Who’s your city?

Wir haben im Rahmen unserer 100aus38-Befragung bei mehr als 1.000 Arbeitnehmern nachgefragt, was die Region auszeichnet und was ihr fehlt.

Illustration: SG-design/instantly

Es gibt Erzählungen von  Top-Managern aus der Automobilindustrie, die am Wolfsburger Bahnhof ankommen und denen schon der erste Eindruck reicht, um doch wieder nach Barcelona, Turin oder München zurückzukehren. Denn selbst, wenn das Gehalt doch stimmte, fehlten mediterrane Straßencafés, die richtigen Boutiquen oder auch ein Fußballclub von Weltrang. So wird es hinter vorgehaltener Hand erzählt, ohne Namen. Vielleicht ist das alles Hörensagen und doch hat sich der größte Automobilkonzern der Welt in den vergangenen Jahren sichtlich bemüht, das Gesicht der jungen Großstadt Wolfsburg aufzuhübschen. Man hat zeitgenössische Kunst gekauft und ihr ein renommiertes Zuhause gegeben, die Autostadt gebaut, ein Outlet- wie ein Science Center angesiedelt und den VfL Wolfsburg 2009 sogar bis zur Meisterschaft gesponsert.

Der Standort als Nachteil

Solche Möglichkeiten hat der Mittelstand nicht und einige KMUs sind international von Standorten aus aktiv, die deutlich weniger zu bieten haben, als Wolfsburg. Viele von ihnen haben wir in den vergangenen Jahren besucht und mit den meisten über Ihr Unternehmensumfeld gesprochen. EEW-Chef Bernard M. Kemper zum Beispiel würde sich in Helmstedt schon etwas mehr Leben wünschen und erzählte im Standort38-Titelinterview, dass sich immer wieder Arbeitnehmer aufgrund des Ortes gegen das Unternehmen unterscheiden. „Das bekommen wir schon manchmal zu hören. Insofern könnte man gerade für Fach- und Führungskräfte durchaus von einem Standort-Nachteil sprechen. Viele von diesen pendeln und sind nur unterhalb der Woche hier. Das ist überhaupt nicht unüblich.“

Warum wollen alle in die Großstadt?

MKN-Chef Georg Weber glaubt mittlerweile an den Standort Wolfenbüttel, hatte bei seinem Wechsel aus München im Jahr 2001 aber durchaus Zweifel: „Geographisch war der Schritt nicht so einfach, da gebe ich Ihnen Recht. Damals fühlte ich mich in München sehr wohl und wusste nicht, wo Wolfenbüttel liegt.“ Und Dr. Jochen Stöbich, geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Unternehmensgruppe mit Sitz in Goslar sieht Herausforderungen beim Recruiting vor allem im IT-Bereich. „Ich weiß nicht, warum alle IT´ler in die Großstadt wollen?“

Die drei „Ts“ und ihre Folgen

Vor rund zehn Jahren hat der  US-amerikanische Ökonom und Stadtplaner Richard Florida in seinem Buch „Who’s Your City“ eine vielbeachtete und kontrovers diskutierte Antwort auf diese Frage gegeben. Bereits in seinem ersten internationalen Bestseller „The Rise of the Creative Class“ beschreibt er die Bedeutung von Kreativität für die wirtschaftliche Entwicklung. Im Fokus seiner Betrachtung stehen rund 40 Mega-Regionen wie Großtokyo, das Gebiet London-Leed-Chester oder Mexico City, in denen ein Großteil der weltweiten Innovationen entsteht. Nur kreative Umgebungen, die Talent, Toleranz und Technologie bieten, können seiner Einschätzung nach zukünftig im globalen Wettbewerb mithalten.

Viel Forschung, wenige Gründungen

Technologie meint in Florida’s Sinne insbesondere innovative Zukunftstechnologien wie Informatik, Mobilität, Telekommunikation, Medien oder Biochemie. Kreativität braucht demnach eine gute Forschungsinfrastruktur und ein innovationsfreudiges Umfeld, damit sich aus ihr zukunftsfähige Produkte entwickeln lassen. Hier kann die Region als gegenwärtig einmal wieder forschungsintensivste in Europa punkten (9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden laut EU-Statistikamt für Forschung und Entwicklung ausgegeben). Kritischer sieht es bei der ökonomischen Verwertung aus. Darüber können auch erfolgreiche Ausgründungen, wie die Braunschweiger GOM, Simtec und Aerodata oder das Clausthaler Unternehmen Sympatec nicht hinwegtäuschen.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Anzahl an gut ausgebildeten Menschen ist elementar für den Erfolg von Regionen. Dort, wo Vergreisung und Talentflucht bzw. ein Brain Drain zu beobachten sind, beginnt oft eine Abwärtsspirale, die sich schwer durchbrechen lässt. Denn in einer immer mobileren Gesellschaft, pendeln die klügsten Köpfe dorthin, wo es die besten Chancen gibt und das Umfeld lebenswert ist. Das trifft gegenwärtig offensichtlich auf die Großstädte zu, die einen regelrechten Bevölkerungsboom erlebt haben. Berlin etwa wuchs zwischen 2012 und 2017 im Schnitt um 47.500 Einwohner pro Jahr, in Hamburg kamen jährlich 18.700 und in München 15.200 Einwohner dazu. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat allerdings auch eine Trendwende ausgemacht. Getrieben durch knappen Wohnraum sowie steigende Mieten und Immobilienpreise zieht es vor allem Familien wieder aufs Land. Profitieren können davon insbesondere Regionen, von denen aus auch größere Städte erreichbar sind.

Offen und Vielfältig

Doch Talente und Technologie allein genügen laut Florida nicht. Das Umfeld muss zudem offen für neue Ideen sein und Vielfalt als Chance erkennen, weil gerade tolerante Umfelder kreative Menschen anziehen. Aktuell ermittelt die Polizei wegen rassistischer Äußerungen während des Spiels der Deutschen Nationalmannschaft gegen Serbien. Der Journalist André Voigt (Chefredakteur des Basketball-Magazins „Five“) war in Wolfsburg dabei und hat im Anschluss bei Facebook ein emotionales Video zu seinen Erlebnissen im Stadion veröffentlicht. Nicht nur Voigts Erlebnisse, sondern vor allem einige Reaktionen im Netz erinnern daran, dass Toleranz kein Grundzustand in unserer Gesellschaft ist.

Der erste Teil von Richard Floridas „Who’s Your City“ heißt übrigens „Why Place Matters“. Genau das wollten wir auch von den Menschen hier in der Region wissen und haben nachgefragt. Die Ergebnisse der letzten Veröffentlichung zu unserer 100aus38-Befragung gibt es auf den folgenden Seiten.

Gekommen oder geboren?

Quelle: Arbeitnehmerbefragung 100aus38, 2018

 

42,3 Prozent der Befragten sind nicht in der Region geboren, sondern irgendwann im Laufe ihres Lebens zugezogen.

Job, Studium, Partner

 

Quelle: Arbeitnehmerbefragung 100aus38, 2018

 

Die meisten Menschen zieht der Job in die Region. Rund 41 Prozent gaben an, aus beruflichen Gründen gekommen zu sein. Schon an zweiter Stelle stehen aber das Studium bzw. eine Ausbildung. Dieses Ergebnis bestätigt die Bedeutung von Hochschulen als Anziehungspunkte für junge Menschen mit hohem Bildungsabschluss. Damit wird diese Liaison aus Bildung und Standort, aber vor allem, wenn es gelingt, möglichst viele der Absolventen auch in der Region zu halten, bestätigt.

Viele Unterstützer, wenig Kritiker

 

Quelle: Arbeitnehmerbefragung 100aus38, 2018

 

Insgesamt sind die Menschen mit ihrem Arbeits- und Lebensumfeld relativ zufrieden. Rund 45 Prozent der Befragten gehören zur Gruppe der Unterstützer, würden die Region also weiterempfehlen. Etwas schwächer ist dieses positive Urteil bei den Zugezogenen ausgeprägt. Knapp 23 Prozent von ihnen sind sogar so unzufrieden, dass sie zur Gruppe der Kritiker gehören.

Was macht die Region 38 einzigartig?

 

Fotos: zaikanata/Frank Morgner/ Fotolia, Stehhfahhn/ Wikimedia, Susanne Hübner/ ZGB, Flughafen Braunschweig-Wolfsburg

 

Besonders positiv bewerten die Befragten das Kultur- und Freizeitangebot sowie die Verkehrsinfrastruktur in der Region. Fast jeder Dritte findet die Region allerdings „nicht einzigartig“. Bei den „sonstigen Gründen“ kann gerade der hin und wieder als provinziell beschriebene Charakter der Region punkten. „Viel Grün, die Landschaft und Natur“ sowie die „Ruhe der dörflichen Umgebung“ wurden hier am häufigsten genannt.

Was die Menschen in der Region vermissen…

 

Quelle: Arbeitnehmerbefragung 100aus38, 2018

 

Bei der Frage, welche Standortfaktoren besonders wichtig für die Attraktivität sind, unterscheidet sich die Einschätzung der Befragten kaum – sowohl die Befürworter als auch die Kritiker heben hier vor allem die Mobilitätsinfrastruktur sowie Freizeit- und Kulturangebote hervor. Erstere loben das Angebot, Letzteren ist es nicht ausreichend. Ihnen fehlt es außerdem an bezahlbarem Wohnraum, Betreuungs- und Bildungsangeboten sowie nachhaltigen Stadtkonzepten.

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