18. Februar 2021
Entscheider

Die Chancenseherin

Ein Gespräch mit Susanne Hauswaldt, geschäftsführende Vorständin der Bürgerstiftung Braunschweig

Ein Gespräch mit Susanne Hauswaldt, geschäftsführende Vorständin der Bürgerstiftung Braunschweig. Foto: Stephanie Joedicke.

Es gibt Interviews, die stark fachlich getrieben sind, die ausschließlich tief in eine Materie einsteigen und komplexe Zusammenhänge logisch aufrollen. Und es gibt Interviews, die zu Gesprächen werden, nahbar und voller Persönlichkeit. An einem Donnerstagvormittag treffen wir Susanne Hauswaldt in den Räumlichkeiten der Bürgerstiftung Braunschweig. Etwas versteckt befindet sich das kleine Fachwerkhaus hinter der Gerloffschen Villa, dem Haus der Braunschweigischen Stiftungen. Beide Gebäude kennt die 50-Jährige in- und auswendig. Als Mitarbeiterin der Bürgerstiftung Braunschweig leitete die Publizistin und Theaterwissenschaftlerin zehn Jahre lang das Haus der Braunschweigischen Stiftungen. 2018 wurde sie zur ersten hauptamtlichen Geschäftsführerin der Bürgerstiftung ernannt. Seit Oktober 2020 bekleidet sie das Amt der ersten geschäftsführenden Vorständin. Wir sprachen mit der Stiftungsmanagerin über Chancen, eine Kindheit in Ostdeutschland und das Gefühl von Freiheit …

Frau Hauswaldt, Sie sind eigentlich studierte Publizistin und Theaterwissenschaftlerin – wie sind Sie mit dem Stiftungswesen in Kontakt gekommen?
Das war Zufall. Ich gehöre zu denjenigen, die einen sehr bunten Lebenslauf haben. Ich bin in den Neuen Bundesländern aufgewachsen, habe in Amerika, Berlin und schließlich Lissabon gelebt und gearbeitet. 2006 bin ich mit meinem Mann nach Braunschweig gezogen. Damals war ich eigentlich im Kongressmanagement tätig. Als die Bürgerstiftung das Projekt Brücken bauen ins Leben gerufen und jemanden für die Koordination gesucht hat, habe ich die Chance ergriffen. Erst ehrenamtlich, später geringfügig und habe mir schließlich mit dem Thema Unternehmensengagement in der Bürgerstiftung eine Dreiviertelstelle geschaffen.

2009 übernahmen Sie zusätzlich die Leitung des Hauses der Braunschweigischen Stiftungen, das Sie bis vor drei Jahren leiteten …
Das war eine spannende und prägende Zeit, in der ich mir viel Wissen über das Universum Stiftung und Themen wie Stiftungsmanagement erarbeitet habe. Damit habe ich mir ein für mich bis dahin völlig fremdes Feld erobert, das mir jetzt eine Arbeit bietet, die bereichert und sinnstiftend ist.

Wie meinen Sie das?
Mit meinen Aufgaben in der Bürgerstiftung kann ich wirksam Gutes tun. Sie bieten mir ein hohes Maß an Kreativität und Freiheit. Mein Alltag ist sehr abwechslungsreich und herausfordernd. Er reicht von Stiftungsrecht und Kapitalanlage bis hin zum Umgang mit Menschen, die mit ihrem Geld in Braunschweig was bewirken wollen.

Seit 2018 sind Sie die erste hauptamtliche Geschäftsführerin der Bürgerstiftung. Wie kam es dazu?
Nachdem die Gründungsstifter aus dem ehrenamtlichen Vorstand ausgestiegen sind und die Stiftung deutlich gewachsen ist, war eine Professionalisierung der Strukturen erforderlich. Wir verwalten heute nicht mehr 100.000, sondern insgesamt 17 Millionen Euro. Dahinter verbirgt sich das Kapital der Bürgerstiftung und das von 54 verwalteten Stiftungen. Dafür braucht es eine Person, die eine Kontinuität darstellt und die Verantwortung übernimmt. Ich wurde gefragt, die Leitung zu übernehmen, habe mich als Stiftungsmanagerin zertifizieren lassen und die Geschäftsführung aufgebaut.

Nur zwei Jahre später folgte Ihr nächster Karriereschritt, Sie wurden in den Vorstand gewählt …
Das war der nächste logische Schritt, um die Kontinuität und den Wissenstransfer sicherzustellen. Als geschäftsführende Vorständin bin ich jetzt ein Teil des Gremiums, das Entscheidungen trifft und diese auch verantwortet.

Von der ehrenamtlichen Jobberin zur geschäftsführenden Vorständin …
Es erfüllt mich mit Stolz, was ich erreicht habe. Außerdem freue ich mich, dass mit dieser Position die Stiftung auch zukünftig gut aufgestellt ist.

Hat sich abseits Ihres Berufstitels durch den Wechsel von der Geschäftsführung zur geschäftsführenden Vorständin etwas für Sie verändert?
In der Außenwirkung ist es tatsächlich etwas Anderes. Ich merke, dass ich in meiner neuen Rolle anders wahrgenommen werde, und die Menschen teilweise anders auf mich zugehen. In der Arbeit bin ich jetzt im positiven Sinne gefordert, weil ich als Vorstandsmitglied strategisch und operativ über Finanzen und Förderungen der Bürgerstiftung mitentscheide.

Apropos Wahrnehmung – war es für Sie im beruflichen Kontext je ein Thema, dass Sie eine Frau sind?
Es ist auf jeden Fall ein relevantes Thema. Wenn Sie sich Stiftungsvorstände oder -gremien anschauen, dann sind die Bilder fast Blaupausen. In den Gremien der Stiftungslandschaft in Deutschland sind Frauen rar gesät und die Homogenität der Vorstandsmitglieder prägt natürlich auch die Entscheidungen mit. In der Bürgerstiftung haben wir einen Frauenanteil von 40 Prozent im Vorstand, das freut mich sehr, aber in der Zukunft brauchen wir noch mehr Diversität.

Spielt der Generationenwechsel in den Vorständen eine Rolle?
Das Problem ist, dass das ehrenamtliche Vorstandsamt durch die operative Tätigkeit zeitintensiv ist. Es beansprucht etwa zwei Tage pro Woche und ist mit Beruf oder Familie eher schwer vereinbar. Aber es ist natürlich unsere Aufgabe, kreativ zu denken und vielleicht auch neue Wege zu gehen. In Amerika und Kanada sitzen übrigens unsere Vorbilder. Die Bürgerstiftungen dort sind uns 40 bis 50 Jahre voraus. Das sind große Player in den Kommunen mit großem Kapital, die Themen aus einer gemeinschaftlichen Kraft anstoßen können. Von denen können wir viel lernen.

Welche weiteren Ziele haben Sie und Ihre Vorstandskollegen konkret?
Das vergangene Jahr hat uns besonders deutlich gezeigt, dass wir als Bürgerstiftung mit Geld und großer ehrenamtlicher Beteiligung einen Unterschied in unserer Stadt machen können. Wir haben Menschen dazu animiert, 18.000 Stoffmasken für Pflegeeinrichtungen zu nähen. Bei unserem neuen Projekt Radeln ohne Alter fahren Ehrenamtliche Menschen aus Seniorenheimen in Rikschas durch die Stadt. Diese gezielte Projektarbeit, die aus tollen Ideen, ehrenamtlichen Engagement und finanzieller Förderung entsteht – die wollen wir ganz klar fortführen.

Was sind Sie für eine Chefin?
Ich würde meinen Führungsstil als kollegial und partizipativ bezeichnen. Meine Mitarbeitenden bringen für ihre Aufgaben viel Erfahrungen und Expertise mit. Ich sehe meine Aufgabe darin, sie in ihrer Arbeit im Sinne der Stiftung zu unterstützen und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Von Beginn an waren das kreative Potenzial und gute Ideen ein Erfolgsfaktor für die Bürgerstiftung. Das immer wieder zu ermöglichen, dazu zu ermutigen und darin zu bestärken, auch neue Wege auszuprobieren ist mir wichtig. Ich selbst bin ein sehr loyaler und offener Mensch mit dem Bedürfnis, frei entscheiden und agieren zu können. Diesen Raum möchte ich auch meinen Mitarbeitenden geben.

Würden Sie sagen, dass Sie persönlich die Stadt Braunschweig zu etwas Besserem bewegen?
Wenn durch die Themen, die mir und der Stiftung wichtig sind, Menschen ermutigt oder motiviert werden, sich zu engagieren, kann das am Ende nur eine Verbesserung bedeuten.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Unzählige (lacht). Vielleicht drei exemplarische …

Gerne.
In dem Projekt „Held*innenschmiede“ unterstützen wir seit fünf Jahren Hauptschüler der Pestalozzischule, die Schule abzuschließen und ermutigen sie, eine Berufsausbildung zu starten. Auch wenn man das nicht glauben mag, in Braunschweig gibt es viel zu viele Kinder, die ohne Abschluss die Schule verlassen. In diesem Jahr haben wir außerdem das erste Mal das Braunschweig im Puls Heft herausgegeben, in dem wir die Stadt in Verbindung mit Nachhaltigkeitszielen spiegeln. Das ist gerade vor dem Hintergrund der Agenda 2030 wichtig, denn die Jahre vergehen schneller als man denkt.

Und das dritte Thema?
Das ist das Unternehmensengagement im Allgemeinen. Damit schaffen wir Begegnungen, die so im Alltag nicht stattfinden würden. Und das wiederum führt zu einem größeren Zusammenhalt in der Gesellschaft. Seit drei Jahren gibt es beispielsweise die Initiative, Unternehmen als Engagementbotschafter zu gewinnen. Engagementbotschafter unterstützen für mindestens drei Jahre finanziell die Arbeit der Bürgerstiftung in individuell ausgewählten Bereichen, passend zum Kerngeschäft oder der Ausrichtung des gesellschaftlichen Engagements des Unternehmens. Im Gegenzug bieten wir die Möglichkeit, nah an Projekte heranzukommen und einen direkten Austausch.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich wandere gerne. Im Harz, aber auch in den Alpen oder Dolomiten. Für mich sind tatsächlich das Reisen und die Fahrt, also das Autofahren immer noch ein Begriff für Freiheit. Ich kann einfach los. Ich finde das Unterwegssein schön. Das gibt Raum zum Denken.

Hat Sie in diesem Kontext Ihre Herkunft geprägt?
Dass ich früher nicht reisen konnte? Das ist gut möglich. Wobei mir in meiner Jugend gar nicht das Reisen als solches gefehlt hat, sondern, dass ich Freunde und Verwandte nicht besuchen konnte. Ich bin in einem systemkritischen und sehr offenen Elternhaus großgeworden. Der Austausch im Freundeskreis spielte immer eine große Rolle.

Ist die Differenzierung zwischen Ost- und Westdeutschland heute noch ein Thema für Sie?
Ja, aber insofern, als dass es für mich selbst lange gebraucht hat, dazu zu stehen, dass ich aus dem Osten komme. Heute weiß ich, dass ich gerade aus dieser Herkunft wertvolle Erfahrungen mitbringe.

Inwiefern?
Ich bin evangelisch geprägt, habe keine Jugendweihe gemacht und durfte nicht studieren. Und damit ist man im Osten aus dem ganzen System rausgefallen. Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Kinderpsychologie studieren …

Wie ging es für Sie weiter?
… der Herbst 1989 und die Wende kamen – danach war plötzlich alles möglich.

Im positiven Sinne?
Ja, ich konnte studieren und im Ausland Erfahrungen sammeln. Die Umbrüche in meinem Leben haben mich mutig gemacht, Chancen zu ergreifen und aus ihnen etwas zu machen.

Was denken Sie, wo wird Sie Ihr Karriereweg als nächstes hinführen?
Titelmäßig ist hier alles abgeräumt (lacht). Diese Stelle ist jetzt genau richtig. Für mich ist dann die persönliche Karriere gar nicht so wichtig, sondern die Weiterentwicklung der Stiftung.

Gibt es für Sie schon ein Ausstiegsszenario?
Ich kann mir vorstellen, in zehn Jahren Platz für eine Nachfolge zu machen. Es ist wichtig, dass es uns gelingt, dass junge Menschen in die Stiftung kommen und neue Ideen hineinbringen. Das ist ein schöner Zeithorizont, um zu sagen, wenn es ideal läuft und sein soll, dann kann ich die Stiftung zehn Jahre prägen.

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