18. November 2021
Entscheider

Der Schreibtisch von … Brigitta Jünke-Bremer und Bodo Bremer

Die Geschwister sind Geschäftsführerin und Geschäftsführer des Braunschweiger Weinhandels Harald L. Bremer.

Brigitta Jünke-Bremer und Bodo Bremer führen den Weinhandel in der Braunschweiger Efeustraße. Foto: Stephanie Joedicke

Im September ist Bodo Bremer eigentlich nie in Braunschweig – dann nämlich, wenn die Trauben die nötige geschmackliche Dichte erreichen, ohne einen zu hohen Säurewert zu besitzen, ist er zur Weinlese im familieneigenen Weinberg in Vetulonia. In dieser Zeit kümmert sich Brigitta Jünke-Bremer allein um den Weinhandel in Gliesmarode. Gemeinsam führen die beiden Geschwister das Haus italienischer Qualitätsweine, das ihr Vater vor rund 50 Jahren gegründet hat.

Damals kaufte Harald L. Bremer einen eigenen Weinberg in der Toskana. „Und stand bald vor der Herausforderung, dass er zu viel Wein produzierte. Deshalb baute er einen Versandhandel auf“, erzählt Jünke-Bremer, als wir die beiden Unternehmer auf dem Firmengelände im Efeuweg treffen.

Hier fühlt man sich ein wenig dem Braunschweiger Alltagstrubel entrückt. Denn das ockergelbe Haus, Weinranken und ein mit Bruchsteinplatten gepflasterter Gartenweg erinnern unweigerlich an la dolce Vita zwischen Olivenhainen und italienischer Altstadt. Rund vier Mal im Jahr fährt auch Jünke-Bremer nach Italien – vorwiegend, um Urlaub zu machen und Lieferanten zu besuchen. „Natürlich helfe ich mit, wenn Arbeit anfällt. Aber ich habe nicht die ganzen landwirtschaftlichen Verpflichtungen zu erledigen wie Bodo“, erzählt sie.

Weinhandel baut drei Rebsorten auf eigenem Weingut in Italien

Gleich drei Rebsorten werden auf dem eigenen Weingut angebaut. Der Großteil davon ist Sangiovese, als internationale Rebe kommen außerdem Cabernet und Tannat hinzu. Daraus gewinnt die Familie im weiteren Herstellungsprozess drei Weine: „Der Campo Etrusco ist frisch und fruchtig, etwas kirschig, aber durchaus komplex und anhaltend. Ein Riserva hat einen schönen Trunk, aber mit mehr Tiefe. Und der Cabernet ist kräftiger und weist dezente Holznoten auf. Der transportiert auch nicht so viel Lebensfreude“, erklärt Bremer. „Man kann es auch so formulieren“, ergänzt seine Schwester: „Der Cabernet ist ein Wein für kleine Schlückchen, der Riserva einer, den man gerne zum Essen trinkt und der Campo liegt in der Mitte dazwischen.“

Während unseres Gesprächs bleibt der Verkaufsraum leer – in den vergangenen anderthalb Jahren sei das leider kein ungewöhnlicher Anblick gewesen, denn Verkostungen konnte der Weinhandel Corona-bedingt nicht anbieten. Dafür sei der Umsatz im Onlinegeschäft gestiegen. „Vor allem hochpreisige Weine haben wir mehr verkauft, weil sich viele Menschen in diesen Zeiten etwas Gutes tun wollen“, erzählt Bremer. Auch der anfängliche Pasta-Boom sei deutlich spürbar gewesen, denn die Lieferanten der hauseigenen Lebensmittelserie La Fattoria seien zwischenzeitlich an ihre Grenzen gestoßen.

Als wir den Blick durch den Raum schweifen lassen entdecken wir neben unzähligen italienischen Weinen, Pasta und Olivenöl auch einige „Exoten“ im Sortiment. „Es gibt Kunden, die nur unsere südamerikanischen Weine kaufen“, erzählt Jünke-Bremer. „Die Italien-Affinen schütteln dagegen mit dem Kopf“, ergänzt ihr Bruder und lacht.

„Wer für zwei Euro einen Wein anbietet, hat irgendwen schlecht bezahlt“

Auf unsere Frage hin, ob die beiden Wein-Experten wohl einen 300-Euro- von einem 20-Euro-Wein in einer blinden Verkostung voneinander unterscheiden könnten, müssen beide schmunzeln. „Muss nicht sein. Selbst wenn man sorgfältig Weine macht, kann man die Flasche für zehn Euro an den Verbraucher verkaufen“, sagt Bremer und ergänzt: „Bei Weinen aus dem Supermarkt ist das anders. Dort darf das Kilo Trauben nicht mehr als 50 Cent kosten. Dafür kann man die nicht produzieren. Wer für zwei Euro einen Wein anbietet, hat irgendwen schlecht bezahlt oder krumme Geschäfte zwischendurch gemacht.“

Allgemein sei das Verhältnis der Deutschen zu Lebensmitteln schon ein Eigenartiges. „In Italien geht es um die Qualität der Lebensmittel und bei vielen Deutschen vornehmlich um den Preis“, bemängelt Jünke-Bremer. „Eigentlich ist das paradox“, findet Bremer. „Die Deutschen geben in ihrer Einrichtung das meiste Geld für die Küche, aber das wenigste für ihr Essen aus. In Italien ist das umgekehrt. Dort zaubert man mit einer alten Küchenhexe alles was geht.“

Es versteht sich wohl von selbst, dass Genuss für die beiden schon Berufswegen unweigerlich zum Alltag gehört. Aber auch privat spielen Lebensmittel eine wichtige Rolle. Gekocht wird am liebsten nach italienischer Art. „Damit sind wir groß geworden“, sagt Bremer. „Und selbst wenn ich versuche, ein deutsches Gericht zu kochen, schmeckt es am Ende irgendwie mediterran.“ Er lacht. „Und dazu gibt es natürlich ein gutes Glas Wein.“

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