18. April 2022
Entscheider

„Das musst du mit Anstand über die Bühne bringen“

Adalbert Wandt und Sascha Harland, Ehrenpräsident und neuer Präsident des Union Kaufmännischer Verein von 1818 e.V., im Interview

Sascha Harland und Adalbert Wandt, amtierender Präsident und Ehrenpräsident der Kaufmännischen Union. Foto: Stephanie Joedicke

Nach insgesamt 34 Jahren hat Adalbert Wandt das Amt als Präsident des Union Kaufmännischer Verein von 1818 e.V. an Sascha Harland übergeben, der im Rahmen der Mitgliederversammlung am 19. März einstimmig gewählt wurde. Zum Abschied gab es Applaus und Standing Ovations von rund 150 Vereinsmitgliedern, die sich im Braunschweiger Restaurant Al Duomo versammelt hatten – und außerdem ein Adalbert-Wandt-Zimmer inklusive Portrait und Messingschild in Clubraum 2. Wandt wurde an diesem Abend zum ersten Ehrenpräsidenten des Vereins gekürt und war sichtlich gerührt. „Kein Verband ohne Wandt“, erklärte Laudator Gerd-Ulrich Hartmann, langjähriger Weggefährte und ehemaliger Vizepräsident des Vereins, mit einem Augenzwinkern und betonte damit nicht nur das vielfältige Engagement des 73-Jährigen für die Kaufmännische Union, sondern für die gesamte Region. Wir haben den Ehrenpräsidenten und seinen Nachfolger im Vorfeld der Veranstaltung zum Interview getroffen …

Herr Wandt, nach über 34 Jahren als Präsident der Kaufmännischen Union geben Sie den Staffelstab an Sascha Harland weiter. Wie sieht Ihr Fazit nach einer so langen Amtszeit aus?
Wandt: Ich habe ein tolles Leben. Und von 90 Mitgliedern sind wir in meiner Amtszeit auf etwa 460 gewachsen. Das ist ein tolles Netzwerk, ich habe viele Freundschaften geschlossen – diese Zeit war also sehr bereichernd.

Bereits seit 1976 sind Sie Mitglied der Union. Welchen Eindruck hat der Verein damals auf Sie gemacht?
W: Es gab damals einfach keine jungen Leute, ich war Jugendwart. Nach rund vier Jahren bin ich Vizepräsident geworden und hatte damit auf einmal die Möglichkeit Akzente zu setzen. Es war ja nichts da. Das war die Verwaltung eines alten Vereins mit Männern, denen ein kleines Herren­essen ab und an reichte und die sich selbst genug waren. Mir hat der Kontakt zu Außenstehenden gefehlt.

Gerd-Ulrich Hartmann hielt die feierliche Laudatio. Foto: Stephanie Joedicke

Es musste also etwas passieren …
W: Eigentlich stand dahinter mehr der Gedanke, wenn ich schon mal da bin, mach ich was. Mein Vater hat immer gesagt: Das musst du mit Anstand über die Bühne bringen. Wenn man „Ja“ sagt, gilt das auch – zumindest für eine Wahlperiode.

1988 sind Sie schließlich Präsident geworden …
W: … und habe mir überlegt, wie wir ein Programm entwerfen können, damit es mehr persönliche Begegnung im Verein gibt. Das gab es bis dahin schlichtweg nicht. Außerdem mussten wir die Aufnahme erleichtern. Die Mitglieder, die zu meinem Beginn 1980 eingetreten sind, haben das getan, weil sie überredet wurden, nicht weil sie überzeugt waren. Und der dritte Punkt war die Aufnahme von Frauen, die längst überfällig war.

Sind das die drei großen Ziele, die Sie sich zu Beginn Ihrer Amtszeit gesetzt haben?
W: Eigentlich nicht. Mein Ziel war es einfach nur, diesen altehrwürdigen Kaufmannsverein am Leben zu erhalten.

Welche Meilensteine haben Ihre Vereinsarbeit geprägt?
W: Ein Meilenstein war die Übernahme als Präsident. Dann kam die Wiedervereinigung und die Frage auf, wie wir Kontakte nach Magdeburg knüpfen können. Als die Mauer fiel und die Grenze geöffnet wurde, standen wir mit der Kaufmännischen Union gerade in Durban auf dem Großmarkt. Die Telefonverbindung war schlecht und teuer. Und mein Bruder erzählte mir, dass auf der Hansestraße überall Trabis parken. Wir waren in Südafrika und hier änderte sich die Weltordnung. Das war unfassbar. Ein weiteres Highlight war, dass Braunschweig 2007 Stadt der Wissenschaft wurde und damit die Gründung der Haus der Wissenschaft GmbH, in der wir seither Gesellschafter sind. Sollte ein Vorstandsmitglied jemals vorschlagen, dieses Engagement fallen zu lassen, gehört es abgewählt (lacht). Das ist gelebtes Bürgertum.

Ein weiterer Meilenstein war sicherlich 2018 das 200-jährige Jubiläum …
W: Das war mehr als ein Meilenstein. Das Jubiläum fiel quasi mit meinem 70. Geburtstag am darauffolgenden Tag zusammen. Damals habe ich Bilanz gezogen – für mein Leben als Präsident, mein Leben als Mensch und meine Sucht nach der Kaufmännischen Union.

Der neue Vorstand des Union Kaufmännischer Verein von 1818 e.V. (v.l.): Schriftführerin Nina Brose, Schatzmeister Wolfgang Wichmann,
Vizepräsidentin Astrid Striese und Präsident Sascha Harland. Foto: Sascha Gramann

Wie sieht diese Bilanz aus?
W: Es gab niemals das Bemühen von dritter Seite, mich abzulösen oder einen Gegenkandidaten zu stellen. Das ist erstaunlich.

Wie viel Geschäftsmann und wie viel Privatmensch Adalbert Wandt steckt heute in der Kaufmännischen Union?
W: Der erfahrene Geschäftsmann steckt zu einem Großteil drin, aber nicht der Spediteur. Geschäfte fanden dort nie statt. Natürlich frage ich, wenn ich meine Wohnung renoviere, zuerst Wolfgang Bohr von Weinreich und Haas, weil ich ihn aus der Kaufmännischen Union kenne. Das ist ein Netzwerk, in dem man sich weiterhilft.

Wie hinterlassen Sie die Union Ihrem Nachfolger?
W: Das Feld ist bestellt, würde man landläufig sagen. Aber das ist mir zu profan. Nach zehn Jahren Zusammenarbeit mit Herrn Harland, fänd ich es vermessen, noch einen Tag länger Präsident sein zu wollen. Nachher kündigt der. Die jungen Leute rasseln außerdem mit den Ketten – es ist ein idealer Zeitpunkt. Und es war nie mein Ziel, länger Präsident zu sein als Carl Heimbs.

Eigentlich wollten Sie das Amt schon 2018 übergeben, aber die Pandemie kam dazwischen …
W: Im Nachhinein war das genau richtig, denn das Schicksal wollte, dass wir auf Astrid Striese als Vizepräsidentin warten. Ein Bekannter sagte mir einmal: Gute Leute musst du einstellen, wenn sie dir zulaufen, nicht wenn du sie brauchst. Das ist wie in einer Partnerschaft. Wenn Sie eine Frau treffen und merken, die ist gut, dann stellen Sie die ein und heiraten sie vielleicht sogar (lacht). Frau Striese ist genau die richtige für den Job als Vizepräsidentin.

Was zeichnet Sie als Präsident aus?
W: Ich bin neugierig, ausgleichend und vorausdenkend. Fragen Sie mich jetzt aber bitte nicht, was ich nach der Amtsübergabe machen möchte. Das hat Ihr Kollege von der Braunschweiger Zeitung schon getan.

Und?
W: Da wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Er fragte, ob ich reisen werde. Aber das mache ich ja jetzt schon gemeinsam mit meiner Frau Marianne. Das Haus ist in Ordnung, wir haben keine Kinder. Und ich bin ja nicht aus der Welt. Wann immer ich gebraucht werde, stehe ich mit Rat und Tat zur Seite. Meine Frau hat übrigens immer eine wichtige Rolle gespielt. Sie ist nicht nur selbst in die Union hineingewachsen, sondern hat mir den Freiraum gelassen, mich hier zu entfalten. Dafür bin ich sehr dankbar.
Harland: Ich glaube, das verbindende Element ist das entscheidende. Adalbert Wandt hat die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen.

Wie lange kennen Sie beide sich eigentlich schon?
H: Seit 1989. Damals habe ich meine Berufsausbildung bei Wandts begonnen. 1992 bin ich dann zu meinem Vater in das Creditreform-Geschäft eingestiegen. Und Adalbert sagte, dass ich nun bei den Wirtschaftsjunioren eintreten muss und in die Kaufmännische Union. In beiden Vereinen habe ich schnell Anschluss gefunden. Ein Schlüsselerlebnis war die Wirtschaftsjuniorenreise 1993 nach Hongkong. Schon auf dem Weg mit dem ICE von Braunschweig nach Frankfurt hatte mich Adalbert bereits mit allen anderen 60 Teilnehmern bekannt gemacht. Ähnlich war es dann bei der Kaufmännischen Union. 2006 wurde ich gefragt, ob ich im Beirat mitwirken möchte. Wenn man da gefragt wird, sagt man nicht Nein.
W: Das gilt übrigens fast immer. Wenn man die Leute fragt, sagen sie nie Nein. Man muss aber richtig fragen.

Was schätzen Sie beide aneinander?
H: Ein offenes Wort zu jeder Zeit und gegenseitiges Vertrauen.
W: Vertrauen ist das wichtigste – das gilt für das gesamte Netzwerk.
H: Was mir noch wichtig ist: Es gibt nur wenige Menschen, die sich so uneigennützig engagieren wie Adalbert Wandt – hier im Netzwerk, aber auch für die Stadt und die Region. Davor habe ich großen Respekt und das ist mir ein großes Vorbild.
W: Vielen Dank.

Herr Harland, was bringen Sie mit in das Präsidentenamt, was Ihr Vorgänger nicht kann?
W: Das ist eine fiese Frage. Ich bin gespannt (lacht).
H: Es gibt tatsächlich nichts, wo ich den Kurs ändern möchte. Das wäre auch fatal, denn dann hätte ich die letzten zehn Jahre als Vize etwas falsch gemacht. Perspektivisch wollen wir das Alter der Mitgliedschaft verjüngen, dieses Ziel haben wir aber schon lange und das ist ein schwieriges Unterfangen. Man kündigt hier nicht, sondern Mitglieder versterben. Mit zunehmender Alterserwartung wird also auch unsere Mitgliedschaft immer älter. Und durch Neuaufnahmen den Schnitt nach unten zu korrigieren, würde zwangsläufig bedeuten, dass wir in der Gesamtzahl größer werden müssen. Das wollen wir aber nicht. Dann würden die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichen.

Als Geschenk wurde Clubraum 2 im Restaurant
Al Duomo nach Adalbert Wandt benannt. Foto: Privat

Haben Sie konkrete Anknüpfungspunkte für Ihr Ziel?
H: Wir werden den Kontakt zu den Wirtschaftsjunioren intensivieren. Wir wollen nicht wildern, das war uns immer wichtig, aber wir wollen mehr gemeinsam unternehmen. Und nach der Wahl wollen wir zu gegebener Zeit einen Strategieworkshop durchführen, um zu überlegen, wie wir uns die Union in 10 bis 50 Jahren vorstellen. Und wenn es nur das Ziel ist, das Bestehende zu erhalten und zu überlegen, wie man das erreicht.

Wie würden Sie sich selbst in drei Schlagworten beschreiben, Herr Harland?
H: Ich habe Lebensfreude. Ich netzwerke gerne, knüpfe gerne Kontakte und pflege diese – aber auch das habe ich vom Meister gelernt. Die Fußstapfen kann ich nicht ausfüllen, aber dem Pfad kann ich folgen.
W: Du hast ja eigene Füße.

Welche Bedeutung hat das Netzwerk für Sie?
H: Das sind meine Freunde.

Herr Wandt, was würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
W: Er soll nicht vergessen, mich ab und an mal einzuladen (lacht).
H: Nicht nur einladen, sondern einbinden.
W: Es ist ja praktisch niemand mehr in der Union, den ich nicht selbst aufnehmen durfte. Zwei Hände voll sind vielleicht vor meiner Zeit aufgenommen worden. Von daher – man läuft sich immer wieder über den Weg.

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