und
19. Mai 2021
Entscheider

Der Schreibtisch von Dr. Nari Kahle

Head of Program Management & Operational Excellence bei CARIAD, dem Automotive Software- und Technologieunternehmenin der Volkswagen AG

Dr. Nari Kahle in ihrem Arbeitszimmer. Foto: Privat.

Ein großer grauer Schreibtischstuhl und eine kupferfarbene Weltkarte im Hintergrund – das ist der Ausschnitt, den wir von Dr. Nari Kahles Arbeitszimmer sehen. Sie selbst sitzt auf eben diesem Stuhl und hat gerade per Video unser gemeinsames Zoom-Meeting betreten. Für Nari Kahle ist es an diesem Abend eine von zahlreichen Online-Besprechungen, die sie im Laufe des Tages geführt hat. Wolfsburg, Hannover, Berlin, Ingolstadt – ihr Team ist über ganz Deutschland verteilt. Seit rund einem Jahr baut sie das Unternehmen CARIAD von der Volkswagen AG mit auf. CARIAD steht für „Car, I am digital“. „Unser Ziel ist es, das Betriebssystem für die Autos der Zukunft aufzubauen. Im Prinzip bringen wir das, was bei VW, Porsche und Audi vorher einzeln entwickelt worden ist zusammen“, sagt Kahle.

Sie selbst ist für die Strategieumsetzung zuständig und leitet kommissarisch die Abteilung „Program Management & Operational Excellence“. „Mit dem Projektmanagement-Team überprüfen wir, ob in dem neuen Unternehmen alle wichtigen Projekte laufen. Wir sind ja jetzt schon fast 4.000 Mitarbeiter:innen, da gibt es natürlich wahnsinnig viel zu tun.“ Denn neben der Strategie müssen auch alle anderen Unternehmensbereiche von CARIAD neu aufgebaut werden. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ein „spannendes Thema an dem wir mit ganz viel Power und Freude arbeiten“, erzählt Kahle mit strahlenden Augen. „Momentan ist es für mich ein Traumjob.“

Doch, dass sie heute in dieser Position ist, ist alles andere als selbstverständlich. Denn eigentlich hatte Nari Kahle zunächst ganz andere berufliche Ziele. „Meine Eltern sind beide Kirchenmusiker. Eigentlich wollte ich immer Musik studieren und frage mich auch heute noch manchmal, wie ich in der Wirtschaft gelandet bin“, erzählt sie lachend. Doch trotz zahlreicher Preise und Förderungen in der Musik entscheidet sie sich schließlich gegen Klavier, Geige und Gesang. „Die Liebe zur klassischen Musik ist aber geblieben.“ Kahle studiert unter anderem in Bonn, Seoul, Cambridge und Harvard. Doch aus ihrem christlich geprägten Elternhaus nimmt Kahle nicht nur die musikalische Begeisterung mit. Auch die soziale Ebene hat für sie einen hohen Stellenwert. „Soziale Innovation ist meine Leidenschaft“, erklärt Kahle. „Und ich stelle mit großer Freude fest, dass das Thema immer mehr in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt.“ Doch für Kahle reicht es nicht aus, nur auf die ökologische Nachhaltigkeit zu achten. „Es gibt noch zwei weitere Dimensionen – die soziale und die wirtschaftliche, die beide derzeit in der Debatte an Beachtung verlieren. Soziale Nachhaltigkeit ist eine Aufgabe, die von der Gesellschaft und Wirtschaft gemeinschaftlich angegangen werden muss. Aber ich bin überzeugt davon, dass diese Aspekte in der Zukunft noch deutlich mehr zusammengedacht werden.“ Und auch in ihrem neuen Buch „Mobilität in Bewegung“, das sie stolz in die Kamera hält, dreht sich alles darum, wie soziale Innovationen unsere mobile Zukunft revolutionieren kann. Doch die soziale Ausrichtung geht bei Kahle weit über den beruflichen Kontext hinaus. Privat unterstützt sie unter anderem soziale Startups oder gemeinsam mit ihrem Mann eine NGO bei ihrer Arbeit in einem griechischen Flüchtlingscamp.

Auch Kahles Weg zu Volkswagen war eigentlich ganz anders geplant. „Ich hatte ein tolles Angebot von einem Tech-Konzern vorliegen, als ich ein Angebot von Volkswagen erhielt. Ich konnte mir die Automobilbranche am Anfang gar nicht vorstellen, doch habe mich nach mehreren Gesprächen von den tollen Menschen, mit denen ich sprach, überzeugen lassen.“ Bei der Stelle handelt es sich damals um die Referententätigkeit für den Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh. „Der Betriebsrat war für mich eigentlich eine fremde Welt. Aber dann ist mir klar geworden, dass sich soziale Nachhaltigkeit tatsächlich sehr stark in der Mitbestimmung wiederfindet“, erinnert sie sich. Und obwohl sie vor dem Gespräch noch fest vorhatte aus Bonn nach Berlin zu ziehen, beginnt sie 2015 im Volkswagen Konzern und zieht nach Wolfsburg.

Und wenn Nari Kahle mal nicht arbeitet, ein Buch schreibt oder sich sozial engagiert? „Dann sind wir berühmt-berüchtigt dafür, super Grillparties zu schmeißen“, erzählt sie lachend. „Es ist vermutlich die halbkoreanische Ader in mir, immer wahnsinnig viel Essen zu haben und deshalb sind wir eine beliebte Anlaufstelle für Abendveranstaltungen.“ Vom direkten Kochen lässt sie aber lieber die Finger. „Da können sie jeden fragen. Es ist eine absolute Katastrophe“, sagt sie schmunzelnd. Neben den berüchtigten Grillabenden freut sie sich außerdem darauf nach der Krise wieder reisen zu können und sich die Welt nicht mehr nur auf dem Weltkarte an ihrer Wand anzuschauen.

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