und
5. Juni 2019
Entscheider

„Die Branche muss sich komplett neu erfinden“

Claas Schmedtje, Geschäftsführer des BZV Medienhaus und Hamburger Abendblatt, über den Wert des Journalismus, die digitalen Hausaufgaben der Medienbranche und die verkannte Kraft, die in dieser Region steckt …

Claas Schmedtje, Geschäftsführer des BZV Medienhaus und Hamburger Abendblatt. Foto: Holger Isermann

Der (Lokal-)Journalismus steht unter Druck – politisch in weiten Teilen der Welt, ökonomisch auch direkt vor unserer Haustür. Als die Kölner DuMont-Gruppe Anfang dieses Jahres ankündigt, sich vom Gros ihrer regionalen Tageszeitungen trennen zu wollen, wird dies deutlich sichtbar – wieder einmal. Denn seit Jahren schrumpfen Auflagen wie Anzeigenumsätze und mit ihnen die Redaktionen. Die Konkurrenz ist längst nicht mehr der Zeitungstitel von nebenan. Es sind vor allem Medienangebote der GAFAM-Giganten aus dem Silicon Valley, welche die Aufmerksamkeit der Nutzer und die Werbebudgets der Unternehmen gleichermaßen anziehen.

Zwar wären in einer globalisierten und digitalisierten Welt, in der politischer Populismus Probleme und Lösungen überdeckt, journalistische Wirklichkeitsbeschreibungen als unabhängiges Korrektiv zu den tatsächlichen Fake News im Netz wichtiger denn je. Aber die junge Zielgruppe lässt sich bisher nicht davon überzeugen, redaktionelle Arbeit finanziell zu honorieren, geschweige denn sie klassisch in gedruckter Form zu lesen. Und die Älteren, die mit diesem kulturellen Akt am Frühstückstisch sozialisierten, werden immer weniger.

Und jetzt? Krise oder nicht? Wie steht es wirklich um den Lokaljournalismus? Wir haben Fragen. Zeit also, auf die Suche nach Antworten zu gehen – bei dem Mann, der die Medienwelt der Region 38 maßgeblich prägt: Claas Schmedtje, Geschäftsführer unseres Medienhauses, das auch Standort38 herausgibt. Eine akute Krise sieht er nicht. „Es zeichnet sich aber sehr wohl eine langfristig existenzgefährdende Entwicklung ab“, betont er und macht klar: „Die Branche muss sich komplett neu erfinden, muss neue Angebote entwickeln, die vorhandenen digitalisieren und die junge Zielgruppe überzeugen.“

Wie das gelingen soll, verriet der 44-Jährige, der als Geschäftsführer auch beim Hamburger Abendblatt verantwortlich ist, im Standort38-Titelinterview und einem Gespräch über den Wert des Journalismus, die digitalen Hausaufgaben der Medienbranche und die verkannte Kraft, die in dieser Region steckt …

Herr Schmedtje, welchen Wert hat Journalismus?

Der ökonomische Wert ist gegenwärtig schwer bezifferbar, der gesellschaftliche gigantisch. Gerade im Regionalen ist der Journalismus eine extrem wichtige Instanz zur Sicherung der Demokratie und wird von den Menschen auch wertgeschätzt. Das merken wir täglich in Leserbriefen, Foren und in der Marktforschung.

In den USA gibt es heute Gegenden, aus denen kein professioneller Journalist regelmäßig berichtet. Was hat das für Folgen und wie könnte diese Entwicklung in Deutschland aussehen?

Die großen Titel in den USA profitieren aktuell von der Politik und dem Gebaren von Donald Trump, aber das sollte nicht über die Lage der kleineren Zeitungen hinwegtäuschen. Und ohne sie, ohne unabhängigen Journalismus in der Fläche, fehlt das öffentliche Korrektiv. Wir wissen, dass die Korruption zunimmt, wenn die professionellen Medien sich zurückziehen. Außerdem sind sie wichtig für die politische Kultur.

Inwieweit?

Wir erleben bereits heute auf Plattformen wie Facebook und Twitter eine sehr aufgeheizte Diskussionskultur und viele Anfeindungen. Hier müssen wir als Gesellschaft gemeinschaftlich gegensteuern und lokale Medien sind ein wichtiges Instrument …

… die Lokalmedien als Diskussionsplattform …

Das ist sicherlich nicht bei jeder Zeitung so stark ausgeprägt wie in Braunschweig, aber unser Konzept der Bürgerzeitung stellt den Dialog in den Mittelpunkt und räumt ihm auch im Blatt selbst einen sehr prominenten Platz ein. Darauf können wir aufbauen, denn Dialog und Interaktion sind ja explizite Stärken des Digitalen.

Kann man von privatwirtschaftlichen Akteuren eigentlich erwarten, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

Viele Menschen nehmen die Tageszeitung als öffentlich-rechtliches Allgemeingut wahr. Das ist sie de facto und de jure nicht. Die öffentlich-rechtlichen Medien leisten zwar auch ihren Beitrag, aber gerade im regionalen und sogar lokalen Umfeld eines Flächenlandes wie Niedersachsen, fehlt ihnen einfach die Durchdringung. Außerdem ergibt es für einen politisch unabhängigen Journalismus durchaus Sinn, diesen privatwirtschaftlich zu organisieren.

Wie lange können sich die Verlage das noch leisten?

Die letzten Jahre waren anstrengend, gerade ordnungs- und wirtschaftspolitisch …

… der Mindestlohn?

… ist eine Herausforderung. Wir haben rund 1.800 Zusteller und mussten branchenweit bis zum letzten Jahr 40 Prozent Kostenwachstum stemmen. Früher waren die Redakteure die Kostentreiber auf Personalseite, heute ist es die Logistik. Das ist eine Schieflage, der wir durch Reorganisation und Professionalisierung aktiv begegnen.

Reden wir über die Erlösseite …

Die Werbeerlöse sind geschrumpft, die gedruckte Auflage ist stabil gesunken. Das ist, anders als viele denken, keine disruptive Entwicklung, sondern ein relativ konstantes Minus von zwei bis fünf Prozent pro Jahr, je nach Region in Deutschland. Wir liegen hier im Schnitt. Man kann die Entwicklung also gut prognostizieren, aber: Wenn der Journalismus sie akzeptiert, hat er keine Zukunft.

Was heißt das?

Die Branche muss sich komplett neu erfinden, muss neue Angebote entwickeln, die vorhandenen digitalisieren und die junge Zielgruppe überzeugen.

Gibt es ein prognostizierbares Sterbedatum für den klassischen Printjournalismus?

Das glaube ich nicht. Ähnliche Aussagen kennen wir ja für andere Medien, die Schallplatte zum Beispiel. Natürlich bringt Print gewisse Herausforderungen mit sich, die Logistik zum Beispiel, aber gedruckte Medien bieten eben auch Vorteile – wie die institutionalisierte Entschleunigung. Am Frühstückstisch in Ruhe eine Zeitung zu lesen, hat einfach eine gewisse Qualität, gerade, wenn es sich um gute Lesestücke und tiefgehenden Journalismus handelt.

Die Renaissance der Zeitschriften …

Auch die gibt es, genauso wie die stark positive Auflagenentwicklung der Zeit. Beides zeigt, dass Qualität auch gedruckt noch zu Wachstum führen kann – und doch wird das zukünftig in immer weniger Fällen wirtschaftlich Sinn ergeben.

Wie viele regionale Medienhäuser in Deutschland verdienen eigentlich noch Geld mit ihren Aktivitäten?

Das Gros. Die Branche steckt noch nicht in einer akuten Krise, es zeichnet sich aber sehr wohl eine langfristig existenzgefährdende Entwicklung ab, die sich mit Kostenmanagement allein nicht bewältigen lassen wird.

Uwe Knüpfer, früherer Chefredakteur der WAZ, sagt, die „Krise des Journalismus“ sei vielmehr die Krise des Verlegertums. Denn klassische Verleger seien heute Managern gewichen, die Kostenreduktion und das Heben von Synergieeffekten fokussierten …

Ich glaube, dass es auch für Journalisten nicht sonderlich sinnvoll ist, derart Schwarz-Weiß zu denken (lacht). Wir haben eine Vielzahl von Verlagen in Deutschland mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Strategien. In der Summe lässt sich aber eins feststellen: die Verlagslandschaft war lange zu wenig veränderungsfähig.

Woran liegt das?

Vor allem daran, dass es Jahrzehnte lang keinen Wettbewerb im eigentlichen Sinne gab, weil es der Branche wirtschaftlich sehr gut ging. Dieser hat sich jetzt durch die Digitalisierung und das Aufkommen von neuen Mitbewerbern deutlich verschärft und fordert von der Branche Agilität, also klassisches Unternehmertum.

Der Journalismus hat in Braunschweig eine lange Tradition. 1865 gründeten Albert Limbach und Albert Berglein hier eine Druckerei – die Keimzelle des Verlages. Die Zeitung beruft sich sogar auf den Aviso, der erstmals 1609 in Wolfenbüttel erschien. Was ist diese Geschichte heute noch wert?

Unser Verlag existiert in dieser Form streng genommen seit der Lizensierung nach dem zweiten Weltkrieg. Dort würde ich auch den Startpunkt für die Braunschweiger Zeitung setzen. Ihre Glaubwürdigkeit ist unser wichtigstes Gut. Von ihr leben wir. Ausruhen können wir uns darauf nicht – wir müssen sie kennen, wertschätzen und hart dafür arbeiten, dass wir auch in Zukunft auf sie bauen können.

Über dem Eingang am Hauptstandort steht groß „Braunschweiger Zeitung“ und klein darunter „BZV Medienhaus“ …

Es ist die tragende Marke. Vieles, was wir in den letzten Jahren entwickelt haben, war erfolgreich, weil wir durch die Zeitung einen Vertrauensvorschuss genießen – auch Projekte wie news38. Trotzdem haben wir mittlerweile so viele Angebote, dass wir mehr sind, als die Zeitung. Deshalb braucht es das BZV Medienhaus als Dach oder regionale Holding und auch als architektonisch sichtbaren Treffpunkt für die Region.

Ein wesentlicher Meilenstein in der Unternehmensentwicklung war die Übernahme durch die damalige WAZ-Mediengruppe Ende 2007. Welche Chancen und Herausforderungen hat das für den Standort mit sich gebracht?

Als eigenständiger Standort wären wir wahrscheinlich mit den Investitionsherausforderungen der Digitalisierung überfordert. Wenn selbst Konzerne wie Volkswagen strategische Partnerschaften für die Digitalisierung suchen, spricht das Bände. Im Verbund der Funke Mediengruppe sind wir deutlich leistungsfähiger und viele kleine Verlage suchen gegenwärtig händeringend Partner, um genau diese Herausforderungen zu lösen.

Welche Bedeutung hat der Standort innerhalb der Mediengruppe?

Durch die besondere 38er-Markenstrategie und das große Portfolio, das wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, sind wir schon so etwas wie ein regionaler Innovationstreiber.

Das heißt, nicht nur der Standort profitiert vom Konzern, sondern auch umgekehrt?

Absolut.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Die Strategie ist ganz klar: Alles, was wir am Standort brauchen, um gute regionale Produkte zu produzieren und zu vermarkten, findet hier statt. Andere Aufgaben, wie etwa die Verwaltung, organisieren wir immer stärker konzernweit.

Das Geld steckt auch heute immer noch im Print. Lassen sich gegenwärtig regionale journalistische Digital-Aktivitäten überhaupt gegenfinanzieren?

news38 ist ein gutes Beispiel dafür, dass es funktioniert. Letztendlich ist aber die Frage, wie weit unsere Gesellschaft ist. Noch gibt es in Deutschland durchaus Zurückhaltung gegenüber digitalen Bezahlmodellen. Die Bereitschaft, Geld für Apps oder redaktionelle Angebote auszugeben, steigt aber bei allen Zielgruppen.

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