„Design, Fiktion und Science-Fiction sind unser Werkzeug“ - Standort38
8. Februar 2021
Entscheider

„Design, Fiktion und Science-Fiction sind unser Werkzeug“

Aileen Moeck, Gründerin und CEO von „Das Zukunftsbauer Institut“, im Interview

Aileen Moeck, Gründerin und CEO von "Das Zukunftsbauer Institut". Foto: Das Zukunftsbauer Institut.

Aileen, stell dich doch bitte einmal kurz vor …
Ich bin Aileen, Zukunftsforscherin aus Berlin und habe zwei Unternehmen gegründet. Das eine sind „Die Zukunftsbauer“ mit der Mission, Zukunft an Schulen zu bringen. Die zweite Unternehmung ist „Das Zukunftsbauer Institut“, in dem wir vor allem Unternehmen und Organisationen darin unterstützen und begleiten, Transformationen voran zu bringen und Berufsfelder zu hinterfragen.

Was zeichnet dich als Zukunftsforscherin aus?
Als Zukunftsforscher ist man ganzheitlich eingestellt und versucht systemisch zu denken. Die Kernqualität ist nicht das Vorausschauen, sondern das breite Denken.

Du bezeichnest dich außerdem als Zukunftsbauerin. Worin liegt der Unterschied?
Ich bin Praktiker. Die Theorie ist schön und gut, aber wir müssen die Dinge auch umsetzen. Ich schaue, wie wir Zukunftswissen in den Alltag und Menschen dazu bringen können, eine aktivere Rolle einzunehmen.

Das ist auch die Philosophie, die ihr mit dem Zukunftsbauer Institut und die Zukunftsbauer vermitteln wollt. Wie gelingt euch das?
Wir haben als didaktisches Grundgerüst die Zukunftsreise entwickelt. Im ersten Schritt ermutigen wir Menschen dazu, von der Realität wegzugehen und stellen uns folgende Fragen: Wie soll die Zukunft aussehen? Wie können Utopien und Dystopien aussehen? Es geht darum im kreativen, fiktiven Bereich zu arbeiten und zu denken. Dann gehen wir zurück und überlegen, was wir machen können, um in die Richtung dieser Zukünfte – bewusst in der Mehrzahl – zu gehen.

Utopie wirken auf viele Menschen erst mal erschlagend. Du selbst hast in einem Interview gesagt, dass du sie als wichtiges Mittel betrachtest. Welche Möglichkeiten bieten sie uns?
Utopien sind etwas, das nicht realistisch und erreichbar ist. Ernst Bloch definierte sie aber als ein gedankliches Werkzeug, das es uns ermöglicht, unseren Gedanken- und Wissenshorizont zu erweitern. Im Moment sind wir sehr stark auf Negativität fokussiert, weil wir diese auch in den Medien wahrnehmen und es dadurch zu Verzerrungen kommt. Man nennt das auch Bestätigungsbias. Deswegen ist es wichtig, sich mal rauszunehmen und fiktiv zu denken, um sich selbst zu inspirieren.

Apropos Fiktion, auf deiner Webseite stolpert man häufig über den Begriff „fiktive Berufsbilder“. Was hat es damit auf sich?
Design, Fiktion und Science-Fiction sind unsere Werkzeuge. Wir überlegen, wie die Arbeitswelt beispielsweise im Jahr 2070 aussehen kann oder soll. Nur wenn wir so weit vom Status quo weggehen, kommen uns auch neue Ideen. Anschließen fragen wir uns, wo es heute schon Signale gibt, die in diese Richtung weisen. Das können beispielsweise Organisationen, Start-ups oder Bewegungen sein.

Hast du ein Beispiel für uns?
Ein Beruf war mal der Geschlechterarchäologe aus dem Jahr 2070, der sich fragt, warum wir eigentlich die Unterteilung von Mann und Frau hatten. Solche Ideen und Griffigkeiten, was Berufe und Begriffe angeht, bekommt man nur, wenn man den Kopf öffnet.

Kommen Fiktion und Narrative in unseren Unternehmen und der Politik immer noch zu kurz?
Wir sind eine Wissensgesellschaft und haben die letzten 500 Jahre als Menschheit viel investiert, um Forschung und Wissenschaft voranzutreiben. Wir sind wissens- und faktengetrieben, was auch wichtig ist.

Aber?
Es ist nicht das, was uns berührt. Geschichten sind das, worauf die Menschheit aufbaut. Wie auch Yuval Noah Harari beschreibt, sind der Kapitalismus und das Demokratiesystem eigentlich auch nur Geschichten, die wir uns erzählen und eigentlich ändern könnten. Das hat aber eine ganz andere Komplexität als Daten und Fakten, weil sie auch Emotionen einschließen.

Was bedeutet das bezogen auf Unternehmen und die Politik?
In diesem Umfeld sind Emotionen vielleicht gar nicht so erwünscht. Es herrscht eine gewisse Kurzfristigkeit – in den Unternehmen sind es die Quartalszahlen und in der Politik die Legislaturperioden. Es fehlen die Zeit und der Raum, um Narrative zu schaffen. Dabei sind sie der Anker, den wir visuell brauchen. Ein Gerüst aus Fakten und Daten gibt uns nicht die notwendige
Sicherheit.

Welche Möglichkeit hat man als Führungskraft, Narrative und Fiktion stärker zu integrieren?
Das kann man auf verschiedenen Ebenen machen. Es beginnt mit dem Branding im Marketing und der Frage, mit welcher Geschichte man die Kunden abholen möchte. Es reicht nicht nur, ein gutes Produkt und einen guten Service zu bieten. Man muss ein Erlebnis anbieten.

Und innerhalb des Unternehmens?
Das Employer-Branding ist zum Beispiel die Schnittstelle im Unternehmen, in der es darum geht, wie bestimmte Berufe oder Abteilungen als eine Geschichte verstanden werden können, um Talente anzuziehen. Damit können aber auch neue Innovationsbereiche geöffnet werden.

Die Zukunftsbauer setzen auf Bildung, die in die Ressource Mensch investiert werden muss. Wie sieht euer Vorgehen aus?
Wir stellen auf unserer Webseite kostenlos Materialien für Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung und leiten sie durch einen Online-Kurs oder eine Fortbildung an. Wir ermutigen sie, als Multiplikatoren selbst zukunftsorientiert zu leben und es so weiterzugeben. Wir haben quasi das Schulfach Zukunft entwickelt, wenn gleich wir eigentlich eine ganz andere Pädagogik an die Schulen bringen wollen.

Weshalb ist das gerade im Bildungssystem so wichtig?
Die Bildung ist der Kern unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Wir können kein innovatives Land mit hoher Wirtschaftskraft sein, wenn es egal ist, wie wir die Köpfe der Menschen gestalten. Wie Richard David Precht sagt: „Bildung ist in einer Kultur oder Welt, wo die Religion nicht mehr das Wichtigste ist, unser gesellschaftlicher Kit.“

Was muss sich konkret ändern?
Es reicht nicht, sich in der Schule nur auf Wissen zu konzentrieren. Wissen ist mittlerweile überall abrufbar. Es geht eher darum, wie man mit anderen Menschen und Herausforderungen umzugehen hat.

Welche Schritte wünscht du dir für das Jahr 2021?
Für mich persönlich wünsche ich mir mehr Fokus, und mehr Unternehmen mit unserem Denken zu erreichen. Es ist eine spannende Zeit, in der wir die große Transformation, die vor uns liegt, gestalten. Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass wir Druck rausnehmen und das Thema Zeit reflektieren. Ich habe das Gefühl, dass diese Pandemie Dinge zwar entschleunigt, aber andere wiederum beschleunigt hat. Es ist okay, auch mal Langeweile zu haben und auf mehr Freiraum für Familie, Freunde und die eigene Weiterbildung zu setzen. Es ist wichtig, Verständnis zu haben, dass wir in diesen Zeiten keine Performer sein können, sondern am Ende des Tages Menschen sind.

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