15. Juli 2021
Entscheider

Der Schreibtisch von … Angelika Kramer-Schütz

Gründerin der Plattform „Take a Garden“

Angelika Kramer-Schütz Gründerin der Plattform „Take a Garden“ Foto: Stephanie Joedicke.

„Viel ist hier nicht – zwei Störche, ein Briefkasten“, sagt Angelika Kramer-Schütz mit einem Augenzwinkern, als wir sie im beschaulichen Helmstedter Boimstorf in ihrem Garten treffen. Über zu wenig Grün kann sich die 33-Jährige in der Tat nicht beschweren. Allein der Garten umfasst rund 1.200 Quadratmeter, genügend Platz für Beete, eine Kinderschaukel und -rutsche sowie eine Feuerstelle – und das nächste Abenteuer wartet nur wenige Schritte hinter dem Gartenzaun, denn dort beginnen Felder, Wald und Wiesen. „Mein eigenes grünes Paradies“, sagt sie und freut sich sichtlich. Der Umzug aufs Land war für Kramer-Schütz, ihren Ehemann und ihre beiden Kinder ein Kompromiss. Denn die Suche nach einem eigenen Fleckchen Grün innerhalb der Stadt Braunschweig hat sie lange beschäftigt und blieb erfolglos. „Nicht jeder kann sich ein Haus mit Garten leisten. Und das muss auch nicht sein“, ist sie überzeugt und hat mit ihrer neu gegründeten Plattform „Take a Garden“ seit März dieses Jahres auch gleich eine Lösung parat …

„Die Idee kam mir im Prinzip, als mir eine Freundin anbot, ihren Garten während der Urlaubszeit zu nutzen“, erzählt Kramer-Schütz. „In Deutschland gibt es etwa 360.000 Hektar Grünflächen, die einfach nur brach liegen, während andere händeringend danach suchen. Diese Möglichkeiten möchte ich mit „Take a Garden“ sicht- und nutzbar machen.“ Einen Business- und Marketingplan entwickelte sie bereits in den letzten Jahren im Rahmen ihres Entrepreneurship- und Innovationsmanagement-Studiums an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Aktuell verbringt sie den Großteil ihrer Arbeit damit, Internetseiten nach bestehenden Angeboten zu durchforsten und Anbieter zu kontaktieren, um die Inserate schließlich bei Take a Garden zu bündeln. Ein klassischer Nine-to-five-Job sei das nicht, doch der Aufwand lohnt.

Ausgleich und Erholung
Inzwischen tummeln sich auf der Plattform sowohl Natursuchende als auch Grünflächenbesitzer. Vom Imker, der eine geeignete Stellfläche für seine Bienenstöcke sucht, über die Hochzeitsgesellschaft, die eine Festwiese benötigt, bis hin zum Obstwiesenbesitzer, der sein Land für Fotoshootings anbietet. „Ich habe kürzlich eine Anfrage von einer Floristin erhalten, die Sträuße aus regionalen Blumen herstellt und deshalb eine geeignete Fläche für den Anbau sucht.“ Auch Felder für die langfristige Bewirtschaftung mit Obst und Gemüse seien gefragt. „Es gibt bereits Anbieter wie Ackerhelden oder Meine Ernte, die allerdings komplett ausgebucht sind.“ Denn die Nachfrage ist seit Jahren deutlich höher als das Angebot – und längst nicht ausschließlich auf städtische Regionen konzentriert. „Auch im ländlichen Raum gibt es einen Bedarf. Und die Corona-Pandemie hat diese Situation verschärft. Menschen suchen nach Ausgleich und Erholung.“

Das Airbnb-Prinzip
Angebot und Nachfrage funktionieren bei Take a Garden nach dem Airbnb-Prinzip. Grünflächen können kostenlos inseriert werden. Hat ein Suchender einen passenden Ort gefunden hat, stellt er eine Anfrage. „Die Mietgebühren legen die Anbieter selbst fest. Bei Zustandekommen einer Buchung wird außerdem eine Servicegebühr in Höhe von 15 Prozent fällig. Das ist marktüblich. Die Plattform muss sich schließlich finanzieren“, erklärt Kramer-Schütz.
Einen kleinen fünfstelligen Betrag habe die Entwicklung der Plattform bislang gekostet – und dazu jede Menge Nerven, sagt sie und lacht. „Zu Gründen ist ein Auf und Ab an Herausforderungen. Deshalb ist es super wichtig, dran zu bleiben und sich immer wieder bewusst zu machen, warum ich das hier mache. Ansonsten sieht man nur die Kosten, den Aufwand, Zeit und Energie, die dafür drauf gehen.“ Unterstützung und Rückhalt erfährt Kramer-Schütz unter anderem von ihrem Hochschulnetzwerk und dem Entrepreneurship Hub sowie der Academic Ventures, der Kapitalbeteiligungsgesellschaft der Hochschule als auch durch den Accelerator von borek.digital in Braunschweig. „Bis zum Status quo haben schon eine ganze Menge Leute mitgewirkt. Freelancer, aber auch Freunde und Bekannte, die mich unterstützen wollten.“ Perspektivisch soll auch ihr eigenes Team wachsen, gleich drei Stellen sind aktuell vakant. „Ich suche einen Vertriebler, Marketing-Spezialisten und Webentwickler. Danach schauen wir mal weiter. Ein Schritt nach dem anderen.“
Dass sie ihr eigenes kleines Gartenparadies bereits gefunden habe, sei ein Privileg, sagt Kramer-Schütz, als wir uns von ihr verabschieden – und bedeute nicht, dass sie sich nicht hin und wieder auch nach anderen Grundstücken umschaue. Sie lächelt. „Ein Seegrundstück wäre mein Traum.“ Vielleicht wird das ja noch – und wenn nur auf Zeit.

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