden für Innovationen.“ Für Nordzucker seien unter anderem die Chemie-Thematik und der IT-Bereich wichtig.
Im Geschäftsjahr 2019/20 erzielte Nordzucker nach eigenen Angaben einen Konzernumsatz von 1.439 Millionen Euro – ein Fehlbetrag von rund 15 Millionen Euro. Trotzdem hofft das Unternehmen auf ein positives Geschäftsjahr 2020/21, auch wenn die Corona-Pandemie die Verhältnisse auf dem Weltmarkt verändert: „Wir gehen davon aus, dass weltweit der Zuckerverbrauch weiter wächst, nachdem ein Corona-bedingter Rückgang überwunden ist, und verfolgen das Ziel, unsere Rohrzucker-Aktivitäten weiter auszubauen“, erklärt CEO Dr. Lars Gorissen.

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