10. Mai 2022
Entscheider

Das ist einfach Heimat – Gifhorner Traditionsbetriebe entwickeln kreative Lösungen

Natürlich kann ein Landkreis ökonomisch betrachtet werden. Daneben ist er aber vor allem eines: Das Wohnumfeld, die Heimat von tausenden Menschen. Der Ort, an dem sie leben, ihren Hobbys nachgehen und traditionelle Familienbetriebe weiterführen.

Das Schloss in Gifhorn. Foto: Stefan Kaulbarsch - stock.adobe.com

60.397 Pendler verlassen rein statistisch jeden Tag den Landkreis Gifhorn, um in einer der Nachbarkommunen ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das sind mehr, als es sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im ganzen Landkreis gibt. Bei einer Abwägung der Stärken und Schwächen von Gifhorn könnte nun argumentiert werden, dass es viel zu wenig Arbeitsplätze gibt. Andersherum kann es auch heißen: Der Landkreis ist ein Ort zum Leben. Ein Ort, für den viele Menschen weite Pendelstrecken in Kauf nehmen. Oft sind es Familien- und Traditionsunternehmen, die für Arbeitsplätze im Landkreis sorgen.

Familienunternehmen wie die Heide-Bäckerei Meyer, in der gerade die nächste Generation in die Rolle der Geschäftsführer hineinwächst. „Mein Uropa hat die Bäckerei 1925 gegründet. Damals natürlich noch um einiges kleiner, richtig groß geworden ist sie durch die Arbeit meiner Eltern – trotzdem sind wir ein Handwerksbäcker geblieben“, erzählt der 30-jährige Marcell Meyer. Er und seine ältere Schwester Anja sind noch damit aufgewachsen, dass die Backstube direkt ans Wohnhaus von Herbert und Mariola Meyer, ihren Eltern, angrenzte. Nach der Schule und in den Ferien fassten sie mit an und lernten das Handwerk des Bäckers ab ihrer Jugend kennen. „Anja und ich sind allerdings sehr unterschiedlich. Sie ist tatsächlich Bäckerin und Verkäufern geworden und ist in unserem Stammhaus beschäftigt. Sie mag den Kundenkontakt. Mir liegt das administrative, daher habe ich in Magdeburg BWL und Management studiert. Immer mit dem Gedanken, das Unternehmen irgendwann zu leiten.“ Außer ihnen ist Cousin Nico, der Sohn von Herbert Meyers Bruder Oliver, mit ins Unternehmen integriert. Er sei oft der Kopf hinter digitalen Neuerungen. So ergänzten sich alle in der Familie, jeder bringe sich mit ein. Und manchmal, erzählt der Juniorchef mit einem Lachen, sage man sich gegenseitig auch deutlich die Meinung. Aber am Ende wollen alle das gleiche: Den Familienbetrieb weiterentwickeln.

Marcell Meyer, Dritter von links, ist als Geschäftsführer die dritte Generation im Unternehmen. Auch seine Schwester Anja und Cousin Niko sind Teil des Teams. Foto: H. Meyer & Sohn GmbH

Im Januar ist die Heide-Bäckerei mit einem Schlag, aber nicht unerwartet, gewachsen: Mit den ungefähr 20 Filialen der Landbäckerei Bosselmann samt Personal umfasst das Vertriebsnetz nun 102 eigene Verkaufsstellen, in denen 900 bis 1.000 Mitarbeitende beschäftigt sind. „Momentan sind wir noch dabei, das Bosselmann-Sortiment auf unseres umzustellen und die Optik der Läden anzupassen. Die Übernahme ist seit 2020 geplant. Meine Familie kennt Gerhard Bosselmann seit vielen Jahren und da er keinen eigenen Nachfolger hat, wollte er sein Unternehmen in gute Hände geben“, so Meyer.

Die Veränderungen in den Hannoveraner Filialen kommt nicht bei allen Kunden gut an. Aber Familie Meyer ist von ihrem Weg überzeugt: Viele der Zutaten bezieht sie direkt aus der Region, es gibt Kooperationen mit Landwirten aus der Nachbarschaft. Von ihnen stammen unter anderem Dinkel, Früchte und Eier. Die Milch in ihren Cafés kommt von Hemme aus der Wedemark. Als Freund der traditionellen Backkunst hat Herbert Meyer gerade eine Weiterbildung zum Brot-Sommelier gemacht. Die Kunst der langen Teigführung und das Wissen über die vielfältige Welt des Brotes will er demnächst in Kursen weitergeben.

Ende April hat die Familie ihr neues Backhaus nach gut zwei Jahren Bauzeit offiziell in Betrieb genommen. Neben der Backstube für 100 Bäcker und Konditoren findet hier die Verwaltung ihren Platz. „Die Backstube hat unter anderem große Fenster erhalten, damit es viel Tageslicht gibt. Der Beruf des Bäckers hat bisher den Nachteil, dass ein Großteil der Arbeit nachts erledigt werden muss – das wollen wir entschärfen. Wir wollen die Arbeit so organisieren, dass tagsüber viel vorbereitet wird und nachts nur kleine Teams im Einsatz sind“, verspricht er. Ganz ohne wird es aber nicht gehen: Die Cafés und Filialen öffnen früh, denn Schicht- und Bauarbeiter schätzen ein frisches Frühstücksbrötchen ebenfalls.

Schüler direkt für Betriebe begeistern

Einige Kilometer weiter, in Hankensbüttel, machen sich die örtlichen Unternehmen ebenfalls Gedanken über die Gewinnung von Nachwuchs. Mit der Aktion „Hallo Zukunft“ hat Aline Henke, in zweiter Generation geschäftsführende Gesellschafterin der hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co. KG (hk), ein Nachwuchskräfte-Projekt der besonderen Art ins Leben gerufen. Hk fertigt technische Bauteile im Kunststoffspritzgussverfahren und zählt dadurch zum Kreis der im Landkreis Gifhorn angesiedelten Automobilzulieferer.

Aline Henke, Geschäftsführerin der Hankensbütteler Kunststoffverarbeitung, setzt auf innovative Nachwuchswerbung: Am von ihr initiierten Aktionstag „Hallo Zukunft“ beteiligen sich rund 30 Unternehmen in der Samtgemeinde. Foto: hk GmbH & Co

Unter anderem sucht die hk, die Ende des Jahres zum 50. Jubiläum ein Feierjahr einläuten wird, immer wieder Industrie- und Werkzeugmechaniker, Produktions- und Montagemitarbeiter sowie Personal für Lager, Verwaltung und Qualitätssicherung. „Bei uns arbeiten knapp 100 Personen, davon sind zwölf in ihrer Ausbildung“, erzählt Aline Henke. „Damit zukünftige Ausbildungsverhältnisse Bestand haben, ist es wichtig, dass beide Seiten wissen, was sie erwartet und wer der andere ist. In unserer Produktion geht es laut zu, teilweise ist es schmutzig, man packt beherzt zu und begegnet sich auf Augenhöhe. Auf keiner Messe oder in keinem noch so guten Hochglanzprospekt können wir das genauso darstellen. Das geht vielen Ausbildungsbetrieben ähnlich. Und so passiert es, dass viele junge Leute bestimmte Ausbildungsberufe nicht im Blick haben, weil sie nicht wissen, was diese eigentlich beinhalten.“

Gezielte Kontakte anbahnen, statt breite Streuung

2020 veranstaltete Henke mit 22 Unternehmen aus der Nachbarschaft den ersten „Hallo Zukunft“-Tag in Hankensbüttel „Im ersten Jahr war die Resonanz der Jugendlichen noch verhalten, wohl auch weil wir durch die Pandemie alles digital anbieten mussten. 2021 ging es dagegen richtig los,“, sagt Henke. 31 Unternehmen öffneten an einem Samstag ihre Geschäftsräume und präsentierten 65 Ausbildungsberufe und Studiengänge. Mit Hilfe der Webseite und einer Broschüre konnten sich die Jugendlichen auf diesen Tag vorbereiten. Das sei wichtig, denn sie besuchen nur die Betriebe, welche sie interessieren. Vor Ort lernen sie die Ausbildungsberufe in Lernwerkstätten kennen und können sich mit Auszubildenden und Mitarbeitenden unterhalten. Statt wie bei Berufsmessen ganze Busladungen an Schülerinnen und Schülern zu empfangen, geht es um gezielte Kontakte mit potenziellen Auszubildenden und Praktikant:innen.

Im Vorfeld hält das Organisationsteam engen Kontakt mit den Schulen der Region. In circa Schulen stellen sie das Projekt den Schülern persönlich vor. „Das sei aufwendig, aber am Ende zahle sich das aus. 2021 haben alle Unternehmen zusammen über 460 Kontakte gezählt, die zu mindestens 60 Praktika und 70 Bewerbungen führten“, berichtet Henke. In diesem Jahr findet „Hallo Zukunft“ am 24. September statt, wieder beteiligen sich gut 30 Firmen aus der Samtgemeinde.

Mehr Auszubildende, trotz Kurzarbeit und Pandemie

In den Filialen der Friseurkette Cut & Go ist die Zahl der Auszubildenden gestiegen: 2019 waren vier der 165 Mitarbeitenden in der Ausbildung. 2022 sind es zwölf von 121. „Und im ganzen Team gibt es nur einen Mann, einer der Auszubildenden“, erzählt Conny Hoffmeister. Damit bestätigt das Unternehmen, aus Zufall, mehr oder weniger einen statistischen Wert: 78 Prozent der Beschäftigten im Bereich der privaten Dienstleistungen sind im Landkreis Gifhorn weiblich. Über die Gründe kann auch Hoffmeister nur spekulieren. Einer könnte sein, dass die Arbeit im Friseurhandwerk grundsätzlich für eine Teilzeitbeschäftigung geeignet ist. „Aber allein deswegen werden sich nur wenige junge Frauen für die Ausbildung entscheiden. Eher wegen der persönlichen Neigung.“

Eines der Merkmale der Cut&Go-Frisörläden, die sich von Gifhorn aus in der Region verteilen, ist der Verzicht auf Wellness- und Eventelemente. Der Fokus liegt auf der handwerklichen Dienstleistung. Foto: Cut & Go

Mit der Pandemie hat sich die Zahl der Cut& Go-Filialen etwas reduziert, von 21 auf 17. Das sei aber keine alleinige Folge der Infektionsschutz-Maßnahmen und ausbleibenden Kunden, sondern auch eine Reaktion auf die langfristige Marktentwicklung. Teilweise wurden kleinere Geschäfte zusammengelegt. Dennoch seien die vergangenen zwei Jahre eine Belastung gewesen, in denen sich Kurzarbeit als rettendes Element erwies. Was sich ebenfalls verändert hat, ist die Philosophie: „Wir gehörten bei der Gründung 2004 zu den ersten, die auf Termine verzichtet haben. Dadurch brauchten wir keine Telefone in den Läden und hatten eine schmale, kostengünstige Verwaltung. Die Kundinnen und Kunden konnten bei uns einfach reinkommen und sich die Haare schneiden lassen. Das konnten wir nicht beibehalten und haben deshalb auf ein Terminsystem umgestellt“, erzählt Hoffmeister. Das soll vorerst so bleiben. Was ebenfalls bleibt, ist die einfache Ausstattung der Läden. Statt aus dem Friseurbesuch einen Wellness-Termin zu machen, geht es um die handwerkliche Dienstleistung. Nicht mehr, nicht weniger. Dadurch sei der Haarschnitt für die Kunden oft günstiger, das Lohnniveau jedoch über Tarif. „Unser Personal ist gut ausgebildet und die Qualität mit anderen Salons vergleichbar. Wir verzichten halt auf den Cappuccino am Platz und unsere Stammkunden schätzen genau das.“

Vom Start-up zum Global Player

H&D-Gründer Bernhard Hönigsberg (links) verkaufte sein Unternehmen 2018 an den indischen IT-Riesen HCL Technologies. Dafür kam Vizepräsident Ashish Kumar Gupta an die Aller. Foto: Franz/BZV-Archiv

Ein früheres Familienunternehmen, das sich verändert hat, ist die 1996 gegründete Hönigsberg & Düvel Datentechnik GmbH, kurz H&D. Seit 2018 gehört die H&D International Group zum IT- und Engineering Dienstleister HCL Technologies, im April 2022 wurden alle H&D Gesellschaften mit der HCL Technologies Germany GmbH verschmolzen. Gifhorn ist das größte von zehn Delivery Centern in Deutschland und auch der größte Bürokomplex des Unternehmens. Nach aktuellen Angaben der Marketingabteilung arbeiten hier 612 Mitarbeitende, dazu zählen auch diejenigen, die Kunden in Wolfsburg und Braunschweig direkt betreuen. Insgesamt arbeiten bei HCL Technologies Germany 1.800 Mitarbeitende aus unterschiedlichen Nationen und mit diversen kulturellen Hintergründen. Für deutschsprachige Kunden sei wichtig, dass ihnen auf Wunsch auch ein deutschsprachiges Frontend zur Verfügung gestellt werden kann. HCL bietet Dienstleistungen und Produkte in mehreren Bereichen an, dazu gehören IT und Business Services (ITBS), Engineering und R&D Services (ERS) und Products & Platforms (P&P). Geschäftsführerin ist Roshni Nadar Malhotra, die Tochter des indischen Gründers Shiv Nadar. Weltweit gehören 198.000 Mitarbeitende zur Gruppe.

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