Fuhrmann: Stahl bleibt unsere DNA - Standort38
28. März 2017
Aus der Region

Fuhrmann: Stahl bleibt unsere DNA

Die Salzgitter AG bekennt sich zu ihren Wurzeln, will das stahlferne Geschäft wie Beteiligungen aber stärken

Ein Mitarbeiter in Schutzkleidung entnimmt in Salzgitter auf dem Gelände der Salzgitter AG eine Probe am angestochenen Hochofen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Nach Jahren, in denen die Salzgitter AG ihren Fokus auf Restrukturierung legte, hat sie nun vor allem Wachstum und Innovation im Blick. Das sagte Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG, gestern bei der Vorlage der Bilanz für das vergangene Jahr. Zwar würden die Maßnahmen aus dem Restrukturierungsprogramm „Salzgitter AG 2015“ unter dem Namen „FitStructure SZAG“ fortgeführt – denn, so Fuhrmann, „es wäre fahrlässig, sich auf bessere Rahmenbedingungen zu verlassen“. Doch 2016 habe markante Phasen, wenn nicht gar Wendepunkte beinhaltet. Insgesamt blicke der Konzern so positiv in die Zukunft wie lange nicht. Für das laufende Jahr erwartet der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller einen Umsatz von rund 9 Milliarden Euro, nach 7,9 Milliarden Euro im Vorjahr. Das Ergebnis vor Steuern soll zwischen 100 und 150 Millionen Euro liegen, 2016 hat es 53,2 Millionen Euro betragen.

2016 hatten vor allem EU-Strafzölle auf Billigimporte aus China den Marktdruck gemildert. Diese Importe hatten den ohnehin von Überkapazitäten geprägten europäischen Stahlmarkt belastet. Fuhrmann machte jedoch darauf aufmerksam, dass eine einseitige Orientierung bei den Strafzöllen auf China nicht angezeigt sei. „2016 hat gezeigt, dass andere Länder in die Bresche gesprungen sind.“ Die Walzstahlimporte beispielsweise bewegten sich im vergangenen Jahr trotz eines sinkenden Anteils aus China auf ähnlichem Niveau. Die höchsten Importmengen kämen nach China aus Russland und der Ukraine. Brasilien und der Iran hätten ihre Exporte erheblich gesteigert. Und neue Wettbewerber aus Ländern wie Australien und Ägypten drängten auf den Markt.

Unter Druck sind allen voran die Geschäftsbereiche Flachstahl sowie Grobblech/Profilstahl, zu dem auch die Peiner Träger GmbH (PTG) gehört. Nur eine Aufholjagd im zweiten Halbjahr habe die desolate Situation von Flachstahl im ersten Halbjahr ausgleichen können, was zu einem Ergebnis vor Steuern von Minus 2 Millionen Euro führte, so Fuhrmann. „Bei einem so großen Unternehmen wie Flachstahl ist das so gut wie eine Null.“ Für das laufende Jahr soll das Vorsteuerergebnis erheblich verbessert werden und demnach positiv sein. Bei Grobblech/Profilstahl ist der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr zwar konstant geblieben, der Umsatz jedoch fiel um 167 Millionen auf 742 Millionen Euro. Ein Drittel dieses Rückgangs sei auf die Schließung der Tochter Hoesch Spundwand Ende 2015 zurückzuführen. Der Rest entfalle auf die Grobblechgesellschaften. „Die Billigimporte haben diesen Geschäftsbereich besonders brutal getroffen“, sagte Fuhrmann.

Die PTG hingegen habe den dritten Vorsteuergewinn in Folge beitragen können. Bei der Kurzarbeit, von der die Mitarbeiter der Konzerntochter im März betroffen gewesen sind, handelt es sich laut Finanzvorstand Burkhard Becker nicht um eine nachhaltige Situation. Aufträge seien saisonbedingt ausgeblieben, was auch im vergangenen Jahr zu dieser Zeit zu beobachten gewesen sei. Fuhrmann sagte: „Die Kurzarbeit ist bedauerlich, aber keine Katastrophe.“ Zwischen dem 5. und dem 19. März hat es Becker zufolge an 10 Tagen Kurzarbeit gegeben. 30 000 Tonnen seien weniger produziert worden, so Becker. Für gewöhnlich werden in einem solchen Zeitraum 90 000 bis 95 000 Tonnen hergestellt. Es würden bereits mehr Aufträge verzeichnet, so Becker. Es könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass es noch zu Kurzarbeit kommt.

Den Weg, sich neben dem Stahlgeschäft breiter aufzustellen, will die Salzgitter AG weitergehen. Das Geschäft mit stahlfernen Produkten will der Konzern stärken. Dazu zählt Fuhrmann neben dem Geschäftsbereich Technologie und der 25-Prozent-Beteiligung an Aurubis beispielsweise auch das Geschäft mit Edelstahlrohren. Derzeit macht Stahl rund 60 Prozent vom Umsatz aus. Dieser Anteil soll zugunsten der stahlfernen Bereiche auf 50 Prozent reduziert werden. „Die DNA der Salzgitter AG entstammt aber dem Stahl, das soll auch so bleiben“, betonte Fuhrmann. „Die Investitionen zeugen davon, dass wir uns nicht leise weinend vom Stahl zu verabschieden gedenken.“ Zu diesen Investitionen zählt die RH-Vakuumanlage, die im zweiten Quartal dieses Jahres bei Flachstahl in Betrieb genommen werden soll. Mit dieser Anlage kann besonders reiner Stahl gefertigt werden, zum Beispiel für die Autoindustrie. Die Kosten betrugen 80 Millionen Euro. Weitere 180 Millionen Euro investiert die Salzgitter AG bei den Töchtern Mannesmann Grobblech und Ilsenburger Grobblech. In Ilsenburg entsteht eine Schnellabkühleinrichtung mit entsprechender Ofenanlage und Nebeneinrichtungen. Sie soll die Produktion hochwertiger Grobbleche beispielsweise für Baumaschinen ermöglichen und 2020 in Betrieb gehen. Bisher läuft eine solche Einrichtung in Salzgitter. Sie sei jedoch in die Jahre gekommen.

Die protektionistischen Pläne von US-Präsident Donald Trump sieht Fuhrmann gelassen. Zwar könnten angedrohte Zölle Auswirkungen auf das Geschäft haben. Die Exporte in die USA machten mit 6 Prozent jedoch nur einen kleinen Teil des Konzernumsatzes aus. Entscheidender sei, dass der Konzern selbst in den USA produziere, Edelstahlrohre, große Leitungsrohre und Getränke- und Abfüllanlagen. „Eventuell zählen wir dann sogar zu den Profiteuren.“

Auch Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) meldete sich zu diesem Thema gestern zu Wort. Die EU-Kommission müsse die heimische Stahlindustrie vor einer Benachteiligung durch die USA schützen. Es sei Aufgabe der Politik, an der Seite der Stahlarbeiter zu kämpfen und für den Erhalt der Arbeitsplätze zu streiten.

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