Fußball ist auch ein Wirtschaftsunternehmen

Martin Kind, Eigentümer und Geschäftsführer der Kind Gruppe sowie Präsident des Sportvereins Hannover 96, im Interview

Martin Kind, Eigentümer und Geschäftsführer der Kind Gruppe, sowie Präsident des Sportvereins Hannover 96. (Foto: firo Sportphoto / Fabian Simons)


Herr Kind, wie sehr ist Fußball für Sie Sport, wie sehr Geschäft?

Fußball ist Leistungssport im Showgeschäft Bundesliga. Die wesentliche Bedeutung des Bundesligafußballs liegt bei einer wettbewerbsfähigen Mannschaft, nur dann kann Klassenerhalt oder Erfolg erreicht werden. Fußball ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen und auch als solches zu führen und zu organisieren. Ertragsorientiertes Denken ist notwendig.


Die Transfersummen und Gehälter der Spieler haben zuletzt unvorstellbare Höhen erreicht. Welche Auswirkungen hat das für kleinere Vereine und die wirtschaftliche Balance in der Bundesliga?

Sicherlich geht die Schere der Umsatzvolumina immer weiter auseinander, was demzufolge auch zu unterschiedlichen Qualitäten in den Mannschaftszusammenstellungen führen wird. Es gilt aber, diese Herausforderung anzunehmen und im Rahmen der eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten möglichst erfolgreich zu entscheiden. Wirtschaftliche Risiken dürfen dabei nur begrenzt eingegangen werden, da höhere Investitionen nicht automatisch höhere Einnahmen oder größeren sportlichen Erfolg bedeuten.


In den vergangenen Jahren war die Bundesliga vor allem am Tabellenende spannend. Wie dringend braucht der deutsche Fußball weitere Spitzenvereine?

Für die Attraktivität der Bundesliga ist es sicherlich förderlich, wenn es eine große Anzahl von Spitzenmannschaften in der Liga gibt. Spannend sind jedoch auch die einzelnen Wettbewerbe um die Qualifikation für Champions League- und Europa-League-Plätze sowie der Kampf um den Klassenerhalt. All diese Wettbewerbe haben in den letzten Jahren Spannung bis zum letzten Spieltag der Bundesliga versprochen. Aus einem starken nationalen Wettbewerb heraus können sich dann auch bessere Leistungen verschiedener Mannschaften in den internationalen Wettbewerben ergeben.


Der Fußball wird wirtschaftlich immer attraktiver für internationale Akteure, die in TV-Rechte oder direkt in Vereine investieren. Werden die Vereine zukünftig ihre Unabhängigkeit verlieren?

So lange es eine ausreichende Anzahl interessierter Marktteilnehmer auf dem Medienmarkt gibt, bleibt die Unabhängigkeit der Clubs erhalten, denn die Bundesliga ist ein sehr werthaltiges Gut, welches eine große Nachfrage hat. Richtig ist jedoch, dass im Geschäftsmodell der Bundesliga mit steigenden Erlösen auch die Kosten deutlich steigen. Dies wäre im Falle von rückläufigen Erlösen kurzfristig nicht so einfach zu kompensieren. Für den Kapitalmarkt ist der Fußball nicht so interessant. Mittel- und längerfristig werden zwar alle Vereine der Bundesliga als Kapitalgesellschaften aufgestellt sein, was viele Vorteile hat. Aber ich sehe nicht, dass das Thema Investoren deswegen eine andere Qualität bekommt und die Clubs in der Breite von einzelnen Investoren abhängig werden. Das Risiko im Fußballmarkt ist sehr groß, der Kapitalbedarf ist hoch, der Markt volatil. Ich glaube nicht an eine hohe Attraktivität des Fußballmarktes für Investoren. Es wird immer Ausnahmen geben, wo strategische Partner sehr viel Geld zuführen wie Red Bull in Leipzig. Hieraus ergibt sich natürlich eine gewisse Abhängigkeit gegenüber dem Investor. Bayern München hat drei strategische Investoren mit einer Kapitalbeteiligung von über 300 Millionen Euro gewinnen können, ohne seine Unabhängigkeit zu verlieren, das ist deutlich hilfreich. Aber das bleiben Einzelfälle.


Bei Umsatz und Fernsehgeldern hinkt die Bundesliga beispielweise der Premiere League deutlich hinterher der Tabellenletzte der englischen Liga erhält z.B. mehr Fernsehgelder aus der nationalen TV-Vermarktung als der FC Bayern München. Wie kann man den Abstand verringern?

Der Abstand in den Erlösen der Medienvermarktung zwischen Bundesliga und Premier League wird sich kurzfristig nicht verringern lassen. Er ergibt sich nicht ausschließlich aus der Qualität des Produktes oder der inländischen Marktgröße, sondern im Wesentlichen aus der Nachfrage. Diese ist in Bezug auf die inländische Medienvermarktung in England durch sehr gut funktionierende Pay-TV-Märkte mit hoher Konkurrenz und hohen Nutzungsgraden geprägt. In Deutschland kommt der Pay-TV-Markt langsamer in Bewegung, obwohl sky hier mittlerweile einen sehr guten Job macht und ein tolles Produkt anbietet. In der internationalen Vermarktung wird die Bundesliga den Vorsprung der Premier League mittelfristig nur marginal verkürzen können. Zum einen wurde die Entwicklung, mit den Medienrechten stärker in die ausländischen Märkte zu drängen, von der Bundesliga recht spät angegangen. Zum anderen hat England als ehemalige Kolonialmacht in diesem Bereich auch historische Vorteile, da eine größere Offenheit und ein größeres Interesse für englischen Fußball in vielen Ländern besteht. Auf Grund der enormen Differenz werden sich die Märkte sicherlich noch einmal neu ordnen, sodass auch sportlich davon auszugehen ist, dass die Vertreter der Premier League zukünftig im europäischen Wettbewerb deutlich besser abschneiden werden. Benchmark müssen daher die anderen Top-Ligen Europas sein, mit denen die Bundesliga in der Breite nahezu in allen Feldern auf Augenhöhe agiert.


Hat die Bundesliga die Potenziale einer Vermarktung im Ausland zu lange unterschätzt?

Dieser Einschätzung stimme ich voll zu. Es macht jedoch nunmehr keinen Sinn, in die Vergangenheit zu schauen, sondern es gilt, sich für die Zukunft diesen Märkten intensiv zu widmen und mit einem guten und interessanten Produkt zu versuchen, verlorenen Boden zurückzugewinnen. Wir sind auf einem guten Weg.

 

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