6. Mai 2022
Entscheider

Der Herr der Tulpen

30 Millionen blühende Tulpen verwandeln die Felder des Eickenhofs im Gifhorner Papenteich Anfang Mai in ein Mekka für Fotografen. Doch das Geschäft ist nicht immer ein Blumenpflücken … Teil 3 unserer Land- und Forstwirtschaftsserie

Landwirt Paul Schofer auf dem Eickenhofer Tulpenfeld. Foto: Michèle Förster

In der Gemeinde Vordorf, im südlichen Zipfel des Landkreises Gifhorn, leuchtet einmal im Jahr ein gewaltiges Blütenmeer. Pinke, gelbe, weiße, rote und lila Tulpen machen aus dem Papenteicher Landstrich eine Art Keukenhof von Niedersachsen. Die Geschicke der Blumenproduktion lenkt Paul Schofer – zusammen mit Christian Hansen und Malte Isermeyer bildet der 36-Jährige die Geschäftsführung des Eickenhofs. Ende der 1980er-Jahre gründeten ihre Väter die landwirtschaftliche Gemeinschaft, um die Produktivität zu erhöhen und größere Maschinen anschaffen zu können, erzählt Paul Schofer.

Über den Generationenwechsel hinweg wurde das Familienunternehmen erfolgreich weitergeführt, am Prinzip der Kooperation hat sich nichts geändert: „Wir wirtschaften gemeinsam“, erklärt er. „Dadurch können wir uns spezialisieren.“ Was sich jedoch grundlegend verändert hat, sind die landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Zusätzlich zu Weizen, Mais und Zuckerrüben werden heute auch Spargel, Beeren und Tulpen auf den Ackerflächen im Landkreis Gifhorn angebaut.

Die neue Generation hat eigene Visionen

Die neue Führungsriege des Eickenhofs ist gut ausgebildet, nach dem Studium standen ihnen viele Türen offen, sagt Schofer. Dennoch entschieden sich alle drei für die Landwirtschaft, für den Hof – und dafür, mit den anderen zusammenzuarbeiten. So wurde 2008 das heutige Eickenhofer Spargelreich gegründet. Mit den neuen Pflanzen kamen auch neue Herausforderungen: „Intensivkulturen haben ein komplett anderes Anforderungsprofil – im Grunde ist es Gartenbau.“ Schofer schmunzelt.

Auch die Faszination für Tulpen ließ ihn nicht los. Das nötige Wissen eignete er sich im niederländischen Wageningen an, wo er sich im Masterstudiengang auf Pflanzenwissenschaften spezialisierte. „Alle haben mich vorweg für verrückt erklärt und sich gefragt, ob das was werden kann.“ Schließlich gebe es im Gegensatz zum herkömmlichen Ackerbau viele Fallstricke. „Bei der Tulpenaufzucht gibt es 200 Faktoren mehr, die schiefgehen können“, erklärt der Gifhorner. Das Verlustrisiko sei somit nicht unerheblich. „Selbst die Produktion von Erdbeeren ist damit verglichen einfach.“

Die blühenden Tulpenfelder sind ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Eickenhofer Spargelreich

Eine Idee schlägt Wurzeln

Den ersten Anbauversuch wagte Schofer schließlich vor fünf Jahren: Drei Säcke Tulpenzwiebeln pflanzte er damals auf den Acker. Das Experiment glückte – und ein Jahr darauf wurden die ersten Zwiebeln für den Verkauf angebaut. „Wir mussten die ganzen Handarbeiten üben“, erinnert sich der Landwirt. „Wir mussten lernen, wie man ausselektiert, damit keine kranken Tulpen oder Falschfarben in der Ernte sind.“

Der Tulpenanbau ist keine flächenintensive Kultur, erklärt Schofer. „Wir sind mit acht Hektar Land gestartet.“ Mittlerweile macht er mit 30 Hektar zwei Prozent der Eickenhofer Gesamtflächen aus, wobei ein Großteil der Äcker nur gepachtet ist. Mit Tulpen lassen sich auf den Hektar gerechnet zwar höhere Umsätze erzielen als mit Getreide, „aber die Tulpe ist eine Mimose“. Schon das Klima in unserer Region unterscheide sich deutlich vom holländischen: „Tulpen mögen Küstenklima. Je kontinentaler, desto schlechter“, fasst es der 36-Jährige zusammen.E s gebe jedoch Wege, die klimatischen Unterschiede zu kompensieren, etwa mit der Bewässerungsmethode. Statt der üblichen Überkopfberegnung setzt der Hof Tropfschläuche ein, die nahe der Wurzel im Boden liegen. „Dadurch lassen sich außerdem 50 Prozent Wasser einsparen, das ist extrem effizient.“ Dennoch hat das Wetter einen großen Einfluss auf das Geschäft. „Im schlimmsten Fall kann es einem sprichwörtlich die Ernte verhageln“, erklärt er. „Das kann zum Totalausfall führen und ist nicht versicherbar.“

Schon kommen die Influencer:innen

Im Herbst wird es für das Team des Eickenhofs ernst: 30 Millionen Zwiebeln müssen gesetzt und die Bewässerungsschläuche ausgelegt werden. Bis zu sieben Mitarbeiter:innen sind damit täglich beschäftigt. Den Winter über wird das Wachstum kontrolliert und die Tulpenfelder werden mit Elektrozäunen gegen tierische Eindringlinge geschützt. „Vor allem Rehe stellen eine Gefahr dar“, sagt Schofer. „Sie fressen besonders gerne die ersten Triebe“. Ab dem Frühjahr werden die Tulpen bewässert, bald darauf steht die erste Selektionsrunde an: „Wir gucken uns jede einzelne Tulpe achtmal an und kontrollieren sie auf Krankheiten, wie das sogenannte Tulpenmosaikvirus, das zu Streifen auf den Blättern führt.“ Wenn der Stand der Sonne stimme, erläutert Schofer, könne man einen Befall erkennen.

Ende April, wenn die Tulpen erblühen, wird erneut selektiert – dann werden falsche Farben aussortiert. „Wenn in einem roten Blütenmeer eine gelbe Tulpe steht, ist die zwar relativ einfach zu finden. Aber bei 30 Millionen Blumen ist der Prozess sehr zeitintensiv.“ Die blühenden Tulpenfelder sind auch ein beliebtes Fotomotiv bei den Gifhorner:innen. Probleme mit Influencer-Tourismus hat der Hof jedoch nicht, versichert Schofer. Die mit Elektrozäunen gesicherten Felder würden in „99 Prozent der Fälle“ nicht betreten. Anfragen gebe es jedoch häufig: Vor allem bei Tierfotografen sind die Felder beliebt, auch ein Akt-Shooting habe es schon gegeben, erinnert er sich. „Die Publicity ist gut, es gibt viel Aufmerksamkeit.“ Für Tulpenfans hat der Hof nun extra ein kleines Feld angelegt, das jedem zugänglich ist. „Da darf auf Anfrage auch der Hund oder das Pferd mit rein.“

Dem Ruf der Natur folgen

Die Blütenpracht im Papenteich ist für den Eickenhof jedoch nur ein schöner Nebeneffekt. „Das Ziel der Feldproduktion ist die Tulpenzwiebelvermehrung – man will aus kleinen Zwiebeln größere und weitere gewinnen.“ Bis die Zwiebel groß genug ist, damit sie für den Anbau im Garten verkauft werden kann, dauert es ganze vier Jahre. Nach der Blüte werden die Tulpen „geköpft“, sodass nur die grünen Blätter stehenbleiben, verrät der Pflanzenexperte. Anschließend werden die Schnittstellen mit einer Milchlösung behandelt, die die Tulpe vor Infektionen schützt – ähnlich einer Wundreaktion.

In den folgenden Wochen überwacht das Team die Bewässerung und entfernt Unkraut, bis Ende Juni, Anfang Juli schließlich die Ernte erfolgt. „An welchem Tag das sein wird, weiß man vorher nie. Das sagt uns die Natur.“ Anschließend werden die Felder gerodet und die Tulpenzwiebeln nach Holland transportiert, wo sie im Partnerbetrieb sortiert, gewaschen und getrocknet werden. Ein Teil der Zwiebeln tritt im September wieder die Heimreise an und wird auf dem Eickenhof für den Verkauf in Eierkartons verpackt. „Die Idee kam uns, weil es immer hieß, du musst die Zwiebel behandeln wie ein rohes Ei.“

„Dobry dzień“

Als einer der Leiter des Eickenhofer Tulpengeschäfts hat Paul Schofer alle Hände voll zu tun, denn neben der Produktion will auch der Vertrieb organisiert werden. Selbst auf dem kurzen Fußweg zum Tulpenfeld klingelt sein Mobiltelefon und er bespricht die am nächsten Tag anstehenden Lieferungen. „Wenn ich meinen heutigen Arbeitsplatz betrachte, beschäftige ich mich nur noch wenig mit der Ursprungsproduktion, die ich im Studium gelernt habe“, reflektiert Schofer. „Ich muss vor allem eine Marke führen.“ Knapp 20 Vollzeit-Mitarbeiter:innen hat der Eickenhof und zusätzlich saisonale Erntehelfer:innen – in der Spitze arbeiten dort bis zu 160 Leute. Viele von ihnen sind ursprünglich zum Spargelstechen aus Polen gekommen und mittlerweile fest beschäftigt – zum Beispiel in der Auslieferung.

Obwohl die administrativen Aufgaben viel Zeit in Anspruch nehmen, ist es dem Geschäftsführer wichtig, den Bezug zur Landwirtschaft nicht zu verlieren: „Mein Ziel sind drei Viertel des Tages in der Produktion zu verbringen, realistisch ist vielleicht der halbe Tag.“

In Holland blüht es

Der Teil der Gifhorner Tulpenzwiebeln, die in Holland geblieben sind, wachsen dort ab November zu Schnittblumen heran. Diesen Teil des Geschäfts auszulagern, war laut Schofer eine infrastrukturelle Entscheidung: „Tulpen müssen im Gewächshaus wachsen, anders lässt sich die Qualität nicht erzielen.“ An drei Tagen in der Woche werden die Schnittblumen vom holländischen Partner abgeholt und zurück zum Eickenhof transportiert, wo sie anschließend verpackt und ausgeliefert werden. Verkaufsstellen sind neben dem eigenen Hofladen etwa 130 Supermärkte und Bioläden in der Region. „Mittlerweile haben wir aber auch in anderen Teilen Deutschlands Kunden, in Hamburg, Berlin und Hessen beispielsweise.“

Auf diese Weise seien die Gifhorner Tulpen viel frischer als handelsübliche Schnittblumensträuße, die von Amsterdam aus zu Packbetrieben geliefert und in den Großhandel bei Köln weitertransportiert werden, ehe sie über die Zentrallager zum Verkauf in die Läden kommen. Die verkürzte Lieferkette schlage sich auch in den zurückgelegten Kilometern nieder: „Unsere Tulpen sind nicht so lange auf der Straße unterwegs“, berichtet der Landwirt.

Auf die Frage, ob man mit Tulpen reich wird, sagt er: „Tulpen sind ein sehr volatiles Produkt. Aber wir wollen den Kunden eine gleichbleibend hohe Qualität und längere Haltbarkeit bieten.“ Entsprechend würden die Tulpen für fünf Euro pro Bund angeboten. „Für mich sind Tulpen vor allem ein emotionales Produkt“, bekennt Schofer. „Aber ich bin davon überzeugt, dass es in jedem Geschäft eine vernünftige Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen – auch wenn sich dieser Geschäftszweig bei uns noch im Aufbau befindet.“

Blumen als Produkt

  • In Deutschland gibt es rund 3.120 Zierpflanzenbetriebe, 487 davon in Niedersachsen.
  • Auf einer Fläche von knapp 710 Hektar werden bei uns Beet-, Zimmer- und Balkonpflanzen, Schnittblumen, Ziergehölze und Stauden angebaut.

Wirtschaftliche Bedeutung

  • Allein im Bereich des Blumenanbaus sind rund 2.400 Personen beschäftigt.
  • Sie erwirtschaften jedes Jahr einen Umsatz von 183 Millionen Euro und eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 72 Millionen Euro.

Quellen: Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Statistisches Bundesamt

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