und
3. März 2022
Entscheider

„Braunschweig ist unser Asset“

Jens-Uwe Freitag, Vorstandsvorsitzender der BS Energy Gruppe, in einem Gespräch über Stadtwerke-Mentalität, allzeithohe Energiekosten und die Sehnsucht nach dem Wasser

BS Energy-Vorstandsvorsitzender Jens-Uwe Freitag. Foto: Holger Isermann

Es gibt Dinge, die scheinbar einfach da sind. An die wir uns gewöhnt, die wir für selbstverständlich gehalten haben. Und die es erst aufs Tableau unserer Aufmerksamkeit schaffen, wenn sie knapp und (uns) damit teuer werden. Derzeit gehört die Energie dazu. Sie ist Thema geworden, nicht überraschend, sondern gesellschaftlich gewollt und politisch beschlossen. Nur führt ein Konsens über die Abkehr von fossilen Brennstoffen und Atomausstieg gleichermaßen noch nicht in die erneuerbare Zukunft – kurzum: Das Ziel ist definiert, aber der Weg unklar und steinig.

Das merken die Menschen, die Wirtschaft und vor allem die Energieversorger bereits jetzt. Ein gefährlicher Mix aus einem relativ kalten und zudem für Wind- und Sonnenenergie ungünstigen Vorhalbjahr, steigenden Kursen für CO₂-Zertifikate und eine aus dem Corona-Dämmerzustand erwachende Weltwirtschaft trifft auf eine angespannte politische Lage in Europa. In der Folge erlebt die Branche Preissteigerungen bis zum Sechsfachen binnen eines Jahres beim Gas, immerhin fünfmal so teuer ist der Strom geworden – im Einkauf wohlgemerkt.

Selbst Insider wie Jens-Uwe Freitag sind von dieser Entwicklung überrascht: „Ich glaube, es gibt kein Energieunternehmen, das diese Preisexplosion vorhersehen konnte.“ Wir treffen den im April letzten Jahres aus Bremen gekommenen BS Energy-Vorstandschef im obersten Stockwerk der Unternehmenszentrale in der Taubenstraße. Der Wind peitscht hörbar gegen die Fenster, dunkle Regenwolken und Sonnenstrahlen liefern sich um uns herum ein munteres Duell. Besser hätte man das Setting für unser Gespräch wohl nicht inszenieren können.

„Heute ist ein guter Tag für die Energiewende“, bemerkt Freitag und zeigt aus dem Fenster. Einige hundert Meter westlich – am Heizkraftwerk Mitte – drehen sich Kräne. BS Energy baut dort gerade für rund 250 Millionen Euro ein Biomasse- und ein Gasturbinen-Heizkraftwerk. Die größte Investition in der Unternehmensgeschichte. Schon 2035 will man CO₂-neutral sein. Ein „ambitioniertes“ Ziel, gesteht Freitag ein. Aber er sieht sein Unternehmen eher auf Kurs als unser Land. „Das ist eine Herkulesaufgabe. Es ist nicht unmöglich, aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen in der Tat mutig“, formuliert er betont diplomatisch in einem Gespräch über Stadtwerke-Mentalität, allzeithohe Energiekosten und die Sehnsucht nach dem Wasser …

Seit knapp einem Jahr ist Jens-Uwe Freitag
Vorstandsvorsitzender der BS Energy Gruppe. Foto: Holger Isermann

Herr Freitag, gibt es derzeit eigentlich eine spannendere Branche als die Ihre?
Wenn ich das Gesundheitswesen und die dortigen Entwicklungen betrachte … es gibt viele spannende Branchen. Aber sicherlich stecken wir inmitten einer Transformation vom Grundversorger – mit all seinen positiven, aber auch altbackenen Aspekten – hin zu einem Technologieunternehmen. Und es wird uns noch viel Kraft abverlangen, den richtigen Weg für BS Energy zu finden.

Noch vor ein paar Jahren hatte man den Eindruck, dass Chef eines regionalen Energieversorgers kein furchtbar politischer Job war – heute wird täglich über den Ukraine-Konflikt und die Energiepreise berichtet. Sehen Sie diese öffentliche Diskussion positiv oder nicht?
Das ist unglaublich anstrengend, denn politische Diskussionen bringen ein Unternehmen nicht immer weiter. Gerade wenn Sie große Investitionen planen, wie wir es tun, müssen Sie die Energiepolitik stark in den Fokus rücken und mitentwickeln, damit Sie Trends erkennen und die richtigen Entscheidungen treffen. Sonst entsteht das Risiko von Investruinen. Wir müssen also gemeinsam mit der Politik Ziele festlegen und für ausreichend Zeit kämpfen, um diese auch umsetzen zu können.

Haben Sie als Branchenkenner die derzeitigen Preisentwicklungen vorausgesehen?
Auf der Stromseite war es absehbar, dass der schnelle Ausstieg aus der Kern- und Kohleenergie irgendwann Auswirkungen haben muss. Denn die erneuerbaren Energien wachsen nicht so schnell hinterher und es gibt Zeiten, in denen keine Sonne scheint und kein Wind weht.

Das klingt nach einem Aber …
Was wir nicht erwartet haben, ist der rasante Preisanstieg der Commodities – egal ob das Strom, Gas, Kohle oder CO₂- Zertifikate sind, die heutzutage die Grundlage für viele Strom- und Wärmeerzeugungsanlagen sind. Ich glaube, es gibt kein Energieunternehmen, das diese Preisexplosion vorhersehen konnte. Grundsätzlich hätte das auch der Markt geregelt, aber dieses Regulativ ist nicht da und das ist derzeit auch ein politisches Spiel, das stark von Russland getrieben wird.

Stecken wir in einer Energiekrise?
In einer Energiepreiskrise …

… die aber keine Versorgungskrise ist?
Nein, die haben wir noch nicht. Der derzeitige Mehrbedarf führt zu höheren Preisen, aber nicht zu Versorgungslücken. Ich hoffe, dass sich auch das mit der Zeit relativiert. Über einen langen Zeitraum sind die Flüssiggasschiffe nach Asien abgebogen, weil dort 20 Dollar mehr gezahlt wurden. Mittlerweile herrscht wieder Gleichstand und sie fahren mit großem Schub, und vielleicht auch politischer Unterstützung, wieder nach Europa.

Die hohen Energiepreise sind derzeit der größte Inflationstreiber – ist das ein temporäres Phänomen?
Vor einem halben Jahr hätte ich diese Frage klar mit Ja beantwortet. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.

Warum?
Wir wissen nicht, was passiert, wenn in der Ukraine Krieg ausbricht und wir Sanktionen verhängen müssen. Wird Gas dann noch geliefert? Und was passiert mit anderen Rohstoffen, wie Kohle? Und wie wird sich die Weltwirtschaft insgesamt verschieben? Erst wenn sich die Krisensituation weltweit wieder in normale Bahnen bewegt und sich die Wirtschaft in allen Bereichen erholt, wird es wieder niedrigere Energiepreise geben. Allerdings nicht mehr auf dem Niveau, auf dem sie vorher waren.

Sie und auch andere Energieversorger kaufen Energiemengen bereits zwei Jahre im Voraus ein. Das heißt, die Preise, die Sie heute an Ihre Kund:innen weitergeben, fußen auf einem viel geringeren Preisniveau, oder?
Ja. Wir fangen zwei Jahre im Voraus an und decken uns sukzessive am Markt bis zum Lieferjahr ein. Die leichten Marktschwankungen konnten damit kompensiert werden. Auch die Reduzierung der EEG-Komponente reduzierte den weiteren Preisanstieg. Der aktuell starke Anstieg kommt erst jetzt, aber gedämpft bei den Kunden an. Strom wird für 2023 aktuell bei 120-140 Euro pro Megawattstunde gehandelt – solche Preise haben wir noch nie am Langfristmarkt gesehen. Das kann nicht kompensiert werden und muss an unsere Kunden weitergegeben werden.

Im sechsten Stock des Verwaltungssitzes in der Braunschweiger Taubenstraße fand das Interview statt. Foto: BS Energy

Ihr Vorstandskollege Volker Lang sprach in einem Interview gegenüber der Braunschweiger Zeitung von einer Versechsfachung des Gaspreises in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr. Der Strompreis habe sich verfünffacht …
Für die Kundinnen und Kunden bedeutet das eine Preissteigerung von 30 bis 40 Prozent. Wir hoffen, dass die EEG-Umlage Mitte des Jahres abgeschafft wird, sodass wir die Stromkosten im Herbst um diesen Betrag wieder senken können. Aber das ist eine politische Entscheidung.

Kündigungen von günstigen Anbietern um den Jahreswechsel haben auch Ihnen zahlreiche Neukund:innen in die Grundversorgungstarife gespült …
Ja, mehrere Tausend sind das, die vorher auf den Spotmarkt gesetzt haben oder die bei Stromio und Co. Kunden waren.

Wie anspruchsvoll ist es für Sie in diesen Zeiten Grundversorger zu sein?
Es ist auch für uns eine große finanzielle Belastung. Viele Energieversorger haben einen zweiten, höheren Grundversorgungstarif eingeführt, damit die sehr hohen Beschaffungskosten für diese Kunden nicht auf die Bestandskundinnen und -kunden zurückfallen. Wir haben uns unter anderem entschieden, diesen Weg nicht zu gehen.

In vielen Talkshows und Debatten wurde darüber diskutiert, dass Stromio und Co. unseriöse Anbieter seien. Würden Sie dem zustimmen?
Diese Anbieter haben den Wettbewerb angekurbelt – das war auch gut so. Allerdings ist das Verhalten dieser Anbieter in der gegenwärtigen Energiepreiskrise zutiefst unseriös. Durch die Kündigung laufender Verträge belasten diese Unternehmen aber Ihre Kunden und Grundversorger wie uns massiv. Gleichzeitig haben Sie wohl dadurch freiwerdende Strom und Gasmengen zu den aktuellen Höchstpreisen verkauft. Bei für Sie günstigen Preisentwicklungen haben diese Anbieter die Gewinne mitgenommen, bei ungünstigen Preisentwicklungen lassen Sie Ihre Kunden im Stich. Aus diesem Grunde sind gegenwärtig ja auch viele Klagen gegen Stromio und Co. anhängig.

Inwiefern spielt die Liquidität dieser Anbieter eine Rolle?
Das ist gerade für alle Energieversorger anspruchsvoll. Wir brauchen ein wirklich gutes Liquiditätsmanagement, denn wir kaufen jetzt ein und die Kundinnen und Kunden bezahlen erst später. Bis dahin muss alles gegen- und zwischenfinanziert werden.

Ist das ein Stresstest?
Definitiv, gerade für kleinere Unternehmen. Wir sind gut aufgestellt, daran zeigt sich, dass wir keine Spekulanten sind. Und wir haben mit Thüga, Veolia und der Stadt Braunschweig drei starke Partner. Das hat einen großen Wert.

Für rund 250 Millionen Euro baut das Unternehmen derzeit ein Biomasse- und ein Gasturbinen-Kraftwerk. Foto: BS Energy

Gibt es für Sie hinsichtlich der Preisentwicklung für den Endverbraucher eine rote Linie? Letztendlich ist das ja auch eine soziale Frage …
Für die nicht so starken Haushalte sind die aktuellen Strom- und Wärmepreise ein Belastungsfaktor, der nicht dauerhaft bestehen bleiben darf. Auch für viele mittelständische und junge Unternehmen, die stromintensiv sind, ist das derzeit keine Einladung, in Deutschland zu produzieren.

Benennen wollen Sie die rote Linie nicht?
Sie ist bereits erreicht. Mit dem Fortbestehen der gegenwärtigen Energiepreise oder gar einer weiteren Steigerung wird sie aus meiner Sicht deutlich überschritten. Voraussichtlich werden wir uns in Deutschland mit höheren Preisen arrangieren müssen und das führt vielleicht auch zu einem neuen Verständnis für Energieeffizienz. Und das wiederum ist einer der wenigen positiven Aspekte.

In der Braunschweiger Zeitung haben Sie gesagt: „Eine sichere, stabile Versorgung mit Wärme und Strom kann in der Übergangszeit nur mit Erdgas gewährleistet werden.“ Wie fühlt sich dieser Satz angesichts der aktuellen politischen Spannungen mit Russland an?
Wir müssen den Konflikt mit Russland dringend klären und die Importe aus anderen Ländern erhöhen, um die Abhängigkeit zu reduzieren. Aber es gibt für Deutschland keine Alternative zu Erdgas. Wenn wir aus der Kohle und Kernenergie aussteigen, haben wir nichts, was grundlastfähig ist.

Ein geflügelter Satz besagt, Energiepolitik sei immer auch Außenpolitik. Wie schlägt sich Ihrer Meinung nach die aktuelle Bundesregierung in diesem Punkt?
Es ist schwer einzuschätzen, was sich hinter den Kulissen abspielt. Langfristig setzt die Politik durch ihr ambitioniertes Klimaprogramm gute und richtige Signale. Aber ich habe das Gefühl, dass aktuell Ratlosigkeit über den Weg dorthin herrscht.

Was wäre Ihre Empfehlung?
Wir müssen mit viel Diplomatie die Weltwirtschaft sicher aufstellen, ohne dass die Energieversorgung ein Erpressungswerkzeug eines neuen Kalten Krieges wird. Dieser Übergang muss gelingen.

Deutschland ist auf seinem Weg der Energiewende relativ einsam …
Es ist mutig. Wenn wir tatsächlich bis 2030 aus der Kohle aussteigen und eine 65-prozentige CO₂-Neutralität erreichen wollen, bedeutet das ein enormes Investitionsprogramm in erneuerbare Energieerzeugung,-Transport und Speicherung. Und zusätzlich müssen bis 2030 etwa 30-50 Gigawatt an neuen Gaskraftwerke gebaut werden. Für jemanden, der so lange in der Energiewirtschaft tätig ist, wie ich, ist es schwer vorstellbar, dass das genehmigungsrechtlich in dieser Zeit gelingt – jede Windanlage benötigt schon drei bis sieben Jahre. Das ist eine Herkulesaufgabe. Es ist nicht unmöglich, aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen in der Tat ausgesprochen ambitioniert.

Würden Ihnen Branchenkollegen zustimmen?
Ich glaub, dass alle, die den Energiemarkt beobachten, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen, das genauso sehen.

Können Sie das konkretisieren?
Finanziell sind die Pläne der Bundesregierung umsetzbar, denn es gibt genug Investoren. Aufgrund der weltweit fehlenden Wirtschaftskapazitäten, besonders auch Fachkräften, eher nicht. Wir sind nicht das einzige Land, dass seine Energiesysteme erneuern will. Das ist auch eine Rohstofffrage, etwa bei Kupfer für die vielen neuen Kabel und Generatoren. Ich sehe es so: Wir werden unglaublich viel in Asien, insbesondere China produzieren müssen. Denn wer sonst soll die ganzen Windanlagen bauen? Und wenn ich den Markt für Gaskraftwerke anschaue, gibt es weltweit nur wenige leistungsfähige Anbieter. Und wie wollen die das hinbekommen, wenn die schon bei jedem anderen Projekt Bauchschmerzen haben?

Auch Digitalisierung steht auf der Agenda: Um eine lückenlose Netzabdeckung zu ermöglichen,
errichtete BS Energy in Braunschweig ein so genanntes LoRa-WAN, kurz für Long Range Wide Area Network. Foto: BS Energy

Wann werden wir merken, dass der Zeitplan nicht aufgeht?
Wenn wir keine neue Umsetzungskraft erreichen, wenn beispielsweise Genehmigungsverfahren nicht auf maximal ein Jahr verkürzt werden, müssen wir über kurz oder lang einen neuen Weg einschlagen oder mehr Energie aus dem Ausland importieren, als gut und richtig ist.

Französischen Atomstrom zum Beispiel …
Sicher auch den. Und ehrlich gesagt: Wenn es nur befristet ist, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist das eine gute Option.

Bei einem Interview mit Braunschweig imPuls hegten Sie gewisse Sympathien für neue Kernkraftwerke, die mit schwach radioaktivem Material arbeiten – hat die Kernenergie in Deutschland noch die Chance auf eine Renaissance?
Persönlich glaube ich, dass es eine Option werden kann, wenn andere Länder beweisen, dass diese Technologie funktioniert und damit deutliche Vorteile gegenüber unserem Weg generiert. Und vielleicht wird das auch eine Alternative zu Wasserstoff aus Australien sein – das hat etwas mit europäischer Eigenerzeugung und Versorgungssicherheit zu tun und damit, dass die Endlagerung dann kein Problem mehr sein soll. Ende der 2020er-Jahre werden wird das noch einmal als Übergangslösung diskutieren.

Möglicherweise unter anderem Namen, weil der Begriff zu vorbelastet ist …
Wir sollten in Europa technologieoffen bleiben. Das einseitige Verschließen vor Innovation ist auch bei diesem Thema nicht gut. Für BS Energy und seine Gesellschafter ist es aber keine Option.

Zuletzt gab es viele Diskussionen um den Beschluss der EU-Kommission, Atomkraft und Erdgas als „grüne Investitionen“ einzustufen. Wie stehen Sie dazu?
Aus rein ökologischer Sicht dürfte man einem solchen Kompromiss nicht zustimmen. Doch es gibt unterschiedliche Ansätze in Europa Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Mit der Einstufung sind die Förderung und Finanzierbarkeit möglich.

Sie selbst investieren derzeit rund 250 Millionen Euro in zwei neue Kraftwerke. Ist das Ihr größter Beitrag zur Klimaneutralität?
Absolut, es ist die größte Investition, die BS Energy in seiner Geschichte getätigt hat. Die Erzeugung von Strom und Wärme mit Biomasse und flexiblen Spitzenlast-Gaskraftwerken zu ersetzen , wird unsere CO₂-Emissionen enorm reduzieren. Aber es ist nicht das Ende unserer Überlegungen. Wir wollen verstärkt in Photovoltaik einstiegen und werden Abwärme und Geothermie vorantreiben. Wichtig ist ein Dreiklang: Es muss bezahlbar, ökologisch und zukunftsgewandt sein.

Bis 2035 soll BS Energy laut Ihrer Agenda klimaneutral sein. Ist das ein realistisches Ziel?
Es ist ambitioniert und erreichbar für die Entwicklungsschritte, die wir tatsächlich beeinflussen können. Wir können sicher nicht alleine die notwendige Wasserstoff-Infrastruktur für Deutschland entwickeln. Doch wenn jeder seinen Beitrag leistet, können wir es schaffen. Wir können viele Dinge im Großen wie im Kleinen gestalten.

Ein Stück weit erleben wir derzeit auch eine Demokratisierung des Marktes: Privatleute erzeugen ihren Strom selbst oder installieren Wärmepumpen. Inwieweit verändert sich dadurch Ihre Rolle?
Es entsteht ein neuer Markt, in dem dezentrale Erzeugungen vernetzt und miteinander optimiert werden. Doch wir müssen dabei berücksichtigen, dass eine gewachsene Stadt eine andere Ausgangslage als eine Neubausiedlung bietet, in der vieles neu gedacht werden kann. In Braunschweig haben wir zum Beispiel keine nutzbaren Flächen für große Windanlagen und die meisten Dächer sind statisch nicht geeignet, um darauf Photovoltaikmodule oder Dachwindanlagen zu installieren. In Städten müssen wir deshalb neue, zentrale Infrastrukturkonzepte entwickeln, um auch dort den Menschen genügend erneuerbare Energien bieten zu können.

Es gibt Studien, die sich mit der Bedeutung des ländlichen Raums in der Energiewende befassen. Entscheidungen, etwa eine Windkraftanlage auf dem Land zu installieren, werden häufig in den Städten getroffen. Das Ergebnis aber müssen die Menschen auf dem Land ausbaden. Wird sich damit die Machtfrage zwischen Stadt und Land neu stellen?
Auf jeden Fall birgt das ein intensives Konfliktpotential. Es wird insbesondere Diskussionen mit denjenigen geben, die bewusst aufs Land gezogen sind und nicht aus dem Fenster auf ein Windrad schauen wollen. Das ist auch eine Belastung, die wir nicht kleinreden dürfen. Eine aktuelle Anlage ist 180 Meter Nabenhöhe mit riesigen Flügeln. Das sieht aus der Nähe nicht nur imposant aus, sie ist auch gut zu hören. Damit müssen wir uns befassen und über Kompensation sprechen. Der „Du musst deinen Teil zur Weltrettung beitragen“-Ansatz reicht hier nicht aus.

Das klingt nach einem genossenschaftlichen Ansatz – Menschen sollen beteiligt werden …
Ja, genossenschaftliche Modelle sind aus meiner Sicht moderner denn je.

Wie beurteilen Sie Lösungen wie Mini-Windkraftanlagen, die sich Einzelpersonen in den Garten stellen können?
Solche Anlagen sind nicht effizient. Aber diese Entwicklung ist dem Grundbedürfnis geschuldet, dass Menschen autark sein wollen. Wir müssen aufpassen, dass die Größenordnung händelbar bleibt und die Netze entsprechend weiterentwickeln. Denn sobald die Sonne nicht mehr scheint oder kein Wind weht, muss Strom aus dem Netz bezogen werden. Netze werden sich dann über Zahlung von Vorhaltungen, weniger über die Menge von Strom finanzieren. Das wird nicht preiswerter, aber ökologisch ist es sinnvoll.

400 E-Ladepunkte sollen bis 2026 in Braunschweig
entstehen. BS Energy möchte ein Teil dieser Vision sein. Foto: BS Energy

Bis 2026 möchte die Stadt Braunschweig 400 E-Ladepunkte im öffentlichen Raum realisieren. Sind Sie ein Teil dieser Vision?
Ich hoffe, denn wir wollen möglichst viele davon bauen. Aktuell erneuern wir unsere alten Ladesäulen und bewerben uns zudem auf die Ausschreibungen der Stadt. Wir wollen auch dabei unserer Verantwortung für Braunschweig nachkommen.

Die Region Braunschweig-Wolfsburg bezeichnet sich selbstbewusst gerne als Verkehrsreferenzregion. Wird sie das perspektivisch auch in punkto E-Mobilität sein?
Sicher, denn die Dringlichkeit des Themas wurde erkannt. Dort sind wir nicht mehr bei der Henne-oder-Ei-Debatte. Jetzt geht es darum, die Infrastruktur entsprechend aufzubauen. Allein aufgrund der Nähe zu Volkswagen werden perspektivisch viele Elektroautos in unserer Region unterwegs sein.

War die Stadt Treiber oder Bremse dieser Entwicklung?
Weder noch – eine Stadt muss immer vieles miteinander abwägen, dass bremst dann gefühlt schon mal (lacht).

Was ist Ihre Version für BS Energy?
Wir wollen ein umsetzungsorientiertes Energie-Technologieunternehmen werden. Dazu gehören ganz klar auch digitale Geschäftsmodelle. So bleiben wir zukünftig auch ein attraktiver Arbeitgeber, denn auch uns erreicht der Fachkräftemangel. Wir brauchen eine Unternehmenskultur, in der sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohlfühlen, die aber ebenso neue Kräfte anlockt. Hier herrscht noch unglaublich viel Stadtwerke-Mentalität.

Trotz der lang zurückliegenden Privatisierung?
Ja. Das ist ja auch gut, denn das bedeutet viele wichtige Werte wie Loyalität, Verbundenheit und Identifikation. Was wir mehr brauchen ist Mut und Beweglichkeit, eine positive Offenheit für die sich verändernden Dinge.

Die Stadtwerke Wolfsburg AG haben mit Bergmann vor einigen Jahren ihr klassisches Gebiet verlassen und begonnen in Braunschweig zu wildern. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den regionalen Akteuren? Sind Sie Mitbewerber oder Partner?
Beides. Es gibt Themen, die wir gemeinsam für die Region lösen können. Grundsätzlich sind wir aber Wettbewerber, insbesondere im Energievertrieb. Meistens dient der Vertrieb außerhalb der eigenen Kernregion eher Marketingzwecken. Die Wechselwilligkeit der Menschen wird sich nach dieser Energiekrise außerdem deutlich minimiert haben und der Wert eines vor Ort agierenden Energieunternehmens auch für die Region umso größer sein.

Das müssen Sie erklären!
Wir fühlen uns verantwortlich für die Region, ihre Menschen und die Infrastruktur. Wenn ich überlege, wie viele Themen wir in der Stadt in unterschiedlicher Art mit viel persönlichen Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen, sind wir ein intensiver Bestandteil dieser Stadt.

Ein Wir-Gefühl zwischen den Kunden und Ihnen …
Ganz klar. Die Mehrzahl der Braunschweiger sind ihrem Stadtwerk vor Ort verbunden. Das ist ein Gefühl von Verbundenheit, ein Wesenszug dieser Stadt. Als ich eine Wohnung gesucht habe, haben mir drei von fünf Vermietern BS Energy als Stromanbieter empfohlen (lacht).

Geoutet haben Sie sich aber nicht?
Natürlich nicht (lacht).

Wer ist die Nummer eins der Energieversorger in der Region 38?
In der Region ist wohl Avacon der größte Player. Dann folgen sicher wir und Wolfsburg.
Kann man die Bedeutung eines regionalen Energieversorgers an der Größe der Stadt messen?
Grundsätzlich ja. Braunschweig ist unser Asset. Je größer die Stadt, je mehr Einwohner, desto stärker ist das Unternehmen, wenn ich richtig wirtschafte.

Wie zufrieden sind Sie mit der Eigentümerstruktur BS Energys?
Das ist eine gut aufgestellte Beteiligungsstruktur – und das sage ich ganz bewusst, denn ich habe schon viel anderes gesehen und erlebt. Mit Veolia haben wir einen Partner, der international unterwegs ist und Know-how, wirtschaftliche Stärke und neue Ideen einbringt, die wir allein nicht generieren könnten. Über die Thüga können wir uns mit anderen Stadtwerken vernetzen, austauschen und Synergien heben.

Wie intensiv haben Sie eigentlich die Kommunalwahl in Braunschweig verfolgt?
Sehr, schließlich geht es auch um einen unserer wesentlichen Aktionäre.

Gab es Angstkandidaten?
Nein, das brauchen wir nicht haben. Die jetzige Entwicklung erachte ich persönlich für Braunschweig als sehr positiv.

Weil mit Dr. Thorsten Kornblum der Verwaltungsprofi das Rennen gemacht hat?
Ja, aber ein Verwaltungsprofi, der jung, dynamisch und fähig ist, Dinge bewegen zu können. Die Erwartungen sind da sicher nicht klein.

Was hat Sie damals an Braunschweig und dem Unternehmen überzeugt?
Zuerst die Aufgabe, dann die Gespräche mit den Gesellschaftern und den Menschen, die ich bei meinen ersten Begegnungen in der Stadt kennengelernt habe. Eine sehr lebenswerte Stadt. Das hätte ich so nicht erwartet.

Welcher Anteil ist Unternehmen, welcher Umgebung, wenn man sich für einen solchen Job entscheidet?
Vielleicht 50/50. Das Unternehmen ist natürlich wichtig und die Herausforderung der Aufgabe. Und das gesamte Umfeld muss passen, sonst können Sie nicht wirken.

Ursprünglich haben Sie Schiffbetriebstechnik studiert …
Ich war ein begeisterter Seefahrer und startete bei der Hochseefischerei. Als das Thema Familie anstand, habe ich festgestellt, dass Seefahrt und Familie für mich nicht kompatibel ist.

Wo sehen Sie Parallelen zur Energiewirtschaft?
Es macht keinen großen Unterschied, ob Sie den Betrieb eines Schiffes oder einer Energieinfrastrukturzentrale organisieren. Und ich merke gerade, dass es wieder back to the roots geht – Gasturbinen, Gasmotoren – also all das, was es bereits vor 30 Jahren gab, nur deutlich effizienter.

Der Tanker Braunschweig also …
Ein moderner Tanker (lacht).

„Es wird uns noch viel Kraft abverlangen, den richtigen Weg für BS Energy zu finden“, sagt Jens-Uwe Freitag. Foto: Holger Isermann

Gibt es Augenblicke, in denen Sie sich auf hohe See zurückwünschen?
Das grundsätzliche Fernweh nach dem Wasser ist immer da. Das kompensiere ich, indem ich segeln gehe und meine Ruhe auf dem Wasser finde.

Haben wir damit Ihr großes Hobby identifiziert?
Eines von mehreren. Ich bin auch ein leidenschaftlicher Handwerker und arbeite viel mit Holz. Ansonsten gehe ich gerne Skilaufen.

Was haben Sie zuletzt gebaut?
Ich modernisiere gerade ein Bootshaus in Mecklenburg-Vorpommern, das mitten im Schilf liegt, ohne fließend Wasser, ohne Strom. Das ist ein Kraftort. Einmal im Jahr versuchen wir außerdem eine Segeltour mit Freunden zu machen.

Sind Sie dann der Kapitän und stehen am Steuer oder haben Sie eine andere Rolle?
Das wechselt. Aber natürlich stehe ich gerne am Steuerrad und freue mich, wenn viel Wind geht.

Letzte Frage: Sind Sie in Braunschweig angekommen, oder warten noch größere Städte auf Sie?
Ich bin kein Karrierist, der von einer Stufe zur nächsten hüpft, es hat sich der Weg hier nach Braunschweig einfach so entwickelt. Es macht mir Freude in einem positiven Umfeld zu arbeiten und mit einem tollen Team erfolgreich Zukunft zu gestalten. Das habe ich hier in Braunschweig bei BS Energy gefunden.

Das Interview wurde geführt, bevor das russische Militär am 24. Februar die Ukraine angegriffen hat.

Auch interessant